16.09.2016

Minecraft

Ich hänge mit meinem Programm gnadenlos hinterher. In den Sommerferien, so hatte ich groß getönt, würde ich die Videos zum Programmieren für Minecraft veröffentlichen. Vorher wollte ich noch: Python, HTML, CSS, Javascript und Unity 5. Javascript, dabei bin ich gerade, aber weiter noch nicht. Jetzt hat es mich doch genervt, und zumindest habe ich jetzt schon mal angefangen, selber für Minecraft zu programmieren.
Das ist übrigens ganz einfach. Eigentlich braucht man nur Grundkenntnisse in Python. Das Schwierigste daran scheint mir derzeit die Installation zu sein (die aber auch nicht so kompliziert ist). Das schöne beim Programmieren für Minecraft ist allerdings, dass man eigentlich schon eine fertige Umgebung hat, für die man nur noch kleine und kleinste Plugins schreiben muss. Man kann mit weniger als 20 Zeilen bereits das Spiel so abändern, dass neue, zum Teil ganz andere Spielverläufe möglich werden.
Schicke Sache, kann ich da nur sagen. Ich werde daran jetzt noch ein wenig weiter herum programmieren, und dann mal gucken, ob ich dafür einen Video-Kurs entwerfe.

Wilder Westen, wilder Osten

Novela yang ditulis pada 1881 ini aslinya adalah cerita lepas yang menjadi bagian awal dari suatu rangkaian kisah perjalanan yang berjudul Giölgeda Padischanün (Bayangan Padishah). Sedang “Bayangan Padishah” itu sendiri adalah bagian awal dari seri enam buku yang dikenal sebagai “Seri Timur” dengan masa penulisan selama 6 tahun lamanya (1882-1888). Di Indonesia seri ini dikenal sebagai seri Kara Ben Nemsi yaitu nama julukan si narator/si penutur sebagaimana halnya dengan nama Old Shatterhand untuk seri Wild West.
Will sagen: ich stöbere gerade im Karl May herum.
Dort fand ich die Aussage »Alykomün elleri - nehmt die Hände zurück!«, was bei dem derzeitigen Stand unserer gesellschaftlichen Integriertheit ganz gut zu wissen wäre, insbesondere von Frauen. Bevor ich etwas dazu schreiben wollte, dachte ich mir, sollte man vielleicht noch einmal recherchieren, ob es denn nun wirklich so heißt. Und siehe da: ich fand nichts, außer natürlich Karl May.
Gefunden habe ich auch jene Beschreibung, die ich eingangs zitiert habe, und die keineswegs türkisch, sondern indonesisch ist.

14.09.2016

Die Wiederkehr der ersten modernen Europäer!

Nicht ohne Grund darf ich die Mitglieder der AfD als die Rückkehr des ersten modernen Europäers bezeichnen. Wer war der erste moderne Europäer? Das war Don Quichotte, der über dem Lesen von Ritterromanen verrückt geworden ist; und erst kurz vor seinem Tode und als Anzeichen seines nahenden Todes kam er wieder zur Vernunft.

Der Kampf gegen die Gender-Ideologie

Gender zieht immer, Gender ist ein Reizbegriff, und dementsprechend gibt es entsprechende Aufmerksamkeit im Parteiprogramm dafür. Unwissenschaftlich sei es, und: abgeschafft gehöre es. Ein Riese sei es also, ein ganzes Feld von Riesen, die ihre klobigen Arme schwingen, und gegen die Don Meuthen ergriffen anstürmt, auf seiner Petrynante höckend. Die johlenden Kinder dazu bringt dann die Klapper-Storch.
Aber sieht man sich die Parteiprogramme der anderen Parteien an: da ist nichts Riesenhaftes zu finden. Zwei Absätze im Programm der Grünen, nicht mal eine Seite, in einem fast hundert Seiten fassenden Programm, und die dann auch noch nicht mal zum Gender Mainstreaming. Freilich: die konservative Presse - nehmen wir mal die Welt - hat dazu viel geschrieben, viel und laut. Alexander Kissler hat es zum Beispiel nicht nur geschafft, aus einem Parteitag der Grünen eine Nahtlosdiskussion über den Gender-Gap zu machen, sondern war sich auch nicht schade genug, das Ganze mit der faustdicken Lüge zu garnieren, die Grünen hätten nichts über Migration, nichts über wachsenden Terror zu besprechen gehabt. Dass das, was er als Kern des Parteitages in den Mittelpunkt gestellt hat, eine kurze, und wohl auch relativ unwichtige Diskussion war, das haben dann die Welt-Leser nicht erfahren.

Die AfD ist entschieden unwissenschaftlich

Meine Klage war, zumindest in den letzten anderthalb Jahren, vermehrt, dass die Gender-Theorie vereinfache, sich nicht wissenschaftlich weiterentwickeln würde, dass sie zum Beispiel auch die Herausforderung der Biologie nicht annehmen würde. Stehe ich damit auf der Seite der AfD?
Keineswegs. Die AfD wirft der Gender-Theorie vor, sie sei unwissenschaftlich. Das ist aber eindeutig falsch, denn die Untersuchungen, die veröffentlicht werden, entsprechen schon wissenschaftlichen Standards. Was die AfD damit wohl eher sagen will, ist, dass die Gender-Theorie unwahr (=falsch) oder nicht intelligent sei.
Wahrheit ist aber nicht das vorrangige Ziel von Wissenschaft. Man muss Wissenschaft heute als ein operatives System begreifen, welches zwar mit Wahrheiten operiert, aber vor allem dazu gut ist, zwischen Wahrheit und Falschheit zu vermitteln, also kein dogmatisches, sondern ein operatives, funktionelles Verhältnis herzustellen. Wenn die AfD nun der Gender-Theorie vorwirft, sie sei falsch, verhält sie sich sogar in doppeltem Sinne unwissenschaftlich: erstens verleugnet sie die wissenschaftlichen Standards, nach denen die Gender-Theorie ihre Publikationen auswählt; zweitens verleugnet sie aber das operative Verhältnis der modernen Wissenschaft, ein Verhältnis übrigens, das weit älter ist als die Gender-Theorie. Letzteres ist auch wesentlich gefährlicher, führt es doch in seiner Konsequenz weit hinter Immanuel Kant, noch hinter Christian Wolff zurück. Und wäre es nicht überall augenfällig, dass der Nominalismus trotz allem die letzten tausend Jahre hartnäckig überlebt hat, so müsste man sagen, dass uns die AfD mit einem solchen Wissenschaftsverständnis tief ins Mittelalter zurückführt und damit auch in ein Zeitalter dogmatischer Glaubenssysteme.

Gender-Intelligenz

Wir haben nun die Beschwerde, die Gender-Theorie sei nicht wissenschaftlich und nicht wahr, zurückgewiesen. Ist die Gender-Theorie aber intelligent? Mein Problem mit dem Intelligenzbegriff ist hinlänglich bekannt (denen, die meinen Blog seit längerer Zeit lesen). Fassen wir Intelligenz hier in einem weniger wissenschaftlichen als alltäglichen Begriff, nämlich als die Fähigkeit, sich in vielfältiger Weise auseinanderzusetzen.
Und tatsächlich habe ich hier ein Problem. Erstens hat die Gender-Theorie die Herausforderungen der Biologie nicht angenommen. Man hätte doch zumindest die Frage nach dem Menschen als auch biologisches Wesen ernst nehmen können, sobald der Vorwurf laut wurde. Konterkariert wurde dies ja noch durch die mangelhafte Aufnahme der Neurophysiologie in den Massenmedien. Dort haben sich die Menschen manchmal geradezu begierig auf jeden biologischen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Gehirn gestürzt, ohne auch nur einmal über die Reichweite einer solchen Erkenntnis nachzudenken.
Es ist, wie ich nun, nach mehreren Jahren der Auseinandersetzung, sagen kann, aber sogar recht einfach, den Gender-Begriff biologisch plausibel zu machen. Plausibel, denn wie ich oben schon geschrieben habe, kümmert sich die Wissenschaft nicht vorrangig um Wahrheit.
Unintelligent ist also, dass die Vertreter der Gender-Theorie sich um dieses Feld nicht genügend und/oder nicht öffentlich genug gekümmert haben. Es ist vor allem dann unintelligent, wenn man in der gesamten Gesellschaft von einer Rückkehr unwissenschaftlicher Glaubenssysteme sprechen muss. Wissenschaft konnte solange unpolitisch sein, solange sie in gewisser Weise durch das politische System geschützt war. Vielleicht hat sie das auch bequem gemacht. Vielleicht ist die Diskussion der Ergebnisse in und mit der Bevölkerung tatsächlich verpasst worden. Heute jedenfalls erscheint es mir dringlicher denn je, diese Diskussion auf breiter Basis wieder aufzunehmen und zu retten, was zu retten ist. Jedenfalls ist es ein schlimmes Zeichen, dass eine AfD mit völlig obskuren Behauptungen ihr Parteiprogramm füllt und dass es öffentliche, eigentlich schon altgediente Medien wie die Welt gibt, die sich mit einfach zu widerlegenden Falschmeldungen ihre Spalten füllen.
Das ist nämlich noch viel unintelligenter als die Gender-Theorie (in ihrer derzeitigen Ausprägung).

Bildung

Auch zur Bildung fällt mir bei der AfD wenig ein außer Kopfschütteln und Entsetzen. Vielleicht ist der AfD noch nicht aufgefallen, dass unser Bildungssystem sich recht selbstzufrieden in ihre anfänglichen Erfolge eingeigelt hat. Und die sind ja unbestritten. Lange Zeit war das duale Ausbildungssystem erfolgreich und damit zeitgemäß. Aber man wird einen Opa nun schlecht durch einen Uropa ersetzen können. Wenn drei mutige Schritte nach vorne gefordert sind, weicht die AfD zurück.
Dass Kompetenzen nur über Inhalte vermittelt werden können, ist nie bestritten worden. Wie? und Was? lassen sich theoretisch trennen, aber nicht in der Praxis. Die AfD tut so, als würde genau das passieren. Tatsächlich muss sich natürlich dieser Eindruck einschleichen: Kompetenzen sind nicht mehr spezifisch an einen bestimmten Inhalt gebunden. Sie sind im Ergebnis oft interdisziplinär und so werden sie auch häufig dargestellt. Erlernt werden sie aber über spezifischen Stoff; ein Blick in die Schulbücher genügt, um zu sehen, dass dies immer noch so ist.
Ein ganz anderes Problem ist die Diagnostizierbarkeit: ob eine Kompetenz bereits so gelernt worden ist, dass sie im Denken eines Kindes eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt hat, kann nur über gewisse Transferleistungen festgestellt werden, also der Fähigkeit eines Kindes, eine Kompetenz auf ein neues Gebiet zu übertragen. Solche Transferleistungen sind aber gelegentlich "zarte Pflänzchen". Man müsste, als Lehrer, mehr Zeit mit einem einzelnen Kind verbringen können, als dies in einer Schulstunde mit 24 oder mehr Kindern möglich ist.
Unser Bildungssystem müsste mutiger modernisiert werden. Veränderung, wie die AfD sie will, ist aber nur Veränderung, noch nicht Modernisierung.

Don Quichotterien

Der erste große europäische Roman stellt einen Ritter von trauriger Gestalt in den Vordergrund. Darin wird ein verarmter Landedelmann über dem Lesen fiktiver Abenteuerberichte verrückt und beschließt die Welt vor den allseits drohenden Gefahren zu retten. Heute sind diese traurigen Ritter zu Tausenden unterwegs; sie gründen eine Partei, sie lesen die Pamphlete ehemaliger Katzenautoren und selbsternannter Terrorerklärern. Irgendwann schwingen sie sich auch auf ihre Rosinanten und werden die Riesen mit den klobigen Armen suchen. Begleiten müssen wir sie nicht dabei. Niemand in Deutschland nennt sich Sancho Pansa. Und Wissenschaft kann schließlich auch ein Abenteuer sein. Oder?

12.09.2016

Ich weiß ja nicht …

Es ist ganz entschieden zu warm in Berlin. Ich fühle mich ziemlich dösig, schon den ganzen Tag. Am Alexanderplatz ist ein Mann auf den Brunnen geklettert, angeblich ein Ägypter. Er habe sich eine zersplitterte Glasflasche an die Kehle gehalten und Sachen gerufen, die niemand verstanden hat. In Mecklenburg-Vorpommern hat ein offenbar verwirrter Mann seine Freundin im Juni umgebracht und in der Wohnung liegen lassen.
Was habe ich noch gemacht? Parteiprogramme gelesen. Alle sind schrecklich, alle sehr oberflächlich. Ausnahmsweise heute auch die Bild online gelesen. In jedem dritten Satz finde ich einen Rechtschreibfehler. Auch schrecklich, kann ich da nur sagen.
Heute Morgen habe ich ein wenig mit PyQt programmiert; mittlerweile habe ich mir durch dieses riesige Zusatzmodul einige ganz gute Wege bauen können. Aber das wird noch lange dauern, bis ich es auch nur halbwegs gut beherrsche. Außerdem habe ich an meinem Javascript-Kurs fleißig abgearbeitet. Den hatte ich noch, wenn auch nicht ganz vollständig, in den Osterferien geschrieben. Bisher konnte ich aber nur einige wenige Videos erstellen. Ich hatte einfach zu wenig Zeit.
Außerdem wurde ich gelobt. Meine Programmier-Videos seien verständlich, im Gegensatz zu anderen. Liegt vielleicht auch daran, dass ich sie zeitlich immer etwas ausdehne, mir vorher Erklärungen überlege und meist einen einzigen Aspekt in den Vordergrund stelle.
Was Java angeht, so ärgere ich mich gerade ein wenig, aber wirklich nur ein wenig. Anfang der Sommerferien habe ich mir doch die neue Ausgabe zu Java ist auch eine Insel gekauft, weil meine alte noch für Java 6 gilt. Heute erfahre ich, dass in einem halben Jahr nun eine weitere Version herauskommen wird, Java 9.

