19.09.2017

Aggro-Frauen

In Berlin ist ein Taxifahrer von vier Frauen bedroht und um seinen Verdienst geprellt worden.
Mein dumpfnationalistischer "Liebling" Michael Vogel (der selbstverständlich nur "besorgt" ist), veröffentlichte diesen Text auf facebook.
Und was soll man sagen? Eine Stammkommentiererin von Vogel, Ulrike Cudak, zeigt sich auf ganz friedliebende Weise empört:
Auf die Schnauze hauen, zackbumm. Dumpfe Tussen.

Hetero-Rabbatz

Mit der Analyse ist das so eine Sache. Auf der einen Seite soll diese wesentliche von unwesentlichen Merkmalen trennen, auf der anderen Seite bringt aber erst die Analyse die Möglichkeit hervor, zu einer solchen Einschätzung zu kommen. So wird die Analyse manchmal breit gestreut, Merkmale aufgelistet oder erforscht, von deren Relevanz man noch keine Ahnung hat. Und das ist eben Forschung. Am Anfang der Forschung steht immer die Bekenntnis: „Ich habe keine Ahnung!“

Ein Fragekatalog

Über zwei wissenschaftliche Institutionen, Humboldt-Universität und der Sigmund-Freud-Privat-Universität, ist eine online-Befragung herausgegeben worden. Diese ist vom Senat Berlin, genauer der Senatsbildungsverwaltung, in Auftrag gegeben worden. Die Befragung ist freiwillig und anonymisiert. Darin findet sich die Frage, welche sexuelle Orientierung der Lehrer habe.
Ganz so skandalös, wie dies gerade in (rechten) Medien diskutiert wird, kann dieser Fragebogen allerdings nicht gewesen sein, denn er ist freiwillig und, wie gesagt, "anonymisiert". Obwohl, und dies zu hinterfragen wäre Sinn und Zweck einer "Skandalisierung", sich natürlich die Frage stellt, was diese Qualität des Anonymen sei.
Zudem stellt sich die Frage, warum die Frage nach der sexuellen Orientierung heikler sein sollte als die nach dem Parteibuch. Wie Hildegard Bruns von der BZ suggeriert. Ist nicht beides gleich heikel, bzw. gelegentlich auch unheikel, wenn es niemanden interessiert, ob ein Lehrer nun hetero- oder homosexuell ist; oder beides mit gleich unmaßgeblichem Interesse aufgenommen wird?

Hyperbeln, wir wollen Hyperbeln

Nun ja. In Asterix und die Schweizer findet sich dieser wundervolle Running Gag, dass die dekadente Oberschicht Orgien einfordert, mit dem Ruf (dem Schlacht- und Kampfruf): Orgien, wir wollen Orgien. Die Orgie ist so etwas wie die Übertreibung eines sowieso schon parasitären Lebensstils. Diesen zur Forderung zu erheben verweist auf die Irrealität gewisser Bevölkerungsgruppen.
Rund um die gender-Forschung hat sich seit Jahren ein ähnliches Spektakel etabliert, welches sich parasitär an die Frage nach dem kulturellen Geschlecht dranhängt, dieses aber komplett ablehnt und mit Übertreibungen wie „Frühsexualisierung“ oder „Verschwulung“ nach maximaler Aufmerksamkeit heischt.
Plattgewalzt werden dagegen sämtliche Begriffsschärfen, ja die gesamte Bildung von Begriffen selbst und damit jegliche wissenschaftliche Argumentation. Denn ob es nun gender sein muss oder nicht, eine Disziplin entsteht nicht nur aus Inhalten, sondern auch aus Methoden. Die methodischen Ansätze der gender-Forschung mögen kritisierbar sein, aber sie sind eben nicht zugleich mit den Inhalten aus der Welt zu schaffen.
Genau dies leistet sich aber der Widerstand gegen die gender-Forschung. Zugleich mit den Inhalten werden auch die Methoden gekippt, Methoden, die in anderen Bereichen hervorragendes geleistet haben und für die Wissenschaftlichkeit notwendig sind. – Man muss hier also zwischen zwei Aspekten trennen, zwischen zwei Sphären der Legitimation. Ob der sachliche und inhaltliche Bereich einer Disziplin legitim ist, muss ganz anders kritisiert werden, als wenn man die Methoden, mit denen diese Disziplin „erschaffen“ wurde, kritisieren möchte.
Dieses Herumschmeißen von maximaler Empörung und minimaler Begriffsarbeit, dieses Fest der Hyperbeln, diese Orgie der Extrapolationen führt dann, jenseits einer Kritik an der gender-Theorie, vor allem zu einem: der Begriffsverwirrung und der Entwissenschaftlichung des öffentlichen Diskurses, mithin in die Anti-Aufklärung.

Martenstein

Unser guter Martenstein hat sich nun dieses Ereignisses bemächtigt. Empörungskonform titelt die Berliner Zeitung daraufhin Hetero oder nicht? Sex-Schnüffelei an Berlins Schulen. Martenstein selbst ist nicht ganz so überdreht. Er verweist zunächst darauf, dass Lehrer nicht nach ihrer Gesinnung beurteilt werden dürfen.
Ganz so richtig ist allerdings die Aussage nicht. Lehrer mit rechtsradikaler, linksradikaler oder religiös-fundamentalistischer Gesinnung werden schon zur Verantwortung gezogen, sofern die Gefahr besteht, dass diese Gesinnung den Verlauf des Unterrichts beeinflusst und damit den Auftrag der Schule untergräbt, Demokratie, wissenschaftliche Praxis und Bildung zu vermitteln.
Das Problem, das Martenstein anspricht, ist ein tatsächliches. Da in dem Fragebogen die Adresse der Schule, Alter und Dienstjahre abgefragt werden, ließe sich aus einem Datensatz relativ leicht eine Person herauskristallisieren, denn wie oft mag es einen 56-jährigen Geographie- und Englisch-Lehrer mit 30 Dienstjahren an einer mittelgroßen Schule geben? Selbst wenn es tatsächlich einmal zwei sein sollten, ist die Anonymität damit noch lange nicht gewährleistet.
Nun ist Anonymität Anonymität und nicht gender-Forschung. Der Skandal wäre, wenn überhaupt, ein „datenpolitischer“.
Zudem, und das ist ein ganz anderes Problem, gilt neben dem Datenschutz auch der Schutz vor Diskriminierung. Nicht nur darf ein Arbeitgeber nicht nach seiner sexuellen Orientierung gefragt werden; er darf auf nicht dazu gezwungen werden, dies zu verschweigen und zu verheimlichen. Nicht nur muss ein Lehrer seinen Schülern die Meinungsfreiheit zugestehen, die im demokratischen Spektrum möglich ist, sondern er selbst muss auch als Teilnehmer an demokratischen Prozessen erscheinen dürfen.

Holzwege der Wissenschaft

Nun ist natürlich die Frage, was die Wissenschaft mit einem solchen Fragekatalog anfängt, und ob hier der ethische Anspruch des Forschungsvorhabens entsprochen wird, nicht der Politik dienstbar zu sein, sondern der Aufklärung. Diese Nicht-Dienstbarkeit besteht darin, nicht der Politik die Antworten zu liefern, die sie hören will, nicht die Daten zu liefern, die der Politik Zugriff auf Einzelpersonen aufgrund deren Lebensweise oder Gesinnung ermöglicht. Die Frage also in diesem Fall ist, inwiefern die Nicht-Kommunikation zwischen wissenschaftlichem Institut und politischem Auftraggeber den Gesetzen entspricht.
Ein ganz anderer Aspekt dagegen ist, ob diese Studie sinnvoll ist. Das aber lässt sich nur hinterher beantworten. Wenn man vorher schon wüsste, was die Antwort ist, dürfte es nicht Forschung oder Studie heißen. Demnach wird eine Forschung mit einer Fragestellung begonnen, mit einer Hypothese, und, sofern man dies etwas frei ins Deutsche übersetzt, eben mit einem Vorurteil. Vorurteile, so lässt sich an allen Ecken und Enden lesen, seien nicht gut. Doch das stimmt nicht. Problematisch wird ein Vorurteil nur dann, wenn man jeden Zweifel daran, jede Widerlegung zurückweist, oder sich sogar weitreichendere Brüche durch Erfindung von Verschwörungstheorien erklärt oder gleich mit der Verurteilung von Gegnern jeglichen Anspruch auf wissenschaftliche Kommunikation aufgibt.
Die Wissenschaft hat viele Forschungen angestellt. Sie ist auf viele Holzwege geraten. Doch bisher hat sie es auch immer wieder geschafft, diese Irrwege zu hinterfragen. Sie hat neue Forschungen entworfen, hat neue Fragen aufgestellt und neue Hypothesen entwickelt.

Forschungsdesign

So wäre nun der nächste Schritt, sich das Forschungsdesign anzusehen, und hier insbesondere die strittige Frage, welche Daten nun dem Bildungssenat in die Hände gegeben werden. Diese Frage allerdings wirft Martenstein nicht auf. Und damit ist noch lange nicht gesagt, wie der Bildungssenat mit diesen Daten umgeht. Diese Frage ist zwar für den Datenschützer relativ uninteressant, da diese bereits lange vorher warnen und zu warnen haben, aber ob die Ergebnisse der Studie, anonymisiert oder nicht, zu Repressalien führen, ist noch lange kein Automatismus. Genau dieser wird aber mittlerweile im öffentlichen Diskurs unterstellt. Und der Tenor geht wiederum in Richtung Verschwulung Berliner Schulen; die Repressalien werden also vor allem gegen heterosexuelle Lehrer gefürchtet, zum Teil sogar als gewiss hingestellt.
Datenschutz ist nun das eine. Dieser muss funktionieren; das Individuum ist zu schützen. Dass dies funktioniert, wenn auch nicht immer ganz so großartig, wie man sich das wünscht, sieht man an den Ärzten, die ja auch sehr intime Daten von ihren Patienten besitzen und selbstverständlich diese nicht weitergeben und weitergeben dürfen. Sie könnten es, aber sowohl die Berufsethik wie die Gesetzeslage verhindern das (wenn auch nicht immer). Warum also sollten Wissenschaftler nicht mit dem selben Anspruch ihre wissenschaftlichen Forschungen betreiben, auch wenn der Auftraggeber aus der Politik kommt? Hier müsste man sich eben tatsächlich das Forschungsdesign genauer ansehen und inwiefern die Anonymität gewahrt wird.

Offene Fragen

Der Diskurs springt aber über solche Fragestellungen hinweg. Er vermischt Datenanonymität mit der Infragestellung der gender-Forschung. Er vermischt Forschungsdesign und politische Praxis. Weder Martenstein, noch die Berliner Zeitung, noch Heiko Melzer (CDU) trennen die Sphären und etablieren und vertiefen genau damit die unheilige Vermischung von Wissenschaft und Politik.
So ist es gerade kein Skandal, wenn die Bildungsverwaltung den Inhalt der Studie nicht kennt. Denn im Sinne der Anonymität geht dieser den Senat tatsächlich nichts an. Genau dies aber bemängelt Hildegard Bentele (CDU). Da der Auftrag der Studie allerdings recht explizit ist („Wie viel Vielfalt verträgt die Schule?“), ist natürlich eine gewisse Kenntnis des Inhaltes schon vorhanden. Ansonsten wäre das ja, als würde man einem Handwerker den Auftrag geben, etwas zu bauen, und sich hinterher zu wundern, dass man statt des gewünschten Einfamilienhauses einen Zeppelin bekommen habe.
So läuft es letzten Endes immer wieder darauf hinaus, inwiefern die Methoden und die Inhalte einer Wissenschaft in der Kritik getrennt werden, inwiefern interne Zwecke einer Forschung von den externen Leistungen für die Politik und die Öffentlichkeit geschieden werden. Dass ein regionaler CDU-Politiker, zumal kurz vor der Bundestagswahl, dieses Ereignis ausgeschlachtet, sollte nicht verwundern. Dass eine zunehmend radikalisierte Öffentlichkeit an solchen Feinheiten keinen Gefallen findet, auch nicht.
Wer sich allerdings noch dem aufklärerischen Diskurs in irgendeiner Art und Weise verpflichtet fühlt, sollte gerade diese Fragen stellen. Unter den Hyperbeln und Extrapolationen tauchen nicht nur viel dringlichere und viel realere Fragen auf; sie setzen auch dem Einheitsbrei des Skandalisierens die Vielfalt scharfer Begrifflichkeiten und strenger Argumentationen entgegen.
Nicht ist also nur zu fragen, wie viel Vielfalt die Schule vertrage, sondern wie viel Vielfalt der öffentliche Diskurs. Und diese Vielfalt zu ertragen wurzelt wesentlich darin, wie sehr auf eine solche Klarheit hingearbeitet wird und nicht jede Unschärfe oder jeder Widersinn zu flächendeckendem Geplärre genutzt wird.
Dass sich sofort, in hirnlosem Automatismus, sexistische, homophobe, anti-intellektuelle Töne in die - tatsächlich notwendige - Auseinandersetzung einmischen, das ist nun wirklich der typische Hetero-Rabbatz. An dem Martenstein diesmal, ausnahmsweise, wenig Anteil hat.

17.09.2017

Wirkfähigkeit und Kompetenz

Neben allen möglichen anderen Büchern lese ich seit drei Jahren erneut, und seitdem immer wieder, Dynamik in Gruppen von Eberhard Stahl. So weit ich weiß, ist das ein Klassiker, ein moderner Klassiker allerdings, der Gruppendynamik.
Auch meine Anmerkungen dazu beschäftigen mich seitdem immer wieder.

