21.07.2017

Danke, Jens Spahn!

Sehr geehrter Herr Spahn!
Sicherlich wird es Sie freuen zu hören, dass auch ich nicht jede andere Kultur als eine Bereicherung unserer Kultur ansehe. Und wenn ich mich so bei Ihnen umblicke, bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass auch unsere Kultur nicht immer für unsere Kultur bereichernd ist.
Aber sorgen Sie sich nicht: Wer auf dem absteigenden Ast ist, hat bald festen Boden unter den Füßen.
مع فائق الأحترام

17.07.2017

Riothipster und Leitungsausfall

Ein neuer Neologismus ist am Rande des G20-Gipfels aufgetaucht: der Riothipster. Gemeint ist damit jener fesche bärtige Mann, der ein Selfie vor brennenden Autos und der Krawallerie schießt. Riothipster ist übrigens auch (fast) ein Oxymoron, denn der Hipster bedient sich vor allem einer postmodernen Modekultur, die unterschiedliche Stilrichtungen aus unterschiedlichen Zeiten zu einem Outfit zusammenstellt. Politisch gesehen sagt man ihm Oberflächlichkeit nach; manche nennen den Hipster auch Neo-Spießer. Dem steht das Wort Riot nur scheinbar gegenüber. In Wirklichkeit dürfte den Randalierern ebenso eine tiefgründigere politische Einstellung abgehen. Der wesentlichere Unterschied wird wohl sein, dass der Hipster keine Gewalt anwendet, sondern nur bestimmte Weltanschauungen sichtbar delegitimiert.
Krawallerie, das ist eine contaminatio, ein Verschmelzen zweier ähnlich klingender Wörter. Das stammt, glaube ich, von mir.
Bei Anne Will trat letzten Sonntag eine Störung auf, mitten in einer kritischen Frage an Peter Altmeier. Kurz darauf tweetete das ARD, es gebe ein Leitungsproblem. Schöner kann man wohl Kritik am Polizeieinsatz in Hamburg nicht üben. Das Wort Leitungsproblem ist natürlich zweideutig, eine Amphibolie, wenn man es von der Rhetorik aus betrachtet. Zudem erinnert es an eines der Kriegsstrategeme des Sunzi: Die Akazie schelten, dabei aber auf den Maulbeerbaum zeigen.

15.07.2017

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Ich erweise mich bei diesem Buch wohl als ein schlechter Rezensent, zumindest, wenn es um die Werbung geht. Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang ist durchaus ein sehr interessantes, aber keineswegs ein lobenswertes Buch; soll heißen: es ist lesbar und kritisierbar, und wer es nur lesen würde, ohne den Inhalt zu kritisieren, würde sich einer gewissen Schlampigkeit oder Blauäugigkeit schuldig machen. Liest man es allerdings kritisch, wird es wunderbar: sich im begründeten Widerspruch zu üben ist eine ganz wunderbare Haltung für Interpreten.
Dass ich ihn hier übrigens verlinke, und wie jeder Eingeweihte weiß, daran natürlich auch verdienen würde, sofern sich ein Leser über diesen Link zum Kauf des Buches entscheidet, sei vorneweg gesagt. Dazu habe ich lange mit mir gehadert. Tatsächlich aber scheint es so zu sein, dass Menschen die Bücher eher spontan kaufen, wenn sie einen Link präsentiert bekommen, als dass sie in einen Buchladen gehen und dort das Buch bestellen müssten. Mein Verdienst ist übrigens äußerst gering; in diesem Februar habe ich, nach zehn Jahren Bloggerei, die Mindestauszahlungssumme von 70 € erreicht. Lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr die kleinen Buchläden weiterhin unterstützt. Sie sind ein Artefakt einer besseren Welt; so jedenfalls mein Gefühl.

Rhetorik und Moral

Natürlich ist jedes Buch auch ein Untersuchungsfeld für Rhetoriker. Für Bücher, deren Inhalt die Moral, Ethik oder Politik behandeln, gilt dies umso mehr, als zwei grundlegende Operationen politischer Teilhabe rhetorischen Ursprungs sind: das Überzeugen und das Überreden. Hier gibt es den interessanten Effekt, dass sich die Form der Darstellung sogar gegen den dargestellten Inhalt wenden kann und damit gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was der Autor beabsichtigt hat. Man nennt so etwas einen performativen Selbstwiderspruch. Zu diesem neigen Bücher über die Moral weit stärker als zum Beispiel Bücher über die Physik.