11.09.2016

Sahra Wagenknecht

Man muss sie einfach mögen: statt mit irgendwelchem pseudowissenschaftlichen Quatsch zu kommen, präzise Erklärungen. Warum das Rentenproblem eigentlich kein Rentenproblem ist, was Flüchtlinge zu Terroristen macht, all das hier: Sahra Wagenknecht in Oldenburg.

10.09.2016

Die Wahrheit einer Insel

Es ist faszinierend, dass das ganze Internet mittlerweile voll ist von der Suche nach Kriterien der Wahrheit, sozusagen nach der Wahrheit der Wahrheit. Gegen ein solch selbstreferentielles Verhalten hilft nur eine gesunde Oberflächlichkeit. Streichen wir das Wort gesund, denn das würde ja bedeuten, dass es irgendwie auch einen Gegenbegriff dazu gäbe, also eine Krankheit.

Julia Schramm

Spezialistin

Aus irgendeinem Grund bin ich dann auf Julia Schramm gestoßen. Nein, es war eigentlich ganz einfach: irgend ein Kommentierender hat auf Julia Schramm verwiesen. Julia Schramm war früher bei den Piraten, heute ist sie bei den Linken (so habe ich das zumindest gehört), und ist „Spezialistin“ für Hate-speech im Internet. Spezialistin habe ich in Anführungsstriche gesetzt, weil ich mit diesem Wort nicht sonderlich viel anfangen kann. Wenn jemand mehr Spezialist in einer Sache ist als ich selbst, kann ich es nicht nachprüfen, und falls es umgekehrt sein sollte, wird sich, zumindest in geistes- und sozialwissenschaftlichen Gebieten, trotzdem keine vollständige Überschneidung ergeben: der andere bleibt weiterhin als Gesprächspartner interessant. Aber das nur so am Rande.

Diskurstheorie

Was mich dann noch interessiert hat, das war, was Julia Schramm zum Poststrukturalismus geschrieben hat. Dazu hat sie einen Artikel geschrieben, in dem sie dann auf die Diskurstheorie verweist (Nazis und Poststrukturalismus). Das war das erste, was mich an diesem Artikel gestört hat, denn die Diskurstheorie ist keineswegs deckungsgleich mit dem Poststrukturalismus, so wie der Poststrukturalismus in sich selber aus sehr unterschiedlichen Protagonisten besteht, die sehr unterschiedliche Werke geschaffen haben. Auf wen sich Julia Schramm bezieht, ist nicht auszumachen.

Statik

Ein Problem, was den Poststrukturalismus eint, ist, dass alle Autoren Probleme mit einem statischen, geschichtsvergessenen Denken haben. Allerdings ist die Haltung der Poststrukturalisten hier deutlich schwieriger, als einfach nur an eine Rückkehr zur Geschichte und Geschichtsschreibung zu glauben. Vor allem ist die Haltung aber gegen eine bestimmte Art des Strukturalismus gewandt, die die von Claude Lévi-Strauss ausgearbeitete Methode als Theorie begriff. Lévi-Strauss selbst hat die strukturalistische Methode dazu benutzt, um umfangreiche Modelle zu erstellen. Er hat aber gleichzeitig deutlich gemacht, dass diese Modelle nicht die Wirklichkeit beschreiben, sondern Hilfsmittel sind, um die Wirklichkeit zu betrachten.
Was Julia Schramm in ihrem Artikel dann macht, ist der Versuch, eine Merkmalsliste aufzuschreiben, welche Elemente zu einem nationalsozialistischen Diskurs gehören. Das ist nicht falsch (weder von der Methode her noch inhaltlich), aber doch recht statisch gedacht. Es gibt Dynamiken, in die Menschen hineingeraten und durch die sie dann gar nicht anders können, als bestimmte Elemente, eben auch faschistische, zu wiederholen; und es braucht Zeit, um sich davon zu distanzieren. Ich will damit sagen, dass faschistisches Denken durchaus nicht so einfach zu erfassen ist, wie Julia Schramm das hier zum Besten gibt.

Natürlichkeit

Nehmen wir zum Beispiel die Natürlichkeit. Julia Schramm schreibt:
Dass es eine natürliche Ordnung gibt, die Menschen befolgen sollten (Hierarchien, etc.)
Nun ist das gar nicht so einfach mit dieser natürlichen Ordnung, selbst bei Nazis nicht. Denn offensichtlich herrscht bei diesen „naturalisierten“ Deutschen eine große Verwirrung darüber, was überhaupt Deutsch sein soll. Das ist ja meine ewige Klage: es ist nichts aus ihnen herauszubringen außer einer Art Tautologie, dass deutsch eben das sei, was deutsch ist. Solche Tautologien tauchen meist in erweiterter Form auf, nämlich als Umweg über den anderen, der eben nicht-deutsch sei (siehe auch: Gauck und Lewitscharoff und die Bio-Politik).
Es gibt wohl Strategien der Naturalisierung und der Denaturalisierung, des Verwahrheitlichens und Verlügnens, nur ist das, was sich dahinter immer wieder in Szene setzt, dass das Sprechen über etwas schon das Sprechen aus einer bestimmten Position heraus erforderlich macht. Und auch Julia Schramm spricht von einer Position aus, die sie wahrscheinlich nicht als natürlich bezeichnen würde, aber eben doch als vernünftig, oder, wie sie schreibt, „intellektuell“. (Das ist übrigens noch so ein Begriff, den ich nie begriffen habe.)
Dummerweise wird damit der Begriff der Natürlichkeit selbstreferentiell. Plötzlich wird es natürlich, die Natürlichkeit zu kritisieren. Und so dümmlich es auch ist, wenn ein Hagen Grell von seiner „natürlichen Männlichkeit faselt, so albern ist es, dies durch andere Natürlichkeiten – wie zum Beispiel dem „wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften“ – zu ersetzen.

Uns

Schließlich erlaubt sich Julia Schramm auch noch eine Art „Besitztum“: Sie spricht davon, dass derselbe Diskurs, der den Holocaust ermöglicht habe, auch uns geprägt hätte. Genau das aber ist eine komplette Geschichtsvergessenheit, und implizit führt Julia Schramm hier sogar einen nationalistischen Gedanken wieder ein, den sie doch so gerne aus der Welt schaffen würde.
Erstens ist der Diskurs nie derselbe. Nach fünfzig Jahren sollte man zumindest ahnen, dass sich der Diskurs geändert hat. Wie sehr und in welchen Elementen, das wäre zu überprüfen. Was aber auch keineswegs heißt, dass der Diskurs heute weniger gefährlich, mit weniger „Vernichtungspotential“ versehen sei.
Zweitens dreht Julia Schramm zwar das Besitztum um: Nicht wir besitzen den Diskurs, sondern wir sind vom Diskurs besessen. Aber damit konstituiert sie, so lose auch immer, eine Menschengruppe, die dies im besonderen Maße betrifft. Ich bin nun sehr dafür, für den Holocaust weiterhin Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung in dem Maße, dass er sich nicht wiederholen soll, nicht an den Juden, aber auch nicht an irgend einem anderen Volk oder einer anderen Religionsgemeinschaft. Aber diese Verantwortung kann ich nur für mich übernehmen; ich kann hier, auch wenn ich an der Komplexität der Verhältnisse ständig scheitere, nur so vorbildlich sein, wie es möglich ist und wie ich mir ein Vorbild vorstelle, also vermutlich auch dadurch begrenzt.
Ein „uns“ oder ein wie neues oder altes „Wir-Gefühl“ auch immer gibt es dabei nicht, jedenfalls nicht bei mir.

Die Suche nach der Wahrheit

Jedenfalls hat sich, nicht durch Julia Schramm, aber durchaus mit ihr, ein sehr unangenehmes Thema in den Medien breit gemacht, insbesondere aber im Internet, ebenjener Kampf um die Wahrheit und die Wahrheit der Wahrheit. Um weniger soll es also nicht gehen, und das wird dann in einem teils arroganten, teils ignoranten Tonfall vorgetragen, der mit Sicherheit nicht zur Wahrheit führen wird (falls es eine solche überhaupt gibt), aber zu einem Einverständnis, zu einer Glättung gesellschaftlicher Spannungen sicherlich auch nicht.
Meine Lieblingsstelle aus dem ganzen Artikel ist jedoch folgender Satz:
Ja, ich weiß Diskurstheorie ist anstrengend, aber ich empfinde es zum Teil als tief anti-intellektuell, wenn eine Partei sich dem wissenschaftlichen Stand der Geisteswissenschaften verweigert.
Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was nun der wissenschaftliche Stand der Geisteswissenschaften sein soll (da gibt es doch noch anderes, nicht nur den Poststrukturalismus in seiner Uneinheitlichkeit, da wäre der New Criticism zu nennen, ebenfalls keine Einheit, oder eventuell solche Sonderlinge wie Slavoj Žižek); welche Partei hätte denn überhaupt die Zeit, sich auf den wissenschaftlichen Stand zu bringen und wenn, warum müssen es jetzt unbedingt die Piraten sein; was Anti-Intellektualismus angeht, da fallen mir doch noch ganz andere Parteien ein.
Abgesehen davon, dass Julia Schramm implizit, eben aus ihrer Position heraus, behauptet, sie würde diesen wissenschaftlichen Stand kennen (und besitzen).

09.09.2016

Regressionsanalyse II

Eine ganz andere Art der Regressionsanalyse wurde mir heute an der Uni aufgedrängt. Da stand vor einem Regal in der Bibliothek eine jüngere Frau (also jünger als ich) mit einem aufgeschlagenen Buch. Darin kritzelte sie eifrig herum.
Was sie dort mache?, fragte ich.
Sie würde Stellen für ihre Diplomarbeit markieren.
Ob sie sich nicht das Buch ausleihen könne, um sich die Stellen herauszuschreiben?
Hier folgt ein kleines Geplänkel, was mich das denn angehen würde. Das endete dann damit, dass diese junge Frau sich für besonders wichtig hielt, und sie nicht mit Bleistift, sondern mit Kuli markieren würde, damit es niemand wegradieren könne.
Ich wünsche dieser Frau auf jeden Fall kein Glück, denn meine Erfahrung ist, dass diese Buchkritzler nur hübsche Stellen heraussuchen, diese meist aber nur sehr oberflächlich verstehen, also unwissenschaftlich.

Regressionsanalyse I

Gestern abend war ich auf einem Vortrag, den ich nur mäßig interessant fand: es ging um die Regressionsanalyse, d.h. um die (statistische) Errechnung von Kurvenverläufen und den darauf folgenden Vorhersagen.
Neben der Rauschreduktion ist dabei vor allem auch die Fragestellung wichtig, für was eine solche Analyse benötigt wird. Um ein Beispiel zu geben: trotz der Klimaerwärmung schwankt das Wetter zum Teil sehr stark. Um die Klimaerwärmung zeigen zu können, müssen die Wetterschwankungen als Rauschen herausgerechnet werden. Trotzdem gab es in den letzten zehn Jahren eine Stagnation (zum Glück!), die von den neuesten Daten allerdings aufgehoben wird. Trotzdem macht es Sinn, die Wetterdaten nicht nur langfristig zu betrachten, sondern auch in kleineren Abschnitten, um Thesen aufstellen zu können, warum die Klimaerwärmung der letzten zehn Jahre schwächer war.
Auf die Frage hin, nach welchen Regeln man eine günstige Berechnung durchführen kann (denn es gibt sehr viele Arten, Daten zusammenzufassen), wusste der Vortragende keine wirkliche Antwort. Bzw. war sie unbefriedigend. Ich denke, man muss hier in zwei Schritten vorgehen. Zuerst gebraucht man all die Regressionsanalysen, deren Ergebnis eine Aussage zulässt. Dann vergleicht man die Aussagen entlang ihrer semantischen Homogenität. Das heißt, man führt ein zweites statistisches Kriterium für die Ergebnisse ein, welches die Häufigkeit ähnlicher Aussagen als "Qualitätskriterium" verwendet.

06.09.2016

Dieser Streit um Worte

Žižek bleibt für mich weiterhin faszinierend. Nebenher lese ich wieder viel Lacan, d. h. vor allem Sekundärliteratur zu Lacan. Dummerweise nämlich gehören die Lacan-Bücher in der Unibibliothek zum Präsenzbestand, zumindest in ihrer deutschen Übersetzung. Und an die französische Fassung mag ich mich nicht wagen; ich besitze zwar vier Bücher von Lacan auf Französisch (die alte, zweibändige Ausgabe der Écrits, in der noch einige wichtige Schriften fehlen; zudem das erste und das vierte Seminar), doch hat mir eine kleine Passage aus Position de l'inconscient deutlich vor Augen geführt, dass ich nur mit sehr viel Mühe zugleich das Französisch von Lacan und seine Form der Psychoanalyse lesen kann.

Derrida und Žižek

Doch darum soll es hier gar nicht gehen. In seinem Buch Denn sie wissen nicht, was sie tun kritisiert Žižek die Hegel-Lektüre Derridas. Bekanntlich bildet ein Kernstück der hegelschen Philosophie der dialektische Gang These-Antithese-Synthese, wobei die Antithese die These negiert, die Synthese die These samt ihrer Negation in einen umfassenderen Begriff „aufhebt“. Am Ende stünde dann das absolute Wissen, in dem jeder Widerspruch aufgehoben ist, und der Weltgeist, für den (salopp gesagt) Geist und Welt identisch sind.
Eine solche vollkommene Identität, schon den Weg dorthin, muss natürlich ein „Theoretiker der Differenz“, unter anderem also auch Derrida, kritisieren. Die Identität ist nur aufgrund der Differenz möglich, und weil die Differenz der Identität vorausgeht, ist die Identität nichts Feststehendes, sondern gleitet entlang des Risses, der diese Identität durchzieht.