Kompetenzen

Jeder Begriff lässt sich aufbrechen, spalten, in neue Begriffe aufteilen. Anders als ihn einfach abzulehnen macht das aber Arbeit. Dass ich mich gelegentlich wieder um den Begriff der Kompetenz bemühe, ist nicht unbedingt meine Wahl gewesen, sondern kommt mit der modernen Pädagogik automatisch dazu. Die von den rot-grünen Landesregierungen Änderungen in den Schulgesetzen sind prinzipiell ein Fortschritt. Anders übrigens als die AfD meint und anders als deren Vorschläge für das Schulsystem. Läge mir nur die Schule am Herzen, würde ich sogar die Grünen wählen (was ich aber nicht tue).
Trotzdem hege ich Vorbehalte gegen den Begriff der Kompetenz. Allerdings kann ich dieses Unbehagen nur bedingt auflösen.

Evolutionsfähigkeit

Bei Stahl finde ich einen anderen Begriff wieder, der mich bisher noch wenig beschäftigt hat, der aber gerade für die Willensbildung eine wichtige Komponente bildet. Konkreter merkt Stahl an, dass ...
... [die] Leistungsfähigkeit [einer Gruppe] [,] sich nicht einfach daran bemessen lässt, über welche Fähigkeiten und Mittel zur Zielerreichung ihre einzelnen Mitglieder verfügen (inhaltliche Kompetenz).
(S. 47)
Abgesehen davon, dass neben den inhaltlichen auch die methodischen Kompetenzen für die fachliche Auseinandersetzung relevant sind (was Stahl hier unterschlägt), so zeigt er als ergänzende Bedingung für eine funktionierende Gruppe auf deren "Evolutionsfähigkeit". Gruppen verändern sich; und sie verändern sich in Wechselwirkung zu ihrer Umwelt. Ändert sich die Gruppe nicht, verliert sie den Kontakt nach außen.

Wirkfähigkeit und Wirklichkeit

Dazu habe ich damals, vor etwa zwei Jahren, den Faden wie folgt weitergesponnen:
Ein Problem mit allzu statischen Beschreibungen seiner selbst, mit „ewigen“ Kompetenzen, ist, dass man sich nicht vorstellen kann, hier schwankend und nuanciert arbeiten; und zwar nuanciert auch in dem Sinne, unbewusst, nicht unbedingt greifbar passiert. Dann aber wird jede Reflexion über Gruppenverläufe ebenfalls statisch, man nur noch „ist“.
Darüber wird die eigene Wirkfähigkeit beschnitten, weil die Variation in dieser Wirkfähigkeit nicht mehr bedacht wird, bzw. die Reaktion des Gegenübers nicht hinreichend reflektiert werden kann: der andere erscheint als kompakte Einheit, nicht als dynamisches Wesen. Und damit ist es entweder kaputt oder ganz, funktioniert oder produziert nur Unsinn und Mangel.

Stabilität und Veränderungsbereitschaft

Auch das ist ein mythisch besetzter Begriff: die Stabilität.
Hier eine Reihe von Begriffen, die zu diesem Begriffsfeld gehören: Verlässlichkeit, fachliche Kompetenz (die damit zusammenhängt, Sicherheiten vorhergesagt und abgefedert werden können), Charakterstärke, usw.
Man könnte hier, entlang der vier Kompetenzbereiche, eine ganze lange Liste von Begriffen der Stabilität verfassen.
Und umgekehrt könnte man alle Begriffe auflisten, die Schwankungen beschreiben. Schwankungen verweisen auf einen engen Bezug zur sozialen Evolution. Sie sind damit nichts Schlechtes.
Man müsste solche Begriffe positivieren, zumindest funktionalisieren, und sie so aus dem Dunstkreis negativer Moralität (willensschwach, wankelmütig, opportunistisch) herausholen. (Eine vermutlich langwierige Aufgabe!)

Jetzt muss ich mir nur das ganze Buch durcharbeiten und dann, bei jeder neuen Gelegenheit, auch möglichst ganz durchkommentieren.

Mathematik und Gruppendynamik

Eigentlich sollte ich meinen Unterricht vorbereiten, mit dem ich mich zwar schon im Sommer lange und intensiv beschäftigt hatte: jedoch kommt es immer etwas anders, als man sich das denkt. Also bin ich wieder am „Herumbasteln“. Die Arbeit im Sommer hat mir trotzdem sehr gut getan. Zum Teil bin ich sehr intensiv auf einzelne Aufgaben und Übungen eingegangen und habe mir diese aus semiotischer, psychologischer und fachdidaktischer Perspektive recht gründlich angeschaut.

Figuration und Erkenntnis

Seit einigen Monaten liegt als wesentliches Arbeitsbuch Figuration, Anschauung, Erkenntnis. Grundlinien einer Diagrammatologie von Sybille Krämer auf meinem Schreibtisch. Krämer ist Professorin für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Im weitesten Sinne könnte man ihren Forschungsbereich als Medienanthropologie bezeichnen, ähnlich wie der von mir ebenfalls sehr geschätzte Stefan Rieger. Beide arbeiten in mehr oder weniger großer Nähe auf der Grundlage von Michel Foucault und Niklas Luhmann, aber auch den amerikanischen Pragmatisten (Henry James, Charles Sanders Peirce, John Dewey). Krämer stellt in ihrem Buch die „Erkenntniskraft“ des Diagramms dar. Dabei kann man Diagramme überall dort finden, wo ein Bild nicht mehr reine Anschauung ist. Die Beispiele im Buch sind zwar wesentlich enger gefasst, aber letzten Endes könnte man sogar die Bilder von Salvador Dali – etwa Die Geburt des Narziss – als Diagramme auffassen, da sie auf ein Stück Theorie direkt Bezug nehmen und dieses in gewisser Art und Weise „abbilden“ (was mich an meine alte These denken lässt, dass Dali nicht malt, sondern schreibt).

Mathematik erlernen

In der Rechendidaktik (denn in der Grundschule lernt man eigentlich nicht Mathematik, sondern das Rechnen) werden nicht nur zahlreiche Modelle verwendet, sondern auch Sachaufgaben illustriert, bzw. Bezüge zwischen Diagramm und „echtem“ Material hergestellt. So ist ein wesentliches Arbeitsmittel die Hundertertafel, einer einfachen Tabelle von zehn Spalten und zehn Zeilen, in denen die Zahlen von 1-100 geordnet dargestellt werden. Diese Hundertertafel wird nicht nur in Rechenaufgaben übersetzt, bzw. auch umgekehrt Rechenaufgaben in die Hundertertafel, sondern auch auf den Zahlenstrahl überführt. Der Zahlenstrahl (falls ihr euch nicht mehr an eure eigene Grundschulzeit erinnert) ist die Darstellung eines Zahlenabschnittes auf einem Strahl (und damit dem Lineal ähnlich).
Zu dieser grundlegenden Operation des Austauschens und Übersetzens schreibt Krämer:
Diagramme sind raum-zeitlich situierte »Dinge«, denen eine extrinsische Materialität zukommt, deren Besonderheit es ist, hinsichtlich ihrer konkreten Stofflichkeit prinzipiell auswechselbar zu sein. Daher ist die Materialität des Diagramms imprägniert von einer Immaterialität.
(Krämer, S. 62)
Statt Immaterialität könnte man hier auch Idealität oder – da Idealität heute meist etwas anderes bedeutet – Gedachtes sagen. Diagramme stellen damit Übergänge von der anschaulichen Welt zur Praxis des Denkens dar. Indem sie an beidem teilhaben, indem sie sinnlich, aber auch von diskreten Differenzen durchzogen sind, haben sie an beiden Sphären Anteil.
Darüber kann man unendlich nachdenken.

Gruppendynamik

Wie aber kommt man von hier aus zur Gruppendynamik?
Es ist natürlich klar, dass die Gruppendynamik für einen Klassenlehrer eine wichtige Rolle spielt. Tatsächlich aber bin ich auf dieses Thema durch Illustrationen zu Rechengeschichten gekommen. Rechengeschichten? Das sind so etwas wie erweiterte Sachaufgaben, die etwas lebendiger erzählt sind, dadurch aber nicht unbedingt einfacher erfasst werden, weil die Geschichte nicht direkt auf die Rechenoperation zugeschnitten ist, die die Kinder daraus erschließen sollen.
Jedenfalls sind diese Illustrationen gelegentlich auch unter dem Aspekt der Beziehungsdynamik interessant. Dadurch bin ich zu einem recht langen Abstecher eines einzigen Diagramms in Eberhard Stahls Buch Dynamik in Gruppen aufgebrochen. Ich bin immer noch nicht damit fertig.

Diagnostik: Der Psychologisierung widerstehen

Wozu betreibe ich aber einen solchen Aufwand? Der Grund liegt selbst wieder im Diagramm und in der „prinzipiell auswechselbar[en]“ „Stofflichkeit“ begründet. Zwischen dem Lernen des Kindes und der mathematischen Aufgabe liegt die Bearbeitung der Aufgabe. Diese Bearbeitung ist aber nicht ein abstraktes Zwiegespräch zwischen den Denkleistungen und der Aufgabenstellung, sondern von Körperlichkeit und sozialer Situation verkompliziert.
Zudem ist es ein alter Hut, dass man in den Kopf von Menschen, also auch nicht von Schülern, hineinschauen kann. Man kann zwar wissen, was Lernen ist, aber ob und wie das Kind in der konkreten Situation lernt, ist reine Spekulation.
Nun kommt man als Lehrer ohne eine solche Spekulation nicht aus. Zum einen lernen Menschen natürlich, zum anderen würde man sich selbst delegitimieren, sollten die Schüler im Unterricht nicht lernen. Trotzdem: einer allzuraschen Psychologisierung und damit einem Übergriff ins Unbeobachtbare sollte man eine ausreichend gute Praxis des Beobachtbaren entgegenstellen, damit man nicht unbemerkt und damit auf bequeme, unsystematische und letztlich unwissenschaftliche Art und Weise wieder zu spekulieren anfängt.

Zu einer Praxis des Beobachtens

Semiotische und technische Medien

Was aber wäre eine solche gute Praxis? Ich führe dies hier ohne weitere Begründungen, als Abschluss auf: zunächst gilt es Medien und den Umgang mit Medien zu trennen: wie benutzt ein Kind die Sprache? wie erläutert es die Bedeutung eines Bildes? wie arbeitet es mit einem Abakus? etc. - Zwar gibt es hier die Trennung zwischen semiotischen und technischen Medien, so wie der Abakus ein technisches Medium ist, die Perlenstangen darauf aber ein semiotisches; doch macht dieses Beispiel bereits deutlich, dass sich die Medien ineinander verschränken. Die Schrift ist auf der einen Seite ein technisches Medium (als "Aufzeichnung" von Lautgestalten), aber auch ein semiotisches (als die Welt bedeutend).

Handlung und Denkbewegung

Zugleich zur Trennung der Medien, die bereits individuell verlaufen kann, kommen Übersetzungen und Transformationen hinzu. Diese lassen sich als solche beobachten (die Plusaufgabe und eine Lösung dazu; eine Addition am Zahlenstrahl mit Anfangs- und Endzahl), aber auch durch Handlungen (z. B. abzählen, d. h. mit dem Finger einer geordneten Abfolge entlangfahren). Dabei sind die Bewegungen teilweise ins Denken übernommen, so dass sie nicht mehr vollständig, sondern nur noch teilweise sichtbar sind; im Zweifelsfall muss man auf besseres, besser diagnostizierbares Material zurückgreifen oder sich die Vorgehensweise vom Kind erklären lassen).

Die Schnörkel

Eine der wichtigsten Momente bei solchen Handlungen sind die "Schnörkel". Es gibt vermutlich bei jeder strukturierten Handlung einen reinen, völlig ökonomischen Weg. Doch genau ein solcher ist selten und erst bei viel Übung zu finden. Bis dahin verrutschen Stifte, springen Perlen aus ihren Kuhlen, werden Teile des Zahlenstrahl falsch hintereinandergelegt; der Kopf landet auf der Hand, die Augen gleiten zum Nachbarn hinüber, ein Arbeitsschritt wird mit den Fingern noch einmal überprüft. Diese kleinen Zwischenhandlungen beulen und dellen den geradlinigen Weg aus; sie weisen auf Such-, Um- und Abwege hin, ohne sie genauer zu bezeichnen.

Zweck der Konnotation

Schließlich müssen all diese kleinen Bewegungen interpretiert werden. Da es keine direkte Überprüfung des Ergebnisses gibt, muss man diese als Konnotation behandelt werden, als "systematisch ausgearbeitetes Geräusch". Solche Konnotationen werden nicht dadurch richtiger, wenn das Kind eine Schwierigkeit dann endlich überwindet. Der erwartete und gelungene denkerische Fortschritt macht aus einer Spekulation keine Gewissheit und aus einer Konnotation keine Denotation. Aber die Konnotation strukturiert das eigene planmäßige Vorgehen des Lehrers und macht in der Reflexion mögliche Verbesserungen am eigenen Verhalten, an der Lehranweisungen, etc. deutlich.