Langsame Rhetorik

Doch der Rhetoriker muss, sofern er gewisse wissenschaftliche Standards einhalten möchte, langsam vorgehen und sich weitgehender Urteile enthalten. Bleiben wir also bei einigen, für sich gesehen sehr randständigen Beobachtungen. Diese mögen, mit der Zeit, ein Gesamtbild ergeben, welches sich weder für noch gegen dieses Buch ausspricht, aber der Arbeit mit ihm einen individuellen Wert verleiht.

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Dieser Satz steht zu Beginn des vierten Kapitels, auf Seite 53. Dieses Kapitel ist mit „Darf ich Anderen beim Verhungern zu sehen?“ betitelt. Die Zwischenantwort am Ende lautet (wen wundert es): Nein, das darf ich nicht! Es ist ein Zwischenergebnis, weil die folgenden Kapitel die Argumentation weiter ausführen und auch gelegentlich deutlich relativieren.
Bevor man sich aber auf die weiteren Argumente einlässt, lohnt es sich, die Aussage in seiner ganzen rhetorischen Tiefe auszuloten. Dies möchte ich, als eine Art Vorführung, tun, ohne dies für die weiteren Folgen daraus zu reflektieren. Das mag anrüchig erscheinen, da ich das Lesen nur von seiner technischen Seite aus betreibe. Und natürlich wäre es sinnvoll, die moralischen Implikationen genauer in Augenschein zu nehmen. Da sich aber eine solche moralische Genauigkeit wieder auf eine gründliche Wahrnehmung stützt, erlaube ich mir, hier im Bereich der Sekundärtugenden zu bleiben und dem Leser selbst seinen Schlussfolgerungen zu überlassen.