Žižek dagegen präsentiert eine ganz andere Lektüre von Hegel. Žižek liest die Negation gerade nicht als eine Verneinung, sondern als eine Art Extremposition der These selbst. Žižek begründet das damit, dass sowohl die These als auch die Negation zum Symbolischen gehören. Und wie Žižeks eigentlicher Lehrmeister, Jacques Lacan, geht er von dem sprachlichen System aus, dass der französische Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure beschrieben hat: die Sprache (langage) ist ein System aus Differenzen, welches durch die Rede (parole) aktualisiert wird, aber eben nie vollständig, sondern immer nur punktuell: man kann die gesamte Sprache nicht auf einmal sprechen.

Nun ist die Weiterführung in die Synthese bei Žižek reichlich kompliziert. Das möchte ich hier nicht darstellen.
Was ich witzig finde, ist, dass Žižek nun zu der Schlussfolgerung kommt, dass Derrida zwar Hegel falsch liest, aber doch eigentlich Hegelianer ist, weil er genauso wenig von der absoluten Differenz ausgeht, wie Hegel selbst. Und hier schleicht sich dummerweise in diese Argumentation ein Fehler ein: denn Derrida liest Hegel schon genau richtig, bzw. er liest Hegel in dem Sinne richtig, als er ihn im Lichte der wichtigen Hegelinterpretationen liest. Und nicht gegen Hegel, zumindest nicht direkt, verwahrt sich Derrida, sondern zunächst gegen die Hegelinterpretation. Nichts anderes aber macht Žižek. Und stellt dann rundheraus fest, dass Derrida nicht nur ein Hegelianer ist (was ziemlich unbedeutend wäre, denn Derrida hat die hegelianische Dialektik nie vollständig, nie absolut kritisiert), sondern vor allem ein Žižekianer, der dann doch genauso philosophiert, wie Žižek das gerne haben möchte. Wo Žižek war, wird Derrida schließlich ankommen.

Selbstimmunisierung

Ich schicke zur Vorsicht noch einmal voraus, dass ich Žižeks eigentlich noch gar nicht verstanden habe. Was ich an seinem Werk so faszinierend finde, ist, dass er dadurch, dass er sowohl das ausgeschlossene Dritte als auch den Widerspruch selbst, die statische wie die dynamische Betrachtung in ein System zu integrieren weiß, sondern ihm auch jeden Widerspruch gegen ihn selbst oder stellvertretend gegen seine Lehrmeister Lacan und Hegel (und in gewissem Sinne auch Marx) zu parieren gelingt.
Etwas bösartig müsste man also sagen, dass Žižek es geschafft hat, eine völlig paranoides und narzisstisches System auf einem höchst intellektuellen Niveau zu platzieren. Das ist ein hübscher Gedanke. Allerdings sollte dieser Gedanke die Leser nicht abschrecken: schließlich ist ein Autor nie Herr über seine Werke. Und insofern ist Žižek, weil und obwohl er Žižek ist, ziemlich lesenswert.

05.09.2016

Lesekompetenz II

Ob es denn besonders wichtige Methoden gäbe, die man für eine Lesekompetenz trainieren müsse, so fragte mich jemand und verwies auf meinen Artikel über die Lesekompetenz.

Objektive und subjektive Leseerfahrung

Ja und nein, kann man dazu sagen. In der westlichen Schulbildung (und von anderen habe ich keine Ahnung) gibt es einen ausgesprochenen Hang, Texte metasprachlich zu lesen, d. h. den Text zum Objekt zu machen. Selbst Textsorten, von denen man meinen sollte, dass sie vor allem subjektive Leseerfahrungen wiedergeben, wie zum Beispiel Rezensionen, werden in ein objektivierendes Vokabular eingepackt. Die zentrale Aussage des objektiven Lesens ist diese: »Ich lese den Text.«
»Ich lese mich (selbst) durch den Text hindurch.« – Eine solche Aussage bezieht sich auf die Selbsterfahrung und darauf, dass sich ein Lesevorgang nie wirklich zu Ende bringen lässt und immer etwas Offenes bleibt. Dies ist das subjektive Lesen, welches sich nur insofern auf die Metasprache stützt, um auch daraus eine Konnotation zu machen. Die Konnotation kann als ein Einfall verstanden werden, der zugleich über den Text und den Leser etwas aussagt.

Lesetechniken

Aber das war ja nicht die Frage. Nun, es gibt tatsächlich einige Techniken, die ich für recht wichtig erachte.

Fragen an das Thema

Eine erste Technik, um dem eigenen Lesen mehr halt zu geben, besteht darin, Fragen an das Thema aufzuschreiben. Und ich spreche hier tatsächlich vom Aufschreiben, nicht nur vom Formulieren. Der Unterschied zwischen dem einen und dem anderen ist zweierlei: durch das Aufschreiben wird die Frage besser verinnerlicht und leitet so das Lesen besser; wenn man Fragen nur in Gedanken formuliert, ist man gerne schlampig: durch das Aufschreiben präzisiert man häufig, was man lernen möchte. Drittens kann man aber, und das ist auch noch ein sehr wichtiger Aspekt, später auf diese Fragen zurückgreifen. Denn beim gedanklichen Durchdringen eines Textes ist es wichtig, dass Gelesene partiell zusammenzufassen. Und das kann man mithilfe von Fragen sehr gut. Diese Fragen muss man nicht unbedingt vorher formulieren. Allerdings ist es ein ganz angenehmer Effekt, wenn man vorher eine Frage hat, diese hinterher dann beantwortet. Dadurch ergibt sich so etwas wie ein Effekt der Kontinuität.

Punktuelles Lesen, Begriffe und Alltagsdefinitionen

Nun ist das nicht unbedingt meine Technik, auch wenn ich weiß, dass einige Menschen damit gut zurecht kommen. Mir geht es immer so, dass ich, sobald ich anfange, Fragen aufzuschreiben, so viele Fragen habe, dass ich gar nicht mehr zum Lesen des konkreten Textes kommen würde.
Also beginne ich anders. Zunächst blättere ich das Buch durch, lasse dabei meiner Aufmerksamkeit auf der einen oder anderen Stelle ruhen und schreibe mir Begriffe heraus, die mir auffallen. Wenn ich genügend Begriffe gesammelt habe, definiere ich diese Begriffe. Manchmal benutze ich dazu Alltagsdefinitionen, also das, was mir im Moment dazu einfällt, egal wie gewöhnlich das auch sein mag. Oft nutze ich aber meinen Zettelkasten dazu, der mir zu vielen Themen bereits Substanzielles bieten kann: eine gewisse Kontinuität in meinen Themen ist dabei natürlich von Vorteil.

Teilüberschriften finden

Diese Technik wird in der zweiten Klasse eingeführt (zumindest in allen Lehrbüchern Cornelsen-Verlags). Ich benutze diese Technik ständig. Da der Zettelkasten (von Daniel Lüdecke) für jeden Zettel eine Überschrift anbietet, und da es ganz nützlich ist, seine Zettel mit solchen Überschriften zu versehen, fülle ich dieses Feld natürlich immer aus. Wenn ich mich mit einem Buch beschäftige, was ich meist mithilfe meines Spracherkennungsprogrammes mache, lese ich einen Abschnitt, fasse diesen in einer Überschrift zusammen, und meist folgt dann ein Zitat oder ein Kommentar zu der Stelle, mitsamt eines Verweises in das Buch hinein, also der Seitenzahl.
Irgendwann später schaue ich mir dann die Überschriften noch einmal an und erstelle so etwas wie eine Lesesynopse.
Aber eigentlich ist die Teilüberschrift etwas viel einfacheres: zu jedem Absatz, bzw. zu jedem Sinnabschnitt wird eine Überschrift formuliert. Manchmal umfasst eine Teilüberschrift mehrere Absätze, wie dies bei populärwissenschaftlichen Büchern häufig der Fall ist: hier dehnen zahlreiche Beispiele die Kernaussage häufig aus; oder ein Absatz muss in mehrere Abschnitte zergliedert werden, weil darin eine argumentative Bewegung sichtbar wird, die sich nur schlecht in eine einzelne Überschrift zusammenfassen lässt. Kant zum Beispiel.

Skizzieren

Ganz sinnvoll ist auch die Verwendung eines ganz anderen Mediums, gerade, wenn man einen besonders schwierigen oder unübersichtlichen Text erfassen möchte. Bei diesen Skizzen verwende ich ganz unterschiedliche Formate, gelegentlich sind es Mindmaps, manchmal sind es Modelle der Beeinflussung (das sind dann meist Begriffe, die durch Pfeile miteinander verbunden sind; an den Pfeilen steht meist ein entsprechendes Verb, um den Einfluss zu präzisieren), usw. – ich habe hier keine feste Methode.

Unterrichtseinheiten entwerfen

Eine etwas ungewöhnliche, aber bei mir dann doch naheliegende Methode, ist die, zu einem Text eine Unterrichtseinheit zu entwerfen, also eine Abfolge von einigen wenigen Unterrichtsstunden. Ich frage mich dann, wie ich das, was ich gerade gelesen habe, am besten anderen Menschen beibringen könnte. Dazu sammelt man Lernziele (ein Grobziel, Stundenziele, Feinziele, eventuell auch ein Richtziel, obwohl dieses über die Unterrichtseinheit oftmals weit hinausgeht), ordnet diese, entwickelt dazu Handlungsmöglichkeiten, die die Schüler am Ende jeder Stunde können sollen, usw.
Tatsächlich nützt mir eine solche Behandlung eines Themas oftmals besonders viel, da ich dadurch eine ganz andere Klarheit in meine Gedanken bringen kann.

Schluss

Das sind einige der Möglichkeiten, wie man seine Lesekompetenz trainieren kann. Tatsächlich hängt über meinem Schreibtisch eine Mindmap, in deren Mitte die „Lesetechnik“ PQ4R (preview, question, read, reflect, recite, review) steht. Darum herum versammeln sich die sechs Begriffe, die sich unter dieser Abkürzung verbergen. Allerdings habe ich diese dann noch weiter aufgeteilt, sodass sich in dieser Mindmaps ein zweiter Ring befindet, der auch nicht alle, aber doch zumindest einige der mir wichtigen „Handlungen am Text“ aufzählt.
Insgesamt glaube ich aber, dass jeder Mensch sich sein eigenes Methodenrepertoire zulegen sollte. Die Betonung liegt hier auf der Methode selbst; diese ist eine wiederholte Handlung. Der Vorteil einer Methode ist, dass man früher und schneller mit ihr abschätzen kann (wenn man sie hinreichend gut beherrscht, d. h. hinreichend gut geübt hat), was für einen selbst in einem Text hilfreich ist.
Bleibt noch zu sagen, dass zwei Sachen mir beim Lesen auch noch wichtig sind: die eine ist die Zusammenfassung, also das Komprimieren eines Textes auf wenige Kernaussagen, und das andere ist das Treibenlassen, also eine Art freier Assoziation, wobei ich nicht Wörter assoziiere (wie bei einer Mindmap oder beim Freewriting), sondern Fragmente, also schon irgendwie geordnete Textstücke.

04.09.2016

Spracherkennung und Bedeutungserkennung

Die neue Version von Dragon NaturallySpeaking zeigt sich jetzt doch deutlich besser: in der letzten Version, der Version 14, wurden kleine Wörter wie in, mit und nicht gerne verschluckt. Das passiert in der neuen Version nicht mehr. Zudem sind einige der Befehle, um Anwendungen zu steuern, jetzt äußerst zuverlässig. Es lohnt sich also schon, auf die neue Version umzusteigen.

Semantische Analyse

Nicht lohnt sich, und das wahrscheinlich noch auf lange Zeit, mein eigenes Programm zum Erkennen von semantischen Profilen zu benutzen. Nun gut, ich hatte auch nichts anderes erwartet. Immerhin werden die Sätze mittlerweile ganz ordentlich analysiert, und auch die Ausgliederung von Nebensätzen geschieht recht zuverlässig. Große Probleme macht die Satzinversion. Und auch die Unterscheidung zwischen Objekten und Adverbialen gelingt nur bedingt gut.
Und all das ist ja nur die Voraussetzung dafür, dass daraufhin eine semantische Analyse stattfindet. D. h., dass mein Programm für die semantische Analyse bisher noch gar keine semantische Analyse durchführt. Aber ich sitze ja auch erst seit anderthalb Wochen daran. Irgendwann soll dies mal so etwas wie Textprofile aus unterschiedlichen Blickwinkeln erstellen.
Was mir derzeit am meisten Probleme macht, ist der Algorithmus, mit dem Sätze am günstigsten aufgespaltet werden, und dann natürlich auch die dazugehörige Datenstruktur. Zudem müsste ich das ganze in eine Datenbank einpflegen oder mir mal anschauen, wie die Wörterbücher für Winword oder so aufgebaut sind: bisher habe ich alle Wörter, mitsamt ihren Wortarten und anderen spezifischen (grammatischen) Komponenten, nur in einer kleinen Textdatei gespeichert, was aber, wenn die Daten komplexer werden sollten (was voraussehbar ist), unhandlich wird.
Jedenfalls ist das bisher das längste Programm, was ich jemals geschrieben habe, mit fast tausend Zeilen Code, und es ist auch das langsamste. Um ein mäßig dickes Buch wie den ersten Band von Harry Potter zu analysieren, braucht es knappe vier Minuten. Und zwar nur mit der Reichweite, wie ich sie eben dargestellt habe. Die eigentlichen analytischen Funktionen habe ich noch gar nicht implementiert.

03.09.2016

Das ganze Nichts

Irgendwie strebt Slavoj Žižek mit seinem Buch Weniger als nichts nicht weniger als das Ganze an.
Das jedenfalls ist der ganze übrig gebliebene Rest von meinem Versuch, ein Buch im Kampfmodus zu lesen, von einem Philosophen, von dem ich keinerlei Ahnung habe.