Zeitlichkeit und Unzeitlichkeit

Die Gleichheit, die im Begriff ermöglicht wird (der Begriff ist! diese Gleichheit), kann man als assimilierende Abbildung und damit als Internalisierung von Erfahrung beschreiben. Der Begriff ermöglicht zunächst eine Gleichheit, dann eine Wiederholbarkeit, damit eine Reflexion (die wahrscheinlich zunächst eine „Rücksicht“ ist, also die Wiederholung einer Erinnerung); daraus entsteht die Möglichkeit, das operative Moment umzukehren: und dies ist ja die Definition der Operation, bzw. gehört ihrer Definition, dass sie in beide Richtungen verläuft, also eben umkehrbar ist. Und erst aus diesem Moment, aus der Operationalisierung der Rücksicht, wird die „Vor-Sicht“ gewonnen.
Das Interessante daran ist, dass die bewusste Zeitlichkeit zunächst über eine stillgestellte Zeit läuft, nämlich der Gleichzeitigkeit der Komponenten im Begriff. Im Übrigen müsste es zwei verschiedene Arten geben, zu dieser Zeitlichkeit zu kommen, nämlich einmal den Begriff selbst als Element in einem größeren Zusammenhang zu verwenden, und einmal die interne Genese herauszuarbeiten, also sich die Entstehung des Phänomens oder Gegenstandes, welches durch den Begriff bezeichnet wird, bewusst zu machen.

16.09.2017

Frustriert, und dann doch wieder nicht

Mittlerweile habe ich aufgegeben, den politischen Begriffen hinterherzulaufen. Wenn man diese mit philosophischem Hintergrund versieht, wird die ganze aktuelle Diskussion immer abstruser. Insbesondere die AfD (aber nicht nur die) tut sich damit hervor, jeglichen noch greifbaren Kern aus den Begriffen zu entfernen.
Ich benutze Wörter wie Inklusion oder Gender nur noch mit Bauchgrimmen. Bei den Gegnern trifft man lediglich in der Reaktion auf eine deutliche Aussage, nicht aber in der Begründung, und bei den Befürwortern findet man in der Begründung zu viele Unschärfen, zumindest oftmals. Damit sage ich natürlich nicht, dass ich den Anspruch der Gender-Theorie oder der inklusiven Praxis aufgebe; aber ich kann mich zu oft nur noch oberflächlich mit anderen Vertretern gemein machen.

Hinterherhetzen

Ja, haha, tolles Wortspiel. Aber den Dummheiten der faschistischen Vertreter rennt man nun echt hinterher. Da werden "Nachrichten", die bereits durch rechtsradikale Presseerzeugnisse vorgefiltert wurden, massenweise im Netz verbreitet. Nicht mehr gezeigt werden die Darstellungen, die das relativieren oder geradezu anders darstellen. Heute zum Beispiel: Übergriff von Asylanten auf dem Volksfest ... (nun, wo auch immer). Verschwiegen wird uns, dass vorher irgendjemand einen Bierhumpen auf die Asylanten geworfen hat.
Gauland etwa dreht mittlerweile völlig durch. Hat er sich schon mit seiner Hetze gegen Özuguz und deren Kulturbegriff nicht nur an den Gepflogenheiten der Diskussion vergriffen, sondern auch den wissenschaftlichen Anspruch aufgegeben, den Kulturwissenschaftler zu etablieren versucht haben, ist er mit seiner neuesten Aussage zur Nazi-Vergangenheit vollends unerträglich geworden. Denn wenn man dies mal nicht unter dem Begriff der Verharmlosung denkt, sondern konsequent weitertreibt, dann sind auch Goethe, Kleist, Droste-Hülshoff, Heine, Schnitzler, Kant, Mendelsohn, etc. nicht mehr für uns bestimmend. Da hat man mit den düstersten Zeiten der deutschen Kultur auch gleich ihre hellsten Sterne versenkt. So etwas ist nicht patriotisch, sondern Kulturverrat.
Schlimm ist das. Kaum zu ertragen. Es gibt so großartige Denker und Dichter, die in deutscher Sprache geschrieben haben; aber wenn man diese "Patrioten" ansieht, verliert man doch den Glauben an unsere Kultur.

Aber ...

Es gibt auch schöne Sachen in meinem Leben. Ich konnte in den letzten zwei Wochen trotz Start auf einer neuen Dienststelle viel lesen. Das war nun nicht meine ganz bevorzugte Lektüre, meist Mathedidaktik, aber auch sonstige Didaktiken, doch auch das kann Spaß machen und einen weiterbringen. Eine Kollegin hat sich gesorgt, dass ich mich eventuell überlasten würde. Nun, am Ende der Woche brauche ich mehr Schlaf als zu Beginn; ich kann nicht sagen, dass mir die Arbeit leicht von der Hand geht, aber es ist erträglich, und vieles wird sich auch einschleifen. Ich hatte schon Arbeiten, die nach einem Jahr anstrengender waren als das, was ich jetzt erlebe.

31.08.2017

Lesen, schreiben

Ich lese, insbesondere Pädagogikbücher. Von Gerald Hüther und Uli Hauser Jedes Kind ist hochbegabt; aber dieses Buch fand ich enttäuschend. Es beinhaltet einfach zu viele Selbstverständlichkeiten. Es kommt nicht auf den Punkt, oder trifft zumindest nicht meinen Punkt. Sicherlich: es macht Werbung für die richtige Sache. Wer sich mit der Grundtendenz moderner Pädagogik auseinandersetzen möchte, mit einer ethischen Haltung gegenüber Kindern und einigen Hintergründen, der sollte dieses Buch lesen (oder eines der anderen Bücher zu diesem Thema; die aber wären nicht mittlerweile Legion, wenn sich in Familie, Schule und Politik tatsächlich etwas geändert hätte).
Kinderbücher, heute sogar vier. Die Konferenz der Tiere; ein teilweise sehr schönes Buch, aber diese Geschlechterrollen - ahhrrg! wenn ich nicht so blond wäre, könnte ich mich schwarz ärgern. Der Räuber Hotzenplotz, natürlich, einer der großen Klassiker (aber nicht mein Lieblingsbuch, obwohl ich mit größter Bewunderung von diesem Buch spreche, an dem jedes Wort, jeder Satz notwendig ist). Von Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf (alle drei Bücher, die ich in einem besitze). Dort wurde aus dem Papa, der als Negerkönig residiert, mittlerweile ein Südseekönig. Die Zeichnungen dazu sind neuerdings auch "unrassistisch", soll heißen, dass sie immer noch Folklore und Frauen in Bambusröckchen darstellen. Mir haben auch die schwarzen Gestalten nicht geschadet - hoffe ich! - und diese neue Darstellung ist nicht unbedingt eine Verbesserung. Bücher sind eben Bücher und Erziehung ist Erziehung.
Rico und Oskar und der Tieferschatten; ein moderner Klassiker. Weil Henrike neulich anmerkte, dass zahlreiche Schullektüren von männlichen Autoren geschrieben seien, habe ich jetzt die "gender"-Brille aufgesetzt. Aber so ganz kann und mag ich dem nicht folgen. Da wir zum Beginn der dritten Klasse das Thema Konflikte lösen und Kinderrechte behandeln, finde ich die Konferenz der Tiere als Vorlesebuch sehr angebracht, trotz sexistischer und rassistischer Untertöne.
Was noch? Den Zarathustra, in den letzten Tagen; zum hundersten oder tausendsten Mal. Was für ein Buch!
Und Sartre, Was ist Literatur?, einige wenige Seiten. Nach und nach gewinnt dieses Buch eine Kontur, die ich letzten Jahr, als ich es nach fast dreißig Jahren erneut gelesen habe, nicht so wahrnehmen konnte. Deshalb: wenige Seiten, viele Kommentare und Fragmente dazu.

19.08.2017

Regeln, die keiner kennt

Г.1. Anti-Ironie-Regel
Г.2. Kinder-machen-so-Probleme-Regel
Ich räume meine Wohnung auf. Unter anderem entsorge ich alle möglichen alten Mitschleppsel. Dabei bin ich auf meine Vorlesungsmitschriften gestoßen, die ich jetzt, nebenbei, rasch einlese. Solche Fragmente wie oben, SoSe 1995, Sprechakttheorie. Ein Skript voller Tupel, Regellisten, seltsamen Gedanken zu dem Satz "Die Tür ist offen!" - Zum Glück war ich nie auf der Hochzeit eines Sprechakttheoretikers.

17.08.2017

Jahrespläne

Seit vier Wochen sitze ich über dem Jahresplan 2017/18. Ziel dieses Jahresplanes ist, zum einen die Themen der verschiedenen Fächer enger zu verknüpfen, zum anderen bestimmte Methoden systematisch über das Jahr hinweg aufzubauen. Ein Beispiel: der Rahmenlehrplan sieht in der dritten Klasse in Sachkunde das Thema ›Bauen und Wohnen‹ vor; hier sollen unter anderem spezifische Berufe betrachtet werden, die für den Hausbau notwendig sind. Dazu eignet sich in der Mathematik parallel mit geometrischen Formen zu arbeiten, in Englisch entsprechende Vokabeln einzuüben, und in Deutsch zum Beispiel das Textmuster Beschreibung und in der Grammatik Lokaladverbien zu behandeln. Zudem lassen sich hier gut einfache Fachwörter einführen, die die Kinder dann im Wörterbuch nachschlagen können. Ein Aspekt betrifft auch ein geschichtliches Thema, nämlich Wohnen in der Steinzeit. Hier hatte ich die Idee, dass man dies etwas ausweiten könnte, und in drei Arbeitsgruppen einmal Wohnen in der Steinzeit, wohnen im alten Rom und Wohnen in einer mittelalterlichen Burg behandeln könnte. Zu allen drei Themen habe ich nämlich schöne Bücher, aus denen sich die Kinder ohne großen Rechercheaufwand informieren können.

Der Berliner Rahmenlehrplan

Besonders begeistert mich im Moment auch die Arbeit mit den Berliner Rahmenlehrplan. Das ist ein durch und durch moderner Rahmenlehrplan, der sich in seinen Schwerpunktsetzungen zwar nicht offiziell an den Ergebnissen der Neurophysiologie orientiert, sich aber gut daran anschließen lässt. Ich kenne nun die ganz alten Rahmenlehrpläne aus Berlin nicht, aber die aus Hamburg, und die waren in den neunziger Jahren längst nicht so kompatibel. Hier hat sich glücklicherweise einiges in der Bildungslandschaft getan. Nach wie vor muss man allerdings den Zustand der Schulen in Berlin bemängeln: hier wäre bei vielen dringend mindestens eine Renovierung nötig, wenn nicht gar ein ganz anderer Gedanke, wie pädagogische Räume auszusehen haben.

Informatikunterricht

Der Medienbegriff

Ein besonderes Augenmerk liegt bei mir auf dem Informatikunterricht. Dieser ist in der Grundschule ein Teilaspekt des Sachkundeunterrichts. Zudem, was mir vorschwebt, habe ich bisher wenig Literatur gefunden. Drei Artikel aus dem Bereich haben mich besonders genervt, weil diese den Fachbereich Informatik vornehmlich von dem der Medienkompetenz abgrenzen wollten. Das ist zum Teil sinnig, aber eben nur dann, wenn man den Bereich Computerwissen auch gut ausgestalten kann.
Ein grundlegendes Problem dabei ist, dass der Begriff Medium je nach Theorie eine andere Bedeutung besitzt, oder sogar innerhalb einer Theorie mit unterschiedlichen, kontrastierenden Bedeutungen belegt wird. Wenn ein Artikel dann versucht, gleichzeitig Abgrenzungen vorzunehmen, aber auch den Medienbegriff möglichst umfassend zu handhaben versucht, können eigentlich nur recht schwammige Aussagen entstehen.

Didaktik des Programmierens

Mir fehlen immer noch Artikel zum Programmieren mit Grundschülern. Dabei wäre dies, beim heutigen Stand der Software und den Angeboten der Software-Hersteller, ein leichtes, dies umfangreicher zu erforschen. Viele Programme dazu gibt es kostenlos, und manche Sachen, wie zum Beispiel HTML und CSS, lassen sich über das Herumexperimentieren leicht in den Unterricht einbauen.

Mögliche Lernziele

Provisorisch habe ich mir also folgende Lernziele gesetzt: bis zum Ende der vierten Klasse können die Schüler in Grundlagen HTML und CSS, und eventuell sogar ein wenig Javascript einbauen, zumindest nach Vorlage. Sie können einfache Programme zur Automatisierung von Rechenoperationen in Python schreiben, arbeiten selbstständig mit einem Textverarbeitungsprogramm und veröffentlichen Sachtexte auf einem klasseneigenen Blog.
Bis zum Ende der sechsten Klasse sollen die Kinder dann einfache Anwendungen mit einer grafischen Oberfläche in Python erstellen können. Zudem sollen sie mithilfe eines Präsentationsprogrammes einen Lehrfilm produzieren und auf YouTube veröffentlichen. Ganz hübsch wäre es natürlich auch, aber das hängt von den finanziellen Mitteln der Schule ab, wenn die Kinder Erfahrungen mit dem Programmieren von Robotern machen könnten. Doch das ist tatsächlich auch viel der Sensationalität von Robotern geschuldet; ein übliches oder alltägliches Berufsfeld für Programmierer ist das nicht.
Ich habe auch noch einige andere Ideen im Kopf, wie etwa, einige unterstützende Grafiken für Arbeitsvorgänge zu erstellen, und diese ganz explizit an der grafischen Beschreibungssprache UML auszurichten, so dass die Kinder explizit, aber implizit ein wichtiges Instrument des Programmierens kennenlernen.
Aber das sind noch alles sehr offene Überlegungen. Hier werde ich mich langsam vortasten müssen. Gerade in der Grundschule scheint das Programmieren noch absolutes Neuland zu sein, obwohl es zahlreiche Kinder gibt, in ihrer Freizeit bereits einiges an Erfahrung gesammelt haben und recht erfolgreich eigene kleine Programme geschrieben haben. Insofern bin ich ganz entspannt, was den Einbau in den allgemeinen Unterricht angeht.

