23.04.2017

Sie ist nicht ganz so einfach zu haben, diese Wissenschaft

Nein, das ist sie nun wirklich nicht.
Gestern hat in Berlin der March for Science - insbesondere wohl auch gegen die AfD - stattgefunden. Prinzipiell ist das zu begrüßen. Nicht, dass ich sonderlich viel von Parteiprogrammen halte, und es ist nun nicht so, als wären wissenschaftliche Patzer der CDU, CSU, FDP, Grünen, etc. fremd. Aber dieses wüste Konglomerat, welches sich die AfD als Parteiprogramm geleistet hat, zudem die pointierte Abwertung wissenschaftlicher Forschung zugunsten populistischer Ansichten, all dies lässt sich auf Böses umdeuten.
Auch, was die Darstellung der Wissenschaftsvermittlung in den letzten Jahrzehnten angeht, liegt einiges schief. Die Debatte um das gender-Mainstreaming wurde mit heißer Nadel hinter kaltem Ofen gestrickt; und auch wenn es dieses wissenschaftliche Fundament gibt, so ist doch ein gewisses Verständnis dafür aufzubringen, dass sich einige Menschen schlichtweg überfordert fühlten und jetzt von ihrem trotzigen Dagegen-sein nicht mehr abrücken wollen.
Aber beginnen wir mit etwas ganz anderem.

Das liebe Hirn

Hirn in Mode

Vorbei sind die Zeiten, da gefühlt jede dritte Spiegel-Ausgabe in knallig buntem Gepräge die neuesten Sensationen der Hirnforschung verkündete. Die Rückkehr der Geopolitik ist die neuere Dringlichkeit. Wie bei Moden üblich, ist der Nachlass dieser Erregung nicht begutachtet worden. Er ist, und das war er eigentlich schon immer, deutlich nüchterner, als dies die Hochglanzbilder mitzudeuten schienen.
Als Manfred Spitzer vor fünfzehn Jahren eine feindliche Übernahme der Pädagogik durch die Neurophysiologie prophezeite, war das sogenannte Jahrzehnt des Gehirns frisch vorüber (so nannte man das letzte Jahrzehnt des ausgehenden Jahrhunderts). Um die Jahrtausendwende kamen noch verfeinerte bildgebende Verfahren hinzu, deren ansprechende Darstellung wohl die Phantasie der Bevölkerung ähnlich ansprach, wie Anfang der 80er Jahre die kolorierten Julia-Mengen (die Seepferdchen-Grafiken).

Ikonografie des Denkens

Natürlich blieb die Auffassung Spitzers nicht unwidersprochen. Gerhard Roth schreibt, dass die Lehr-Lern-Forschung nicht durch die Neurophysiologie ersetzt werden könne (in: Bildung braucht Persönlichkeit). Noch schärfer greift er allerdings das hirngerechte Lernen an: diese Gebrauchsbücher seien zumindest teilweise "obskur", "teilweise falsch verstanden, teilweise irreführend dargestellt" (278).
Ebenso scharf stellt Sigrid Weigel in ihrem letzten Buch Grammatologie der Bilder die neueren populären Interpretationen so genannter brain scans dar. Bei brain scans handelt es sich eben um jene farbig aufgeputzten Bilder von arbeitenden Gehirnen. Weigel stellt diese Interpretationen in eine Reihe mit der Phrenologie, die nicht erst seit ihrer Wiederbelebung im III. Reich unter wissenschaftliche Ächtung gefallen ist, sondern lange vorher bei Lichtenberg und Goethe. Lichtenberg wandte gegen den "Großmeister" der Phrenologie - Lavater - ein, der Charakter eines Menschen ließe sich besser an dessen bewegtem Mienenspiel als an dem Profil seines Antlitzes erkennen. Ebenso ergeht es dem neuroimaging: die farblich kodierten Flächen weisen auf transitorische Zustände hin, auf Zonen der Weiterverarbeitung, nicht aber auf festzulegende Inhalte. Das Gehirn ist kybernetisch organisiert, nicht manifakturiell.
So erzeugen die Bilder, obwohl sie bei richtiger Lesart durchaus aufschlussreich sein können, bei einer falschen ein sehr statisches, und, zum Teil, wenn darauf weitere irrige Schlüsse aufgepackt werden, rein esoterisches Denkbild.
Was nun einen heimlichen Motor all dieser Missdeutungen ausmacht, so darf man den polemisch gemeinten Spruch Albert Einsteins als eine der Quellen ansehen, wir würden nur 10% unseres geistigen Potentials nutzen. Dieser ist, kombiniert mit brain scans, dann z. B. von Scientology aufgegriffen worden. Die ruhenden Teile des Gehirn sollten hier als Beweis dafür dienen, dass das Gehirn nicht 100%ig aktiv sei. Aber auch dies verwendet das Bild falsch. Um seine Funktionalität zu erfüllen, muss das Gehirn Muster bilden. Auch wenn die Aktivitätsbilder nur den Energieverbrauch angeben, verweisen diese doch auf ein spezifisches Muster. Genau dies stellt aber die Frage nach den Gehirnteilen anders, die in diesem Zustand wenig Energie verbrauchen. Denn das Muster bildet sich nur als Differenz zwischen starker und schwacher Aktivität, und nur als solches scheint es nützlich zu sein. Damit werden die schwach genutzten Hirnteile gerade dadurch wirksam, als sie, gleichsam als Außenseite, an dem Aktivitätsmuster teilhaben. Die Leistung des Gehirns wird dann auch weniger durch eine größtmögliche gleichzeitige Aktivität erlangt, als durch einen "geschickten" Wechsel der Aktivitätsmuster, was auch immer hier "geschickt" dann bedeutet.

Man steigt niemals in den gleichen Selbstfluss

Thomas Metzinger schreibt in seinem Buch Der Ego-Tunnel von dem Riss zwischen NCC und PSM. NCC, dies bedeutet neural correlate of consciousness, also das Bewusstsein, nicht, wie es aus der Sicht eines Psychologen oder Phänomenologen beschrieben wird, sondern aus der eines Neurophysiologen, nämlich als organisches Substrat; PSM ist das phänomenale Selbstbild (phenomenal self model), also jenes Bild, welches wir in jedem Moment unseres Bewusstseins von uns selbst besitzen.
Nun ist leicht einzusehen (was Metzinger dann wesentlich präziser beschreibt), dass dieses phänomenale Selbstbild beständig fließt:
Es gib ein spezielles NCC für einzelne Bewusstseinsinhalte (eines für die Röte der Rose, ein anderes für die Rose als eine Ganzheit und so weiter), und es gibt auch ein globales NCC.
Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel. München 2014, S. 79
Nun hängt das PSM innig mit dem NCC zusammen, obwohl sie nicht dasselbe sind; und so verändert sich das PSM mit den Bewusstseinszuständen beständig mit. Es fließt, um diesen Ausdruck des alten Heraklit mit dem moderneren freudschen Konzept des Unbewussten und Latenten zu verbinden. Dass das nicht nahtlos im NCC aufzufinden ist, liegt nun wieder daran, dass es in Erscheinung tritt. Und damit gehorcht es einem grundlegenden Mechanismus der neuronalen Weltkonstruktion: dem Kohärenzprinzip. Das Gehirn schließt die Lücken dieser Welt oder überblendet sie (aber das sind alles nur Metaphern), um uns und - insbesonders - unserer Handlungsfähigkeit, eine Ordnung zu erschaffen, die sich sinnvoll verändern lässt. So ist unser Selbstbild pragmatisch geprägt.

Die Wahrheit in der Physik

Dies führt uns zu zwei weiteren Aspekten. Einmal verweist uns das "Alles fließt" auf die Mechanik des 19. Jahrhunderts und ein essentielles Problem der Physik, welches durch Einstein dann so blitzhaft wie kongenial gelöst wurde. Zum anderen wird uns dies an das Problem der gender-Theorien heranführen und wo diese ihre biologischen Grundlagen findet. - Beginnen wir zunächst mit der Physik, mit zwei kurzen Anmerkungen.

Atome in der Schule

Wie jedermann weiß, wird in der Schule das Bohrsche Atommodell gelehrt. Dieses ist mittlerweile, als Ikon, als Architektur, in das Bildgedächtnis der (westlichen) Kultur eingegangen. Um einen aus mehreren ineinandergeknäulten Kugeln gebildeten kugelförmigen Haufen kreisen zwei oder drei kugelförmige Elektronen auf einer Kreisbahn. In nichts aber ähnelt dieses Modell den modernen Berechnungen von Atomen. Die Nähe zum Sonnensystem dagegen ist augenfällig. Man kann also nicht davon sprechen, dass überkommenes Wissen beiseite gelassen wird; immer noch lernen es die meisten Menschen in ihrem Physikunterricht kennen und sehen es als wahr an.
Tatsächlich hat sich in dieses Modell aber ebenfalls ein Pragmatismus, eigentlich sogar ein doppelter Pragmatismus eingeschlichen. Zum einen wäre es für Lehrer und Schüler eine Überforderung, das Atom nach Maßgabe der modernen Quantenphysik zu erlernen. Hier nimmt die Darstellung Rücksicht auf den pädagogischen Prozess. Zum anderen taugt das Atommodell und das sich relativ unkompliziert daran anschließende Modell von den Elektronenbesetzungen auf den "Schalen", um daran grundlegend die Verbindungen von verschiedenen Atomen zu Molekülen zu erklären. Dieses Wissen ist sicher, und das Modell reicht, obwohl es an Genauigkeit zu wünschen übrig lässt, für diese Erklärung vollkommen aus. Dies ist die Rücksicht der Darstellung auf weiterführende Erklärungen, die dann im Chemieunterricht eine wichtige Rolle spielen.
Wir sehen also, dass die Wissenschaft durchaus auf gewisse Praktiken reflektiert und sich dabei reduziert oder anähnelt.

Flüchtige Nullpunkte

Einstein wiederum hat sich dadurch berühmt gemacht, dass er ein lange ausgehecktes Problem der Physik praktisch über Nacht gelöst hat. Die Mechanik stützte sich im 19. Jahrhundert (und den Jahrhunderten davor) auf das Prinzip des panta rhei, des Alles fließt. Demnach gab es keinen Fixpunkt und keine Null-Geschwindigkeit. Der Elektromagnetismus wiederum hatte rechnerisch dargestellt, dass er einen Fixpunkt brauchte, um bestimmte Phänomene mathematisch begründen zu können. Dafür postulierte dieser dann ein nicht nachgewiesenes Element, den Äther. Nun widersprach der Fixpunkt scheinbar dem verbotenen Nullpunkt, und damit entwickelten sich Mechanik und Elektromagnetismus zunehmend auseinander. - Einstein kam nun auf den Gedanken, dass der Fixpunkt gar keine Untergrenze der Geschwindigkeit sein müsse, eben jene Geschwindigkeit Null, sondern auch eine Obergrenze sein könne, also eine höchste, nicht steigerbare Geschwindigkeit. Diese nannte er Lichtgeschwindigkeit. Damit waren größere Teile des Elektromagnetismus revisionsbedürftig.
Keine Frage: das Postulat des Äthers hatte über hundert Jahre seine Zwecke gut erfüllt und die Physik in diesem Bereich weitergebracht, obwohl es sich dann als falsch erwies. Die Wahrheit ist nicht so einfach zu haben; und wer will heute und angesichts der zahlreichen Umbrüche und Revolutionen in der Wissenschaft, behaupten, die Wissenschaft würde uns die Wahrheit lehren?