Raus aus dem Elfenbeinturm

In letzter Zeit habe ich mich gelegentlich darüber geärgert, dass sich die Fachwissenschaftler so wenig darum zu kümmern scheinen, wenn ihr eigenes Fach in der öffentlichen Debatte verhunzt wird. Das hat mich schon damals, als Eva Herman mit ihrer „internationalen Bindungsforschung“ kam, ziemlich verwundert. Eva Herman zitiert zwar, soweit ich sie gelesen habe, weitestgehend richtig, aber sehr ausgewählt, und kommt dann zu weitreichenden Schlüssen, die die Forschung nicht mehr bestätigen kann.
Neulich habe ich mir das Parteiprogramm der AfD angesehen. Darin werden Thesen zur kulturellen Evolution angedeutet. Ich bin noch nicht dazu gekommen, dies aufzubereiten. Aber aus recht einfachen Gründen sind diese Thesen komplett falsch. Gerade in den letzten 15 Jahren gab es sowas wie eine Rückkehr evolutionärer Thesen in den Kulturwissenschaften. Aber ob man nun Niklas Luhmann, Gabriel Tarde, André Leroi-Gourhan oder Michael Bachtin nimmt: alle diese doch recht unterschiedlichen Wissenschaftler werden die Parteitagspunkte der AfD nicht bestätigen können.
Neulich (Lesekompetenz) hatte ich schon bemängelt, dass der gender-Begriff nicht genügend in der Öffentlichkeit besprochen worden ist. Es haben sich hier zu wenig all diejenigen Wissenschaftler zu Wort gemeldet, die diesen Begriff vertreten, und die ihn dann auch erklären können sollten. So aber hat sich tatsächlich der Eindruck aufgedrängt, als sei dieser Begriff aus dem Nichts heraus hervorgezaubert worden.
In dieselbe Richtung, wenn auch auf einem ganz anderen Gebiet, dem der Ökonomie, weist Monika Schnitzer, die Professoren für Wirtschaft an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ist:
Immer mehr Menschen in Europa fühlen sich unbehaglich, ja benachteiligt. Wie besorgniserregend ist das?
Schnitzer: Das ist sehr besorgniserregend, zumal diese Menschen auch eine Aversion gegen Experten entwickelt haben und schwer für Argumente zugänglich sind. Wir müssen dennoch alles daransetzen, dass diese Menschen nicht von radikalen politischen Kräften erfolgreich umgarnt werden. Wir alle, ob Politiker, Ökonomen oder Journalisten, müssen uns mit den Sorgen dieser Menschen beschäftigen.
...
Also mehr Fakten-Checks wie in der ARD-Sendung „Hart aber fair“?
Schnitzer: Genau. Wir müssen mehr Aufklärung und Volksbildung betreiben, ein Thema, das unseren Verein für Socialpolitik derzeit besonders umtreibt. Wir wollen als Ökonomen die Hörsäle verlassen und in die Schulen gehen. Dort wollen wir mehr Verständnis für wirtschaftliche Themen wecken und Berührungsängste abbauen. Denn es ist klar: Wir brauchen mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen.
Bleibt zu sagen, dass wir nicht nur mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen brauchen, sondern in der Bevölkerung insgesamt. Und ebenso bräuchten wir mehr Verständnis dafür, was Kultur ist und wie sich Kultur verändert. Das wäre übrigens nicht so schwer zu vermitteln, weil Kinder leicht an sich selbst erfahren, dass sich der Blick auf Dinge ändert, dass neue Ideen dazukommen und alte verworfen werden, und dass das nicht nur Lernen ist, sondern ebenso kultureller Wandel.

02.09.2016

Dragon NaturallySpeaking 15

Das neue Dragon NaturallySpeaking ist da, die Version 15. Ist es besser? Nun, das erste, was mir auffällt, ist, dass es schneller ist. Außerdem, und das ist erst seit der letzten Version mit integriert, kann man seine Sprachdateien aus der alten Version übernehmen, sodass man nicht die ganzen Fachwörter neu eintrainieren muss. Auch das ist sehr angenehm. Die Erkennungsgenauigkeit ist mindestens genauso gut. Zurzeit empfinde ich sie sogar als besser (aber das kann daran liegen, dass mein Computer, nachdem ich ihn gestern aufgeräumt habe, wesentlich besser funktioniert).
Und ich selbst? Ich sitze über meinen Büchern. Alles also wie gehabt.

29.08.2016

Archetypen der Performanz

Man kennt das von Nietzsche: den Archetypen, der nicht mehr eine irgendwie unbewusst entstandene Konstellation ausdrückt, sondern eine soziale Konstellation, wie zum Beispiel dem Priester, der bei Nietzsche aus dem Ressentiment einen sekundären Krankheitsgewinn zieht, daraus neue, schöpferische, gleichwohl aber entstellte, weil abgeleitete Kräfte gewinnt. Der Priester entsteht so an einer bestimmten Position, nicht komplett notwendig, aber doch durch das Kräftespiel innerhalb des Zustands eines Volkes gleichsam folgerichtig hervorgerufen.

Giorgio Agamben und die Archetypen der Performanz

In seinem Buch Was von Auschwitz bleibt schreibt Agamben vom Zeugen, vom Gedemütigten (bzw. eigentlich vom Muselmann, von dem ich schon vor ein paar Tagen berichtete), vom Schamvollen und vom Archivar. Nun habe ich das Buch noch immer nur sehr flüchtig gelesen. Aber es fällt doch auf, dass die Archetypen, von denen Agamben hier berichtet, Träger performativer Äußerungen oder mnestischer Produkte sind. Mit einer performativen Äußerung wird etwas „hergestellt“, das nur in der Kultur existiert und das sich materiell nur in Statussymbolen ausdrückt, aber doch einen realen Effekt auf das Zusammenleben der Menschen hat. Heiraten ist ein solches typisches Beispiel, und die Aussage, die man in fast jedem Buch über performative Äußerungen finden dürfte, ist folgende: Ich erkläre euch zu Mann und Frau. Andere performative Äußerungen sind zum Beispiel Versprechen und Drohungen. Beide haben reale Effekte auf die Beziehungen zwischen Menschen. (Deshalb bekommt performativen Äußerungen auch die Anonymität so schlecht: eine anonym ausgesprochene Drohung oder Beleidigung, wie dies im Internet immer wieder zu finden ist, ist zugleich irreal und monströs: Sie basiert auf Sozialität, ist aber zugleich, durch die Anonymität, völlig beziehungslos.)

Performative Aussagen

Bezeugen ist ebenfalls eine performative Aussage. Im Grunde ist sie ein Versprechen, nämlich das Versprechen, die Wahrheit zu sagen, obwohl die realen Geschehnisse von anderen nicht so gut überprüft werden können, vielleicht gar nicht.
Da sich die Wirkungen performativer Aussagen vor allem auf das Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Menschen beziehen, muss man ihnen einen wesenhaft politischen Charakter zuschreiben. Alles andere ist daraus dann abgeleitet. Dass die Eheleute nach der Hochzeit einen Ehering tragen, ist zwar eine gewisse Gewohnheit, und bei vielen immer noch Tradition (also eine aus der Vergangenheit kommende, übernommene Gewohnheit), aber für den eigentlichen performativen Akt nur eine Zugabe.
Es liegt also nahe, aus bestimmten performativen Äußerungen Archetypen herauszuarbeiten: der Zeuge bezeugt, der Terrorist droht (mit zu verbreitendem Schrecken), der Verräter droht auch (mit der Veröffentlichung von peinlichen Geheimnissen), usw.

Mnestische Produkte

Was aber sind mnestische Produkte? Das sind Produkte, die nur indirekt den performativen Äußerungen dienen, also all das, was als Träger von menschlichem Wissen dienen kann. Dazu gehören nicht einfach nur die klassischen Archive. Jedes Buch enthält Wissen, jede historische Vase und jeder mittelalterliche Löffel, ein Aquarell von Ende des 19. Jahrhunderts wie die Gartengestaltung am sächsischen Kurfürstenhof während des Barocks.
Der Witz allerdings an mnestischen Produkten ist eigentlich nicht, dass sie Wissen „speichern“, sondern dass ihnen Wissen unterstellt wird. Gehen wir davon aus, dass nur der Mensch etwas wissen kann, dann können es Bücher und Archive nicht. Sie bewahren das Wissen in einer anderen Form auf, einer nicht-wissenden Form (etwas, was ich, in einem verallgemeinerten Sinne, Grammatik nenne).

Archetypen der Performanz und der Mnestik

Archetypen der Performanz schaffen Sachverhalte innerhalb einer Gesellschaft, während Archetypen der Mnestik grammatische Vorräte anlegen, die später entziffert werden müssen, und die immer in Gefahr stehen, zu viel und zu wenig zu sagen. Schriftsteller gehören zu den letzteren; und so gesehen gehört es zu ihren paradoxen Aufgaben, eine gewisse Sammlung an Nicht-Wissen zu konstruieren, der der Leser aufsitzt, sodass er sein eigenes Wissen an einem anderen Ort, zunächst dem Buch, dann dem Autor, zu finden glaubt.

Aktive und passive Performanz

Wer Agamben schon etwas kennt, wird sich seit Beginn des Artikels gefragt haben, wie denn zum Beispiel der Muselmann, dessen elendes, bewusstloses und selbstverleugnendes Bild der Autor von Was von Auschwitz bleibt so drückend schildert, was also dieser Muselmann bei den Archetypen der Performanz zu suchen hat.
Eine solche Auffassung, dass es eben ganz machtlose Subjekte gäbe, denen unbeschränkt machtvolle gegenüberstünden, impliziert, dass Menschen voraussetzungslos in der Gesellschaft ankommen. Wie leicht zu beweisen ist, ist gerade das nicht der Fall. Bevor ein Kind auch nur die Chance hat, aktiv in soziale Prozesse einzugreifen, wird es mit einem Bündel an Erwartungen und Vorstellungen überzogen. So beginnt die Sozialisation und Subjektivierung von Kindern lange bevor sie gezeugt worden sind; selbst wenn das Kind ungeplant gezeugt wird, hält die Gesellschaft für es langjährige Programme bereit, die von Normen und Werten durchzogen sind. Oder anders gesagt: kein Kind kommt in einem machtfreien Raum zur Welt und hätte demnach die Chance, einen solchen Raum der Macht aus sich selbst heraus zu erschaffen.
So muss, bei aller Determination, die unsere Gesellschaft für bestimmte Menschen bereithält, trotzdem von einer Performanz gesprochen werden, einem Nicht-Ausführen von Äußerungen, die anderen performativen Äußerungen eine andere Wirkung ermöglichen. Wer nicht widerspricht, so könnte man sagen, macht sich mitschuldig; obwohl diese Aussage natürlich zu einfach ist, wie dies bei den Hungerkranken aus Auschwitz nachvollziehbar wird: dort waren die sozialen Determinanten so gestellt, dass sie die Wahl hatten zwischen Sterben und trotzdem Sterben.

Schluss

Ich habe nicht viel Zeit, ich sagte es ja bereits. Gestern Abend habe ich mich an den Computer gesetzt und dann die halbe Nacht durchprogrammiert. Davon kann ich gerade nicht die Finger lassen. Und ansonsten habe ich ja auch einiges zu tun.
Aber so ungefähr darf ich noch andeuten, wohin für mich die Reise geht. In der Auseinandersetzung mit der politischen Kritik hat sich für mich mehr und mehr herausgeschält, dass die Kritik anscheinend von Person zu Person wandert (wie beim Stöckchenspiel), und dass sie vor allem dann gefährdet zu sein scheint, wenn sie an eine bestimmte Person fixiert bleibt. Damit ließe sich auch das Elend vieler politischer Kritiker, aber auch Literaturkritiker erklären, die seit zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren im Geschäft sind. Nun, scheint es ganz sinnvoll zu sein, ein kleines Bestiarium kritischer Archetypen aufzustellen, wozu natürlich in einem weiteren Sinne ein Bestiarium politischer Typen gehört.
Dies ungefähr ist meine Idee.

28.08.2016

Frau Augstein erinnert

Ich könnte jetzt irgendetwas lustiges schreiben, wie zum Beispiel, dass sich Frau Augstein für diese Kolumne gender-neutral geschminkt habe, aber obwohl mir die Spottlust gerade aus jeder Pore dringt, ist mir bei diesem Satz doch eigentlich nicht zu spotten zumute. Schade, oder vielleicht gar nicht so schade, dass er von Jakob Augstein ist (im Spiegel 35/2016). Ich erkläre ihn mal zum Satz der Woche:
Der feministische Diskurs ist längst nicht beendet.
Das klingt wie ein Notschrei, und wahrscheinlich ist es auch ein solcher. Ich habe zwar schon lange kein feministisches Buch mehr gelesen, zumindest kein neueres (Judith Butler allerdings steht in meiner Handbibliothek), aber wenn ich mir die Protagonistinnen in den Massenmedien ansehen, so zeichnen sich diese weniger durch Feminismus denn durch Spießigkeit aus (von Schwarzer möchte ich nicht sprechen: Feminismus als Heimatschutz - oder wars umgekehrt?). Und vom anti-feministischen Diskurs möchte ich erst recht nicht anfangen; da haben ja die Terroraufrufe des IS geradezu einen liberalen Duktus.
Augstein macht dann auch das einzig richtige: erstens erklärt er, warum Gina-Lisa Lohfink auch als Täterin ein Opfer ist (oder muss man sagen: eine Opferin?), oder zumindest sein müsste, wenn die Opferfrage mehr als nur juristisch geklärt gilt. Und er zeigt, dass Lohfink, die Frau mit maximaler Öffentlichkeit, von der anonymen Burka-Trägerin, der Frau mit minimaler Öffentlichkeit (zumindest, was die individuellen Frauen angeht), auch nicht so verschieden ist.
Wohl passend dazu veröffentlicht Peter Sloterdijk im Herbst einen erotischen Briefroman. Elke Schmitter überschreibt ihre Rezension mit Die Frau als Herrenwitz. Und folgert über den Stil und den Inhalt dieses Romans:
Wenn das Aufschreiben derartiger Kommunikationsdelikte einen Sinn haben soll, dann könnte es eigentlich nur der sein zu zeigen, dass das wahre Schelling-Projekt noch auf seine Autoren wartet.
Auch Tania Martini scheint mit dem Buch nicht allzu viel anfangen zu können. Zu Sloterdijks Lesung aus dem Manuskript konstatiert sie:
Es folgt eine Pointenschlacht, die einem das Hirn zu Butter macht.
Mit diesem Nachtrag zu dem guten Augstein (oder der guten Augsteinin) sei auch mein Vorbehalt gegen Neueres von Sloterdijk ein wenig plausibler gemacht.
Ich möchte, weiterhin, nicht institutionell befriedete Feminismen. Wie berechtigt die sind, darüber streiten wir dann hinterher.