06.08.2017

Ästhetische Erfahrung in fiktionalen Texten

Man kommt gelegentlich auf sehr seltsamen Umwegen zu Themen zurück, mit denen man sich schon lange beschäftigt hat. Und kann daran merken, dass man ein Thema immer noch nicht gründlich genug durchdacht hat. Eigentlich wollte ich noch einmal genauer die Aufgaben betrachten, die Schüler bewältigen müssen, wenn sie Texten Zwischenüberschriften geben oder diese nach ihren wichtigsten Aspekten zusammenfassen. Da bei beiden eine Vorstellung von dem Beschriebenen eine wichtige Rolle spielt, bin ich dann zur ästhetischen Erfahrung gekommen; und habe alte Artikel wieder hervorgekramt, mit denen ich mich bereits intensiv beschäftigt hatte.
Die Überschrift mag pompös daherkommen. Gemeint ist nichts anderes, als dass beim Lesen der Text zu Gunsten der Vorstellung verschwindet: statt einen Text zu lesen, durchlebe ich zusammen mit dem Protagonisten (oder der Protagonistin) ein Abenteuer. Ein anderer Begriff dafür ist Bildlichkeit; allerdings ist dieser Begriff so vielfältig und im Alltag deshalb auch so missverständlich, dass ich ihn gerne vermeiden wollte.

Ästhetische Erfahrung

Sieht man einmal von dem bedeutungslastigen Wort ›Ästhetik‹ ab, so meint dies ursprünglich nichts anderes als Wahrnehmung. Ästhetik ist demnach die Lehre von der Wahrnehmung, nicht zuerst die von der Schönheit. Klassischerweise gehört die Lehre von der Schönheit zur Urteilskraft, während die Wahrnehmung in den Bereich der Vernunft fällt, bzw. diesem "vorgelagert" ist.
So gesehen ist die ästhetische Erfahrung, die man beim Lesen eines Textes macht, diejenige, dass er etwas zu sehen, zu hören, zu fühlen gibt, uns also eine Welt erschafft, die für eine Zeit lang die Realität „ersetzt“. Ganz so einfach ist das übrigens nicht, denn auch die Realität gehört zur ästhetischen Erfahrung dazu, insofern ich sie nämlich wahrnehme.
Was die ästhetische Erfahrung eines Textes nun so besonders macht, ist die Tatsache, dass die Wahrnehmung des Textes und die Vorstellung beim Lesen offensichtlich komplett unterschiedlich sind. Denn ein Text ist zunächst nur eine geregelte Komposition aus Mustern, sprich also Buchstaben. Man sollte meinen, dass er uns weder in den fernen Orient, noch ins Auenland, noch an die Normandie oder in die ferne Zukunft entführen kann. Und doch schaffen Texte all dies.

Semiotik des ästhetischen Gegenstandes

Zur Bildlichkeit gibt es zwei Zugänge, die aber beide gleichberechtigt sind. Wenn ein Leser sich beim Lesen eines Textes etwas vorstellt, und auch auf diese Vorstellung abzielt, so ist ein wichtiges Anliegen, dass er diese Vorstellung intensiviert und den Vorgang des Lesens genauso außer acht lässt wie das Medium, durch das er liest, also die Schrift. Die Vorstellung wird „objektiv“; und dafür wird im Hintergrund seine Subjektivität genauso verdrängt wie das Medium.
Entsprechend diesen beiden verdrängten Aspekten wird in der Philosophie der Literatur auf der einen Seite die Semiotik des ästhetischen Gegenstandes, also das Medium, untersucht; und auf der anderen Seite die Phänomene der ästhetischen Erfahrung, also die Vorstellungsbildung. Dabei sollte klar sein, dass das Medium den ästhetischen Gegenstand fundiert: ohne den Roman Harry Potter und der Stein der Weisen könnte ich mir weder den Protagonisten, noch all die anderen Figuren oder Schauplätze vorstellen. Im Medium selbst muss auf irgendeiner Art und Weise die Vorstellung vorhanden sein; und zumindest muss sie den Rohstoff für diese Vorstellung liefern, wenn schon nicht das fertige Endprodukt.
Bei der Erläuterung, was ein literarischer Text zu leisten hat, spielen Strukturen eine wichtige Rolle; dies gilt insbesondere für die Grammatik, deren Regeln die Sprache ordnen und so einen geordneten Ausdruck ermöglichen. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Rhetorik, da mit dieser Ausnahmen von der Regelhaftigkeit beschrieben werden, die selbst aber wieder in gewisser Weise regelhaft sind. Dies ist nun relativ komplex, wenn man es erläutern möchte, und gerade in Büchern zum Schreibhandwerk findet man darum eher erläuternde Beispiele als wissenschaftlich haltbare Definitionen.

Phänomenologie der ästhetischen Erfahrung

Betrifft die Semiotik den „objektiven Pol“ der Bildlichkeit, behandelt die Phänomenologie den „subjektiven Pol“. Dabei steht im Mittelpunkt der Betrachtungen die Reorganisation des Bewusstseinsfeldes. Darunter hat man sich vorzustellen, dass ein lesender Mensch zu Hause sitzt und eigentlich nur dieses Zuhause wahrnehmen dürfte, aber durch bestimmte Fähigkeiten die Vorstellung vollkommen anderer, sogar komplett erfundener Räume erzeugen kann. Die Phänomenologie untersucht also, welche Fähigkeiten ein Mensch besitzen muss, damit er zu solch einer Leistung in der Lage ist (kurz und wurschtig gesagt).
Nun kann man leicht einsehen, dass zur ästhetischen Erfahrung sowohl der subjektive wie der objektive Pol gehören, sowohl das organisierte Material der Zeichen, als auch die angeborenen oder kultivierten Fähigkeiten, sich Vorstellungen zu erzeugen. Die Trennung ist auf der einen Seite eine analytische, auf der anderen Seite eine empirische. Empirisch ist diese Trennung, weil sich Text und Mensch deutlich unterscheiden; analytisch ist sie, weil in der Vorstellung beides zusammen wirkt und beides erfordert, sowohl den Text, als auch den Menschen.

Mimesis und Semiosis

Jeder Text erzeugt in gewisser Weise „Realitätseffekte“, also Vorstellungen, die wir zunächst für etwas Reales halten. Dies bezeichnet der französische Literaturwissenschaftler Michel Riffaterre als Mimesis. Das ist nun nicht der glücklichste Begriff, da Mimesis Nachahmung bedeutet. Dagegen ist bei der Lektüre fiktionaler Texte ein konstruktiver und kreativer Anteil immer mit enthalten. Und vermutlich ist auch die reine Wahrnehmung keine Abbildung etwas Äußerlichen, sondern ebenfalls konstruktiv und kreativ. Wie auch immer: als Realitätseffekt kann man das Phänomen bezeichnen, dass wir während des Lesens eine Vorstellung erzeugen, die wir für real halten, und wenn auch nur für den Moment, in dem wir sie erzeugen.
Doch die Fähigkeiten des Lesers müssen weiter gehen. Zugleich muss er den Text entziffern, den er liest. Er muss verstehen, dass Harry Potter auf den ersten Seiten des Romans denselben Menschen bezeichnet wie auf den letzten Seiten; die Gleichheit der Zeichen muss verstanden werden, damit die Vorstellungen einen Zusammenhang erlangen. Jeder Satz muss in seiner Konstellation verstanden werden, und um die Konstellation eines Satzes zu verstehen, ist grammatisches Wissen notwendig. Schließlich müssen Metaphern entschlüsselt werden, Ironien in ihrer doppelten Bedeutung erfasst, Katachresen mit ihren verschiedenen Verweisungen verstanden werden; mithin muss die ganze Rhetorik eines Textes berücksichtigt und in den Fluss der Vorstellungen integriert werden. So ist beim Lesen das Zeichenmaterial nicht nur auszublenden, sondern regelmäßig zu beachten. Dies nennt Riffaterre die Semiosis.
Beide Aspekte wirken nun zusammen, einmal als Weltwissen, das in Bezug auf die gelesene Geschichte umgestaltet wird, einmal als Zeichenwissen, welches zumindest als Ausdruck in die Geschichte einfließt.

Bildlichkeit

Die Bildlichkeit eines Textes beruht also auf zwei Quellen.
Wenn man mit Kindern verschiedene Formen der Zusammenfassung von Texten erarbeitet, seien es Notizen zu einem Sachtext, seien es Zwischenüberschriften in einem fiktionalen Text, wirken diese beiden Quellen sehr unterschiedlich auf das Ergebnis ein und führen zu nicht immer nach diesen Quellen zu unterscheidenden Fehlern. Als Lehrer muss man hier gut beachten, ob ein Text in seiner materiellen Struktur nicht genügend verstanden wurde, also das Problem auf Seiten der Semiosis zu suchen ist; oder ob das vorhandene Vorwissen beim Kind zu ganz anderen Prozessen des Verbildlichens geführt hat, der Fehler also auf Seiten der Mimesis liegt.
In der Vergangenheit habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen mit diesen Techniken gemacht. Hier hilft zum Beispiel die Aufforderung „Schreib das Wichtigste heraus!“ nicht. Oftmals führt dies zu Ratereien, und wenn der Aufforderung auf glückliche Art und Weise nachgekommen wird, so ist doch keineswegs klar, warum. Präzisere Aufgabenstellungen dagegen führen gelegentlich dazu, dass in der Frage bereits die Antwort vorgegeben ist; und damit wird das Verstehen eines Textes beinahe schon umgangen. Denn pfiffige Schüler verstehen sehr wohl, wie man aus der Frage eine passende Antwort formuliert, die nur noch so tut, als wäre der Text vorher gelesen worden.
Nun kann ich keineswegs eine Empfehlung geben. Seit gestern kommentiere ich zwei Aufsätze durch, die mir zu einem besseren Verständnis helfen sollen. Hier fällt mir dann wieder auf, dass ich früher bestimmte Aspekte bei der Arbeit meiner Schüler vielleicht zu wenig beachtet habe, weshalb jetzt eine Rückkehr in die Praxis und die praktische Arbeit notwendig wäre.
Insgesamt halte ich aber die Diskussion um die ästhetische Erfahrung auch für Schriftsteller und ganz allgemein für eine wichtige Sache, weshalb ich hier die pädagogischen Anteile noch sehr zurückgenommen habe. Die Grundlagen dessen, was wir Lesen nennen, werden derzeit so stark ausgeblendet, dass bei vielen Menschen dieses mehr einer Demiurgie als einem reflektierten, kritisch überwachten Prozess gleicht.

03.08.2017

Pranger. Martenstein

Eben musste ich lachen, und dann doch schlucken. Da beklagt sich ein äußerst rechtslastiger, um nicht zu sagen offen rassistischer FaceBooker darüber, dass Deutschland um 31 Plätze in der Rangliste der sichersten touristischen Länder abgefallen sei. Für ihn und seine fleißigen Kommentatoren steht fest, dass daran die Asylanten schuld sind. Und deshalb die Bundesregierung weg müsse. Kein Wort verliert der Mensch dagegen über die geradezu monströse Zunahme rechtsradikaler Gewalttaten und dass verschiedene westliche Länder, unter anderem Kanada, für bestimmte Teile Deutschlands Reisewarnungen ausgegeben haben. Offensichtlich gibt es Menschen, die für ihr Verhalten, ihr ständiges Geplärre und Gehetze, keine Verantwortung übernehmen wollen. Das genau ist das Problem dieser „Wirklichkeitserklärer“.

Harald Martenstein

Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, nämlich zu Harald Martenstein. Der ist auf der Internet-Seite Agent*in als „Journalist, der heteronormative Positionen vertritt“ charakterisiert worden. Und unter anderem hat Dietmar Kanthak vom Generalanzeiger Bonn darauf unwirsch reagiert. Dazu werde ich aber gleich kommen. Martenstein jedenfalls hat in seinem Feuilleton-Artikel Schlecht, schlechter, Geschlecht eine ganze Menge an Belegen aufgefahren, warum sich ihm die Frage nach dem kulturellen Geschlecht (also dem gender) nicht so einfach darlegt; zumindest nicht in der Einfachheit, die er bei den gender-Theoretikern zu lesen meint. Der Artikel ist nicht ganz so schlecht, wie man es sonst von Martenstein gewohnt ist. Seine Glossen sind gelegentlich bedauernswert lapidar, gelegentlich schwülstig; bei politischen Kolumnen vergreift er sich mit seinen Begriffen regelmäßig. Um Plattitüden kommt allerdings Martenstein auch hier nicht herum. Diese griffige Formel „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“, angeblich von Judith Butler, und zumindest nicht gänzlich falsch, kann ohne Hintergründe missverstanden werden. Die Hintergründe sind bei Butler auf hohem Niveau. Durch einen Satz, der so herausgerissen auch ein Stammtisch-Spruch sein könnte, sind diese natürlich nicht zu erreichen.

Antiwissenschaft

Auf diesen Artikel antwortet Isabel Collien. Sie greift Martenstein scharf an:
Sein Artikel steht in einer perfiden Tradition, die Erkenntnisse von Frauen als unwissenschaftlich diffamiert. Geschlechterforschung beruht nämlich, so Martenstein, „auf einem unbeweisbaren Glauben“ und ist daher maximal als Antiwissenschaft zu betrachten.
Martenstein leistet sich sogar noch mehr:
Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten.
Man frage sich an dieser Stelle, was die Bibel denn mit Naturwissenschaften zu tun habe und wie man die Kritik an gewissen Ausprägungen des christlichen Glaubens durch gender-Theoretikerinnen in diesem Satz unterzubringen habe.

Verpönte Naturwissenschaft?