Gender-Theorien

Der Nicht-Fluss

Der Lesende wird richtig liegen, wenn er/sie vermutet, dass ich durchaus biologische Grundlagen für die gender-Theorie sehe und diese mit eben jenem phänomenalen Selbstbild verknüpfe, welches ich oben vorgestellt habe. Mehrere Aspekte stützen die kulturelle Produktion von Geschlechtern. All diese Aspekte sind nicht in der anatomischen Ausstattung zu finden, sondern in den Mechanismen des Gehirns. Um also zu einer biologischen Grundlegung der gender-Theorie zu kommen, dürfen wir uns nur zweitrangig mit der biologischen Zweigeschlechtlichkeit befassen. Allerdings darf diese auch nicht außer Acht gelassen werden. Ich werde gleich erklären, warum sie weiterhin eine zentrale Rolle spielt.
Zunächst können wir feststellen, dass das NCC beständig im Fluss ist, und damit auch das PSM. Nun unterliegt das PSM dem Kohärenzprinzip, dem die ganze neuronal erzeugte Welt gehorcht, weshalb es anscheinend still steht, während es sich doch von Moment zu Moment wechselt (soweit ich bis jetzt mit meinen Nachforschungen gekommen bin, etwa 15 mal pro Sekunde!). Man merke auf: sowohl der Fluss als auch der Nicht-Fluss des Selbstbildes sind keine körperlich-statischen Zustände, sondern Konstruktionen des Gehirns. Was immer an Körper dahinter liegt: es lässt sich nicht direkt erreichen. Übertüncht wird der Körper also nicht durch philosophische Werke, nicht von Judith Butler, nicht von Luce Irigaray und nicht von Martha Nussbaum, sondern durch kooperierende biologische Funktionen des Hirns.

Der Skandal der biologischen Grundlagen

Nun steht dieses Postulat (mehr gibt der Metzinger für mich zur Zeit nicht her) auch in einem gewissen Widerspruch zu dem, was die gender-Theorien sagen. Da ich dieses Wort im Plural benutze, und da ich mich noch nicht in der Lage sehe, hier eine bestimmte herauszupicken und daran meine Kritik genauer darzulegen, werde ich nur einige grundlegende Bedenken formulieren:
1. Der fließende Charakter des Selbstbildes und sein vorgetäuschter Stillstand machen eine Klassifizierung von Sexualitäten trügerisch. Nimmt man nämlich einen solch fließenden Charakter zugleich mit seiner spontanen Feststellung an, muss die gender-Theorie dem Rechnung tragen. Wie dies aussehen soll, weiß ich nicht vorzustellen. Sie müsste aber so etwas wie ein erlebtes kulturelles Geschlecht und ein diskursives kulturelles Geschlecht auseinanderdividieren.
2. Die Klassifikation in drei, sieben, achtundsiebzig Geschlechter mag vielleicht offen und revolutionär klingen, oder zumindest hinreichend anstößig. Aber die Geste der Einordnung und Unterwerfung unterscheidet sich nur wenig von der Klassifizierung in zwei Geschlechter. Damit stellt sich die Frage, ob man durch eine Vermehrung der Benennungen überhaupt der patriarchalen Deutungsmacht entkommt (so man ihr denn entkommen will, was bei den gender-Gegnern recht klar verneint, bei einigen der Pro-gender-Stimmen aber durchaus bezweifelt werden muss).
3. Drittens ist die spontane, und wie man bei Metzinger gut nachlesen kann, an Sinnliches gekoppelte Neubildung des NCC durchaus nicht immer sexuell zu nennen. Die Frage, ob und wie sich im NCC überhaupt ein "sexuelles" PSM anzeigt, bleibt ein großes Rätsel. Zumindest auf dieser Ebene ist die Forschung wenig bis gar nicht aussagekräftig.
4. Natürlich gibt es andere Modelle, wie kulturelle Sexualität hergestellt wird. Diese sind allerdings nicht biologisch, sondern orientieren sich mehr oder weniger an der sprachlichen Verfassung, die sich der Mensch gibt und geben muss, indem er an der Kultur teilhat. Zumindest zwei Räume können wir hier eröffnen. Der eine ist der politische Raum, nämlich jener, der die Fragen des Zusammenlebens sowohl im Kleinen wie im Großen zu beschreiben und zu ordnen sucht. Die politische gender-Theorie untersucht die Probleme, die sich ergeben, wenn ein Mensch in seiner Sexualität "abweicht" und damit eventuell in seinem politischen Status. Dies ist zum Beispiel das, was Judith Butler immer wieder aufgreift (bzw. aufgegriffen hat). Der andere ist der ethische Raum, der, so darf man das wohl heute sagen, seine Ableitung aus dem politischen Raum erfährt: dieser stellt die Frage nach der Sorge um sich, nach der Askese, der Selbstdisziplin, nach der ästhetischen Lebensführung und nach den Arten des Widerstands.
All dies sind aber eben einzelne Sphären; ihr Zusammenhang ist damit noch nicht gegeben. Zumindest in einem stimme ich den Gegner der gender-Theorie deshalb hiermit zu: eine gender-Theorie, die sich nicht um das biologische Substrat kümmert, kann keine weitreichenden Forderungen stellen. Dass das biologische Substrat nicht vorrangig in der Anatomie und zuallererst im Gehirn zu suchen ist, habe ich oben begründet.

Insistieren

Daran möchte ich zwei weitere Fäden knüpfen. Den einen hatte ich bereits angekündigt: wie man sich die Zweigeschlechtlichkeit vorzustellen hat; daran lässt sich gut die Erklärung anhängen, welchen Sinn der Spruch Butler hat: the sex is always already gendered.
Was die Zweigeschlechtlichkeit angeht, so wird diese im weitesten Sinne zunächst als Eingeschlechtlichkeit des eigenen Körpers erlebt. Dies ist nicht immer so, aber durchaus die Regel. Der eigene Körper wird nun nicht direkt erfahren, sondern erst im Gebrauch erlernt das Kind ein Körperselbstbild zu haben und dieses situativ zu seinen Gunsten zu nutzen. Dies ist nun eine recht komplexe Sache, da es sich immer um eine Erfahrung des Körpers in einer bereits kultivierten Umwelt handelt. Inwieweit die Kultur hier Geschlechterrolle und Körperselbstbild prägt, ist ungewiss. Man darf sowohl individuelle Dispositionen, evolutionäres Erbe als auch den kulturellen Nahbereich als Wirkungen annehmen und damit feststellen, dass dieses Bild heteronom ist, also aus vielen Quellen gespeist.
Wichtiger ist aber, dass dort, wo diese Quellen zusammenfließen, nämlich in den momentanen Konstruktionen des Selbstbildes, dies nicht in direktem Kontakt entsteht. Denn tatsächlich erfährt das Gehirn seinen Körper nur über Nervenimpulse, also immer wieder aufgelöst in bereits vorverarbeitete elektronische Impulse. Ein direkter Zugriff ist nur scheinbar und nur aufgrund der trügerischen Kohärenz, die uns unser Gehirn vorgaukelt, möglich. Trotzdem gibt es eine Art Hartnäckigkeit, mit der sich unser Körper meldet. Es ist diese Hartnäckigkeit, die uns lehrt, wie wir unseren Körper so gebrauchen, dass wir ihn zur Befriedigung unserer Bedürfnisse einsetzen können.
Die körperlichen Reize insistieren also. Aber sie geben uns kein exaktes Bild. Erst dadurch, dass wir (oder besser: unser Gehirn) sich darauf verlassen kann, dass es schließlich, durch bestimmte Bewegungen, diese Reize auch willkürlich hervorrufen kann, beherrscht es nach und nach seine Bewegungen und die Manipulation der Umwelt. Damit können wir noch einmal feststellen, dass ein solches Körperbild rein praktischer Natur ist, aber nicht irgendeiner naturalistischen Abbildtheorie gehorcht. Wir lernen unseren Körper nur insofern kennen, als wir mit ihm praktische Bewegungen ausüben, die uns zu irgendwelchen wünschenswerten Zielen führen, oder, indem wir Hindernisse zu überwinden suchen, die uns von solchen Zielen abhalten.

The sex is always already gendered

Wir können uns nun kurz fassen. Es mag sein, dass es eine wie auch immer genau geartete Zweigeschlechtlichkeit gibt. Der direkte Zugriff auf sie ist ebenso verwehrt, obwohl manche Behauptung darlegt, wir könnten uns dieser annähern. Die Heteronomie des eigenen Leibbildes können wir im Abstrakten, aber nicht im Konkreten analysieren. Jede Selbstbeobachtung kommt erstens zu spät und unterliegt zweitens ebenfalls diesen vielfältigen evolutiven, dispositionellen und situativen Einflüssen.
Dass sich die Zweigeschlechtlichkeit nicht verleugnen lässt, hängt damit zusammen, dass wir typischen Bildern aufsitzen. Wir erleben die Geschlechter eher ikonisch; die Biologie stützt und verwissenschaftlicht diese. Aber all dies sind unpolitische Bilder (oder politische Bilder derart, dass sie uns als Nicht-Politik vorschweben), die uns nichts über das Zusammenleben der Geschlechter sagen. Den eigenen Körper erleben wir als eingeschlechtlich; und sofern wir diesem gegenüber sensibel und aufmerksam sind, als eine Art heterogene Eingeschlechtlichkeit, die zugleich Insistieren des biologischen Körpers, Erfolg und Misserfolg des embodied minds (verkörperten Geists) bei seinen Unternehmungen und diskursive Verortung im politischen Feld ist.
Der sex, der von Butler keineswegs ausgemerzt wird, ist lediglich auf eine Weise verzerrt, dass die Analyse und die Politik des Körpers ohne diese unbiologischen Einflüsse nicht zu haben und von diesen nicht zu scheiden ist. Wir empfangen unser Geschlecht immer als Koordinate in unserer Kultur.

Verwissenschaftlichung

Die Afd hat in ihrem Parteiprogramm postuliert, die gender-Theorie sei unwissenschaftlich. Diese Bemerkung verdient eine Entgegnung. Wie ich oben gezeigt habe, hatte auch die Physik lange Zeit mit einem recht hartnäckigen Problem zu kämpfen. Darf man den Geschichtsbüchern Glauben schenken, so war die Debatte oft hitzig, immer mal wieder wütend, gelegentlich ausfällig.
Wissenschaft ist auch, wie das Beispiel des Atommodells zeigt, nicht auf den neuesten Stand der Erkenntnis angewiesen, solange ein gewisser Pragmatismus genügt.
Ein ganzes Forschungsgebiet zurückzuweisen, dies einfach per Akklamation zurückzuweisen, das ist allerdings eine Einmischung, die so widersinnig, so antiaufklärerisch ist, wie es nur geht. Es mag sein, dass sich in Zukunft die gender-Theorie tatsächlich als falsch erweisen wird. Aber sofern dies geschieht, dann nicht durch politische Parolen, sondern durch Prozesse der Verwissenschaftlichung. Und diese liegen nun nicht in der Hand von obskuren Politikern, sondern von gewissenhaften Wissenschaftlern. Die Afd praktiziert den Obskurantismus selbst, den sie bei anderen zu entdecken meint. Ähnliche Gesten wiederholt sie in ihrer Kulturpolitik, die von einem wüsten Konglomerat aus Evolutionstheorie und Hegelscher Dialektik geprägt zu sein scheint, und in einer Schulpolitik, die dem Nachhinken der Institution Schule hinter neuesten wissenschaftlichen Erkenntnis nicht Abhilfe schafft, sondern alles nur noch viel verschlimmert (sie geht mit dem Rufe "Vorwärts!" nämlich rückwärts).
Wenn und sofern es eine Kritik an den gender-Theorien gibt, dann nur in dem Maße, in dem wissenschaftliche Argumente die bisher bestehenden aushebeln können. Dazu aber müsste man die entsprechenden Theorien kennen und - argumentieren können. Beides fehlt der AfD von der Spitze bis zur Basis.