Biologische Solidarität

Ich glaube, es ist Zeit, das Fremdschämen zu überwinden und Peinlichkeiten zu genießen.
Da schreibt ein gewisser Horst S.:
„Links“ und „rechts“ sind spalterische Kampfbegriffe der psychologischen Kriegführung gegen die natürliche Integrität von Sippen, Stämmen, Völkern und Rassen, um deren biologische Solidarität, die wenig Staat braucht und daher real verwurzelt antifaschistisch ist, mittels Desintegration und „Integration“ von Unpassendem zu zerstören. Ein ausgewogenes Maß an Gleichheit („links“) und Einzigartigkeit („rechts“) gehört zu jeder gesunden Gemeinschaft.
Ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Lachen anfangen soll.
Trotzdem: einen gewissen, äußerst flüchtigen Kontakt habe ich doch mit diesem Menschen. Ich spreche zwar keineswegs von kultureller Integrität (wie ich auch nicht an eine irgendwie geartete Einheit des Deutschen glaube), aber eben doch von kulturellen Homogenisierungstendenzen. Homogenisierung darf hier übrigens nicht mit Konfliktlosigkeit verwechselt werden. Eine bestimmte Bevölkerungsgruppe kann sich auch darüber einig sein, dass es sich lohnt, völlig irrwitzig und blödsinnig über etwas zu streiten, wie etwa über die vermeintliche Verlogenheit der Lügenpresse. Das ist ein durchaus deutsches Thema; mit einem Spanier oder einem Ägypter könnte ich darüber schlecht streiten.
Geradezu prophetisch nimmt Schopenhauer einen Kernbestand systemischen Denkens für den Nationalcharakter vorweg: dieser sei nur eine jeweilig andere Form von Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit (Nationalstolz); und die Systemiker: Kultur existiert, wenn überhaupt, in Form eines gemeinsamen blinden Flecks. Es gehört wohl in gewisser Weise zu einer bestimmten Bevölkerungsschicht (glücklicherweise aber immer noch einer Minderheit), die glaubt, Kultur in irgendeiner Weise an die Gene oder an ihre Metapher, das „Blut“, binden zu müssen. Über eine vernünftige, umsichtige Begründung einer solchen Behauptung wird dann gar nicht mehr nachgedacht, geschweige denn darüber, was daraus ethisch und politisch folgen müsste.
„Real verwurzelt antifaschistisch“ ist aber auch nicht schlecht: das werde ich mal als Nachdenk-Begriff mitnehmen auf den Weg, um der biologischen Solidarität mit meinem Körper nachzukommen, mit irgendeinem urdeutschen Gericht, vielleicht einem Cham Chi.

27.08.2016

Zu Flüchtlings- und anderen Katastrophen

Mein Verhältnis zu Peter Sloterdijk bleibt ambivalent. Die Ursachen dieser Ambivalenz mag ich hier aber nicht erläutern. Denn manchmal muss man ihn einfach auch lieben, wie zum Beispiel hier:
Apokalyptische Alarm setzt keinen religiösen Seelensturm mehr voraus, Warnungen vor Untergängen implizieren nicht, dass prophetische Individuen sich zum Sprachrohr transzendenter Enthüllungen erklären. Das aktuelle Alternativbewusstsein zeichnet sich durch etwas aus, was man als pragmatisches Verhältnis zur Katastrophe bezeichnen könnte. Das Katastrophische ist eine Kategorie geworden, die nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört. Heute kann jeder Prophet sein, der die Nerven hat, bis drei zu zählen.
Sloterdijk, Peter: Eurotaoismus. Frankfurt am Main 1989, S. 103
Auch dieses Buch habe ich gelesen, nicht gründlich, keineswegs philologisch (die Artikel und Bücher, die ich gründlich gelesen habe, lassen sich in einer halben Minute aufzählen). Nur, um noch mal ein wenig darauf zu pochen, dass die Kunst der Interpretation kein Hauruck-Unternehmen ist, keines, das in tweets und gepolterten Statements verwirklicht werden könnte. Über den Anspruch, ein solches zu verwirklichen, so möglich, sollten wir aber nicht so einfach hinweggehen.

Werte und Normen in Erzählungen

Gelegentlich, im Moment aber wirklich nur sehr gelegentlich, versuche ich den derzeitigen Diskussionen ein konstruktives Argument abzugewinnen. Was macht man in solchen Situationen? Nun, ich kann sagen, was ich mache: ich ziehe mich in die Lektüre zurück, meine einzige wirkliche Heimat.
Kenneth Gergen schreibt in seinem Aufsatz Erzählung, moralische Identität und historisches Bewusstsein (in Straub: Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Frankfurt am Main 1998) über die Funktion der Erzählung für die moralische Identität und das historische Bewusstsein. Man kann soziale Erzählungen häufig recht parallel zu Abenteuergeschichten, bzw. zur Heldenreise lesen. Heldenreise, für alle die, die dieses Wort in seiner undefinierten Bedeutung hören, ist ein feststehender Begriff der Narratologie, also dem Teil der Kulturwissenschaft, der sich mit dem Erzählen auseinandersetzt.

Werthaltiger Endpunkt

Mit diesem etwas umständlichen Begriff bezeichnet Gergen die Tatsache, dass jede Geschichte einen oder mehrere Werte demonstriert und dadurch an der moralischen Identität von Erzähler und Zuhörer/Leser mitwirkt. Allerdings stört mich an dem Artikel dann ungemein, dass Gergen relativ abstrakt auf den Ort eingeht, wo sich dieser Wert genau demonstriert. Er unterscheidet nicht zwischen gesetzten und demonstrierten Werten (was ich gleich erklären werde), und nicht zwischen instrumentellen und absoluten Werten. Zudem ist das Wort „Endpunkt“ missverständlich, als würde sich der Wert am Ende einer Geschichte finden.
Unterteilen wir ein wenig.

Ein Reichsbürger in Reuden

Schauen wir uns dazu zunächst eine Geschichte an, damit wir einen Untersuchungsgegenstand besitzen. Es ist, wie ich in dem Artikel Die Fabel hinter der Fabel gezeigt habe, nicht einfach nur eine einzelne Geschichte, sondern eine Geschichte, die aus mehreren Teilen besteht. Am Donnerstag, dem 25. August 2016, wurde in Reuden ein Haus zwangsgeräumt, das den Schwiegereltern des früheren Mister Germany Adrian Ursache gehört hat. Grund der Zwangsräumung waren Grundschulden. Der Artikel, auf den ich mich beziehe, heißt: Wie aus Mister Germany ein „Staatsmann“ wurde. Er stammt vom 24. Juni 2016, also ziemlich genau zwei Monate vor der Zwangsräumung, bei der Ursache während eines Schusswechsels schwer verletzt wurde.
In dem Artikel werden drei Geschichten erzählt. Er ist auf vier Internet-Seiten verteilt.
Auf der ersten Seite findet sich eine Beschreibung der Situation, die allerdings mit einem Geschehen versehen ist, einem Geschehen, wie es ein distanzierter Beobachter schildern könnte. Interessant dabei ist allerdings, dieser distanzierte Beobachter vor allem ein Video beschreibt, welches wohl von Adrian Ursache selbst aufgenommen worden ist. Dem kann man nicht davon sprechen, dass der Journalist hier die Innenperspektive nachgezeichnet hätte.
Die zweite Seite bringt dann die Geschichte eines Verfalls oder Niedergangs. Sie erzählt, wie Ursache sich vom Mister Germany zu einem Reichsbürger entwickelt habe. Die Ursache für diese Entwicklung wird, wenn auch undeutlich als Spekulation markiert, gleich mitgeliefert.
Die letzten beiden Seiten sind dem Umgang Ursaches mit den Behörden in den letzten Jahren gewidmet.

Werte und Normen

Zunächst müssen wir zwischen Werten und Normen unterscheiden. Werte, so definiere ich im Anschluss an Niklas Luhmann, drücken positive Verhaltensweisen aus, wie zum Beispiel Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Gewissenhaftigkeit. Normen wiederum bezeichnen Schwellen im Verhalten von Menschen, bei deren Übertreten eine mehr oder weniger deutliche Sanktion stattfindet.
Wir können nun an dieser Geschichte beobachten, dass sie zugleich Werte und Normen verdeutlicht. Als positiver Wert wird hier der Realitätssinn beschworen, im engeren Sinne dann die Anerkennung historischer Tatsachen, wie zum Beispiel die Existenz der Bundesrepublik Deutschland (die Adrian Ursache leugnet). Mit dieser Leugnung überschreitet Ursache nach und nach eine ganze Reihe von rechtlichen Normen. Er erkennt die Staatsgewalt nicht an, leugnet Verträge, verschleppt Zahlungen, bedroht und beleidigt Polizisten. Die ersten Sanktionen, in Form von Geldstrafen, erkennt Ursache nicht an: er hat, wie er sagt, sein eigenes Reich gegründet, und Gesetze der Bundesrepublik Deutschland gelten dort nicht. Daraufhin folgte diesen Donnerstag die Zwangsräumung, als wohl die schärfste Sanktion, die man bei Grundschulden verhängen kann.

Eine gewisse Buchstabentreue

In einer Sache muss man bei solchen Artikeln allerdings auch vorsichtig sein, einer Sache, die dem Interpreten dann gelegentlich auch ziemlich Mühe bereitet. Weder die Werte noch die Normen werden direkt benannt. Die Geschichte wird als traurig bezeichnet, die gewählten Worte (des Journalisten) sind deutlich distanzierend: er [Adrian Ursache] wittere überall „Betrug und Rechtsbruch, Übervorteilung und Behörden, die nur darauf aus sind, ihm Übles anzutun“; kurz danach schreibt der Journalist: „Wie ein Kind, das meint, wenn es sich die Augen zu hält, sei es beim Versteckspiel nicht mehr zu sehen.“ – Der Realitätsverlust wird angedeutet, die Paranoia und möglicherweise die Schizophrenie ebenso, aber nie als solche benannt. Der Autor des Artikels bleibt alltagssprachlich: er sei aus dem Traumleben gerissen worden, irgendetwas sei in ihm zerbrochen, er verrenne sich.
All das sind Normierungen (oder, besser gesagt, negative Wertschätzungen), aber sie bezeichnen eben noch nicht genau die Norm, die mit dieser Geschichte verdeutlicht werden soll. Bei der Interpretation tut man also gut daran, sich zunächst auf positive und negative Wertschätzungen zu stützen, so wie sie in dem Text selbst auftauchen. Buchstäblichkeit und Buchstabentreue ist zwar nur ein Teil der Interpretationskunst, aber doch ein wichtiger Regulator, um mit den Deutungen nicht in die Irre zu gehen.

Gesetzte und demonstrierte Werte

Daran schließt sich meine Unterscheidung von gesetzten und demonstrierten Werten an. Gesetzte Werte finden sich gleichsam am Rande der Geschichte, während demonstrierte Werte aus dem Erzählfaden heraus erschlossen werden können.
So hält es der Journalist für offensichtlich selbstverständlich, dass man mit der Polizei freundlich umgeht, dass man Behördenbriefe beantwortet, und dass man nicht einfach seinen eigenen Staat auf einigen 100 m² Land mitten in Deutschland gründet. Ob das rechtens ist oder nicht, diskutiert der Journalist nicht. Er setzt zum Beispiel Freundlichkeit als Normalverhalten und Anerkennung des Staates als selbstverständlich voraus. Wenn man nun zum Beispiel in ganz andere Gebiete wechselt, etwa die deskriptive Philologie oder postmarxistische Staatskritik, dann findet man ganz andere Werte, die für selbstverständlich angenommen werden. Oder: mich frappiert immer wieder, mit welch einer Selbstverständlichkeit von einer deutschen Kultur gesprochen wird, als sei diese etwas kompaktes und definierbares. (Und in diesem Fall erinnere ich immer wieder gerne daran, dass ich Hegel nicht in Deutschland lesen gelernt habe, sondern in Sfax. Meine Geschichte dazu ist eine Geschichte der Umwertung.)
Demonstrierte Werte findet man nun in diesem Artikel wenig, dafür aber demonstrierte Normen. Er zeigt, wie sich Realitätsverlust, Querulantentum oder eine, wie man ja vermuten könnte, psychische Störung auf das Leben eines Menschen auswirken. Und suggeriert, dass man sich von solchen Sachen wie Polizistenbeleidigung und Staatsgründungen besser fernhalten solle.

Instrumentelle und absolute Werte

Als absoluten Wert kann man all jene Werte bezeichnen, die sich in einem „happy-end“ ausdrücken (oftmals: erfüllte Liebe, Familienglück, friedliches Leben), oder die als unumstößlich gelten (wie zum Beispiel die Pressefreiheit oder die Schulpflicht).
Instrumentelle Werte dagegen sind all jene Werte, die den Weg zu einem absoluten Wert ermöglichen, wie zum Beispiel in der Aussage: „wer Deutsch sein will, muss kämpfen“, wobei die Kampfbereitschaft instrumentell ist, Deutschsein absolut.
Schwieriger dagegen sind instrumentelle und absolute Normen zu bestimmen. Unser Strafrecht zum Beispiel ist so ausgelegt, dass darin eine Verbesserungsfähigkeit des Menschen angenommen wird. Und insofern gibt es auch einen erzieherischen Grundzug bei den Strafen, die verhängt werden. Als eine absolute Sanktion, die aber in Deutschland untersagt ist, gilt die Todesstrafe. Und insofern gibt es auch in unserer politischen Landschaft keine absolute Norm, weil eben die absolute Sanktion fehlt.
Was dem Staat "fehlt", muss bei einzelnen Personen aber nicht so sein. Offensichtlich hat die Polizei, als sie vor zwei Tagen die Zwangsräumung des Hauses von Adrian Ursache durchführen wollte, bei diesem eine absolute Norm überschritten, denn er war wohl dazu bereit, einen oder mehrere Polizisten zu töten.
Für einen Philologen dagegen ist, relativ zu seiner Disziplin, dann eine Norm überschritten, wenn die Buchstabentreue nicht so gut es geht beachtet wird (der dazugehörige Wert ist das genaue Zitieren, bzw. das Begründen, warum man etwas so und so gelesen/verstanden hat). Sicherlich ist die Norm, die zwischen Philologen und Nicht-Philologen unterscheidet, nur eine relative; trotzdem gibt es Fehlinterpretationen, vor denen sich ein Philologe verwahren würde, weil er einem Nicht-Philologen doch eine gewisse Gebildetheit zutraut, die auch Methoden der Interpretation umfasst.