Nein, ich möchte nicht der gesamten gender-Theorie das Wort reden. Sicherlich gibt es auch hier einiges Seltsames und Schrilles; aber dies ist wohl in jeder Wissenschaft so.
Was die Naturwissenschaften angeht, so hat Judith Butler in ihrem Buch Körper von Gewicht in dem Unterkapitel »Sind Körper etwas rein Diskursives?« und im darauf folgenden Unterkapitel eine recht komplexe Antwort gegeben, die weder die Naturwissenschaften exkommuniziert, noch ihnen einen politischen und ethischen Freibrief ausstellt, auch nicht in Bezug auf die Konstruktion von Anatomie. Die Frage, die sich Martenstein nämlich nicht gestellt hat, ist die Reichweite, die ein solcher Satz wie „Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen.“ im sprachlichen Geflecht besitzt. Natürlich wäre der Satz günstiger gewesen, hätte er gelautet: „Naturwissenschaften reproduzieren auch herrschende Normen.“ – Denn es gibt in dem Geflecht der Sprache und der sich überkreuzenden Kodierungen keine Eindeutigkeiten, sondern nur Mehrdeutigkeiten, die sich systematisch ausarbeiten lassen.
Collien weist in ihrer Entgegnung auf Martenstein sehr richtig auf Donna Haraway hin, einer international renommierten Biologin. Diese hat Martenstein nicht zitiert. Und auch wenn jetzt noch immer die Möglichkeit besteht, dass Haraway nicht recht hat, so müsste man, um sie zu kritisieren, ihrer Profession gründlicher nachgehen als Martenstein getan hat (und wahrscheinlich jemals tun wird).

Verwirrungen

Trotzdem kann ich nicht ganz die scharfe Kritik nachvollziehen, die Collien an Martenstein übt. Denn sein Artikel hat natürlich auf der einen Seite sehr nachlässige, grobe Stellen, und auf der anderen Seite zeigt er ein ganz allgemeines Problem: Hier hat sich jemand auf die Suche gemacht und ist irgendwie (also: „irgendwie“) daran gescheitert. Ja, auf der einen Seite haben gerade Journalisten, aber eigentlich jeder gebildete Bürger (und jede Bürgerin) Pflicht zur Selbstinformation. Aber auf der anderen Seite ist das Feld der Geschlechterforschung so komplex, dass vielleicht nicht einmal mehr Spezialistinnen alle Stimmen zur Kenntnis nehmen können.
Ich jedenfalls hätte gerne Menschen an meiner Seite, die in solchen Fragen bewandert sind und denen ich meine Fragen stellen könnte, auch wenn diese gelegentlich wohl etwas dämlich ausfallen würden (und auch meine Lektüre von Judith Butler wird mich wohl nicht vor Missgriffen schützen, denn dies würde voraussetzen, dass ich sie in ihrer Bedeutung für die Kultur umfänglich verstanden hätte; obwohl ich das nicht beweisen kann, erlaube ich mir doch selbst eine beschränkte Sichtweise zuzusprechen).
Soll heißen: manchmal ist es nicht Heteronormativität, sondern einfach nur Unkenntnis. Auf einige dieser blinden Flecken weist Collien hin.

Imaginäre Anatomie

In einer umfangreichen Diskussion insbesondere Lacans (an oben angegebener Stelle) zeigt Butler, dass die Anatomie in sich selbst gespalten ist. Zwar gibt es diese körperlichen Grundlagen, aber zugleich gibt es eine Zugänglichkeit der Anatomie im Diskurs, und diese Zugänglichkeit wird eben nicht von der Anatomie selbst reguliert, sondern von den Kodierungen, die innerhalb einer Zeit und einer Gesellschaft möglich sind. In gewisser Weise kann man deshalb sagen, dass die Anatomie zwar etwas Biologisches ist, aber die Möglichkeit, darüber zu reden und diese Anatomie wahrnehmbar zu machen, nicht. Insofern wäre es verkürzt, die Anatomie als soziales Konstrukt zu bezeichnen; sie ist selbstverständlich biologisch, aber nur über das soziale Konstrukt erreichbar und damit von diesem verstellt, verschoben und verkannt.
So bleibt am Ende die Frage, warum wir uns nach einem Jahrhundert ständiger Verschiebungen im wissenschaftlichen Bereich mit solchen Menschen abgeben müssen, deren Meinung ist, mit der Hinterfragerei solle doch endlich mal genug sein. Und es ist auch nicht einzusehen, warum gerade Martenstein dieser Debatte einen Schlussstrich setzen sollte. Vermutlich wird er diese Formulierung ablehnen, und vermutlich wird er sich sogar überzeugen lassen, dass auch auf dem Gebiet von Anatomie und Diskurs weitere Forschungen nötig sind. Und trotzdem ist es richtig, ihm seine Automatismen der Interpretation aufzuzeigen und zu hinterfragen.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung

Kehren wird zu dem Artikel von Kanthak im Generalanzeiger Bonn zurück. Das Schlussplädoyer des Journalisten lautet:
Man kann die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten als zentrale Elemente der Menschenrechte verstehen. Dafür darf man aber nicht leichthin das Recht auf freie Meinungsäußerung zur Disposition stellen.
Und für alle, die hier die feinen Verwerfungen nicht zu lesen verstehen: jenes „man kann“ ließe sich schon als ein „man muss aber nicht“ deuten; und noch schlimmer ist der darauf folgende Satz, denn das Recht auf freie Meinungsäußerung wird Martenstein gerade nicht abgesprochen. Ein Widerspruch ist eben noch kein Verbot. Wenn etwas falsch erscheint, dann muss widersprochen werden. Im Gegenzug überdreht Kanthak seine Kritik am „digitalen Pranger“ in einer Art und Weise, dass die Berechtigung zur Kritik den Autorinnen der Heinrich-Böll-Stiftung (fast schon) abgesprochen wird.
Ganz zum Schluss schreibt er dann noch:
Die Böll-Stiftung hat böse Geister losgelassen. Wer fängt sie wieder ein?
Damit wird die zum Teil recht unerfreuliche Diskussion um den gender-Begriff gerade nicht jenen Hetzern und Lügnern zur Last gelegt, die von einer Frühsexualisierung und Indoktrination mit homosexuellen Lebensweisen schwafeln, und in deren Kielwasser ein Martenstein dahintreibt, wenn auch mit gehörigem Abstand. Diese bösen Geister sind wesentlich früher der Büchse entwichen, in der sie ihre Existenz fristeten; wenn sie denn jemals eingesperrt waren. Was man hier und da gut bezweifeln darf.

31.07.2017

Einige Anmerkungen zur Kompetenz

Kompetenz ist ein zentraler Begriff der neuen Lehrpläne, zumindest der Lehrpläne in Hamburg, Brandenburg und Berlin. Im Alltag wird er häufig alleine genutzt, vorwissenschaftlich, wie man gelegentlich sagt. In der Wissenschaft dagegen werden Theorien benutzt. Ein wichtiger Bestandteil von Theorien sind aufeinander abgestimmte Begriffe. Der Kompetenzbegriff kann also nicht für sich alleine stehen.

Stufen der Beobachtbarkeit

Jede Wissenschaft beruht auf beobachtbaren Tatsachen. In Fällen, in denen diese nicht angegeben werden, etwa bei Spekulationen, muss zumindest der Hinweis vorhanden sein, wie man etwas beobachtbar machen könnte. Selbstverständlich bedeutet Beobachtung in diesem Sinne jegliche Art von Sinnlichkeit, nicht nur die visuelle.
Der Kompetenzbegriff lässt sich nun nach Stufen der Beobachtbarkeit gliedern. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Kompetenz nämlich nicht beobachtbar, sondern nur die Performanz. Als Performanz wird das Ausüben einer Tätigkeit verstanden; kann eine Tätigkeit regelmäßig, unabhängig vom Umfeld oder sogar unter widrigen Umständen durchgeführt werden, kann man auf eine hohe Kompetenz schließen. Die Kompetenz ist dabei nur indirekt beobachtbar.

Psychologische und neurologische Raster

Die Kompetenz beruht wiederum, so die Spekulation, auf psychologischen Eigenschaften. Die Einteilung dieser psychologischen Eigenschaften ist zum Teil historisch, zum Teil von der Disziplin bestimmt. Merkfähigkeit ist zum Beispiel eine solche Eigenschaft, oder Kreativität, Beobachtungsgenauigkeit und Abstraktionsvermögen. Abgesehen davon, dass die Begriffe für sich selbst strittig sind, gibt es auch sehr unterschiedliche Zusammenstellungen dafür, welche Eigenschaften einen Menschen „definieren“.
Durch die Neurologie und die zunehmend präziser werdende Hirnforschung hat sich unterhalb der psychologischen Eigenschaften ein zweites Raster ausgebildet: dieses orientiert sich nicht mehr an den Kompetenzen, bzw. an zuverlässigen Performanzen, sondern an den funktionellen Teilen des Gehirns. Man kann zum Beispiel das Gehirn durch die unterschiedlichen Gewebearten, zudem durch die unterschiedliche Ansteuerung während einer Handlung aufgliedern. Dadurch kommt man, bei aller Vorsicht, zu einer recht sicheren Kartierung der organischen Basis des Denkens. Zwar ist diese Kartierung seit dem 18. Jahrhundert mehrfach und umfassend überarbeitet worden, aber insgesamt kann man doch sagen, dass bei vielen psychologischen Eigenschaften zahlreiche Hirnregionen zusammenarbeiten.
Bei der weiteren Aufschlüsselung von Kompetenzen in Bezug auf daran beteiligten Hirnregionen werden die psychologischen Kategorien unterlaufen und neurologisch/biologisch unterfüttert.

Lesefähigkeit

Zur Lesefähigkeit gehört zum Beispiel das sinnentnehmende Lesen. Dies bezeichnet eine Kompetenz. Der Lehrer in der Schule überprüft die Performanz, indem er die Kinder Fragen zum Text beantworten lässt, eine Zusammenfassung schreiben lässt, eine sinnvolle Fortführung des Textes schreiben oder die Kinder zum Beispiel über ein Verhalten einer Figur im Text diskutieren lässt.
Aus einer gewissen Differenziertheit der Ergebnisse kann der Lehrer nun auf die Kompetenz schließen. Dabei muss er selbstverständlich beachten, dass nicht jede Aufgabe zu einer gleichen Performanz aufruft. Die Aufgabenstellung wirkt also direkt darauf ein, was dem Schüler zu zeigen ermöglicht wird.
Hinter der Performanz des sinnentnehmenden Lesens findet man zum Beispiel die Vorstellungsbildung. Ein Text wird dann genauer erfasst, wenn der Schüler in der Lage ist, sich dazu passende begleitende Vorstellungen zu machen.
Von der neurologischen Seite aus spielen dabei zahlreiche Komponenten eine Rolle, insbesondere viele Gedächtnisanteile. So ist jedes Objekt, welches bei der Vorstellung eine Rolle spielt, mehr oder weniger streng an ein Bild gebunden. Im Gehirn entwickeln sich Muster, die entweder starr in ein größeres Muster eingebunden, oder locker in diesem verfügbar sind. Je mehr sich jemand mit einem bestimmten Muster beschäftigt hat, umso eher wird er es in andere Vorstellungen einbauen können. Dem Vorstellungsvermögen auf der psychologischen Ebene entspricht die Flexibilität der Muster auf der neurologischen.

Langsame Wertungen

Abgesehen davon, dass die Aufteilung auf den einzelnen Ebenen eher durch Vorlieben und theoretischen Traditionen geprägt ist, lässt sich zudem die Trennung zwischen den Ebenen nur spekulativ vollziehen; so wird das ganze System unsicher. Bedenkt man auf der anderen Seite, wie abhängig eine Performanz von der Situation ist, aber auch davon, ob andere Menschen überhaupt eine Tätigkeit in ihrer Qualität zu würdigen wissen, verliert der Kompetenzbegriff seine heroische Eindeutigkeit.
Als Lehrer hat man nicht nur die Aufgabe, Kompetenzen zu diagnostizieren, sondern dem Schüler auch zu ermöglichen, diese Kompetenzen zu zeigen. Es ist kaum möglich, sämtliche Bedingungen für eine erfolgreiche Performanz und eine hinreichende Kompetenz zu kennen, geschweige denn in einer Lernsituation zu beobachten. Wer sich also an die Diagnose von Kompetenzen macht, tut gut daran, mit seinen Wertungen langsam vorzugehen.

Der Computer als Medium im informatischen Unterricht

Wenn man sich mit Computern im Unterricht beschäftigt, bzw. eigentlich mit dem, was man informationstechnische Grundbildung nennt, stößt man auf eine ganze Menge von Angeboten, wie diese Sichtweise verfeinert und kategorisiert werden kann. Wer nicht vom Fach ist, der sei daran erinnert, dass es im Deutsch-Unterricht ebenfalls mehrere Fächer gibt, so etwa die formelle Seite der Wörter (die Rechtschreibung also) oder die Sprachreflexion (zu der die Grammatik gehört), usw.
Ein hartnäckiges Problem bleibt der Medienbegriff. Mal ist der Apparat das Medium, mal die Art und Weise der Darstellung, mal die Struktur der Darstellung, und auch hier lässt sich unbefangen ein Usw. anhängen.

Vier Aspekte der Nutzung von Computern

Ich habe mich zunächst auf die Benutzung von Computern beschränkt, um hier meinen eigenen Zugang zu finden. Damit bleiben alle Betrachtungen der Hardware außen vor. So wäre es zum Beispiel wichtig, zum Verständnis von Computern diese zu öffnen und so den Kindern einen Einblick zu gewähren. Dies könnte man zum Beispiel im Rahmen einer Reinigung des Computers machen. Doch soweit will ich hier nicht gehen.