Schluss

Der march of science ist sicherlich wohlmeinend gedacht. Ich bezweifle, dass er die Gesellschaft wirklich ändert. Zu wenig werden wissenschaftliche Werke gelesen. Zu häufig werden populäre Darstellungen wissenschaftlicher Erkenntnisse noch mehr popularisiert, so dass sich am Ende einer Stille-Post-Kette eine völlig verdrehte Aussage finden lässt, die mit dem ursprünglich ausgegebenen Argument nur noch wenige Vokabeln teilt, keinesfalls aber die Struktur oder den argumentativen Gang.
Die Kultur der Massenmedien hat, gerade auch durch das Internet, die inszenierten Skandale für sich entdeckt. Die ruhigeren, ausführlicheren Darstellungen sind zwar auch zu finden, aber sie ziehen nicht die Massen an, und wer sie sucht, muss lange suchen. Ursprünglich war das Internet zur besseren Verbreitung wissenschaftlicher Artikel, zur besseren wissenschaftlichen Kommunikation gedacht. Dies war blauäugig. Das Gegenteil ist wohl der Fall. Einzelfälle, wie etwa der Holocaust-Leugner David Irving, oder, im deutsche Raum, der "Nahost-Experte" Udo Ulfkotte, haben seit langer Zeit ihre alternativen Fakten präsentiert. Das Internet hat diese Tendenz verstärkt. Unter anderem liegt das auch daran, dass die echten Wissenschaftler so wenig im Netz präsent sind. Für Klaus Jäger, Mitinitiator des Berliner march of science, bestehe die Aufgabe der Wissenschaftler nicht nur in der Forschung - so er gegenüber der Zeit; sie "seien auch Berater, Lehrer und Vermittler." Und "Forscher könnten das Misstrauen vieler Menschen abbauen, wenn sie sich mehr in die Öffentlichkeit wagten."
Dem ist wenig hinzuzufügen. Es wäre längst an der Zeit. Es wäre, unter anderem, auch die Aufgabe von gender-Beauftragten an der Uni, statt Vorschläge für eine geschlechtersensible Sprache zu unterbreiten, erst mal den Boden dafür zu bereiten, warum und aus welchen Gründen eine solche Sprache angemessen sei. Dies ist vielen Menschen nämlich nicht klar, und, wie ich befürchte, auch manchen gender-Beauftragten nicht. Dann aber wäre die Erstellung solcher Kataloge zum gendersensiblen Sprechen kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie. Das wäre schade, denn das Problem, was dahinter steckt, ist durchaus ein ernsthaftes und allgemein wissenswertes.

11.04.2017

Das ist jetzt ein Scherz, oder?

Aufgrund befürchteter massiver Proteste gegen ihren Parteitag in Köln hat die AfD Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um einen Appell gebeten. "Rufen Sie öffentlich zur Mäßigung auf", heißt es in einem der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Schreiben des AfD-Bundesvorstandes an Steinmeier. Er müsse einem gegen den Parteitag mobilisierenden Bündnis deutlich machen, "dass Demokratie von Meinungsvielfalt, Meinungsbildung und dem offenen Diskurs lebt". Die AfD will ihren Bundesparteitag am 22. und 23. April in einem Kölner Hotel abhalten.
Das sind aber schon noch dieselben Leute, die von der Lügenpresse und Wirtschaftsasylanten aus Kriegsgebieten reden, Boateng nicht als Nachbarn haben wollen, Homosexuelle mit Päderasten gleichsetzen, usw. usw. oder habe ich da was verpasst?
Sehr geehrter Herr Steinmeier!
Rufen Sie nicht zur Mäßigung auf. Meinungsfreiheit darf nicht an einem Zaun enden, der zugleich das Brett vor den Köpfen gewisser Leute ist, nicht bei gewaltbereiten Islamisten und nicht bei einer Partei, die recht unverhohlen rechtem Terror die Stichworte und die (stillschweigende) Duldung liefert.
Fundstelle hier

07.04.2017

Knapp vorbei: Zu viel zur Analogie

Ich habe ein Problem. (Mal wieder!)
Vor einigen Jahren, ich glaube 2008 oder /09, bin ich auf eine Doktorarbeit über angewandte Mathematik in der Schule gestoßen. Darin gab es einen langen Abschnitt über die Verbindung zwischen Modell und Schema, der mich begeistert hat, und dann über einen langen Zeitraum hinweg geführt und angeregt hat. Mehrmals hatte ich euch dann versprochen, dazu etwas Grundsätzliches zu schreiben, aber wie das mit dem Grundsätzlichen bei mir so ist: bei der Arbeit darüber bin ich auf andere Aspekte gestoßen, habe mich von diesen einfangen lassen und - das war's mit den guten Vorsätzen und den nicht ganz so guten Versprechen.
Neulich habe ich meinen Zettelkasten durchforstet. Da suite101 seit längerer Zeit offline ist, ich aber viele Artikel von meinem Blog dorthin verlinkt habe, dachte ich mir, es wäre ganz gut, wenn ich diese aktualisiere und dann hier veröffentliche. Der Einfall kam mir zu dem Stichwort Analogie, der für die Hyperbel und - das war mein eigentlicher Aufhänger - den Humor wichtig ist. Die Analogie bildet für diese eine der Grundlagen. In meinem Zettelkasten habe ich dann zig Notizen zur Analogie gefunden, die mich zum Modell, zur Geometrie, zur Literaturwissenschaft, zur gender-Theorie, und und und geführt haben.
Daraus sind zahlreiche weitere Aufzeichnungen entstanden. Diese systematisiere ich im Moment. Eine Veröffentlichung ist aber noch nicht in Sicht. Um mit ihnen besser arbeiten zu können, wäre es sinnvoll, sie in den Zettelkasten einfließen zu lassen.
Und dort kommt nun mein eigentliches Problem in Reichweite. Seit Monaten programmiere ich an meinem eigenen Zettelkasten herum. Grundzüge stehen, aber immer wieder begebe ich mich auf neues Terrain, probiere dieses und jenes aus, schreibe kleine Zwischenprogramme, oder auch ganz abseitig davon, einfach aus Lust am Programmieren. Und sehe dabei, wie ich mir einen neuen, mir bequemeren Zettelkasten erstellen könnte. Nur: ich kann diesen noch nicht zu Ende führen. Immer sind es irgendwelche Bedenken, die mich davon abhalten.

So bin ich fleißig, geradezu überproduktiv, und doch fühle ich mich ausgebremst.
Nebenher verfasse ich fleißig weitere Notizen zu Sybille Krämer, bzw. ihrem Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Gerade habe ich das Descartes-Kapitel zu Ende gelesen, ein großartiges Kapitel, überaus mathematisch, sehr präzise und sehr distanziert geschrieben, so dass man beides zugleich bekommt: ein Gespür für das, was Descartes' Texte antreibt, aber auch für das, was über diese hinausgeht. Das ist eine großartige Weise, Kritik zu üben: aus dem Gedankengebäude heraus arbeitet die Autorin die Brüche und Missklänge nach und nach heraus. Zudem passt Vieles, was Krämer schreibt, in das Thema des visuellen Modellierens.
Nun würde ich gerne systematischer werden. Mir fehlt mein Zettelkasten. Ich möchte nicht in meinen alten weitere Zettel hineinarbeiten, weil ich diesen mehr und mehr nicht mehr passend finde, weil ich weiß, dass es demnächst (nur wann genau?) einen neuen, mir bequemeren, von mir leichter veränder- und anpassbaren geben wird.
Unglücklich bin ich damit aber nicht. Eher fiebrig.

Und à propos fiebrig: die letzten zwei Tage war ich ziemlich trübe im Kopf. Das lag wohl daran, dass ich, nachdem ich am Montag mehrere Stunden wie im Fieber mich durch eine ganze Reihe von Büchern durchkommentiert habe (angefangen mit Wittgenstein), danach noch Stunden über zwei Programmen gesessen habe, und dann war es irgendwie Mittwoch, ich bin mir nicht ganz sicher, wie das passiert ist. Jedenfalls musste ich danach sehr lange schlafen.

02.04.2017

Kartographischer Impuls

Am Donnerstag sollte ich das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun anwenden. Das ist mir nicht so gut gelungen, wie man es aus meiner langjährigen Erfahrung damit annehmen sollte. "Schuld" daran war - unter anderem - das Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis von Sybille Krämer; dies hatte mich noch am Abend vorher zu einigen längeren Anmerkungen zum Kommunikationsquadrat veranlasst, von denen mindestens zwei meinen Blick auf dieses Modell deutlich verschieben dürften. Mit dieser vagen Ahnung im Hintergrund habe ich mit einigem Zögern diese kleine Kür (die Anwendung) über die Bühne gebracht.
Auch bei anderen Modellen schleicht sich jetzt, nach und nach, eine Deplatzierung ein, die ich als ungemein fruchtbar empfinde. Noch einmal ein Lob auf dieses Buch; ich befinde mich derzeit auf Seite 146, methodisch schreibe ich mir nur, Seite für Seite, Hauptbegriffe heraus, lese also noch nicht intensiv oder systematisch.
Einer der interessantesten Vorhaben dieses Buchs ist nun, die Erkenntniskraft der Linie herauszuarbeiten. Mithin geht es um so etwas wie eine Rhetorik der Linie, wobei mit Rhetorik hier nicht die "dunkle", sondern die "erhellende" Seite der Rhetorik gemeint ist. Darin spielt der Begriff »kartographischer Impuls« eine wichtige Rolle.
Krämer geht davon aus, wie das heute allgemein üblich ist, dass Wissen durch Handlungen angeeignet wird. Mithin versteckt sich unter der Formulierung ›Erkenntniskraft der Linie‹ die Frage, wie eine Linie eine Handlung strukturiert und leitet. Der kartographische Impuls wird von ihr dabei folgendermaßen definiert:
Die Projektion von Gegenständen des Erkennens auf quasi-räumliche Strukturen wird als eine Anordnung zur Orientierung der Erkenntnisbewegung selbst genutzt.
(Krämer, Sybille: Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Berlin 2016, S. 146; Hervorhebung von mir)
Es ist klar, dass die Erkenntnisbewegung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Oftmals aber ist sie eine des Sammelns und Vergleichens, oder eine des Nachvollziehens/Nachkonstruierens oder Austestens. Bei der Aneignung eines Diagramms spielt die Beschreibung, das heißt die Übersetzung in ein anderes Medium, ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Verkleinern (wie etwa die Karte eine Landschaft „verkleinert“). Dazu schreibt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem berühmten Buch Das wilde Denken:
Welche Kraft verbindet sich also mit der Verkleinerung, mag sie nun den Maßstab oder die Eigenschaften betreffen? Sie resultiert, so scheint es, aus einer Art Umkehrung des Erkenntnisprozesses: wenn wir das wirkliche Objekt in seiner Totalität erkennen wollen, neigen wir immer dazu, von seinen Teilen auszugehen. Der Widerstand, den es uns entgegenstellt, wird überwunden, indem wir die Totalität teilen. Die Verkleinerung kehrt diese Situation um: in der Verkleinerung erscheint die Totalität des Objekts weniger furchterregend; aufgrund der Tatsache, dass sie quantitativ vermindert ist, erscheint sie uns qualitativ vereinfacht. Genauer gesagt, diese quantitative Umsetzung steigert und vervielfältigt unsere Macht über das Abbild des Gegenstandes; durch das Abbild kann die Sache erfasst, in der Hand gewogen, mit einem einzigen Blick festgehalten werden.
(Lévi-Strauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt am Main 1973, S. 37; Hervorhebung von mir)

01.04.2017

Hof eines "Literaturskandals"

Ich fühle mich gelegentlich missverstanden, jawohl! Und warum?