Der tweet von Renate Künast

Werte und Normen auseinander zu halten, das fällt vielen Diskutanten auch schwer. Renate Künast hatte nach dem Attentat in Würzburg auf Twitter geschrieben:
„Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden?“
Darüber ist dann eine Welle der Empörung hochgeschwappt. Ich frage mich, warum. Ein Menschenleben sollte doch als Wert möglichst unantastbar sein, auch als Demonstration für denjenigen, der diesen Wert missachtet. Ansonsten lässt sich aus diesem tweet herauslesen, dass Künast auch das Menschenleben der Verletzten für hoch erachtet. Wie zum Beispiel Rafael Behr zu der Aussage kommt, Künast würde suggerieren, hinter dem Vorgang würden handwerkliche Fehler stecken, also dass Künast implizit den Polizisten ein Fehlverhalten vorwirft, erschließt sich mir nicht. Noch dreister ist allerdings die Aussage von Michael Fuchs, der tweet ginge zulasten Dritter (welcher denn, fragt man sich). Und Tobias Huch von der FDP hält diese Frage sogar für beleidigend und dumm und schließt weiter, Künast hasse die Polizei.
Jetzt könnte ich noch jenen unerträglichen Artikel von Thomas Schmoll aus der Welt auseinandernehmen.
Aber ich möchte hier doch auf einen ganz anderen Wert zurückkommen, den der Buchstäblichkeit und Buchstabentreue, auch der Sachlichkeit und der vorsichtigen Interpretation. All diese Werte hat Künast, zumindest in diesem tweet, nicht verraten (also die "irgendwie dazu gehörigen" Normen verletzt). Schwieriger ist zu sagen, ob sie sie vertreten hat, denn darüber sagt der tweet uns nichts. Dagegen ist zum Beispiel der tweet von Tobias Huch – „Ich entschulde [sic!] mich für die dumme und beleidigende Frage von Frau Renate Künast. Sie hasst einfach die Polizei.“ – wohl eine Fehlinterpretation par excellence. Sachlichkeit spürt man auf keinen Fall. Wohl aber könnte man ihm Profilierungssucht oder einfach eine gewisse Idiotie unterstellen. Doch dafür ist auch dieser tweet zu kurz.

Zeigen und sagen; der performative Selbstwiderspruch

Das erinnert an das Wittgenstein-Zitat, das ich gestern in meinem Artikel zur Lesekompetenz benutzt habe:
„Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit.“
Werte und Normen lassen sich relativ leicht sagen, aber sie zu zeigen ist gelegentlich recht schwierig. Man kann Menschen in etwa daran beurteilen, wie bei ihnen gezeigte und gesagte Werte auseinanderklaffen. Und man sollte mit einiger Vorsicht an die Interpretation gezeigter Werte herangehen: diese sind, wie ich oben an dem Artikel gezeigt habe, keineswegs so einfach zu erschließen, selbst bei einem so langen Text nicht, wie dies bei dem tweet von Renate Künast so selbstverständlich getan wurde.

Muselmänner

Die Ambivalenz dieses Ausdrucks ist wohl vielen nicht bekannt. Muselmann entstammt dem Persischen, von muslim und der Pluralendung -an, also eigentlich: Muslime. In Frankreich verwendet man das Wort musulman, im Türkischen müslüman.
Nun würde mir diese Ambivalenz, zu der ich gleich komme, eigentlich gefallen, auch die gewisse Ironie, die in dieser Verwendung steckt, wäre ihr das Grauen nicht dermaßen eingeschrieben.

Die Hungernden

Wenn man durch Berlin geht, ist es schwierig, die Augen vor der wachsenden Zahl von Obdachlosen zu verschließen. Während des letzten Dreivierteljahrs bin ich immer wieder einem von ihnen begegnet, der mit einer völlig zerrissenen Hose bekleidet, mehr nackt als angezogen, ungepflegt, stinkend, in der Bahn schlief, und der gelegentlich an der gleichen Station ausstieg.
Vorletztes Jahr hatte ich von dem Essen, das in meiner ehemaligen Schule ausgeteilt wurde, einmal einen ganzen Packen bereits aufgetauter und gebratener Hühnerflügel mitgenommen und diese unter den Obdachlosen, die unter der Brücke beim Hackeschen Markt "kampieren", verteilt.
Und natürlich trifft man sie auch sonst in der Bahn: wie sie ihr Straßenmagazin verkaufen oder einfach nur betteln. Viele von ihnen sind extrem unterernährt. Ihr Blick ist teilnahmslos, ihre Stimme kraftlos, ihr Gang schleppend.

Hungerkranke

Die folgende Beschreibung stammt aus dem Buch Was von Auschwitz übrig blieb von Giorgio Agamben:
»Hinsichtlich der Krankheitssymptome lässt sich der Prozess des Hungers in zwei Phasen einteilen. Die erste war durch Abmagerung, Muskelschwächung und zunehmende Verringerung der Bewegungsenergie gekennzeichnet. In dieser Phase war noch keine größere Schädigung des Organismus eingetreten. Außer langsameren Bewegungen und einer Schwächung zeigten die Kranken eigentlich keine Symptome. Sie wiesen auch keine größeren psychischen Veränderungen auf, abgesehen von einer gewissen Erregtheit und der charakteristischen Reizbarkeit.
Die Grenze des Übergangs von der ersten zur zweiten Phase ließ sich nur schwer feststellen. Bei den einen erfolgte er allmählich, bei anderen abrupt. Annährungsweise kann man sagen, dass die zweite Phase begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines normalen Körpergewichts verloren hatte. Neben der fortschreitenden Abmagerung und Schwächung begann sich nun auch der Gesichtsausdruck zu ändern. Der Blick trübte sich, das Gesicht bekam einen teilnahmslosen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck. Die Augen waren glanzlos, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut färbte sich graubläulich, sie wurde dünner, pergamentartig, sie wurde härter und blätterte ab. Sie war sehr anfällig für jede Art von Infektionen, besonders für die Krätze. Das Haar war rau, brüchig und glanzlos. Der Kopf bekam ein langgezogenes Aussehen, die Umrisse von Jochbein und Augenhöhlen begannen sich deutlich abzuzeichnen. Der Kranke atmete langsam, er sprach leise und unter großer Anstrengung.
Je nachdem wie lange die Aushungerung schon dauerte, traten kleinere oder größere Ödeme auf. Sie erschienen zuerst auf den Augenlidern und an den Füßen. In Abhängigkeit von der Tageszeit änderten sie ihren Sitz. Morgens, nach der Erholung in der Nacht, waren sie schon im Gesicht zu sehen, abends dagegen an den Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Flüssigkeit verlagerte sich durch Stehen in die unteren Körperteile. Nach längerem Hunger entwickelten sich die Ödeme immer stärker und befielen bei Häftlingen, die länger stehen mussten, der Reihe nach Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack, ja sogar den Bauch. Zu den Ödemen kam der Durchfall, obwohl es oft geschah, dass der Durchfall dem Auftreten der Ödeme vorausging.
Die Kranken stumpften in dieser Zeit ab, sie wurden gleichgültig gegenüber allem, was um sie herum geschah. Sie zogen sich aus allen Verbindungen mit ihrer Umgebung zurück. Wenn sie sich bewegen konnten, so taten sie das sehr langsam, ohne die Knie dabei einzubiegen. Aufgrund der niederen Körpertemperatur, die in der Regel unter 36 °C absank, zitterten sie vor Kälte.
Beobachtete man eine Gruppe solcher Kranker von weitem, hatte man den Eindruck von betenden Arabern. Daher kommt die populäre Lagerbezeichnung für die Hungerkranken – ›Muselmänner‹.«

Erinnern, was geschah

Ich erinnere daran, weil nicht nur der Islam in einem zum Teil kaum noch zu ertragenden Maße angefeindet wird, sondern dasselbe ohne die geringste Scheu und Nuance wieder an die Juden herangetragen wird. Und natürlich habe ich zuvor sehr bewusst auf einen aktuellen Zustand hingewiesen, der seit Jahren besteht. Diese Anfeindungen werden dann noch mit einer Frechheit vorgetragen, man habe das doch argumentativ begründet, wo man bei Adorno schon den Widerspruch lesen kann:
Wir alle kennen auch die Bereitschaft, heute das Geschehene zu leugnen oder zu verkleinern – so schwer es fällt zu begreifen, dass Menschen sich nicht des Arguments schämen, es seien doch höchstens nur fünf Millionen Juden und nicht sechs vergast worden. Irrational ist weiter die verbreitete Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte.
Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. in ders.: Kulturkritik und Gesellschaft II, S. 556 f.
Ich verspreche an dieser Stelle, dass ich noch einmal den Gebrauch des Wortes Schuld nachzeichnen werde. Nur so viel noch von Adorno selbst:
Bei alldem jedoch hat die Rede vom Schuldkomplex etwas Unwahrhaftiges. In der Psychiatrie, der sie entlehnt ist und deren Assoziationen sie mit schleift, besagt sie, dass das Gefühl der Schuld krankhaft sei, der Realität unangemessen, Psychogen, wie die Analytiker es nennen.
ebd., S. 557
Machen wir es uns also nicht so einfach, nicht zu einem Automatismus, sofort die Schuld herbeizurufen, oder sie zwanghaft abzuwehren, wenn vom Holocaust die Rede ist.

Der Tod, die Nicht-Empathie

Zwei weitere Zitate aus dem bedrückenden und bedrückend klugen Buch von Agamben:
»Der Muselmann weckte bei niemandem Mitleid und erfuhr von niemandem Herzlichkeit. Die Kameraden, deren Existenz ja selbst bedroht war, beachteten die Muselmännern nicht. Den Funktionshäftlingen brachten die Muselmänner zu viel Ärger ein, für die SS-Männer waren sie nur unnützer Abfall. Die einen wie die anderen brachten sie um, jeder auf seine Weise.«
So fielen die Hungerkranken komplett aus der Gesellschaft heraus.
»Der SS-Mann ging langsam vorbei und sah zu dem Muselmann hin, der geradewegs auf ihn zukam. Wir alle schielen nach links, um zu sehen, was passieren würde. Und dieses willenlose, gedankenlose Wesen latschte in seinen klappernden Holzschuhen dem SS-Mann direkt in die Arme. Der SS-Mann schrie und zog ihm eins mit der Reitpeitsche über den Kopf. Der Muselmann blieb stehen, er wusste nicht so recht, was geschehen war, und als er einen zweiten und dritten Hieb dafür bekam, dass er die Mütze nicht abgenommen hatte, machte er (da er Durchfall hatte) Hosen. Als der SS-Mann den schwarzen Fleck sah, der sich um die Holzschuhe des Muselmanns ausbreitete, geriet er außer sich. Er stürzte auf ihn zu, trat ihm in die Bauchhöhle und, nachdem er schon im eigenen Code auf dem Boden lag, gegen Kopf und Brustkorb. Der Muselmann wehrte sich nicht. Beim ersten tritt hatte er sich zusammengekrümmt, noch ein paar Tritte und er starb.«

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Was also noch?
Vorhin zogen grölende und pöbelnde Menschen vorbei. Sie skandierten "Sieg heil!", und ich kann nur hoffen, dass die Polizei viele von ihnen verhaftet hat. Was für ein Abschaum!
Den Tag habe ich damit verbracht, über meine eigene Programmierung des Zettelkastens zu brüten. Das ist, wie ich feststelle, eine Herausforderung. Neulich, also vor ungefähr zwei Wochen, hatte ich innerhalb eines Tages die grundlegende Programmierung eines Zettelkastens mit PyQt5 (einem Modul der Programmiersprache Python) geschrieben. Aber mein Ziel war und bleibt es, dem unbedarften Benutzer entgegenzukommen, so dass dieser nur Python installieren muss, um ihn zu nutzen. Also greife ich auf das mitgelieferte Modul für die Grafic User Interfaces von Python zurück. Und das erweist sich als haarig: mittlerweile umfasst alleine mein Textverarbeitungsprogramm über 400 Zeilen zum Teil hoch komplexen Codes. Dabei fehlen noch eine Anbindung an die Datenbank und weitere Erleichterungen, wie etwa ein Ablagetisch oder eine komplexe Suche.
A propos komplexer Suche. Mir ist gelungen, eine solche Suche (wenn auch im Probestadium) zu programmieren. Diese durchsucht Texte nicht nach Wörtern, sondern nach Isotopien. Einziger Mangel an diesem Programm: man muss ihm vorher mitteilen, was es als Isotopie zu verstehen hat, also nicht als Isotopie als solcher, sondern aufgrund welcher Seme es ein Wort als zugehörig oder nicht zugehörig zu einer Isotopie verstehen soll. Bevor ich also eine ausführliche Suche nach einer solchen Isotopie starten kann, müsste ich vorher alle relevanten Wörter in Merkmale aufgesplittet haben. Bei knapp 700.000 Wörtern ist das eine kaum zu lösende Aufgabe. Glücklicherweise kann ich hier auf Zwischenstadien zurückgreifen.