Der Computer als virtueller Raum

Eine der häufigsten Forderungen zur Computernutzung betrifft Lernsoftware. Diese stellt zu unterschiedlichsten Themen Programme bereit, mit denen Schüler etwas lernen können. So gut die Lernsoftware auch sein mag, als Inhalt für den informationstechnischen Unterricht bleibt sie zwiespältig. Denn rein inhaltlich kann mit solcher Software sowohl Rechtschreibung, Beeinflussungen und Abhängigkeiten im Ökosystem, und allerlei andere Sachen gelernt werden. Gerade Lernsoftware lebt davon, das Medium unsichtbar zu machen.
Natürlich gelingt dies nicht vollständig. Immer noch müssen die Kinder wissen, was man mit einer Maus anfangen kann, was Buttons (oder Knöpfe) auf einen Bildschirm bedeuten, und wie man eine solche Software startet. Doch das Lernen in Bezug auf den Informatikunterricht ist begrenzt. Er stellt einen indirekten Lernaspekt gegenüber dem thematischen und direkten Lernaspekt dar.

Der Computer als Werkzeug

Einen direkteren Zugang bieten all jene Programme, mit denen man etwas produzieren kann. Dazu gehören Textverarbeitungsprogramme oder Programme zur Bildbearbeitung. Im Unterschied zur Lernsoftware wird hier die enge Führung aufgegeben. Es gibt am Ende kein feststehendes Produkt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten. Insbesondere muss der Benutzer selbst planen. Und wenn ein solches Programm im Unterricht zum Einsatz kommt, muss der Lehrer das Produkt vorgeben und den Weg dorthin strukturieren (natürlich abhängig von der Selbstständigkeit der Schüler und dem Lernziel des Unterrichts).
Die offenere Nutzung stellt den Werkzeugcharakter eines Programms stärker in den Mittelpunkt und damit die Funktionsweise des Programms.
Wenn man nun fragt, was genau dies mit der informationstechnischen Bildung zu tun hat, dann sei daran erinnert, was ein Programmierer eigentlich macht. Programmierer sind zuallererst keine Programmierer, sondern Menschen, die Arbeitsabläufe mithilfe von Computern automatisieren. Als erster Schritt steht deshalb die Analyse von Arbeitsprozessen im Mittelpunkt. Erst daraus werden dann Modelle entwickelt, die zu einer Software führen. Das war eigentlich schon immer so; aber erst in den letzten 15 Jahren wird dieser Aspekt auch in der Theorie und der Darstellung der Praxis prominent behandelt. Bei größeren Teams kann es allerdings passieren, dass ein Programmierer tatsächlich nicht für die Analyse zuständig ist, sondern während seiner ganzen Arbeitszeit mit dem Schreiben von Code beschäftigt ist.
Wer anhand von Werkzeug-Programmen ein Produkt erstellt, erhält zwar in diese Analyse noch keine Einsicht, aber geht zumindest mit dem sichtbaren Ergebnis dieser Analyse um. Und damit gewinnt er (und sie) zumindest ein gewisses Gefühl dafür, wie sich Arbeitsabläufe vom Programmierer aus einteilen lassen.

Der Computer als Informationsmedium

Programmierer automatisieren nicht nur bestimmte Arbeitsabläufe, sie abstrahieren auch Datensätze. Ein Datensatz ist zunächst, auch wenn dies merkwürdig klingt, jegliches sinnliche Phänomen. Die Abstraktion besteht nun darin, solche Sinnlichkeiten nach wichtig/unwichtig einzuteilen. Diese Einteilung verläuft natürlich nach den Ergebnissen, die man erzielen möchte. Jedenfalls ist es jedem Medium eigen, von Daten zu abstrahieren; so wie ein Foto von der Dreidimensionalität abstrahiert, aber auch von allen sinnlichen Kanälen, ausgenommen dem visuellen.
Informationen werden ebenfalls abstrahiert. Sie sind sowohl Ergebnis als auch Ursache von Abstraktionen. Man kann sich über die Qualität der Information bei Wikipedia, oder, besser noch, auf Facebook und Twitter, trefflich streiten. Tatsache ist, dass kein Medium ohne Abstraktion funktioniert.
Zunächst helfen Informationsmedien bei der Auswahl und der Steuerung von Handlungen. Die Abstraktion gerät immer dann deutlich in den Blick, wenn sie für das Ergebnis hinderlich wird, zum Beispiel bei der Verpixelung von Bildern oder fehlenden Schriftsätzen bei Textverarbeitungsprogrammen – oder beim präzisen Einfügen von Bildern in einen Fließtext, also dann, wenn der Benutzer weiß, dass dies prinzipiell möglich ist, aber die Schrittfolgen nicht kennt.

Der Computer als Programmiermöglichkeit

Am direktesten wird die Arbeitsweise von Software beim Programmieren erfasst. Zwar gibt es Hilfsprogramme, die einem das Programmieren auf zahlreiche Weisen erleichtern. Trotzdem spielen hier alle Aspekte des Programmierens eine prominente Rolle, vom Planen der Automatisierung über die Auswahl der relevanten Daten und deren Veränderung, bis hin zu zentralen Themen des Programmierens, etwa der Bildung von Algorithmen und der Verteilung von Aufgaben in einer Systemarchitektur.

Einteilung des Computereinsatzes

Insgesamt ist es schwierig, aus diesen einzelnen Beispielen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eine wichtige Rolle spielt allerdings die Mittelbarkeit. Bei Lernprogrammen ist das Programm selbst nur ein Mittel für etwas ganz anderes, während beim (Erlernen vom) Programmieren das Programm zum Zweck wird.
Sehr ähnlich gelagert ist die Aufteilung in einen direkten und einen indirekten Lernaspekt. In der Lernsoftware muss der Computer nur soweit beherrscht werden, damit das Programm laufen kann. Das Thema ist ein anderes (zum Beispiel Englisch-Vokabeln). Beim Programmieren ist dieses selbst das Thema. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede: jede höhere Programmiersprache entfernt sich von der ursprünglichen Maschinensprache. Sie ist, in Bezug auf die grundlegende Steuerung, eine Vereinfachung, Zusammenfassung und „Abstraktion“.

Abschließend: Wertneutralität

Diese Betrachtung entfernt sich von der pädagogischen Situation, vor allem aber von den Benutzern. Um einen Computer zu bedienen, müssen die Benutzer bestimmte kognitive Voraussetzungen mitbringen. Auch dies lässt sich bei einer Analyse der Medien herausarbeiten. Er wird allerdings häufig vergessen, manchmal mit dem Argument, dass die Kinder doch sowieso schon zahlreiche Erfahrungen mit Computern hätten. Das ist natürlich richtig, aber nicht der springende Punkt. Denn für den Pädagogen bleibt wichtig, welche Kompetenzen wann und wie genutzt werden.
Dies führt uns auf einen anderen Weg. Und dazu müsste ich wesentlich genauer betrachten, was zum Beispiel beim Programmieren passiert. Vor allem aber müssten wir uns noch einmal um den Kompetenzbegriff bemühen.
Gerade wird im Internet wieder über den Feminismus gestritten, vor allem über die Frage, ob Frauen mit der gleichen Kompetenz benachteiligt werden. Bleibt man innerhalb des Systems, dann kann man diese Frage eindeutig mit Ja beantworten: Ja, Frauen werden benachteiligt. Allerdings, und das ist mein Kritikpunkt, hängt ein solcher Kompetenzbegriff immer an Privilegien. Und ob man nun die Gesellschaft prinzipiell für so veränderbar hält, dass es auch eine Kompetenz ohne Privilegien gibt, oder ob man dies bestreitet: in der Wissenschaft muss man zwischen diesen beiden Aspekten streng scheiden, denn der eine Anteil ist ein neurologischer, der andere ein politischer. Damit ist der eine Begriff „wertfrei“, bzw. von Werten getragen, die den naturwissenschaftlichen Gepflogenheiten gehorchen, der andere dagegen kann gar nicht wertneutral gedacht werden.
Dass diese Einteilung immer noch höchst problematisch bleibt, sieht man schon daran, dass die Wissenschaft selbst ein historisches Phänomen ist. Auf dem Weg zu einer solchen Neutralität hat sie durchaus viel erreicht; dass sie ohne ideologische Kontaminierung existiert, wird man dagegen nicht behaupten können. Das gilt nicht nur für den Feminismus, sondern auch für die Pädagogik.

29.07.2017

Liebes Tomcat,

würdest du bitte dann laufen, wenn ich dich dringend brauche? und nicht, wie heute, erst, nachdem der ganze Zauber und die Terminabgabe vorbei ist?

München ist bunt, oder: Inhalt statt Hintergrund, oder: Neuerdings bin ich Spießer; außerdem: Jan Fleischhauer

Man dürfte, man sollte eigentlich, ja, eigentlich ... wenn da nicht ein Jan Fleischhauer wäre, und eine ganze Bande grölender Nazis. Die Sache ist schnell erklärt. Letztes Jahr trafen sich Pegida-Anhänger in einem italienischen Restaurant. Darauf zeigten sich Politiker eifrig, dem Wirt zu erklären, dass er keine Pegida-Anhänger bewirten müsse. Wieder andere Menschen besprühten das Lokal - ich weiß nicht wie oft - mit dem ach so klugen Spruch "Nazis verpisst euch!" Angeblich seien deshalb die Umsätze eingebrochen. So oder so, dem Wirt wurde jetzt gekündigt; der Vermieter, eine Brauerei, sprach von hohen Außenständen als Grund.

Das braune Netz weiß es mal wieder besser

Natürlich gibt es diese ganz unangenehmen Menschen, die die Nazi-Keule herausholen. Da erinnere ich mich doch nur zu gerne, wie ich bei einer Buchdiskussion von einem Teilnehmer mit den Worten unterbrochen wurde, ich müsse doch an Auschwitz denken. Bis heute habe ich nicht verstanden warum dieses Argument an dieser Stelle damals zählte. Es stand völlig aus dem Zusammenhang gerissen da. Zumindest für mich.
Bei der Sachlage in München kann ich nur konstatieren, dass die Berichte kein eindeutiges Bild hergeben. Was seine Bewirtung der Pegida-"Spaziergänger" angeht, nun, so ist der Wirt nicht für die Dummheiten anderer Leute verantwortlich. Dass die Pegida vom Verfassungsschutz überwacht wird, heißt noch nicht, dass Hinz und Kunz sich verfassungswidrig verhalten, wenn sie mit diesen Umgang haben. Das ist die eine Seite. Ob dagegen, andererseits, die Negativwerbung für das Ende des Restaurants verantwortlich ist, lässt sich auch nicht so sagen. Nicht, wie es die Berichte hergeben. Es sei denn, man glaubt den rechten Hetzern von Compact. Es mag also sein, dass der Bezirksamtsmann eine Unbedachtheit begangen hat; einen systematischen Willen kann ich nicht entdecken. Die hetzerische Eindeutigkeit ist wohl die pikante Zutat, die dem Unmut des Wirts den Geschmack der Lächerlichkeit hinzufügt.

Ein Bild sagt mehr (oder weniger) als tausend Worte

Garniert wird in rechten Medien, und so auch bei Jan Fleischhauer, der Artikel mit einem Bild, das wohl nur für Eingeweihte mit der Schließung des Lokals zu tun hat. Es existiert in verschiedenen Varianten, jeweils aber ist der Schriftzug zu lesen: München ist bunt. Bei Fleischhauer findet sich noch darunter die Bildunterschrift: Protest gegen Fremdenfeindlichkeit.
Erklärt wird diese mystische Kombination damit, dass der Wirt wirtschaftlich überlebt hätte, wenn er die Nazis oder Möchtegern-Nazis oder Pegida-"Spaziergänger" weiterhin verköstigt hätte. Weil ihm aber insbesondere von einem Beauftragten des Bezirksamtes Druck gemacht worden wäre, so der Wirt, sei sein Ruf geschädigt worden. Weil also Münchner gegen Fremdenfeindlichkeit protestierten, sei, ja, aber was? Der Bezirksbeauftragte ermutigt worden, oder wie? Man weiß es nicht so ganz genau. Hier klafft eine Lücke.

Fleischhauer auf allerlei Wegen

Nun beschwert Fleischhauer sich nicht darüber, dass den Menschen von Pegida das Missfallen ausgesprochen wird. Er schreibt, dass "der Kampf gegen rechts so weit verselbstständigt" habe, dass "jedes Augenmaß verloren gegangen" sei. Damit hat er dann tatsächlich recht. Es ist ja auch bei den Terroranschlägen mit "islamischem" Hintergrund keineswegs so, dass man kulturelle Faktoren außer Acht lassen sollte. Islamophob wird man erst, wenn man eine solche Kausalität mit schönster Monotonie und ohne echtem Wissen immer wieder wiederholt.
Nun, also doch Fleischhauer? Nein, eigentlich nicht. Denn noch immer erklärt das nicht den Zusammenhang mit dem Bild, welches eine Demonstrantin mit einem Plakat zeigt. Es gibt diesen alten Spruch in Hamburg: immer, wenn man sich eine Zigarette an einer Kerze anzündet, stirbt ein Seemann. Das ist ein knuffiger Spruch. Man hält sich an ihn und lächelt dann über sich. Niemand glaubt, dass er eine echte, überprüfbare Kausalität ausdrücke. Aber scheinbar glaubt auch Fleischhauer, dass immer, wenn einer gegen Rechtsradikalismus demonstriere, ein italienischer Gewerbetreibender schließen müsse. - München hat also die Wahl: entweder es ist bunt und ohne, oder es ist braun und mit Pizza.