Sachstand

Vor fünf Wochen hat Stefanie Sargnagel zusammen mit zwei anderen Autorinnen einen satirischen Text veröffentlicht. Das ist, wie vieles, erst mal an mir vorbeigegangen; genauer: ich kannte die Autorin bis dahin gar nicht. Kurz nach der Veröffentlichung des Textes hat eine österreichische Boulevard-Zeitung einen Schmäh-Artikel darüber veröffentlicht, aber nicht verstanden, dass dieser Text ein satirischer ist. Daraufhin folgte ein Shitstorm, während dem Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Sargnagel geäußert wurden.
All das ist aber bereits in zahlreichen Artikeln aufbereitet worden, zumeist mit deutlichem Unmut über jene Boulevard-Zeitung und den mehr oder weniger anonymen (und das heißt auch: sehr feigen), zumeist männlichen Hetzern und Rechtsverächtern.

Literaturskandal oder Fehllektüre?

Ich fand nun den Text, aus dem die ganze Debatte entstanden ist, eher mäßig, die Bezeichnung der Debatte selbst als Literaturskandal falsch: der Text ist alles andere als skandalös, skandalös ist nur die Fehllektüre. Gelegentlich finde ich mich recht konservativ; aber so recht ins konservative Lager passe ich dann doch nicht: ich hoffe, dass ich einer solch falsch-oberflächlichen Lektüre nicht fähig bin.
Jedenfalls hat ein Freund den Artikel herumgeschickt, in dem das Wort Literaturskandal auftaucht; ich habe dieses Wort kritisiert — und wurde beklatscht. Von wem? Ganz genau habe ich die politische Orientierung nicht herausbekommen, aber es waren wohl „Nationalisten“ oder diesen ähnliche Menschen.

Rechts oder links

Was ich mittlerweile in der öffentlichen Diskussion ganz erbärmlich finde, das ist diese Einteilung in rechts und links, in konservativ und sozialistisch, und was es dergleichen mehr gibt. Diese Kritik ist nicht neu; von mir erfunden wurde sie schon gar nicht. Trotzdem sei noch mal an die Prüfung erinnert, ob ein Begriff die nötige Tiefen- und Trennschärfe mit sich bringt, um mit ihm eine ordentliche Diskussion zu führen. Links und rechts besitzen diese Schärfe nicht. Konservativ bin ich auch, da ich von gewissen althergebrachten Werten nicht abweichen mag; Wissenschaftlichkeit, zumindest der Prozess der Verwissenschaftlichung gehört z.B. dazu, oder dass jeder Mensch, der schreibend tätig ist, ein gewisses Maß an philologischen Werkzeugen – Quellenangaben, Markierung von Zitaten, Begriffsbildung, oder die Trennung von Tatsache und Meinung – selbstverständlich verwendet. Im sogenannten konservativen Lager tummeln sich mir zu viele Menschen, die diese Präzisionsinstrumente nicht benutzen oder sie direkt missachten. (Aber das heißt natürlich nicht, dass nur diese Autoren kritisierenswert seien.)

Autorinnen in Marokko

Kaum einer der Artikel, sei es pro oder contra, setzt sich genauer mit dem tagebuchartigen Beitrag auseinander, den Stefanie Sargnagel und ihre beiden Mitstreiterinnen veröffentlicht haben. Dazu möchte ich, wenn auch nicht mit gebotener Gründlichkeit, einige literaturwissenschaftliche Anmerkungen bringen. Der Text ist eine Satire; als eine solche lebt er von der Übertreibung, von der Missachtung von Höflichkeiten, und vom Palimpsest.

Das Palimpsest

Das Palimpsest ist eine Textform, die den Stil eines Autoren oder einer Menschengruppe nachahmt, aber neue Themen benutzt. Sargnagel & Co. schreiben einen recht prolligen, angeberischen Text, der sich sehr bewusst auf dem Niveau von Menschen bewegt, die in ein fremdes Land reisen, um sich daneben zu benehmen. Dementsprechend ist der Text auch vollgestopft mit nichtssagenden Sätzen („Die haselnussbraunen Augen des Taxifahrers erinnern mich an Haselnüsse.“) und folkloristischen Klischees („Heute bin ich auf einem Kamel geritten, als wäre ich eine von ihnen [gemeint sind die Marokkaner].“).

Die Hyperbel

Die Hyperbel, oder auch Übertreibung, bildet die Grundlage für die meisten humoristischen Texte. Sie kann explizit oder implizit verwendet werden. Explizit ist eine Hyperbel dann, wenn sich die Übertreibung deutlich in einem Wort oder einer Wertung verdichtet („Schenkel so dick wie ein Walfischbaby“); implizit ist sie dann, wenn sie einen Text mit unstimmigen oder verfremdenden Wörtern und Metaphern anreichert, oder ein zutiefst banales, lächerliches, störendes oder unhöfliches Bild mehrfach wiederholt (der Running Gag). Explizite Hyperbeln gibt es im Text einige („Wenn ich groß bin, möchte ich wie André Heller sein, nur schlimmer.“), zum Teil ironische („Ich habe mein Handy im Taxi zum Flughafen liegen lassen und es tatsächlich in letzter Minute wiederbekommen. Das war nicht sehr authentisch.“). Implizit sind Hyperbeln dort, wo sie beständig in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden, hier z.B. das Kiffen und der Muezzin (dieser taucht ein letztes Mal in folgendem Satz auf: „Maria hat mit dem Muezzin geschmust.“).

Die Missachtung von Höflichkeiten

Einer der Aufreger in diesem Text war folgende Stelle: „… und wenn wir uns spätnachts willig zu ihnen an den Strand setzen, wollen sie eingraucht UNO spielen. Der Kölner Hauptbahnhof hat echt zu viel versprochen.“ Das allerdings ist ziemlich grob, passt aber in den prolligen Tonfall der gesamten Satire.

Literarische Wertung

Wie ist dieser Text zu werten? Es ist kein großartiger Text; die Idee, eine patriarchale Sprachform zu usurpieren, ist nicht neu, verliert deshalb aber nicht an Charme. Die Nachahmung dieser Untiefen macht es natürlich schwierig, darin noch etwas Tiefes aufscheinen zu lassen. Trotzdem gibt es solche Texte; aber diese sind dann von größeren Autoren und Autorinnen, Heine etwa, oder Tucholsky, oder manche Briefe von Rosa Luxemburg.
Mir fehlt die dritte und vierte Bedeutungsebene unter der Oberfläche des Textes, also all jenes, was die launigen Albernheiten dann doch noch in etwas „Philosophisches“ verwandeln, oder zumindest in etwas „Lehrreiches“. Mit anderen Worten ist diese Satire ein Gebrauchstext, besser als viele Satiren, weil sie selbstironisch ist und mit einigen durchaus amüsanten Sinnbrüchen daher kommt. Es fehlt, wie gesagt, das Überalltägliche und Zeitlose. Der Text ist für einen kurzen Ausschnitt aus einer Epoche gedacht, nicht für die Epoche selbst (wie auch immer man diese nennen mag) oder über die Epoche hinaus. Schon die Skandalisierung durch die Kronen-Zeitung erweist ihm zu viel Ehre – oder zu wenig, wie man es nimmt.

Der Skandal der Skandalisierung

So ist die Satire keineswegs eine skandalöse. Sie wäre untergegangen in der alltäglichen Flut an Gebrauchstexten, wenn, ja wenn eben nicht die Kronen-Zeitung sich darüber ausgelassen hätte, bis hin zu dem Umstand, dass die Reise der Autorinnen mit einem Stipendium von 750 Euro gefördert worden wäre. Diesen Betrag muss man sich nun vorstellen! Es ist ja nun kein Geheimnis, dass ein Staat gelegentlich Steuergelder verschwendet, sei es aus Unkenntnis, sei es aus Misswillen. Ich muss die Beträge nicht nachgoogeln, um sagen zu können, dass darin 750 Euro den geringsten Teil des Übels ausmachen, wenn es denn ein Übel war.
Die Folgen des Kronen-Artikels sind bekannt: justiziable Drohungen, Veröffentlichung der Privatadresse der Autorin in einem nicht wohlgesonnenen Medium, Ermittlung der Staatsanwaltschaft und Polizei gegen die Straftäter wegen Aufruf und Bekundung zu schweren Rechtsverletzungen. Das ist dann tatsächlich skandalös. -
Der Autor jenes Artikels, der das Wort Literaturskandal ins Spiel gebracht hat, hat wohl das Richtige gemeint. Allein verstellt das Wort den Tatbestand: hier sind Teile der Bevölkerung dermaßen verroht und entkultiviert, dass sie ohne Zögern dem Terror dienen. Der islamische Terror, den viele befürchten, ist - zumindest als Terror, nicht als islamischer - längst in unserer Gesellschaft angekommen. Fragt sich da noch jemand, ob die Neonazis der IS vorzuziehen sei? Beide haben die Grenze des Zulässigen längst überschritten, beide sind Feinde der offenen Gesellschaft; und das Argument der islamischen Radikalisierung wirkt aus dem rechtsradikalen Mund so schal und verlogen wie deren Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, zum Patriotismus und zur deutschen Kultur. Was dagegen ist, moralisch gesehen, ein satirischer Text, der keine Zeitlosigkeit beanspruchen darf?

Jörg Rüdiger Meyer

Ich twitterte also; und ein Jörg Rüdiger Meyer antwortete: „Das Problem der zeitgenössischen Linken ist, dass sie für alles sind, wogegen die Rechten sind. Eine Intellektuelle Einbahnstraße.“ Auf diese Antwort habe ich zunächst allergisch reagiert. Das Attribut „links“ wird heute von den „Rechten“ für all diejenigen verwendet, die nicht die „rechte“ Meinung bedenkenlos nachplappern; was dann auch Kant-Leser, Wittgenstein-Exegeten oder Altliberale im Sinne Dahrendorfs oder Whiteheads, Simmels oder Arendts mit einbegreift. Dazu gehören Fehllektüren der gender-Theorie oder der Politik der Grünen. Der Reflex, dieses nicht ernst zu nehmen, ist bei mir stark, weil eine entsprechende Begründung fehlt, weil sich noch nicht einmal Äußerungen ausmachen lassen, die über das Pejorativ oder die argumentationslose Zustimmung hinausgehen.
Zwei Gründe machen mir solche Plärrer höchst unsympathisch: ihr undifferenziertes Menschenbild samt seiner Folgen, und die Langeweile, die mich beim Lesen solcher Texte ergreift.
Nun gehört Meyer gerade nicht zu solchen Gruppierungen. Zwar nennt er sich „nationalliberal“, was mich in Habacht-Stellung bringt. Doch seine Artikel sind zumindest nicht langweilig, auch nicht undifferenziert.
Bei ihnen passiert mir das, was mir derzeit bei vielen politischen und politisch-philosophischen Texten passiert: ich komme zu keiner eindeutigen, noch nicht einmal zu einer tendenziellen Wertung. Allein: ich spüre eine gewisse Distanz. Meyers Texte sind im Vogelflug geschrieben. Ich bezweifle eine solche überhöhte Position, und es mag dahingestellt sein, ob diese schlichtweg nicht möglich ist oder einfach für mich (noch) nicht vorstellbar.