Der Satz für sich

1. Natürlich ist der Satz eine Floskel, und als Floskel bleibt seine „kommunikative Qualität“ ambivalent. Er sagt etwas, ohne es wirklich so zu meinen; bzw. verlässt man sich beim Aussprechen eines solchen Satzes darauf, dass seine Bedeutung nur begrenzt hinterfragt wird. Floskeln dienen der Verflachung der Kommunikation.
2. Wo die Kommunikation verflacht wird, geht es nicht mehr um Dialog und schon gar nicht um Streitwerte, sondern zumeist um Bequemlichkeit oder Deutungshoheit oder etwas ähnliches. Was genau dieser Satz besagt, lässt sich allerdings ohne den Zusammenhang nicht erklären.
3. Ein deutliches Zeichen, dass dieser Satz eine Abwehr von Kommunikation enthält, sieht man auch daran, dass er sich auf der einen Seite auf eine Tugend bezieht (die Gerechtigkeit), aber auf der anderen Seite konkrete politische Akteure ausblendet. Wer hier ungerecht behandelt wird, und wer Nutznießer dieses Unrechts ist, wird im Satz nicht gesagt. Was ich hier als politische Akteure bezeichnet habe, heißt in der Linguistik auch sozialer Träger eines Zeichens. So ist das Kreuz ein Symbol für den christlichen Glauben, und derjenige, der dies an einem Kettchen um den Hals trägt, ein sozialer Träger, also (so könnte man annehmen) ein Christ. Floskeln nennen solche sozialen Träger oftmals nicht; in der Grammatik nennt man dies einen Subjektschwund.
4. Schließlich ist dieser Satz auch statisch; es handelt sich eher um eine Definition, also einer Gleichsetzung. Zu dem Subjektschwund kommt ein Handlungsschwund. Würde man sich nun damit begnügen, machte der Satz einen hilflos. Er ist nicht nur unpolitisch, sondern entpolitisiert auch.
5. Zu dieser Floskelhaftigkeit trägt auch eine Metonymie bei. Nicht die „Welt“ ist ungerecht, sondern die Menschen, die in dieser Welterleben, haben sich aus unterschiedlichsten Gründen wohl mit einer Ungerechtigkeit abgegeben. Die Welt ist der Behälter, die Menschen sind der Inhalt, bzw. ja eigentlich nur ein Teil des Inhaltes. Insofern haben wir es mit einer doppelten Metonymie zu tun, der von beinhalten/inhaltlich und der von Ganzes/Teil.
6. Solche Metonymien abstrahieren. Nun könnte ich dies weiter ausführen, aber die doppelte Metonymie geschieht gleichzeitig mit dem oben ausgeführten Subjekt- und Handlungsschwund; sie betrachtet den Satz auf eine andere Weise, führt aber zur selben Kritik.
7. Ist die Metonymie eine rhetorische Figur, wie die Floskel eine pragmatische, so ist auf der logischen Ebene zum Beispiel die Gewichtung von Argumenten zu betrachten. Dass etwas in der Welt ist, zum Beispiel die Ungerechtigkeit, ist von solcher Selbstverständlichkeit, dass die Aussage geradezu debil wirkt. Das Argument entdifferenziert in einer solchen Weise, dass die Handlungsunfähigkeit ungebührlich betont wird. Natürlich sagt diese Floskel nichts davon; sie lässt die Extrapolation (also die ungebührliche Hervorhebung eines Merkmals) nur als unausgesprochene Schlussfolgerung zu. Anders gesagt: wer dieser Floskel glaubt, ist selbst dran schuld.
8. Nun hatte ich mit der Extrapolation noch eine andere rhetorische Figur implizit mitgeführt: die Hyperbel oder Übertreibung. Und bisher hatten wir ein Wort aus diesem Satz noch gar nicht betrachtet, nämlich das Wörtchen „gnadenlos“. Insgesamt ist dieses so beziehungsreich, dass wir mindestens noch einmal eine halbe Seite darüber reden könnten. Das möchte ich hier allerdings nicht tun, sondern darauf hinweisen, dass gnadenlos sich auf einen Grenzwert bezieht, nämlich auf der vollkommenen Abwesenheit von Gnade. Noch weniger ist nicht möglich. Dabei ist zu beachten, dass die Ungerechtigkeit nicht direkt, sondern nur mittelbar diesen Grenzwert gekoppelt wird, im Satz aber das Objekt darstellt. Unterschwellig findet damit eine Entkopplung der Grenzwertigkeit und der Ungerechtigkeit statt. Inwiefern diese später zum Tragen kommt und die Argumentation beeinflusst, lässt sich allerdings an dieser Stelle nicht beantworten, denn im Buch wird dieser Satz von einer ganz anderen Argumentation umgeben.
9. Der Autor schreibt diesen Satz nicht ohne Grund an den Anfang eines Kapitels, zudem mit einer Überschrift, die gerade diesen Satz infrage stellt. Und der Rest des Kapitels wird zwar diesem Satz nicht widersprechen, aber zumindest deutlich machen, dass wir eine solche Aussage nicht hinzunehmen haben. Es gibt schon Möglichkeiten, die Welt gerechter zu machen. Für sich gesehen ist der Satz eine unpolitische und entpolitisierende Floskel; im Verlauf der Gesamtargumentation ist er allerdings eine Provokation und eine Antithese. Er verweist mit aller Deutlichkeit auf sein Gegenteil, oder, bei Bernward Gesang, auf eine deutliche Abschwächung.

Schluss: die rhetorischen Vervielfältigungen der Moral

Bleiben wir zunächst bei einer naheliegenden Beobachtung, dann ist eine so akribische Lektüre eines einzelnen Satzes schon allein deshalb verwirrend, weil aus dieser Beschreibung keine bessere Handlungsanleitung entsteht. Es ist eine rein intellektuelle Übung.
Diese zeigt aber, dass die Moral sich nicht notwendig auf eine Transparenz und Klarheit stützt; die rhetorische, logische, semantische, grammatische und pragmatische Betrachtung fördert sehr verschiedene Schichten zutage. In diesem Fall gibt es sogar noch einen sehr auffälligen Gleichklang zwischen diesen Schichten. Viel komplizierter wird es, wenn sich die Schichten anfangen zu widersprechen, wenn die Rhetorik mit der Logik nicht mehr konform geht, wenn die Semantik etwas andeutet, was den Handlungsappell ruiniert, usw.
Ich hoffe, dass euch nicht der Atem gefehlt hat, den verschiedenen Aspekten zu folgen, und dass ich, auch wenn ich an einigen Stellen deutlich gekürzt habe, euch einen Einblick in eine genaue Lektüre vermitteln konnte.
Was ihr damit nun politisch und ethisch zu bewerkstelligen habt, muss euch überlassen bleiben; ich weiß es übrigens selbst nicht so genau.