Hintergrund adé

Dies gab ich auch in einem facebook-Thread zu bedenken. Also zumindest, dass der Wirt scheinbar aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt worden sei. Dazu schrieb mir dann eine die Dame, es gehe um den Inhalt, nicht um den Hintergrund. Das fand ich nun geradezu phänomenal komisch. Ich musste aber auf den Ernst hinweisen, dass so eine Lüge nicht erkannt werde, und schließlich ist das, was Compact zu dem Vorfall schreibt ("Münchens Bunt-Mafia erzwingt Schließung von Pizzeria") nun eindeutig an den Haaren herbeigezogenes psychotisches Geschwafel - obwohl: Psychotiker sind meist echt noch vernünftiger.
Am besten war aber, dass besagte Dame mich dann einen Spießer nannte. Offensichtlich war sie übermütig, denn das aus einem solchen Munde zu hören, ist, nun ja ... denkt's euch mal selbst.

21.07.2017

Danke, Jens Spahn!

Sehr geehrter Herr Spahn!
Sicherlich wird es Sie freuen zu hören, dass auch ich nicht jede andere Kultur als eine Bereicherung unserer Kultur ansehe. Und wenn ich mich so bei Ihnen umblicke, bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass auch unsere Kultur nicht immer für unsere Kultur bereichernd ist.
Aber sorgen Sie sich nicht: Wer auf dem absteigenden Ast ist, hat bald festen Boden unter den Füßen.
مع فائق الأحترام

17.07.2017

Riothipster und Leitungsausfall

Ein neuer Neologismus ist am Rande des G20-Gipfels aufgetaucht: der Riothipster. Gemeint ist damit jener fesche bärtige Mann, der ein Selfie vor brennenden Autos und der Krawallerie schießt. Riothipster ist übrigens auch (fast) ein Oxymoron, denn der Hipster bedient sich vor allem einer postmodernen Modekultur, die unterschiedliche Stilrichtungen aus unterschiedlichen Zeiten zu einem Outfit zusammenstellt. Politisch gesehen sagt man ihm Oberflächlichkeit nach; manche nennen den Hipster auch Neo-Spießer. Dem steht das Wort Riot nur scheinbar gegenüber. In Wirklichkeit dürfte den Randalierern ebenso eine tiefgründigere politische Einstellung abgehen. Der wesentlichere Unterschied wird wohl sein, dass der Hipster keine Gewalt anwendet, sondern nur bestimmte Weltanschauungen sichtbar delegitimiert.
Krawallerie, das ist eine contaminatio, ein Verschmelzen zweier ähnlich klingender Wörter. Das stammt, glaube ich, von mir.
Bei Anne Will trat letzten Sonntag eine Störung auf, mitten in einer kritischen Frage an Peter Altmeier. Kurz darauf tweetete das ARD, es gebe ein Leitungsproblem. Schöner kann man wohl Kritik am Polizeieinsatz in Hamburg nicht üben. Das Wort Leitungsproblem ist natürlich zweideutig, eine Amphibolie, wenn man es von der Rhetorik aus betrachtet. Zudem erinnert es an eines der Kriegsstrategeme des Sunzi: Die Akazie schelten, dabei aber auf den Maulbeerbaum zeigen.

15.07.2017

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Ich erweise mich bei diesem Buch wohl als ein schlechter Rezensent, zumindest, wenn es um die Werbung geht. Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang ist durchaus ein sehr interessantes, aber keineswegs ein lobenswertes Buch; soll heißen: es ist lesbar und kritisierbar, und wer es nur lesen würde, ohne den Inhalt zu kritisieren, würde sich einer gewissen Schlampigkeit oder Blauäugigkeit schuldig machen. Liest man es allerdings kritisch, wird es wunderbar: sich im begründeten Widerspruch zu üben ist eine ganz wunderbare Haltung für Interpreten.
Dass ich ihn hier übrigens verlinke, und wie jeder Eingeweihte weiß, daran natürlich auch verdienen würde, sofern sich ein Leser über diesen Link zum Kauf des Buches entscheidet, sei vorneweg gesagt. Dazu habe ich lange mit mir gehadert. Tatsächlich aber scheint es so zu sein, dass Menschen die Bücher eher spontan kaufen, wenn sie einen Link präsentiert bekommen, als dass sie in einen Buchladen gehen und dort das Buch bestellen müssten. Mein Verdienst ist übrigens äußerst gering; in diesem Februar habe ich, nach zehn Jahren Bloggerei, die Mindestauszahlungssumme von 70 € erreicht. Lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr die kleinen Buchläden weiterhin unterstützt. Sie sind ein Artefakt einer besseren Welt; so jedenfalls mein Gefühl.

Rhetorik und Moral

Natürlich ist jedes Buch auch ein Untersuchungsfeld für Rhetoriker. Für Bücher, deren Inhalt die Moral, Ethik oder Politik behandeln, gilt dies umso mehr, als zwei grundlegende Operationen politischer Teilhabe rhetorischen Ursprungs sind: das Überzeugen und das Überreden. Hier gibt es den interessanten Effekt, dass sich die Form der Darstellung sogar gegen den dargestellten Inhalt wenden kann und damit gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was der Autor beabsichtigt hat. Man nennt so etwas einen performativen Selbstwiderspruch. Zu diesem neigen Bücher über die Moral weit stärker als zum Beispiel Bücher über die Physik.

Langsame Rhetorik

Doch der Rhetoriker muss, sofern er gewisse wissenschaftliche Standards einhalten möchte, langsam vorgehen und sich weitgehender Urteile enthalten. Bleiben wir also bei einigen, für sich gesehen sehr randständigen Beobachtungen. Diese mögen, mit der Zeit, ein Gesamtbild ergeben, welches sich weder für noch gegen dieses Buch ausspricht, aber der Arbeit mit ihm einen individuellen Wert verleiht.

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Dieser Satz steht zu Beginn des vierten Kapitels, auf Seite 53. Dieses Kapitel ist mit „Darf ich Anderen beim Verhungern zu sehen?“ betitelt. Die Zwischenantwort am Ende lautet (wen wundert es): Nein, das darf ich nicht! Es ist ein Zwischenergebnis, weil die folgenden Kapitel die Argumentation weiter ausführen und auch gelegentlich deutlich relativieren.
Bevor man sich aber auf die weiteren Argumente einlässt, lohnt es sich, die Aussage in seiner ganzen rhetorischen Tiefe auszuloten. Dies möchte ich, als eine Art Vorführung, tun, ohne dies für die weiteren Folgen daraus zu reflektieren. Das mag anrüchig erscheinen, da ich das Lesen nur von seiner technischen Seite aus betreibe. Und natürlich wäre es sinnvoll, die moralischen Implikationen genauer in Augenschein zu nehmen. Da sich aber eine solche moralische Genauigkeit wieder auf eine gründliche Wahrnehmung stützt, erlaube ich mir, hier im Bereich der Sekundärtugenden zu bleiben und dem Leser selbst seinen Schlussfolgerungen zu überlassen.

Der Satz für sich

1. Natürlich ist der Satz eine Floskel, und als Floskel bleibt seine „kommunikative Qualität“ ambivalent. Er sagt etwas, ohne es wirklich so zu meinen; bzw. verlässt man sich beim Aussprechen eines solchen Satzes darauf, dass seine Bedeutung nur begrenzt hinterfragt wird. Floskeln dienen der Verflachung der Kommunikation.
2. Wo die Kommunikation verflacht wird, geht es nicht mehr um Dialog und schon gar nicht um Streitwerte, sondern zumeist um Bequemlichkeit oder Deutungshoheit oder etwas ähnliches. Was genau dieser Satz besagt, lässt sich allerdings ohne den Zusammenhang nicht erklären.
3. Ein deutliches Zeichen, dass dieser Satz eine Abwehr von Kommunikation enthält, sieht man auch daran, dass er sich auf der einen Seite auf eine Tugend bezieht (die Gerechtigkeit), aber auf der anderen Seite konkrete politische Akteure ausblendet. Wer hier ungerecht behandelt wird, und wer Nutznießer dieses Unrechts ist, wird im Satz nicht gesagt. Was ich hier als politische Akteure bezeichnet habe, heißt in der Linguistik auch sozialer Träger eines Zeichens. So ist das Kreuz ein Symbol für den christlichen Glauben, und derjenige, der dies an einem Kettchen um den Hals trägt, ein sozialer Träger, also (so könnte man annehmen) ein Christ. Floskeln nennen solche sozialen Träger oftmals nicht; in der Grammatik nennt man dies einen Subjektschwund.
4. Schließlich ist dieser Satz auch statisch; es handelt sich eher um eine Definition, also einer Gleichsetzung. Zu dem Subjektschwund kommt ein Handlungsschwund. Würde man sich nun damit begnügen, machte der Satz einen hilflos. Er ist nicht nur unpolitisch, sondern entpolitisiert auch.
5. Zu dieser Floskelhaftigkeit trägt auch eine Metonymie bei. Nicht die „Welt“ ist ungerecht, sondern die Menschen, die in dieser Welterleben, haben sich aus unterschiedlichsten Gründen wohl mit einer Ungerechtigkeit abgegeben. Die Welt ist der Behälter, die Menschen sind der Inhalt, bzw. ja eigentlich nur ein Teil des Inhaltes. Insofern haben wir es mit einer doppelten Metonymie zu tun, der von beinhalten/inhaltlich und der von Ganzes/Teil.
6. Solche Metonymien abstrahieren. Nun könnte ich dies weiter ausführen, aber die doppelte Metonymie geschieht gleichzeitig mit dem oben ausgeführten Subjekt- und Handlungsschwund; sie betrachtet den Satz auf eine andere Weise, führt aber zur selben Kritik.
7. Ist die Metonymie eine rhetorische Figur, wie die Floskel eine pragmatische, so ist auf der logischen Ebene zum Beispiel die Gewichtung von Argumenten zu betrachten. Dass etwas in der Welt ist, zum Beispiel die Ungerechtigkeit, ist von solcher Selbstverständlichkeit, dass die Aussage geradezu debil wirkt. Das Argument entdifferenziert in einer solchen Weise, dass die Handlungsunfähigkeit ungebührlich betont wird. Natürlich sagt diese Floskel nichts davon; sie lässt die Extrapolation (also die ungebührliche Hervorhebung eines Merkmals) nur als unausgesprochene Schlussfolgerung zu. Anders gesagt: wer dieser Floskel glaubt, ist selbst dran schuld.
8. Nun hatte ich mit der Extrapolation noch eine andere rhetorische Figur implizit mitgeführt: die Hyperbel oder Übertreibung. Und bisher hatten wir ein Wort aus diesem Satz noch gar nicht betrachtet, nämlich das Wörtchen „gnadenlos“. Insgesamt ist dieses so beziehungsreich, dass wir mindestens noch einmal eine halbe Seite darüber reden könnten. Das möchte ich hier allerdings nicht tun, sondern darauf hinweisen, dass gnadenlos sich auf einen Grenzwert bezieht, nämlich auf der vollkommenen Abwesenheit von Gnade. Noch weniger ist nicht möglich. Dabei ist zu beachten, dass die Ungerechtigkeit nicht direkt, sondern nur mittelbar diesen Grenzwert gekoppelt wird, im Satz aber das Objekt darstellt. Unterschwellig findet damit eine Entkopplung der Grenzwertigkeit und der Ungerechtigkeit statt. Inwiefern diese später zum Tragen kommt und die Argumentation beeinflusst, lässt sich allerdings an dieser Stelle nicht beantworten, denn im Buch wird dieser Satz von einer ganz anderen Argumentation umgeben.
9. Der Autor schreibt diesen Satz nicht ohne Grund an den Anfang eines Kapitels, zudem mit einer Überschrift, die gerade diesen Satz infrage stellt. Und der Rest des Kapitels wird zwar diesem Satz nicht widersprechen, aber zumindest deutlich machen, dass wir eine solche Aussage nicht hinzunehmen haben. Es gibt schon Möglichkeiten, die Welt gerechter zu machen. Für sich gesehen ist der Satz eine unpolitische und entpolitisierende Floskel; im Verlauf der Gesamtargumentation ist er allerdings eine Provokation und eine Antithese. Er verweist mit aller Deutlichkeit auf sein Gegenteil, oder, bei Bernward Gesang, auf eine deutliche Abschwächung.

Schluss: die rhetorischen Vervielfältigungen der Moral

Bleiben wir zunächst bei einer naheliegenden Beobachtung, dann ist eine so akribische Lektüre eines einzelnen Satzes schon allein deshalb verwirrend, weil aus dieser Beschreibung keine bessere Handlungsanleitung entsteht. Es ist eine rein intellektuelle Übung.
Diese zeigt aber, dass die Moral sich nicht notwendig auf eine Transparenz und Klarheit stützt; die rhetorische, logische, semantische, grammatische und pragmatische Betrachtung fördert sehr verschiedene Schichten zutage. In diesem Fall gibt es sogar noch einen sehr auffälligen Gleichklang zwischen diesen Schichten. Viel komplizierter wird es, wenn sich die Schichten anfangen zu widersprechen, wenn die Rhetorik mit der Logik nicht mehr konform geht, wenn die Semantik etwas andeutet, was den Handlungsappell ruiniert, usw.
Ich hoffe, dass euch nicht der Atem gefehlt hat, den verschiedenen Aspekten zu folgen, und dass ich, auch wenn ich an einigen Stellen deutlich gekürzt habe, euch einen Einblick in eine genaue Lektüre vermitteln konnte.
Was ihr damit nun politisch und ethisch zu bewerkstelligen habt, muss euch überlassen bleiben; ich weiß es übrigens selbst nicht so genau.