29.03.2017

Figuration, Anschauung, Erkenntnis - Sybille Krämer

Dass ich mich mit Wittgenstein beschäftige, ist nichts Neues. So langsam dringe ich in die "tieferen" Regionen der Philosophischen Untersuchungen ein; ich lasse mir Zeit, erfinde mir Beispiele drumherum, sammle Beispiele, kommentiere diese - ich versuche nicht nur die Inhalte des Wittgensteinschen Philosophierens zu verstehen, sondern dessen Praxis. Eine Nachahmung des Schreibstils gehört dazu. Sie kommt mir entgegen, als ich das fragmentierte, kommentierende Schreiben seit dreißig Jahren pflege.
Weil es nun dazugehört, sich mit anderen Autoren auseinanderzusetzen, die zu gleichen oder ähnlichen Themen arbeiten oder über Wittgenstein schreiben, ist mir Sybille Krämer aufgefallen. Ihr Buch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie behandelt den Erkenntniswert von Diagrammen als auch, in einem Kapitel, dem neunten und letzten, Wittgenstein als wichtigen Autoren.
Mit dem Lesen komme ich langsam voran; ich befinde mich auf Seite 70, und das ist auch nur der Tatsache geschuldet, dass ich nicht aufhören kann zu lesen. Ob es ein kluges Buch ist, vermag ich nicht zu sagen. Dazu fehlt mir der Überblick, der mich in eine gewisse überlegene Position bringen würde. Anregungsreich ist es allemal. Ich bringe alles mit ein, was mich letztes und dieses Jahr beschäftigt hat: die Geometriedidaktik und UML, und die Jahre zuvor, vom Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun, über das Rubikonmodell Heckhausens und meine Abwandlung für die Erzählpraxis, das Intelligenz-Strukturmodell nach Guilford, und dann natürlich meine eigenen, kleinen und zahlreichen Skizzen, die ihren hypothetischen, nie zum Ende gelangenden Charakter nicht leugnen können.
Krämer nun beschreibt, welche Rolle Diagramme für die Entwicklung von Wissenspraktiken und Denkmöglichkeiten, für Beweiskraft und Erfindungshaltung, für kognitive Mobilität und kognitive Kreativität spielen. Beschreibung ist hier fast wörtlich zu nehmen, denn was die Autorin vorlegt, ist eine sich dicht an der Anschauung bewegende, sparsame Interpretation. Trotzdem, oder gerade deswegen, kann mich dieses Buch auch so begeistern: es liefert sich eben keinen Spekulationen aus, vor allem keinen unmarkierten. Unmarkierte Spekulationen sind heute gängige Praxis: man diskutiert sie als fake-news, als zugehörig zum postfaktischen Zeitalter. Spekulationen aber sind eben auch ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Praxis, werden dort aber als z. B. Hypothesen ausgewiesen. Und auf der anderen Seite ist diese einfache, gelegentlich schlichte Beschreibung mit einer Sprengkraft versehen, die daraus entsteht, dass wir uns zu sehr an einen einseitigen Gebrauch von Diagrammen gewöhnt haben. Dass unser einseitiger Gebrauch überhaupt ein einseitiger ist, wird deutlich, wenn man geduldig die Merkmale und Bedingungen von Diagrammen herausarbeitet. Dies gelingt Sybille Krämer vorzüglich.
Natürlich kann ich noch nicht annähernd ein allgemeines Urteil zu diesem Buch abgeben. Es ist sehr klar geschrieben, aber mit Fachvokabular; ich kann mir vorstellen, dass es Menschen, denen die Kulturwissenschaft mit ihrem Begriffsapparat gar nicht geläufig ist, stellenweise Mühe haben werden, die Aussagen zu verstehen. Trotzdem ist es kein unverständliches, kompliziertes, mit Fachchinesisch verdunkeltes Buch: dazu ist es zu klar strukturiert; dazu ist auch der Anspruch, die Erkenntnisleistungen von Diagrammen in der Alltagskultur zu beschreiben, durch unsere Teilhabe an diesem Alltag zu vertraut: es gelingt rasch, die Beispiele mit eigenen Beispielen und damit mit (Weiter-)Denkmöglichkeiten zu ergänzen.
Meine Notizen, die ich gerade in meinem Arbeitsheft sammle, umfassen mittlerweile zahlreiche Seiten, genauer gesagt um die zwanzig. Insbesondere hat mir die Unterscheidung verschiedener Linien innerhalb von Diagrammen sehr imponiert. Linien, so Krämer, repräsentieren etwas, und dieses Etwas kann je verschieden sein. So einsichtig dieses Argument ist, so blind ist man dafür, dies beim Betrachten und Benutzen von Diagrammen deutlich und systematisch anzuwenden. Genau dies habe ich dann auch (zumindest ein Stück weit) in den letzten beiden Tagen nachgeholt. Und konnte einigen altbekannten Modellen (wie z. B. dem Kommunikationsquadrat) überraschende, neue Erkenntnisse abringen.
Mein bisheriges Fazit: ein wunderbares Buch. Selbst für diejenigen, die eher nicht mit Kulturwissenschaften zu tun haben, dürfte es sehr fruchtbar sein, denn natürlich befasst sich die Autorin auch mit mathematischen Diagrammen, geometrischen Beweisen, Zeichnungen von Maschinen, etc.; also kommt der Naturwissenschaftler nicht zu kurz, und findet hier, wenn ihm dies nicht naheliegt, doch einen Eingang in die Denk- und Argumentationsweisen einer kulturhistorischen und diskursanalytischen Betrachtung.

25.03.2017

Programmieren ist nicht gleich Programmieren

Ich liege in den letzten Zügen eines Kurses, der Python - From Beginner to Master heißt, und ich schlage mich sehr gut. Eher langweile ich mich sogar. Wenn ich ihn beendet habe, werde ich ein Zertifikat erhalten, dazu mir schon mal herzlichen Glückwunsch im Voraus.
Nützen allerdings tut das nicht viel, vorher nicht, nachher nicht. Beim Programmieren selbst sucht man doch wieder herum, verschiebt, erprobt, hat es mit den seltsamsten Fehlern zu tun. Nach einer durchwachten Nacht habe ich z.B. einen Fehler gefunden, auf den man so zuallererst wirklich nicht stößt, auf ein unsichtbares Zeichen, das sich in einer Zeichenkette versteckt, eben, weil es unsichtbar ist, von mir nicht gesehen wurde, aber vom Computer schon, und so hat er damit gerechnet und ich nicht - und deshalb war plötzlich alles falsch.
Jetzt funktioniert alles, wie ich es haben möchte. Also wie ich mir mein Zwischenziel gesetzt habe. Fertig bin ich noch lange nicht. Irgendwie sollte ich jetzt schlafen gehen, aber irgendwie lockt draußen auch gerade die Sonne.

24.03.2017

Datenbanken und XML

Ganz nebenbei: ich habe mich (noch einmal) Datenbanken und XML in Python beschäftigt, diesmal ziemlich intensiv. Eigentlich ist die Sache an sich unproblematisch; viel eher hat es bei mir in der Vergangenheit daran gehabt hat, dass ich kein Ziel vor Augen hatte, also ein Programm, bei dem es mich wirklich interessiert hat, es zu programmieren. Und so war auch jetzt der größere Erkenntniswert dass ich diese beiden Techniken in ein Programm zusammengeführt habe.

21.03.2017

Kollektive Identität

Seit anderthalb Wochen "bastle" ich an der Analogie herum. Hintergrund ist dreierlei: (1) Ich habe mich längere Zeit mit der Analogie beschäftigt, deren grundlegende Erklärung allerdings auf einem Portal veröffentlicht, welches seit zwei Jahren offline ist. Deshalb erschien es mir sinnvoll, diesen Artikel herüberzuholen. (2) In den letzten Jahren habe ich mich, wenn auch nicht zentral darauf bezogen, mit der Analogiebildung beschäftigt. Dazu gehören solche Gebiete wie: Didaktik der Arithmetik und Geometrie, Programmieren, Modellieren. Dabei hat sich meine Sichtweise deutlich verschoben. Dem müsste ich sowieso Rechnung tragen. (3) Über das Programmieren und Wittgenstein bin ich in den letzten Wochen wieder sehr intensiv mit der Analogiebildung beschäftigt gewesen.
Hier sind nun einige Notizen, die eher in den Bereich der Wissenschafts- und Ideologiekritik gehören, zumindest Vorstudien zu einer solchen sein könnten.

Kollektive Identität als durch Analogie gewonnener Begriff

Straub nennt den Begriff der ›kollektiven Identität‹ eine analogisierende Übertragung, die er „alles andere als unproblematisch“ (83) bezeichnet. Später (96) kritisiert er, dass der Begriff des ›Kollektivs‹ und der ›kollektiven Identität‹ ähnlich oder identisch gebraucht werden.
Als weitere Problematisierung macht Straub geltend, dass kulturelle Praktiken an der personalen Identität mitwirken (97). Damit kann zweierlei gesagt werden: dass personale und kulturelle Identität sowieso nicht voneinander abgrenzbar sind; oder dass hier eine Verwechslung vorliegt, die Merkmale der personalen Identität, oder auch dessen Genese, mit denen der kulturellen Identität ungebührlich vermischt und gerade durch die Analogie nicht zu einem besseren Verständnis von kulturellen Identitäten kommt.
  • Straub, Jürgen: Personal und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs. in Assmann, Aleida/Friese, Heidrun (Hrsg.): Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität Bd. 3. Frankfurt am Main 1998, S. 73-104

Personale Identität

Aber die personale Identität kann aus vielerlei Aspekten bestehen; und der vielleicht schlechteste Aspekt ist der grammatische, also jenes ›Ich-Sagen‹.
Man kann die personale Identität auch darin suchen, wie sich die Kohärenz eines Weltbildes herausbildet, und dieser gegenüber dann auch die Kohärenz des Selbsts. (Aber eine solche Auffassung setzt natürlich voraus, dass das Selbst aus dem Weltbild abgeleitet wird.) — Und hier muss man dann auch verstehen, dass Kohärenz ebenfalls ein grammatisches Phänomen ist, allerdings ein ganz anderes, als an die Subjektstelle des Satzes ein ›Ich‹ zu setzen.

Nachahmung und Modell

Die Analogie ist eine Übertragung einer Struktur, nicht einer Ähnlichkeit.
Diese Behauptung kann man allerdings nicht ganz so einfach stehen lassen: wenn ich sage, dass sich die Beine eines Hundes zu dem Hund selbst wie die Räder eines Autos zu dem Auto verhalten, dann handelt es sich um eine Verbalmetapher, die durchaus eine gewisse „Ähnlichkeit“ impliziert. Es ist eben eine ähnliche Bewegung. Und ich kann die Ähnlichkeit dadurch deutlich machen, dass ich sage: Der Hund ist von Ort A zu Ort B mithilfe seiner Beine gelangt; und ebenso ist das Auto von Ort C zu Ort D mithilfe seiner Räder gefahren; beides war ein Ortswechsel, und wie die Qualität dieses Ortswechsels war, das ist an dieser Stelle nicht so interessant.
Und was ist daran anders, als wenn ich das Modell unseres Sonnensystems auf das Modell des Atoms übertrage, oder wenn ich den Uroboros auf den Benzolring anwende?
Denn offensichtlich sind sich die beiden Modelle jeweils immer ähnlich; und wie das Atom und der Benzolring aussehen, weiß ich immer noch nicht. Dazu fehlt mir die sinnliche Wahrnehmung des Originals.
Kann man dann überhaupt etwas aus dieser Analogie schließen? Nun, offensichtlich liegt ja ein Erklärungswert darin, und darauf kommt es wohl an.

Der Weg der Analogie

Was aber bedeutet nun ›übertragen‹? Denn dabei handelt es sich offenbar um eine Metapher, so als würde ich eine Wahrnehmung von einem Ort zu dem anderen transportieren (und meine Erinnerungen sind dabei das, was für den Hund die Beine sind).

Die Gleichheit fühlen

Kann man das vielleicht so sagen, dass man eine Gleichheit fühlt, z.B. zwischen einer Metapher und dem eigentlichen Wort? Und wer diese Metapher nicht versteht – und es gibt ja Menschen, die bestimmte Metapher nicht verstehen – ist in diesem Sinne eben gefühlsblind.
Aber was wäre das für eine Art von Fühlen? Und wäre dieses Fühlen eher rezeptiv, eine Gleichheit erkennend, oder produktiv, eine Gleichheit herstellend? Hier gibt es eine ganze Menge an Fragen! – Warum z.B. hat man eine Gleichheit vorher nicht erkannt, und erkennt sie jetzt (wenn die Gleichheit als rezeptiv angenommen wird)? Oder was ist das für eine Gleichheit (zwischen zwei Elementen), wenn ich diese erst herstellen muss? Hier scheinen mir ganz viele Probleme in einem winzigen Stück Welt zusammengeballt zu liegen (die Metapher ist das Symbol für allerlei Sprach- und Verständnisprobleme).