Was habe ich gelesen?
Vieles. Beginnen wir mit dem, was implizit meinen letzten Artikel motiviert hat: Schulz, Gudrun (Hrsg.): Lesen. Didaktik für die Grundschule. Berlin 2012. Ich kann, um dies deutlich zu sagen, Lesen nicht so einfach nehmen, wie die AutorInnen dies tun. Trotzdem ist es ein hervorragendes Buch.
Slavoj Zizek habe ich gelesen, allem voran: Weniger als nichts. Frankfurt am Main 2016. Dieses Buch, so muss ich gestehen, habe ich im "Kampfmodus" gelesen: Hauptsache, ich komme (erstmal) durch; denn dieses Nichts von einem Buch ist immerhin 1374 Seiten schwer. Mit Zizek kommt man zu Hegel, und damit zu dem großartigen Buch von Charles Taylor: Hegel. Frankfurt am Main 1978.
Mit dabei war aber auch das Buch über Gewalt; Slavoj Zizek: Gewalt. Sechs abseitige Reflexionen. Hamburg 2011.
Irgendwie ist Zizek ja völlig verrückt. Aber das auf einem hohen Niveau.
Von den Osterferien habe ich die Lektüre einiger Werke von Agamben nachgeholt: Was von Auschwitz übrig blieb, Signatura rerum, Die Sprache und der Tod, Das Sakrament der Sprache, Profanierungen, Ausnahmezustand. - Alles wunderbare Bücher, die ich aber nur im Schnelldurchgang kommentieren konnte.
In meinem (intellektuellen) Leben gibt es auch immer Fixpunkte, die meine Suche stabilisieren. Dazu gehört, seit Jahren übrigens, von Barbara Sandig die Textstilistik des Deutschen. Ist das Buch hervorragend? Ich kann das gar nicht beurteilen. Hervorragend ist es in meiner Wahrnehmung, insofern es mich in meiner methodischen Vorgehensweise außerordentlich prägt. Und insofern ich einen gewissen Narzissmus pflege, halte ich es auch für unbedingt lesenswert. Darum empfehle ich es. Als eine etwas schräge Antwort auf die Pöbeleien der Neonazis.

26.08.2016

Lesekompetenz

Zu einer der wichtigsten Aufgaben der Schule gehöre, so lässt sich lesen, die Vermittlung von Lesekompetenz. Dem wird wohl niemand widersprechen. Probeweise möchte ich dies hier trotzdem tun.

Doktrinen des Lesens

Die Relevanz

Immer wieder wird von einer Relevanz des Lesens gesprochen, wobei damit aber nicht das Lesen als solches, sondern meist eine bestimmte Art und Weise des Lesens gemeint ist; meist gesellen sich dazu dann auch entsprechende Aufforderungen: was zum Beispiel die Kernaussage eines Textes sei.
Nun hat der Begriff der Relevanz eine bewegte Geschichte hinter sich, seit er als einer der Kernbegriffe der phänomenologischen Soziologie (Schütz/Luckmann: Strukturen der Lebenswelt) auf die wissenschaftliche Bühne getreten ist. Seitdem wird das Zufällige der Relevanz immer wieder betont. Ricœur zum Beispiel schreibt:
Außerhalb der Geschichte betrachtet ist das Ereignis nichts anderes als ein Vorfall, d.h. etwas, das auf eine bestimmte Art und Weise geschieht, aber auch anders oder überhaupt nicht geschehen könnte, was die Definition der Kontingenz schlechthin ist.
Ricœur, Paul: Zufall und Vernunft in der Geschichte. Tübingen 1985, S. 11.
Und überlesen wir nicht, dass das Ereignis nicht wesenhaft relevant ist, sondern durch die Geschichte, also durch den Kontext, relevant gemacht wird. Relevanz kommt einem Ereignis nicht substantiell, sondern nur akzidentiell zu.

Bewusste Selektion

Diese Konstellation kennen wir aus der Evolution. Die Evolution ist zufällig, und zwar nicht deshalb zufällig, weil der Zufall dann umgekehrt das absolute, wesenhafte Ereignis ist (dies wäre eine simple Umkehrung der Relevanz), sondern weil sie nicht in die Logik des Systems passt, aber es trotzdem betrifft.
Beim Lesen geschieht dies auch. Lehrer kennen das. Bevor ein Lesetext der Klasse unterbreitet wird, macht sich der Lehrer über die möglichen Antworten der Schüler Gedanken und legt sich Antworten dafür zurecht. Dann aber kommt eben doch ein Schüler an und hat den Text ganz anders verstanden, und der Lehrer kann nicht sagen, ob dieses andere Verstehen sinnig oder unsinnig ist. Es fällt aus der Klassifizierung heraus.

Interpretieren: was einem zufällt

Ich mag an dieser Stelle nun nicht wieder auf die zum Teil grotesken Aussagen der Interpretationshilfen zum Homo Faber zurückkommen; aber ja: Interpretationshilfen sind dem Sinn des Interpretierens genau entgegengesetzt: Interpretieren heißt, sich auf die zufälligen Wirkungen einzulassen, die einem beim Lesen kommen. Und es heißt, diese zufälligen Ereignisse nach und nach zu systematisieren, zu verbinden, in ihrer Reichweite zu erforschen.
Damit ist keine Beliebigkeit gemeint, wie man jetzt befürchten könnte. Der Zufall, ich erinnere daran, existiert nur relativ zum System. In anderen Systemen kann das zufällige Ereignis als notwendig wahrgenommen werden. Und es bedeutet auch nicht, dass man den Zufall hinzunehmen habe.

Zurück ins System?

Man kann diesen Zufall überschreiten, außer Kraft setzen, indem man die Grenzen des Systems, also die Grenzen der eigenen Logik verschiebt. Eine nicht ganz so einfache, zum Teil sogar recht unangenehme Aufgabe. Gelegentlich wird man dabei mit seinen eigenen Ängsten, seinen verborgenen Monstern konfrontiert.
Interpretationshilfen dagegen vernichten diesen Prozess. Sie schränken ein, sie lassen den Leser nicht zu sich selbst kommen. Aber das dürfte auch klar sein: interpretieren bedeutet, selbst zu denken. Interpretationshilfen nehmen einem dieses Denken weg. Und insofern helfen sie einen beim Interpretieren, indem sie das Interpretieren verhindern. Um es mit Kant zu sagen: Interpretationshilfen sind für Pinsel; Pinsel nennt man die Menschen, die eine Hand brauchen, die sie führt.

Relevanz als Moment der kulturellen Evolution

Man kann solche Begriffe wie zum Beispiel die Relevanz als metasprachliche Bezeichnung für Effekte der kulturellen Evolution begreifen. Die Relevanz bezeichnet, dass etwas ausgewählt worden ist oder ausgewählt werden soll; sie bezeichnet mit anderen Worten die Selektion als Prinzip.
Als Begriff des Tadels (du hast die Bedeutung/Relevanz des Textes nicht begriffen) ist sie zugleich Prinzip der Variation (lies den Text unter anderen Gesichtspunkten).
Einigt man sich auf eine bestimmte Relevanz, stabilisiert man das Milieu der Aussagen (also die Interpretation). Zugleich erschafft man sich damit eine eigene Logikblase, und eventuell eine, die eine größere Anzahl von Menschen umfasst (das, was ich im Anschluss an Antonio Gramsci Hegemonie nenne).

Der literarische Kanon

Roland Barthes stellt in einer kurzen Rede zwei Strategien oder Techniken vor, um eine solche Relevanz zu erzeugen: die erste ist der literarische Kanon, der allerdings in einer Zeit, in der Bücher den Modeartikeln ähnlich geworden sind, sich auf ein „Das musst du gelesen haben!“ beschränkt. Einstmals diente der literarische Kanon dazu, bestimmte Ideen zu tradieren. Und natürlich ist es augenfällig, dass sich Subkulturen, zu denen auch die wissenschaftlichen Disziplinen gehören, um eine gewisse Anzahl genau bestimmter Bücher herausbildet: die Bibel, der Goethe, die Werke Sigmund Freuds, das MEW. Der eine Schule begründet, muss des Schreibens (eines Werkes) mächtig sein.

Denotation werden …

Die andere Strategie, die Leseereignisse einzuschränken und gefügig zu machen, lassen sich unter vielfältigen Begriffen zusammenfassen: hier ist es, bei Barthes, die Denotation. Ich bezeichne dieses gerne als einen Zustand der Bequemlichkeit und der Feigheit. Das ist allerdings nicht ganz richtig.
Tatsächlich gehört es zu den Strategien der guten Lektüre, aus den Zufällen des Lesens, also eigentlich den Zufällen der Gedanken, die einem beim Lesen kommen, etwas Systematisches zu machen, also die Konnotation durch Systematisieren in eine Denotation zu wandeln. Den Zufall zu systematisieren bedeutet, siehe oben, die Grenzen des eigenen Denkens und der eigenen Logik zu überschreiten (eine solche Technik hat also weder etwas mit Willkür noch mit Anarchie zu tun).
Des weiteren gilt es, genau darauf zu achten, dass die Logik immer im Denken stattfindet. Sie ist dem Denken immanent.

… aber nicht Denotation sein

Wer das nicht beachtet, wer diese Innerlichkeit in der Äußerlichkeit wiederzufinden meint, landet in paranoiden Systemen. Dies kann man bei allen Formen des Populismus' beobachten, sei dieser nun rechts oder links oder was auch immer (ich bevorzuge die Bezeichnungen bürokratischer, nationaler und ökonomischer Populismus, entlang den drei großen menschenverachtenden Systemen des Stalinismus, des Nationalsozialismus und des Kapitalismus).
Den Zufällen des Denkens nachzuspüren, das ist wohl auch die Aufgabe des aufmerksamen Lesers, des aufmerksamen Interpretens. So gesehen ist Lesen Selbsterfahrung und Selbstveränderung. Wer sich dem nicht aussetzt, macht sich der Bequemlichkeit, eventuell sogar der Feigheit schuldig.

Logikblasen

Was ist falsch an der Denotation?

Vielleicht gar nichts. Die Denotation ist jener Teil unseres sprachlichen Systems, der als objektiv markiert ist. Er bietet Verlässlichkeit. Verlässlichkeit ist nicht Wahrhaftigkeit und auch nicht Wahrheit. Verlässlichkeit ist vor allem ein soziales Moment. Mit ihm zeigt man, dass man sich auf eine Vergangenheit geeinigt hat, von der aus man weiter machen kann. Ohne eine solche Vergangenheit ist die Zukunft so unterdeterminiert, dass längerfristige Ziele gar nicht verfolgt werden können: Sie werden zu unsicher.
Unter dieser Verlässlichkeit taucht der Vertrag auf, der als eine Art Gesellschaftsvertrag bezeichnet werden kann.

Die Evolution des Vertrages

So gesehen ist der Gesellschaftsvertrag kein Produkt der Rationalität, sondern der kulturellen Evolution. Menschen neigen dazu, füreinander Verlässlichkeiten herauszubilden. Es scheint so, als gäbe es aus einer biologischen Notwendigkeit heraus, der Absorption von Unsicherheit, Vertragsbildungen (und ich spreche hier bewusst im Plural) vor jeglichem rationalen Vertrag. Man höre hier bitte auch, dass solche Verträge zwar auch auf biologischen Bedingungen beruhen, aber deshalb keineswegs biologisch sein müssen.

Der Gender-Begriff

Das erste und einzige Mal, da ich mich ganz bewusst von dem Gebrauch des Wortes „frauenfeindlich“ distanziert habe, war und ist beim Homo Faber. Es gibt bezüglich des Themas gender eine Gefahr, die jenseits der rechtspopulistischen Kritik an der sogenannten „gender-Ideologie“ existiert. Ich hatte mehrfach darauf hingewiesen, und bin nicht nur gelegentlich, sondern geradezu systematisch auch missverstanden worden.
Ich habe überhaupt kein Problem mit dem gender-Begriff. Ich habe früher schon gezeigt, dass er sich durchaus biologisch rechtfertigen lässt (und bisher bin ich noch nie deswegen von einem echten Biologen eines Besseren belehrt worden, abgesehen von Kutschera, über den ich mich dann lustig mache).

Die Gender-Ideologie

Trotzdem habe ich mich gelegentlich auch gegen ihn gewandt. Das ist bei all jenen Artikeln gewesen, von denen ich glaubte, dass dort der gender-Begriff einfach nur gesetzt worden ist. Natürlich ist es erlaubt, einen Begriff zunächst zu postulieren. Ihn aber nicht ableiten zu können, oder die Ableitung darstellen zu können, das erscheint mir als unwissenschaftlich und als schlechte Ideologie.
An einem solchen Vorgehen ist nicht nur kritisierenswert, dass es sich nicht durch Argumentation, sondern durch Dogmatismus halten müsste (und dies gelegentlich ja auch tut), sondern dass die Vertreter eines solchen Begriffs den Prozess gesellschaftlicher Aufklärung verkennen: selbst wenn der Begriff legitim ist (und nichts anderes behaupte ich ja), muss er so lange in der Öffentlichkeit diskutiert werden, und kontrovers diskutiert werden, bis er auf eine breite Verlässlichkeit stößt.

Die Gender-Theorie

Umgekehrt ist es natürlich eine Frechheit, wenn man sich aufgrund einiger, auf mangelnde Beschäftigung beruhende Aussagen gegen die gender-Theorie wendet. Es liegen mittlerweile genügend Werke vor, die zu lesen sich lohnt. Wer die gender-Theorie kritisiert, und damit natürlich auch ein wichtiges moralisches Feld, hat eine gewisse Fürsorgepflicht. Fürsorge im Hinblick darauf, dass er (oder sie) solche Werke liest (und bitte schön: gründlich liest), und Fürsorge im Hinblick auf die Öffentlichkeit, seine Gedankengänge und Argumentationslinien zur Diskussion zu stellen. Einfach nur zu behaupten, die gender-Theorie sei eine Ideologie (was an sich schon eine dummdreiste Behauptung ist) und dann in einen blinden Aktionismus auszubrechen, das ist wohl die Anti-Aufklärung schlechthin. Dummheit und Faulheit waren eben noch nie gute Ratgeber.
Und damit darf ich hier ein kleines politisches Bekenntnis abgeben: weder werde ich die AfD noch die Grünen wählen, und zwar nicht aus gegensätzlichen Gründen, sondern aus den gleichen. Zumindest nicht, was den Umgang mit dem Gender-Mainstreaming angeht. Sollte ich die eine oder andere doch wählen (was unwahrscheinlich ist), dann, weil man letztlich bei jeder Partei Abstriche machen muss.