Inkompetenzkonferenz

Nun, das ist ja auch ein äußerst hübscher Name; wo sich die Kritik nicht mehr auf eine kritische Allgemeinheit stützen kann, greift sie eben zur Satire. Die Inkompetenzkonferenz ist eine interdisziplinäre Tagung, die sich „als kritische Entgegnung auf die radikale Umwälzung“ versteht, „die sich an deutschen Universitäten seit der Bologna-Reform vollzieht.“ (Die Trauer der Universitäten)

Zum Kompetenzbegriff

Der Begriff der Kompetenz hat einen Niedergang erfahren, den man bei der Diskussion von Kompetenzen mitbeachten sollte. Kompetenz ist in seiner ursprünglichen Fassung die Fähigkeit, etwas zu tun, aber nicht dieses Tun selbst. Zeigt man, dass man eine Kompetenz besitzt, spricht man eigentlich von Performanz.
Bei der Performanz wiederum muss man zwischen der Tätigkeit selbst und dem Ergebnis unterscheiden. Und bei dem Ergebnis spielt wieder das direkte Ergebnis und das nur mittelbare Ergebnis eine wichtige Rolle. Zunächst einmal darf man festhalten, dass sich die Kompetenz nicht ständig und andauernd zeigt. Menschen, die der Rechtschreibung hervorragend fähig sind, begehen trotzdem Rechtschreibfehler. Der Unterschied zu Menschen, die der Rechtschreibung inkompetent sind, besteht darin, dass kompetente Menschen ihre Fehler einsehen und korrigieren können.
Ist die Performanz eine Tätigkeit, so ist das Ergebnis dieser Tätigkeit nicht mehr direkt damit vermittelt. So ist das wissenschaftliche Plagiat vielleicht sogar hervorragend wissenschaftlich, zeigt aber nicht mehr auf die Kompetenz oder die Performanz desjenigen, der seinen Namen darunter gesetzt hat. Derjenige, der in solcher Weise plagiiert hat, oder sich schlicht und einfach eine Dienstleistung erkauft hat, kann ganz andere Kompetenzen vorweisen, aber nicht die gewünschten. Umso zweifelhafter wird es dann, wenn von den sozialen Folgen einer solch vermeintlichen Kompetenz aus auf die Kompetenz selbst geschlossen wird. Hier ist die Fähigkeit nur noch eine mittelbare Aussage, die noch nicht einmal mehr auf die Prüfung des Produkts als unmittelbare Aussage über die Kompetenz zurückgreift.

Zur Berechtigung des Kompetenzbegriffes

Aber natürlich hat der Begriff der Kompetenz auch seine Berechtigung. Und dass er als scharfer Angriff auf den Bildungsbegriff gesehen werden muss, diskreditiert ihn noch nicht. Der Begriff der Kompetenz hatte und hat seine Konjunktur durch eine fundierte Kritik am objektiven Wissen. Insbesondere der radikale Konstruktivismus hat sich einem solchen Wissen entgegengestellt. Und hier sind natürlich die Gründe auch gravierend. So verweisen Vertreter des radikalen Konstruktivismus auf die Eigendynamik des Gehirns, und natürlich auf dessen Konstruktionsleistungen. Jede sinnliche Wahrnehmung wird auf dem Weg ins Gehirn in Nervenimpulse aufgelöst, und dass wir die Welt so prall und sinnlich wahrnehmen, ist nicht eine Leistung der Welt selbst, sondern eine Kompetenz (!) unseres Gehirns.
Da das Gehirn operativ arbeitet, gibt es kein fertiges Produkt. Vielmehr ist das Hirn an einer dynamischen Stabilität „interessiert“. Da diese dynamische Stabilität in gewisser Weise wieder von der Umwelt abhängt, verändert sich die Art und Weise dieses „Stabilseins“, und dies ist das, was Pädagogen dann als Lernen bezeichnen. Damit ist aber auch der Begriff der Anpassung ausgeschlossen. Denn hier passt sich das Gehirn eher an sich selbst als an die Umwelt an, und gelegentlich kommt es vor, dass ein Mensch mit sich selbst vollkommen zufrieden ist, aber in die ihn umgebende Gesellschaft überhaupt nicht hineinpasst. Wir kennen solche Menschen, nicht wahr?

Sekundärtugenden

In letzter Zeit habe ich mich, wenn auch nur sehr sporadisch, mit den Sekundärtugenden beschäftigt. Die Sekundärtugenden scheinen mir so etwas wie Kompetenzen zu sein. Tatsächlich ist der Streit um die Sekundärtugenden, der wohl von Jean Améry in die Öffentlichkeit eingebracht wurde, ein Streit um Sinn und Zweck öffentlicher Wirkungen. Neulich formulierte ich, dass Sekundärtugenden in sich moralisch ambivalent seien. Ihr Wert liege darin, dass sie das Erscheinen von Primärtugenden verlässlich machen. Anders gesagt: eine Gerechtigkeit, die sich nicht auf einen gewissen konsequenten Fleiß oder auf eine Ehrlichkeit stützt, bleibt unzuverlässig, sporadisch, zusammenhangslos und ist deshalb keine Gerechtigkeit, weil sie willkürlich auftritt.
Viele der Kompetenzen, Lesekompetenz, Darstellungskompetenz, Durchsetzungs-vermögen, Kritikfähigkeit, usw., sind nun gerade keine Primärtugenden. Aber für eine Tugend wie die Gerechtigkeit erscheinen sie doch als notwendig, wenn es zum Beispiel darum geht, ein gerechtes Ziel durchzusetzen, oder die Wirkungen eines solchen Zieles kritisch zu betrachten und auf den Zusammenhang zwischen der Idee der Gerechtigkeit und einer (angeblich) gerechten Tat zu reflektieren.
Sprich: der Kompetenzbegriff ist nicht falsch, wird aber zum Teil unsinnig verwendet. - Und jedenfalls sind die Einwände der Inkompetenzkonferenz sehr bedenkenswert.

Falsch verstanden

Eigentlich wollte ich mich jetzt wieder den Themen zuwenden, die für mein eigenes Leben wichtig sind (Java zum Beispiel). Aber manchmal geraten die Dinge so durcheinander, dass man dann doch einiges dazu sagen muss. In diesem Fall: Hamburg.
Olaf Scholz bemüßigt sich zu sagen: "Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise." Und wenn wir jetzt mal nicht auf all die Videos eingehen, die im Internet zu sehen sind, könnt ihr mir trotzdem mal helfen: die Polizei gehört doch - irgendwie - zur staatlichen Gewalt; so dass es nicht nur zu ihren Aufgaben gehört, Gewalt auszuüben, sondern sie sogar wesentlich ausmacht. Wenn die Polizei keine Gewalt ausgeübt hat, hat sie ihre Pflichten vernachlässigt. Oder hat sich inzwischen die demokratische Gewaltenteilung in eine Gewaltenabwesenheit verwandelt?
Die Frage ist doch wohl eher, ob die tatsächlich durch die Polizei ausgeübte Gewalt ihrem legitimen Auftrag entspricht. Und wenn nein, wer dafür die Verantwortung zu übernehmen hat. Damit möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich von Polizisten nicht erwarte, dass sie immer zu 100 % demokratisch korrektes Verhalten zeigen. Das ist ein Ideal, welches natürlich an den Berufsstand angelegt werden sollte, dem man aber eine gewissen Spielraum zubilligen muss, weil kein Polizist und keine Polizistin ideal ist (zumindest nicht im philosophischen Sinne).
Ich halte mich ja mit der Idee zurück, dass Fehlverhalten immer gleich zu einem Rücktritt führen müsse. Der Rücktritt von Scholz wird gefordert, zum Beispiel von Joerges (Stern). Doch auch Politiker machen Fehler oder schätzen die Lage einfach falsch ein, was bei einer Zwei-Millionen-Stadt und einem international beachteten Gipfel zwar ärgerlich ist, aber doch nicht ohne Verständnis bewertet werden sollte. An dieser Stelle aber der Polizei eine Art Freibrief von jeglicher Kritik auszustellen, delegitimiert nicht nur die Polizei als eine demokratische Institution, sondern verweist auf ein sehr zweifelhaftes Demokratieverständnis von Olaf Scholz.
Scholz erntet dafür übrigens Hohn und Spott. - Darüber hinaus schadet er einer sowieso schon schwer angeschlagenen SPD. Schulz erweist er damit einen Bärendienst. Ich bin gespannt, wie sich demnächst die SPD in den Umfragen aufstellt. Es fühlt sich nach einem Niedergang an. Und die Frage ist dann, wer überhaupt noch zu wählen bleibt.

10.07.2017

Tief durchatmen, drei Schritte Abstand nehmen

Hamburg, also natürlich das Gipfeltreffen, ist vorüber. Und irgendwie habe ich das Wochenende wie auf Speed erlebt. Für ein solches Ereignis, welches auf engstem Raum politische Spannungen verdichtet und verdichten muss, gibt es wohl kein abschließendes Urteil. Auch zur Polizei nicht. Auf der einen Seite hat diese Wichtiges geleistet. Die Polizei bleibt eine zentrale Institution der modernen Demokratie und eine gute Polizeiarbeit unerlässlich für ihren Erhalt. Das Bild, was sich vom G20-Gipfel bietet, bleibt dagegen durchwachsen. Wir haben auf der einen Seite den schwarzen Block, der mit Zwillen und Stahlgeschossen gegen die Polizei vorgegangen ist; und sieht man einmal davon ab, dass die Gewalt an sich nicht zu rechtfertigen ist, sei daran erinnert, dass es diese Waffen sind, die bereits zum Tod von Polizisten geführt haben. Der Schutz des Rechtsstaates auf der einen Seite, und der Schutz des eigenen Lebens auf der anderen Seite, wer wollte sich da über ein hartes Vorgehen der Polizei beschweren?
Auf der anderen Seite sind genehmigte Protestcamps aufgelöst worden, ohne größere Not. Die Arbeit von Journalisten ist behindert worden, sogar von Angriffen auf Journalisten wird berichtet. Man darf sich auch fragen, warum eine Demonstration, die sich „Welcome to Hell“ nennt, so genehmigt worden ist. Hier hätte die Stadt Hamburg im Vorhinein deutlich machen sollen, dass ein solcher Titel als Provokation und als Aufforderung zur Gewalt missverstanden werden kann und den Anmeldern unmissverständlich deutlich machen sollen, dass ein friedlicheres Motto zu wünschen wäre. Diese Demonstration ist aber, wie man hört, bis auf ein paar Vermummte, die natürlich randaliert haben, friedlich verlaufen. Von der Polizei ist sie gestoppt und schließlich aufgelöst worden. Ob dies rechtens war, hängt wohl davon ab, wie sehr man das Recht auf Demonstration, ein Grundrecht übrigens, gegen die Maßnahmen der Polizei abwägt.
Eines der größten Probleme in der Aufarbeitung dürfte jetzt allerdings sein, inwiefern man politische Parteien konstruiert und diese in Kausalzusammenhänge einbindet. Es gibt durchaus Stimmen im Internet, die die Grünen und die Linken als politischen Arm der Gewalttäter sehen. Und es gibt sehr deutliche Ansagen von den Grünen und den Linken, dass sie diese Gewalt, die von den Randalierern ausging, ächten. Manche Menschen behaupten, die Polizei habe im Vorfeld die Ereignisse vom Freitagabend provoziert.
Andere wiederum wollen, obwohl sie kritisch gegenüber der polizeilichen Arbeit sind und diese teilweise auch als rechtswidrig bezeichnen, den Randalierern kein Stück von der Verantwortung nehmen und sie als alleinige Verursacher die Verwüstungen im Schanzenviertel und in anderen Stadtteilen Hamburgs zur Verantwortung ziehen.

Es gibt auch noch einen ganz anderen Schaden, den die Öffentlichkeit davongetragen hat: die Gespräche und Ergebnisse des Gipfeltreffens verschwinden unter diesen eindrücklichen Bildern der Gewalt. Es sollte aber klar sein, dass diese Gewalt, so schlimm sie ist, ein nebensächliches Phänomen in der Politik ist. Viel wichtiger wäre es doch jetzt, dass man in der Öffentlichkeit die Ergebnisse dieser Gespräche diskutiert. Denn hier werden langfristig Weichen gestellt. Und genau dadurch haben solche Gespräche auch ein wesentlich größeres politisches Gewicht als diese besinnungslose Bambule.
Ich vermute aber, dass das manchem auch recht ist. Zu den Ergebnissen des Gipfeltreffens lässt sich nur mit wesentlich höheren intellektuellen Aufwand etwas Intelligentes sagen (weshalb ich mich auch nicht in der Lage fühle, dazu Stellung zu nehmen). Und sie bieten natürlich auch nicht solche hollywoodreifen Bilder. Dann passiert es schon mal, dass die online-Ausgabe der Zeitschrift Brigitte einen Skandal wittert, wenn die Tochter von Donald Trump, Ivanka Trump, während des Gipfels so sehr im Mittelpunkt steht. Und irgend ein Reporter bemüßigt sich aufzuzählen, welche Speisen Frau Trump und Begleiter zu sich genommen hätten, und dass man während des Essens fröhlich gewesen sei. Diese furchtbare Gewalt im Schanzenviertel ist die eine Form der Dekadenz; eine solche Berichterstattung eine andere. –
Und statt das Publikum mit auf ein hohes Niveau der Reflexion zu ziehen, scheinen zu viele Medien dies auf ein noch dümmlicheres und niedrigeres Niveau bringen zu wollen, als es derzeit sowieso schon üblich ist.