19.03.2017

Guter Ratschlag zur politischen Situation

Statt sich in Bereichen mit verfallender Überzeugungskraft kontrafaktisch-normierend zu bewegen, dürfte es den Vorzug verdienen, die Differenz zu formulieren. Dies kann nicht mit einer bloßen Kritik der alteuropäischen Begriffsbildungen oder Analogieschlüsse geschehen. Das führt nur zur Abstraktion von Residuen der Tradition, die ihrerseits dann >nonkonformistisch< vertreten werden müssen. So endet man schließlich in einer fragwürdigen Polemik gegen >Konformismus< - nur um Konformität mit >Nonkonformismus< zu erwarten. In dieser Situation bietet sich der Versuch an, von hoffnungslosen zu unwahrscheinlichen Konzeptualisierungen überzugehen.
Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt am Main 1988, S. 288
Hervorhebung von mir
Ich habe vorhin eine Liste mit Begriffen angelegt, die sich derzeit als Streitbegriffe renommieren. ›Konformistisch‹ war einer davon, und deshalb hier der hübsche Fund (der auch gegen Habermas gerichtet ist).
Allerdings funktioniert Luhmann's Idee nur, wenn sich die funktionale Differenzierung breitflächig durchsetzt. Im Moment erleben wir nicht nur eine Rückkehr alteuropäischer Semantiken (gemeint sind Begriffsbildungen der Aufklärung und der Renaissance), sondern gelegentlich sogar eine von mittelalterlichen (Patristik und Scholastik); aber es mutet seltsam an, wie sich diese Phänomene zwischen den ganz modernen, dem Internet und der Virtualisierung, ausnehmen.
Zwischendurch habe ich fleißig weiterprogrammiert; derzeit in der Anwendung von UML, ich sagte es bereits. Zudem habe ich einige weitere Befehle ausprobiert, aus der Basisbibliothek von Python.

Wollen

1.
Beim Willen kommt es auch darauf an, WAS ich will. Ich will meinen Arm heben: aber ich kann ihn heben und eben das ist zugleich das Wollen. Aber wenn mein Arm in Gips ist, kann ich ihn nicht heben, obwohl ich es will, weil es mich z.B. unter dem Arm juckt.
2.
Kann ich das sagen: Ich will, dass es mich unter meinem Arm nicht mehr juckt; auch wenn ich weiß, dass ich nichts tun kann.
Und was mache ich, wenn ich etwas Unmögliches will?
3.
Aber ist es nicht Voraussetzung für den Willen, dass man nichts tun kann? Man kann auch sagen: ich kann mir mein Tun nicht vorstellen. Und eben das verändere ich durch meinen Willen.
4.
Ich habe etwas gewollt und habe es erreicht. Nun ist mein Wille zu Ende.
5.
Ich will etwas, aber ich weiß nicht was. - Ist das ein Anfang des Wollens?
6.
Betrachte andere Sätze des Wollens:
Ich will, dass du ehrlich bist.
Ich will ins Kino gehen.
Ich will Programmierer werden.
Ich will ein Mond aus grünem Käse werden.
Es macht schon einen Unterschied, ob man einen Zustand oder eine Handlung will. Weil es einen Unterschied macht, ob man einen Zustand oder die Herstellung eines Zustands in den Blick nimmt.
7.
Das transzendente Objekt ist nur deshalb ein Punkt, weil ich es nie fassen kann. Der Punkt ist das Unfassbare.
8.
Das Wollen unterscheidet sich aber auch danach, ob es einen Widerstand gibt.
Ich habe den Arm gehoben, weil ich es wollte. (Und ich sagte nicht: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es wollte; genauso wenig wie: Ich habe den Arm gehoben, obwohl ich es nicht wollte.)
Ich wollte den Arm heben, konnte es aber nicht. (Der Gips hinderte mich daran.)
Beide Male drücke ich eine Kausalität aus.
9.
Ich will, dass sich die Erde um die Sonne dreht.
Warum ist eine solche Aussage lächerlich? Nun, es gibt keinen Widerstand gegen die Aussage. Oder wenn es einen Widerstand gibt, dann nicht durch die Erde oder die Sonne (Galilei und die Kirche).
(Eine unkomplizierte Möglichkeit und eine unkomplizierte Unmöglichkeit sind dem Willen gleich.)
10.
Ich will, dass sich die Erde nicht mehr um die Sonne dreht.
Auch diese Aussage ist lächerlich. Aber warum ist sie lächerlich? Vielleicht, weil es nichts zu tun gibt. - Aber man kann es sich ja trotzdem vorstellen. Und wenn man versucht, die Welt entsprechend zu ändern, wird man eben scheitern.
11.
Sieh den Willen als das Experiment an, wie ich eine Kausalität in der Welt ändern kann. (Aber die Kausalität ist ein Produkt meiner Vorstellung.)
12.
Ich möchte erfahren, wie sich die Welt ändern lässt, und manche dieser Erfahrungen sind billig, andere unmöglich.
13.
Ich will mir ein Brot schmieren. - Warum sagst du das und tust es nicht einfach? Es hindert dich doch niemand.
14.
Im Willen erfahre ich die Hindernisse der Welt. Ich erfahre auch ihre je eigene Qualität und Intensität. - Hier ist die Erfahrung aber eine Begleiterscheinung meines willentlichen Tuns.

18.03.2017

eine Praxis erklären

Eine Praxis zu erklären heißt, zu erklären, wie sie notwendig mit ihren Effekten und Wirkungen verbunden ist. (Jede "Praxis" ist eine einzelne Situation. Es widerspricht der Handlung, zusammengefasst zu werden.)

17.03.2017

Große deutsche Lyrik; und wofür sich Türken schämen sollten

Es gibt sie noch, die große deutsche Lyrik. Thomas Gsella hat ein Gedicht auf den Jahrestag eines Schmähgedichts geschrieben. Das ist herrlich, zeugt von der Beherrschung der deutschen Sprache und trifft scharf.
Erdogan dagegen ruft zum Kinderkriegen auf. Und macht sich mit seiner Aussage
„Die türkische Justiz ist zweifellos gerechter, unabhängiger und unparteiischer als die deutsche Justiz.“
mal wieder völlig lächerlich. Zu den neuesten Entgleisungen Erdogans siehe Erdogan ruft Türken in Europa zum Kinderkriegen auf.
Wenn ich Türke wäre, würde ich mich für Erdogan aber sowas von schämen. Ich schäme mich ja selbst ein wenig für so viel Unsinn, obwohl ich dem Fremdschämen abgeschworen habe.
Übrigens habe ich gerade wieder auf Facebook einen solchen Selbstgerechten an der Backe; Erdogan ist entschieden kein türkisches Problem, und wer sich nicht als Autokrat im großen Stil etablieren kann, tut es eben im kleinen.

Dem darf ich noch einen kurzen, persönlichen Lagebericht hinzufügen:
Wittgenstein weiterkommentiert, wie immer mit allerlei Nebenliteratur im Schlepptau
den Winter über habe ich mich in UML eingearbeitet und viel zu wenig programmiert: gerade sitze ich an einem umfangreicheren Grafikprogramm; und verstehe UML erst jetzt so richtig, bzw. lerne gerade die gute Anwendung (für Neulinge: UML ist eine Sammlung von Methoden, um sich das Programmieren komplexer Anwendungen übersichtlich zu machen)
Politik nervt; aber politische Philosophie ist klasse (lese, kommentiere recht viel Habermas: der ist mir weiterhin suspekt - ich hatte mich einst, vor mittlerweile 25 Jahren, für Niklas Luhmann entschieden; und so sehr ich auch Habermas' Kleine politische Schriften anregend finde, so sehr bleibt mir seine Art von Hintergrund unter Dogmatismusverdacht, will sagen, dass ich mit meinem Luhmann immer noch sehr glücklich bin)

15.03.2017

Die Stimme der Vernunft

Die Stimme der Vernunft zeichnet sich wohl vor allem durch eine Eigenschaft aus: sie ist zu langsam.
Ich lese weiter meinen Wittgenstein. Dazu entstehen, manchmal wie im Flug, manchmal wie im Fieber, Notizen. Schon lange hatte ich nicht mehr eine so produktive Phase; Cavell, dessen Buch Der Anspruch der Vernunft vielleicht nicht die originellste Auslegung der Spätphilosophie Wittgensteins ist, aber eine sehr schöne und anregungsreiche, hat daran seinen Anteil. Dass ich darin im Moment noch keine Ordnung sehe, kommt mir allerdings nicht ganz so schlimm vor. Weiterhin schreibe ich neben den Fragmenten und Kommentaren kurze, meist ebenfalls fragmentarische Artikel, mal zur Mimesis bei Benjamin, mal zur hate speech bei Butler, mal zur Geometriedidaktik und mal zum Umgang mit Schülerfehlern, mal zu den Äußerungen Höckes und mal zu denen eines Erdogan (bzw. der Journalisten, die darüber berichten). (Es geht also "quer durchs Gemüse".)
Cavell schreibt also z.B.:
Die innere Despotie der Konvention besteht darin, dass nur, wer ihr Diener ist, wissen kann, wie sie sich zum Besseren verändern lässt, oder weiß, warum sie abgeschafft werden soll. Allein die Meister eines Spiels, nur diejenigen, die dem Projekt vollkommen dienen, sind in der Position, Konventionen aufzustellen, die dessen Wesen mehr entgegenkommen. Aus diesem Grund können tiefe revolutionäre Veränderungen dem Versuch entspringen, ein Projekt zu bewahren, es auf seine Idee zurückzuführen, die Verbindung zu seiner Geschichte nicht zu kappen.
Cavell, Stanley: Der Anspruch der Vernunft. Wittgenstein, Skeptizismus, Moral und Tragödie. Berlin 2016, S. 218

09.03.2017

Autsch, die Analogie

Das Deutsche und der Deutsche verhalten sich wie Lamm und Metzger.
Soll Deniz Yücel gesagt haben. Oder, frei nach Lichtenberg (und damit von mir):
Viele Deutsche besitzen ihre Kultur wie der Eunuch seinen Harem.
Das ganze gehört dann wohl in die Rubrik Analogie. Diese hatte ich mal, in einer fremden Zeitung, als einen zentralen Mechanismus des Humors herausgestellt. Mittlerweile ist diese Zeitung verschwunden und ich sollte das dann mal hier neuveröffentlichen.

08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.

07.03.2017

Gleiches wird mit Gleichem geheilt

James' Zustand verschlechtert sich, tiefe Depressionen führen ihn bis zu Selbstmordabsichten. In dieser Zeit wendet er sich der Philosophie zu, liest Hegel und andere deutsche Klassiker.
Diaz-Bone, Rainer/Schubert, Klaus: William James zur Einführung. Hamburg 1996, S. 21

05.03.2017

Politische Demarkationslinien, und was sonst noch so los ist

Dass Yücel festgenommen wurde, ist schlimm; aber anderes war eigentlich auch nicht zu erwarten. Man muss Yücel nicht leiden können. Allzuoft scheint er sich auf seine patriarchalen Gesten zu verlassen. Nur kann ein Unrecht nicht durch ein anderes Unrecht aufgewogen werden. Erdogans Behauptungen sind, gerade vor dem Verdacht, deutsch-türkische Imame hätten muslimische Deutsche ausspioniert, mehr als nur steil. Dass er, Erdogan, die fehlende deutsche Meinungsfreiheit beklagt, macht ihn vollends zum Kasper.
Volksverhetzung ist ein Straftatbestand in Deutschland. Welches Volk dort nicht verhetzt werden soll, steht nicht im Gesetzbuch. Wir müssen jedenfalls nicht hinnehmen, dass ein ganzes Volk in Zensur genommen wird, auch wenn dies bei vielen freiwillig geschehen sein mag, und auch, wenn dies nicht das deutsche Volk ist. Die neue Form des türkischen Präsidialamtes hebelt viele demokratische Selbstverständlichkeiten aus. Dem darf auf deutschem Boden nicht stattgegeben werden.