Logikblasen

Aber das sind alles nur Nebensächlichkeiten. Der Stammtisch hat sich noch nie durch Gründlichkeit oder Wissenschaftlichkeit ausgezeichnet, ob dort nun Prosecco oder Bier getrunken wird.
Es ist eine Beobachtung, die ich bei kleinen Studiengängen, mit denen der Kriminologie, der Verhaltensgestörtenpädagogik oder derzeit auch der Didaktik der Informationstechnologie beobachte: auf der einen Seite bekommen diese zu wenig Forschungsgelder, um weitreichende Untersuchungen anzuleiern, und auf der anderen Seite kennt man sich gegenseitig (zumindest im deutschsprachigen Raum): es scheint zu wenig Variation und zu viel Stabilisierung zu geben; die Forschung bewegt sich kaum weiter, und ebenso wenig die Theorie.
Das erweckt den Anschein, als würden diese kleinen Wissenschaften auf der Stelle treten und ihre eigenen Subsysteme gegen Anforderungen von außen abschotten.
Allerdings ist es nicht ganz so einfach. Denn natürlich kann man hier den Vorwurf machen, dass diese Wissenschaften in ihrer eigenen Logikblase stecken bleiben. Doch das ist nicht die erste Frage, die man sich stellen muss. Fraglich ist doch, ob man jemals einem System entkommt, was den Vorwurf der Logikblase nicht mehr verdient.

Zurück zur Relevanz

Noch einmal: was heißt Relevantes lesen?

Wir können nun feststellen, dass der Begriff der Relevanz zwar nicht dem interpretierten Text immanent ist, aber auf ein Verhältnis verschiedener Interpreten eines bestimmten Textes hinweist (zum Beispiel auf das Verhältnis von Lehrer und Schüler).
Zudem können wir feststellen, dass der Begriff der Relevanz ambivalent ist: nur indem er die Zukunft einschränkt (gleichsam dogmatisiert), ermöglicht er eine gewisse Verlässlichkeit. Und so bleibt es der Gesellschaft oder bestimmten Gruppen überlassen, über den Sinn und Unsinn einer Relevanz zu diskutieren, zum Beispiel: ist es wichtig, dass sich der Islam säkularisiert? Ist es wichtig, Computer von Beginn an im Unterricht zu nutzen? Ist es wichtig, demokratisch verträglichen Randgruppen (wie zum Beispiel Homosexuelle) eine besondere Plattform für die Sichtbarkeit zu geben (zum Beispiel den Christopher Street Day)?
Und natürlich gibt es dann auch noch die zahlreichen Relevanzen, die vielleicht nicht ganz so wichtig sind: was zum Beispiel bedeutet die Weide in Christa Wolfs Roman Kassandra? (Obwohl, wie ich gestehen muss, das für mich eine sehr schöne Frage ist.)

Wie zeigt sich Logik? Argumentation und Idee

Ich hatte mal zu Dobelli geschrieben (Hacker, Toaster, Zoe Beck und Dobelli), dass sich Argumentationen immer nur in Bezug auf Ideen als richtig oder als falsch erweisen. Man kann dies etwas präziser sagen, als ich es damals getan habe.
Argumentationen bestehen zunächst aus einer Sammlung von Urteilen (und ich meine dies hier in streng logischem Sinne als die Zuweisung eines Prädikats zu einem Subjekt, wobei das Subjekt irgend ein Begriff sein kann, während das Prädikat ein Merkmal ausdrückt). Weiterhin bestehen sie aus Schlussfolgerungen, zu denen die ableitende Regel und der Schluss gehört. Günstigstenfalls ist das Urteil ein Wahrnehmungsurteil (die Rose ist rot), schlechtestenfalls ist es eine Meinung (die gender-Ideologie ist unsinnig). Die Idee drückt sich in der Wahl von Urteilen ebenso aus, wie in der Wahl der ableitenden Regel. Dementsprechend ist dann auch der Schluss ideologisiert. Wollen wir also zu einer spezifischen Logik eine genauere Aussage treffen, dann müssen wir von einer inhaltlichen Betrachtung der Argumentation zu einer genetischen Betrachtung übergehen: wie überhaupt ist es zu einem solchen Urteil gekommen? Was sind die Bedingungen dafür, dass ein solches Urteil auftaucht?

Wie zeigt sich Logik? Enthymeme und kulturelle Grenzen

Folgt man den Theorien der kulturellen Evolution (wie ich dies hier tue), kann man diese Bedingungen nicht in einem metaphysischen Bereich finden, sondern in den Dispositionen vergangener Zeiten. Zudem muss man, wie ich oben ausgeführt habe, davon ausgehen, dass es in jeder Kultur Bindungen gibt, die der Rationalität der betreffenden Kultur nicht ohne erhebliche Mühen zugänglich sind. Diese habe ich, im Anschluss an Aristoteles, Enthymeme genannt: fraglos gewordene Überzeugungen.
Eine solche Behandlung der Logik muss sich eine gewisse Paranoia bewahren: wenn sie schon keine menschlichen Akteure auf den Hinterbühnen erwartet, so doch eben jene Enthymeme, die im Verborgenen wirken. An sie zu rühren bedeutete, an den Grenzen der jeweiligen Kultur zu rütteln. Und in diesem Sinne ist die Aufklärung jenes Unternehmen, was sich beständig selbst überwinden muss.

Status eines Softskills: die Lesekompetenz

Was aber hat das alles mit der Lesekompetenz zu tun, von der ich zu Beginn so viel, und jetzt scheinbar gar nicht mehr gesprochen habe?
Nun, zunächst kann man feststellen, dass sich im akademischen Bereich (und gelegentlich auch im populären) Lesekompetenz dadurch ausdrückt, dass man einen Text zustimmend liest, aber auch dadurch, dass man ihn widerlegend liest. Lesekompetenz drückt sich damit durch zwei sich widersprechende Ergebnisse aus.
Sammelt man dann Methoden des Lesens, philosophische, literaturwissenschaftliche, kreative, findet man ein ganzes Bestiarium (oder Herbarium) solcher Verfahrensweisen.
Und mit Rücksicht auf die kognitive Psychologie kann man schließlich von Assimilationsschemata sprechen, aus denen sich die Lesekompetenz zusammensetzt, und zum Teil sehr verschieden zusammensetzt. Ein Slavoj Zizek liest Hegel komplett anders als ein Gilles Deleuze. Eine generelle Lesekompetenz wird man beiden aber wohl schwerlich absprechen können.

Lesekompetenz und Assimilationsschemata

Ich gehe nun davon aus, dass sich die Lesekompetenz nicht wirklich fassen lässt. Sie setzt sich aus zu vielen solcher Schemata zusammen; sie strukturiert sich auch je unterschiedlich (manche Leser verschaffen sich zunächst einen Überblick über einen Text, andere lassen sich eher von einzelnen Stellen faszinieren, usw., auch wenn beide sowohl des Überblicks als auch der Mikrolektüre fähig sind). Es käme also darauf an, die Lesekompetenz nicht an einer bestimmten Vorgabe festzuhalten, sondern an einer hinreichend großen Anzahl solcher Assimilationsschemata. Aber wie relevant sind solche Assimilationsschemata für sich genommen: welche Rolle spielt es, dass ich zu Beginn von Kassandra an das Hier und Jetzt aus Hegels Phänomenologie des Geistes denke, am Ende aber an den Homo Faber, der mit dem gleichen Satz endet wie Wolfs Kassandra? Und was daran ist nun genau die Lesekompetenz? Besteht sie darin, überhaupt Verbindungen zu ziehen, oder besteht sie darin, genau diese Verbindung zu ziehen?
Roland Barthes schreibt dazu im bereits zitierten Artikel:
… ich weiß nicht, ob das Lesen nicht grundlegend ein vielzähliges Feld aufgesplitterter Praktiken und irreduzibler Effekte ist und folglich die Lektüre der Lektüre, die ›Metalektüre‹, selbst nichts anderes als ein Aufblitzen von Ideen, Ängsten, Wünschen, Lustempfindungen und Unterdrückungen, von dem es nur fallweise, gleichsam im Plural … zu sprechen gilt.
Barthes, Roland: Über das Lesen. in Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main 2005, S. 33

Wie zeigt sich Logik? Zeigen und Sagen

Das Problem der Sprache (und damit das Problem des Lesens) findet sich in den verschiedenen Ebenen, die die Sprache durchkreuzen. Nur zu gerne erinnere ich daran, wie Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss über Seiten hinweg das zwölfzeilige Gedicht ›Les Chats‹ von Baudelaire beschreiben, woraufhin die Antwort von Michel Riffaterre noch umfangreicher ausfällt.
Man fühlt sich hier daran erinnert, was Wittgenstein zur Sprache geschrieben hat:
Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit.
Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, 4.121
Der sprachliche Ausdruck zeigt die logische Form, aber sagt sie nicht. Und demnach entgleitet die logische Form immer wieder der inhaltlichen Darstellung. Damit ist die Logik aber seltsamerweise nicht mehr der beruhigende Grund, auf den sich eine (mehr oder weniger) wissenschaftliche Diskussion verlassen kann, sondern eine beunruhigende Kluft, über die sich die eine Logik mit der anderen Logik nur in Form von Tautologien und Missverständnissen austauschen kann.
Lesen wäre, sofern es nicht mechanisches Lesen sein soll, eine Folge von Missverständnissen und Fehllektüren. Oder, um dies in der ganzen paradoxen Erscheinung zusammenzudampfen: Lektüre ist Fehllektüre, dank der Kluft zwischen Zeigen und Sagen. (Siehe dazu auch: Form und Übersetzung, Sprachen lernen)

Ein Kanon der Leseverfahren? - Schulbücher

Grundsätzlich bekenne ich mich dazu, die neuen Schulbücher zu lieben. Sie sind keinesfalls, wie dies Ursula Sarrazin vor einigen Jahren behauptet hat, anspruchsloser geworden, im Gegenteil. Ab der zweiten Klasse findet man in jedem Schulbuch methodische Hinweise, zum Teil ganze Methodenseiten, und so natürlich in den Deutschbüchern auch Seiten zum Training der Lesekompetenz. Hier werden Methoden eingeübt, wie zum Beispiel den wesentlichen Begriff eines Absatzes zu identifizieren, dem Absatz eine Überschrift zu geben, aus einer kurzen Geschichte den wesentlichen Konflikt und das Moment, in dem dieser Konflikt gelöst wird, zu identifizieren. Und schon in der zweiten Klasse leiten die Schulbücher auch dazu an, die Ergebnisse zu vergleichen und zu hinterfragen, also kritisch mit den eigenen und den fremden Leistungen umzugehen.

Individuelle Leseverfahren

Soviel zum Lob. Und trotzdem: ganz verlassen dürfen wir uns auf die Schulbücher nicht. Schon die Kinder in der ersten Klasse bringen eine ganze Menge Assimilationsschemata mit. Und eine ganze Reihe dieser bereits erworbenen Muster eignen sich hervorragend zur Interpretation von Texten und dem Verfassen von Geschichten, selbst wenn die Schüler noch nicht schreiben können. Von all dem wissen die Schulbücher nur im Allgemeinen, nicht im Besonderen. Hier ist es gelegentlich die Aufgabe des Lehrers, solche Lesemuster aufzugreifen und für die Klasse fruchtbar zu machen, obwohl sie gerade nicht im Schulbuch enthalten sind.
Ein gewisser Kanon ist also sinnvoll, weil man sich so auf Gemeinsames verlassen kann. Aber eine gewisse Variation ist auch nicht schlecht. Manchmal, so darf ich gestehen, ist es einfach bezaubernd, was Kinder aus Texten machen, die man als sehr simpel bezeichnen würde. Genau das gilt es zu würdigen, mit und gegen den Kanon.

Zum Abschluss: die unsinnigen Diskussionen

Im Internet findet man mittlerweile so zahlreich Diskussionen, die eigentlich nur noch aus der gegenseitigen Beleidigung der Diskutanten bestehen, dass man nicht explizit auf eine bestimmte Seite verweisen muss. Ich tue es an dieser Stelle trotzdem. Es gibt von Harald Lesch ein Video, in dem er die Aussagen der AfD zum Klimawandel kritisch begutachtet. Er kommt zu dem Schluss, dass die AfD sich hier höchst unwissenschaftlich verhält. Das hat natürlich zu sehr viel Unmut, aber auch zu sehr viel Fürsprache geführt. Und egal, ob Harald Lesch recht hat oder nicht, und egal, ob die meisten dieser darunter stehenden Aussagen einfach nur Beleidigungen sind oder doch irgendwie zu einer sinnvollen Diskussion gehören: die Aufforderung, seine Aussagen zu begründen, zielt nicht nur darauf, ob diese inhaltlich richtig sind, sondern darzulegen, wie jemand zu diesen Aussagen kommt, also sich selbst zu begründen.
Diese Aufforderung ist nicht unsinnig, sondern vielleicht sogar das Wesentliche an solchen Diskussionen: nur darüber lässt sich genauer sagen, mit welcher Sorgfalt ein Diskutant bestimmte Aussagen zu betrachten bereit ist. Auch hier geht es zunächst nicht um das Ergebnis als solches, sondern um die Lesekompetenz. Auch hier geht es um die darunterliegenden, unausgesprochenen Verträge. Und natürlich geht es um die Idee, die sich in einer solchen Lesekompetenz anzeigt.