Inkompetenzkonferenz

Nun, das ist ja auch ein äußerst hübscher Name; wo sich die Kritik nicht mehr auf eine kritische Allgemeinheit stützen kann, greift sie eben zur Satire. Die Inkompetenzkonferenz ist eine interdisziplinäre Tagung, die sich „als kritische Entgegnung auf die radikale Umwälzung“ versteht, „die sich an deutschen Universitäten seit der Bologna-Reform vollzieht.“ (Die Trauer der Universitäten)

Zum Kompetenzbegriff

Der Begriff der Kompetenz hat einen Niedergang erfahren, den man bei der Diskussion von Kompetenzen mitbeachten sollte. Kompetenz ist in seiner ursprünglichen Fassung die Fähigkeit, etwas zu tun, aber nicht dieses Tun selbst. Zeigt man, dass man eine Kompetenz besitzt, spricht man eigentlich von Performanz.
Bei der Performanz wiederum muss man zwischen der Tätigkeit selbst und dem Ergebnis unterscheiden. Und bei dem Ergebnis spielt wieder das direkte Ergebnis und das nur mittelbare Ergebnis eine wichtige Rolle. Zunächst einmal darf man festhalten, dass sich die Kompetenz nicht ständig und andauernd zeigt. Menschen, die der Rechtschreibung hervorragend fähig sind, begehen trotzdem Rechtschreibfehler. Der Unterschied zu Menschen, die der Rechtschreibung inkompetent sind, besteht darin, dass kompetente Menschen ihre Fehler einsehen und korrigieren können.
Ist die Performanz eine Tätigkeit, so ist das Ergebnis dieser Tätigkeit nicht mehr direkt damit vermittelt. So ist das wissenschaftliche Plagiat vielleicht sogar hervorragend wissenschaftlich, zeigt aber nicht mehr auf die Kompetenz oder die Performanz desjenigen, der seinen Namen darunter gesetzt hat. Derjenige, der in solcher Weise plagiiert hat, oder sich schlicht und einfach eine Dienstleistung erkauft hat, kann ganz andere Kompetenzen vorweisen, aber nicht die gewünschten. Umso zweifelhafter wird es dann, wenn von den sozialen Folgen einer solch vermeintlichen Kompetenz aus auf die Kompetenz selbst geschlossen wird. Hier ist die Fähigkeit nur noch eine mittelbare Aussage, die noch nicht einmal mehr auf die Prüfung des Produkts als unmittelbare Aussage über die Kompetenz zurückgreift.

Zur Berechtigung des Kompetenzbegriffes

Aber natürlich hat der Begriff der Kompetenz auch seine Berechtigung. Und dass er als scharfer Angriff auf den Bildungsbegriff gesehen werden muss, diskreditiert ihn noch nicht. Der Begriff der Kompetenz hatte und hat seine Konjunktur durch eine fundierte Kritik am objektiven Wissen. Insbesondere der radikale Konstruktivismus hat sich einem solchen Wissen entgegengestellt. Und hier sind natürlich die Gründe auch gravierend. So verweisen Vertreter des radikalen Konstruktivismus auf die Eigendynamik des Gehirns, und natürlich auf dessen Konstruktionsleistungen. Jede sinnliche Wahrnehmung wird auf dem Weg ins Gehirn in Nervenimpulse aufgelöst, und dass wir die Welt so prall und sinnlich wahrnehmen, ist nicht eine Leistung der Welt selbst, sondern eine Kompetenz (!) unseres Gehirns.
Da das Gehirn operativ arbeitet, gibt es kein fertiges Produkt. Vielmehr ist das Hirn an einer dynamischen Stabilität „interessiert“. Da diese dynamische Stabilität in gewisser Weise wieder von der Umwelt abhängt, verändert sich die Art und Weise dieses „Stabilseins“, und dies ist das, was Pädagogen dann als Lernen bezeichnen. Damit ist aber auch der Begriff der Anpassung ausgeschlossen. Denn hier passt sich das Gehirn eher an sich selbst als an die Umwelt an, und gelegentlich kommt es vor, dass ein Mensch mit sich selbst vollkommen zufrieden ist, aber in die ihn umgebende Gesellschaft überhaupt nicht hineinpasst. Wir kennen solche Menschen, nicht wahr?