Alexander Grau hingegen fragt, ob man genauso empört reagiert hätte, wenn ein Akif Pirinçci in Untersuchungshaft gekommen wäre. Keine Ahnung, möchte ich sagen. Akif Pirinçci sitzt nicht in Untersuchungshaft. Das eben ist der Unterschied. Warum ins Blaue und Graue spekulieren?

Ich benutze das Wort Meinungsfreiheit nicht mehr, oder nur noch ganz selten. Ich frage, woher eine Tatsache stammt; ob der Redner die Quelle kennt, ob er zwischen Tatsache und Meinung trennen kann; oder ich frage ihn, was er will, warum er genau die Lage so beurteilt.
Meinungsfreiheit ist ein Rechtsgut an sich; aber philosophisch gesehen sind ihr weit engere Grenzen gesteckt. Sie ist voraussetzungsreich und funktional. Voraussetzungsreich ist sie, weil der Meinungshabende eine (Selbst-)Informationspflicht besitzt, die eben darin besteht, möglichst vielfältige verfügbare Tatsachen zu sammeln. Diese sollte er dann auch, mit Quellenangabe, ausweisen können. Funktional ist die Meinungsfreiheit, weil sie nicht in einer Art Selbstbehauptung (d. i. Rechthaberei) besteht, sondern in eine Diskussion von Begriffen münden muss. - All dies wird nicht beachtet. Die wahrlich feine Grenzlinie zwischen Beleidigung und Argumentation ist aber auch ein allzu akademisches Thema, nicht wahr?
Es mag sein, dass unsere Verfassung den weiteren Begriff der Meinungsfreiheit schützt. Jeder halbwegs gebildete Mensch sollte aber soviel Stolz besitzen, dass er dem philosophischen, engeren nach bestem Wissen und Gewissen folgt.
Meinungsfreiheit ist kein geschwätziger Aktionismus, sondern ein strenge, sittliche Haltung.

Was mache ich sonst?
Lesen, na klar: im Moment sind es vier Artikel über Wittgenstein, zwei zur Willensbildung, zwei zum Begriff der Seele. Alle vier sind so unterschiedlich, wie es nur sein kann. Zudem liegen die Bände 1 (Tractatus, PU, ...) und 8 (Gewissheit, Zettel, ...) beständig neben mir. Ich knüpfe bei meinen Kommentaren und Weiterentwicklungen immer wieder an andere Themen an (Leseunterricht, Geometrieunterricht, dialektische Hermeneutik (Sartre), Passagen-Werk (Benjamin)). Nichts davon ist vollendet; vieles im Umbau begriffen.
Veröffentlichen? Eher nicht, oder noch nicht. Im Moment suche ich nach einem neuen Zusammenhang. Der aber wird sich nicht direkt in einzelnen Betrachtungen ausdrücken. Fest steht nur, dass ich mich von den großen Begriffen - wie eben der Meinungsfreiheit - weiter distanzieren möchte. Präzision statt Pathos, so gut es eben geht.

Lest mehr Kant! Und mehr Wittgenstein!

Kitsch, zweite Lieferung

Alexander Grau ächtet den Kitsch; doch kassiert sich seine Polemik selbst, spätestens dort, wo er den moralischen Kitsch in der Geste der Empörung findet. Graus Kolumne im Cicero ist selbst auf Dauerempörung frisiert.
Vor allem bleibt Grau hinter dem hohen Niveau der Analysen zurück, die die ästhetische Theorie für den Kitsch erarbeitet hat. Die Ästhetik ist dabei nicht, wie der philosophisch unerfahrene Leser meint, die Lehre von dem Schönen und unabhängig vom gesellschaftlichen Zustand. Triftig, wenn auch nicht unangefochten, bleibt Wittgensteins Satz: Ästhetik und Ethik sind eins (Tractatus 6.421): und so mag der aktuelle Zustand der Ethik (die Moral) den aktuellen Zustand der Ästhetik (das Gefällige) mitbestimmen. So wenig man aber Wittgenstein in Gänze zustimmen kann, so befremdlich ist die vollständige Trennung bei Grau in einen ästhetischen und einen moralischen Kitsch. Kitsch war und bleibt Index einer Weltflucht und damit Politik eines unpolitischen Verhaltens.
Wo schließlich Grau die Objekte des Kitsches aufzählt: Menschenrechte, Gerechtigkeit, Gleichheit, klingt er trotz seines zur Schau getragenen Konservatismus wie der marxistisch-revolutionäre Marcuse:
Das gängige … Vokabular der Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit konnte auf diese Weise nur einen neuen Sinn, sondern auch eine neue Wirklichkeit erlangen …
Es ist ein bekanntes Phänomen, dass subkulturelle Gruppen ihre eigene Sprache entwickeln, indem sie die harmlosen Ausdrücke der Alltagskommunikation aus ihrem Kontext lösen und sie zur Bezeichnung von Objekten oder Tätigkeiten gebrauchen, die vom Establishment tabuiert sind. … Beispielsweise wurde »soul« (ihrem Wesen nach lilienweiß seit Platon) — der traditionelle Sitz all dessen, was sie Menschen wirklich menschlich, fundamental, unsterblich ist — das Wort, das im etablierten sprachlichen Universum peinlich, kitschig und falsch geworden war, entsublimiert und ist in dieser Transsubstantiation in die Negerkultur eingegangen …
Marcuse, Herbert: Versuch über die Befreiung. in Schriften Bd. 8, S. 270-271
Grau hat jedoch selbst, jenseits seiner falschen Polemik und im Widerspruch zu Marcuse, ein Wort zitiert, welches im Kontext seiner Rubrik ›Grauzone‹ peinlich falsch klingt: den der Analyse.
Kaum zu übersehen ist, dass er sich die Partei der Grünen als politischen Feind erkoren hat; kaum zu übersehen ist allerdings auch, dass diese Feindschaft nie den Kern der Sache trifft. Würde sein Angriff so treffen, dass die Worte im Diskurs stecken bleiben, wie einst Excalibur im schottischen Basalt; nur ein König könnte noch den Stein von dieser Wunde heilen. Dazu aber müsste er mit Kinder-Ernst sein Objekt genauestens untersuchen, und mit Philosophen-Ernst die Fundstücke zusammenstellen. An Fundstücken allerdings findet Grau nur, was sowieso schon in den Bannkreis seiner Verachtung geraten ist: die unerträgliche Musikshow kann gar nichts anderes mehr sein als eben unerträglich. So trifft die Polemik alles und nichts in postmoderner Beliebigkeit und ist so stumpf wie das Holzschwert, das man dem Tölpel und dem Narren zum Ritter-Spielen überreicht.
Darum auch kann sich Grau in seinem eingeschränkten Sichtfeld und seinem kaum analytischen Angriff weder gegen die marxistische Kritik eines Marcuse behaupten noch gegen die subtile (Selbst-) Ironie eines Barthes:
Die sogenannten Humanwissenschaften unterhalten so gut wie keine wahre Beziehung mehr zur gesellschaftlichen Praxis - es sei denn, sie verschmelzen mit ihr und gehen in ihr unter (wie die Soziologie); und die Kultur, die nicht mehr von der humanistischen Ideologie gestützt wird (oder immer mehr davor zurückscheut, sie zu stützen), kehrt in unserem Leben insgesamt nur als Komödie wieder: Sie lässt sich gewissermaßen nur mehr gebrochen rezipieren, nicht mehr als gerader Wert, sondern als umgedrehter Wert: Kitsch, Plagiat, Spiel, Vergnügen, Gefunkel einer Farcesprache, an die wir glauben und nicht glauben (das ist das Wesen der Farce), als ein Stück Pastiche; wir sind zur Anthologie verurteilt, es sei denn, wir wiederholten eine Moralphilosophie der Totalität.
Barthes, Roland: An das Seminar. in ders.: Das Rauschen der Sprache, S. 372 f.
Für Grau gilt, was Walter Benjamin in seinem Fragment Traumkitsch geschrieben hat:
Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. … Die Träume sind nun Richtweg ins Banale.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620
Benjamin nun versucht am Kitsch zu retten, was am Kitsch zu retten ist: wenn schon nicht den Prozess seiner Herstellung, von dem sich das kitschige Objekt vollständig abgelöst hat, indem es sich nur selbst bezeichnet; so doch den Prozess seines Gebrauchs: trägt doch der Kitsch, und sei es als Staub, die Spuren seiner Verwendung.
Wie wenig Grau das verstanden hat, beweist das Foto, das emblematisch über dem Artikel steht: es zeigt Claudia Roth und eine Art Tunte auf dem CSD. Jener verkleidete Mensch zitiert in seiner Verkleidung den Ort, wo diese Verkleidung entstanden ist: den Schminktisch mit all seinen Utensilien. Ironisch sagt das Kostüm noch einmal, was man in den Sozialwissenschaften seit langer Zeit weiß: Geschichte ist aus Geschichte gemacht, und die Wissenschaft von der Geschichte ist selbst nur eine Geschichte.
Wer das nicht erkennen will, für den hält Benjamin folgende Warnung bereit:
Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muss verschlafen haben.
Benjamin, Walter: Traumkitsch. in ders.: GS II.2, S. 620

12.02.2017

Deutschland mies machen

Irgendwie habe ich mich noch immer nicht beruhigt: Höckes Worte von der „Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes“ ärgern mich mittlerweile nicht nur komplett, sondern entsetzen mich geradezu. Diese Behauptung erscheint mir so absurd, dass ich sie zunächst gar nicht so deutlich wahrgenommen habe. Ich frage mich, wo dieser Mensch lebt, und wie viel er überhaupt von Deutschland mitbekommt: doch eigentlich so gut wie gar nichts; oder er ist einfach nicht in der Lage, all die kulturellen Leistungen, die in den letzten Jahren den Deutschen zugesprochen wurden, zu verstehen und zu würdigen.
Wer also macht Deutschland mies? Das sind doch vor allem Björn Höcke und seine Kumpanen. Wie übrigens die erinnerungspolitische Wende um 180° bei den Rechtspopulisten und Rechtsradikalen aussieht, hat letztes Jahr der Stern zum Gedenktag der deutschen Einheit auf bitterste Weise festgehalten: Von diesem Tag der Deutschen Einheit wird sich Dresden lange nicht erholen.
Wie verwirrt AfD-Anhänger sind, merkt man auch an den Schildern, die auf dem Foto in diesem Artikel hochgehalten werden: „Bürger haben Urteilsvermögen und sind mündig“; damit ist der Begriff der Mündigkeit, so wie unser Grundgesetz ihn von Immanuel Kant übernommen hat, schon weitestgehend ausgehöhlt. Die Mündigkeit zeigt sich, und da darf jeder gerne noch einmal in Kants Aufsatz Was ist Aufklärung? nachlesen, in der Diskussion von Begriffen. Für diese Diskussion stellt Kant eine Logik bereit; die Logik beschreibe nicht, „wie wir denken“ (dafür ist die Psychologie zuständig), sondern „wie wir denken sollen“, mithin beschreibt sie Normen des guten Denkens. Zentral an dieser Logik ist die Gewichtung der Argumente, also welchen Platz einem Argument eingeräumt werden darf. Und ein Argument ist noch keine Verknüpfung, wie dies heute üblicherweise gebraucht wird, denn eine Verknüpfung der Argumente geschieht erst in den Schlüssen, die dann (was aber eben auch häufig verwechselt wird) zu Schlussfolgerungen führt.
Was ich hier in aller Kürze umrissen habe, zeigt vor allem eines: wie weit sich nicht nur das Fußvolk der AfD, sondern auch Höcke selbst von einer Idee der Mündigkeit entfernt hat.
Ich könnte das ganze jetzt auch noch einmal zum Urteilsvermögen durchbuchstabieren; das ist bei Kant nämlich keineswegs Garant für die Wahrheit oder Richtigkeit, sondern ebenfalls nur ein Ausgangspunkt.
Lest mehr Kant, schreibe ich so ungefähr einmal im Jahr in meinen Blog (wie übrigens auch Harald Lesch); und ich kann es nur wiederholen. Denn es ist doch klar, dass all diejenigen, die jetzt vor allem Deutschland, Deutschland schreien und vielleicht dahinter sogar so etwas wie Preußen, Preußen meinen, von unserem guten alten preußischen Philosophen allerhöchstens den Namen kennen: die schimpfen vielleicht nicht über Kant, wie sie dies zurzeit bei Merkel, Lammert oder Gauck machen, aber die Missachtung, diese deutliche Missachtung eines immer noch großen deutschen Denkers drückt sich hier in der Praxis des Protestierens mehr als randständig aus: sie ist der Kern dieses ganzen Protestes, gelebte Unmündigkeit von Pinseln.
Nietzsche hat einmal gesagt, dass die Deutschen ein „erstaunlich déraisonnables Volk“ seien; und es sieht so aus, als seien Pegida und AfD nur deshalb angetreten, um diesen polemischen Satz noch einmal wahr werden zu lassen.
Es sieht also so aus, als hätten wir den Osten Deutschlands ein zweites Mal und eigentlich ein drittes Mal, wenn man die Zeit vor der Gründung der Bundesrepublik mit einbezieht, an eine antiaufklärerische Diktatur verloren. Dass es sich dabei um eine Minderheit handelt, ist besonders bitter; ich halte Minderheitenschutz für ein wesentliches demokratisches Prinzip, doch hier beginne ich tatsächlich zu wanken. Man kann diese Leute ja nicht ausweisen. Wer will sie schon haben? Aber vielleicht könnte man ihnen eine Enklave schaffen, irgendwo, in einem still gelegten Salzstock. Dort soll die Luft ja besonders rein sein. - Und dann kämen auch wieder die Touristen in unser Elbflorenz, um die Schönheit des alten und die Freundlichkeit und Weltoffenheit des neuen Dresdens in der ganzen Welt zu verbreiten.

03.02.2017

Kleine Übersichten

So ohne meinen eingerichteten Computer habe ich mich zunächst recht verloren gefühlt: alles, was ich bisher notiert habe, alle meine Arbeitsergebnisse liegen zwar auf meiner externen Festplatte, sind mir mit dem alten Computer, auf dem ich gerade schreibe, nicht zugänglich.
Mittlerweile habe ich die ersten drei Kapitel von Sartres Was ist Literatur? so weit durchgearbeitet, dass ich mir ein Zentrum für zukünftige Arbeiten geschaffen habe; und eigentlich bin ich damit zu einer Arbeitsweise zurückgekehrt, die ich in der Zeit vor dem exzessiveren Computergebrauch gepflegt habe.
Sartre ist übrigens kein einfacher, fragloser Mittelpunkt: er inspiriert mich derzeit eher, als dass er mich fundiert.
Was habe ich also gemacht?
Ich habe Übersichten angelegt:
  • von den kleineren sujets in jedem Abschnitt, also keine Abschnittsüberschriften, sondern eher kleine Inventare, auch wenn diese manchmal nur ein Stichwort für einen Absatz umfassen,
  • Listen mit Schreib- und Weiterdenkaufgaben (es gibt zum Beispiel bestimmte Begriffe bei Sartre, die auch bei Dewey auftauchen, aber doch unterschiedliches bedeuten),
  • kleine Mindmaps,
  • kritische Kommentare (die ich zunächst nur auf Zetteln notiert habe),
  • schließlich: ein Glossar mit wichtigen Begriffen (dieses allerdings nur für das erste Kapitel).
Ob ich dieses Glossar allerdings veröffentliche, muss ich mir noch schwer überlegen. Es ist nicht nur sehr roh, d.h. eine recht flüchtige Aufnahme, die viele Fehler enthält, sondern auch bereits sehr lang. Zumindest müsste ich mir eine gute Ordnung überlegen, die dieses Glossar, wie rudimentär auch immer, handhabbar macht. - Vielleicht bekomme ich meinen neuen Computer morgen (er ist unterwegs); dann kann ich mir konkreter darüber Gedanken machen.
Trotzdem bin ich zufrieden: gutes Lesen bedeutet ja, auf verschiedene Arten und Weisen in das Geschriebene einzudringen; und genau dies habe ich getan (Steigerungen sind weiterhin möglich).

31.01.2017

Martenstein und die Temperaturdämonen

Was Maxwell als Gedankenexperiment einführte, bezeichnete Kelvin später als Maxwellschen Dämon. Dabei handelt es sich um einen Dämon, der am Schieber einer kleinen Türe zwischen zwei gleichgroßen Räumen sitzt. Immer, wenn ein schnelles (also warmes) Molekül sich der Tür von der einen Seite nähert, öffnet der Dämon die Tür und lässt es durch. Umgedreht lässt er von der anderen Seite nur die langsamen (also kalten) Moleküle durch. So sorgt der Dämon dafür, dass zwischen den beiden Räumen ein deutliches Temperaturgefälle entsteht.
Maxwell nun brauchte dieses Gedankenspiel dafür, den zweiten Satz der Thermodynamik infrage zu stellen. Und tatsächlich hat dieses bloße Gedankenspiel dazu geführt, dass der zweite Satz deutlich reformuliert und ausgeweitet wurde.
Martenstein versucht sich nun seinerseits am Maxwellschen Dämon, allerdings für die Berichterstattung:
Stellen Sie sich eine Zeitung vor, die jeden Übergriff meldet, der von einem Asylbewerber begangen wurde, jede Belästigung, jeden Diebstahl, einfach alles. Und nun stellen Sie sich eine andere Zeitung vor, die jede Beleidigung und jeden Angriff gegen Ausländer meldet, ausnahmslos, egal wie gewichtig. In beiden Fällen stimmen die Fakten, beides kommt ja nicht selten vor. Da entstehen zwei völlig verschiedene Gesellschaftsporträts, zweimal die Hölle, beides auf der Basis von Fakten, und beides falsch.
So weit, so richtig. Allerdings hat die Gesellschaft schon immer mit dem "Postfaktischen" zu tun gehabt. Man nimmt sich etwas vor, von dem man denkt, dass es klappen könnte, und dann klappt es doch nicht: das ist aber nicht postfaktisch. Man behauptet, der Mensch stamme aus dem Paradies, und stellt dann fest: es war eine Steppe, in der Affenhorden den aufrechten Gang erlernten. Das ist ebenfalls nicht postfaktisch. Helmut Kohl hat einst dem Osten blühende Landschaften versprochen. Geblüht haben diese Landschaften aber schon immer (bzw. die Blumen, die sich darauf und zwischen den Städten befanden) und gesellschaftlich blüht dort heute tatsächlich so einiges, aber die Landschaft so an und für sich tut es nicht.
Anders als beim Maxwellschen Dämon ist die Lüge nicht nach dem zweiten thermodynamischen Hauptsatz zu fassen: eine Lüge heizt die Stimmung weiter auf und führt zur nächsten, bis schließlich das ganze soziale System zu kippen droht. Gelegentlich führt dies in einen Bürgerkrieg, gelegentlich dazu, dass Herrschende die überflüssigen Energien durch einen Krieg kanalisieren.
Entropiesenke nennt man so etwas in der Physik. Man sieht diese erst, wenn man vom System zurücktritt, sich gleichsam von ihm distanziert, und jene Wechselwirkungen in Augenschein nimmt. Als solch eine Entropiesenke empfiehlt Martenstein dann Lob des Zweifels von Berthold Brecht. Hier sei es, gleichwohl gekürzt, wiedergegeben:
Lob des Zweifels
Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

...

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
...
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
...

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

...

Du, der du ein Führer bist, vergiss nicht
Dass du es bist, weil du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!
Vollständig zu finden ist es in: Brecht, Berthold: Gesammelte Werke 9, S. 626-628.

29.01.2017

Deutschland zerfällt, oder?

Ich wollte nicht mehr, aber es hat dann doch ein nicht allzu geringes Suchtpotential: das facebook.
Es gibt da so lustige Menschen, die Zensur und Kritik verwechseln. Oder Kritik und Beleidigung. Oder Meinungsfreiheit mit ungehindertem Pöbeln, möglichst auf Intuition basierend und argumentationsfrei.
Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da hat man sich wenigstens noch die Mühe gegeben, größere Zusammenhänge zu stiften. Und an den Sachen dran zu bleiben. Wenn man derzeit weite Diskussionen ansieht, so geht es wie auf dem Schulhof zu, wenn dort zwei besonders zänkische Kinder aufeinandertreffen: Du bist Schuld! - Nein, du! - Nein, du! Besonders lustig dabei immer wieder die Rechtspopulisten, die Rassisten, die Ultranationalisten.
Nichts gegen den Nationalismus; ich bin eindeutig ein Kulturnationalist. Das habe ich mir schwer erarbeitet, auch wenn ich noch die vielen Lücken sehe, die dort klaffen (so fehlt mir immer noch in weiten Teilen der Hegel, und wenn ich auch schon einiges von Kant gelesen habe, so zerteilt sich die Frucht meiner Lektüren in tausenden kleinerer Anmerkungen, die noch nicht zu einem größeren Ganzen zusammenrücken wollen).
Entschieden habe ich aber etwas gegen Menschen, die sich auf die Staatsbürgerschaft berufen und dann so tun, als seien sie schon deshalb besonders gute Deutsche. Vielleicht erhält man damit so etwas wie den deutschen Staat, aber von Kultur fehlt dann immer noch jede Spur. Das ist ein bequemer, fauler, feiger Nationalismus. Das sind all die Menschen, die die deutsche Kultur innerlich so ausgehöhlt haben, dass sie beim kleinsten Stich in sich zusammenfallen. Das sind die, die Grimmelshausen nicht kennen, Heine nicht lesen wollen, sofort wissen, dass Wagner der bedeutendere Komponist als Schumann war und Mahler komplett ignorieren; und wenn man zu deutschen Malern fragt, dann kommt meist gar nichts mehr (oder Spitzweg! ausgerechnet Spitzweg!).
Deutschland ist in seiner Kultur so vielfältig, Deutschland hat so viele hervorragende Impulse auch aus dem Ausland aufgenommen (und dorthin zurückgegeben), dass man nicht einen gemeinsamen Nenner, eine Art durchgängiges Wesen finden wird. Wer das nicht sieht, der kennt eben seine deutsche Kultur nicht, und was immer er dann auch verteidigt: die deutsche Kultur oder unser "großartiges deutsches Volk" wird es nicht sein. So ist ein gewisser Nationalismus gerade nicht Nationalismus, sondern Anti-Nationalismus, kulturverachtend, kleingeistig, undeutsch, geradezu beschämend feige.
Es gibt Menschen, die von einem Goethe oder einem Wagner so löblich reden, nicht, weil sie die Erinnerung an diese lebendiger machen wollen, sondern die Erinnerung an eine Christa Wolf oder einen Uwe Johnson noch toter.