Sekundärtugenden

In letzter Zeit habe ich mich, wenn auch nur sehr sporadisch, mit den Sekundärtugenden beschäftigt. Die Sekundärtugenden scheinen mir so etwas wie Kompetenzen zu sein. Tatsächlich ist der Streit um die Sekundärtugenden, der wohl von Jean Améry in die Öffentlichkeit eingebracht wurde, ein Streit um Sinn und Zweck öffentlicher Wirkungen. Neulich formulierte ich, dass Sekundärtugenden in sich moralisch ambivalent seien. Ihr Wert liege darin, dass sie das Erscheinen von Primärtugenden verlässlich machen. Anders gesagt: eine Gerechtigkeit, die sich nicht auf einen gewissen konsequenten Fleiß oder auf eine Ehrlichkeit stützt, bleibt unzuverlässig, sporadisch, zusammenhangslos und ist deshalb keine Gerechtigkeit, weil sie willkürlich auftritt.
Viele der Kompetenzen, Lesekompetenz, Darstellungskompetenz, Durchsetzungs-vermögen, Kritikfähigkeit, usw., sind nun gerade keine Primärtugenden. Aber für eine Tugend wie die Gerechtigkeit erscheinen sie doch als notwendig, wenn es zum Beispiel darum geht, ein gerechtes Ziel durchzusetzen, oder die Wirkungen eines solchen Zieles kritisch zu betrachten und auf den Zusammenhang zwischen der Idee der Gerechtigkeit und einer (angeblich) gerechten Tat zu reflektieren.
Sprich: der Kompetenzbegriff ist nicht falsch, wird aber zum Teil unsinnig verwendet. - Und jedenfalls sind die Einwände der Inkompetenzkonferenz sehr bedenkenswert.

Falsch verstanden

Eigentlich wollte ich mich jetzt wieder den Themen zuwenden, die für mein eigenes Leben wichtig sind (Java zum Beispiel). Aber manchmal geraten die Dinge so durcheinander, dass man dann doch einiges dazu sagen muss. In diesem Fall: Hamburg.
Olaf Scholz bemüßigt sich zu sagen: "Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise." Und wenn wir jetzt mal nicht auf all die Videos eingehen, die im Internet zu sehen sind, könnt ihr mir trotzdem mal helfen: die Polizei gehört doch - irgendwie - zur staatlichen Gewalt; so dass es nicht nur zu ihren Aufgaben gehört, Gewalt auszuüben, sondern sie sogar wesentlich ausmacht. Wenn die Polizei keine Gewalt ausgeübt hat, hat sie ihre Pflichten vernachlässigt. Oder hat sich inzwischen die demokratische Gewaltenteilung in eine Gewaltenabwesenheit verwandelt?
Die Frage ist doch wohl eher, ob die tatsächlich durch die Polizei ausgeübte Gewalt ihrem legitimen Auftrag entspricht. Und wenn nein, wer dafür die Verantwortung zu übernehmen hat. Damit möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich von Polizisten nicht erwarte, dass sie immer zu 100 % demokratisch korrektes Verhalten zeigen. Das ist ein Ideal, welches natürlich an den Berufsstand angelegt werden sollte, dem man aber eine gewissen Spielraum zubilligen muss, weil kein Polizist und keine Polizistin ideal ist (zumindest nicht im philosophischen Sinne).
Ich halte mich ja mit der Idee zurück, dass Fehlverhalten immer gleich zu einem Rücktritt führen müsse. Der Rücktritt von Scholz wird gefordert, zum Beispiel von Joerges (Stern). Doch auch Politiker machen Fehler oder schätzen die Lage einfach falsch ein, was bei einer Zwei-Millionen-Stadt und einem international beachteten Gipfel zwar ärgerlich ist, aber doch nicht ohne Verständnis bewertet werden sollte. An dieser Stelle aber der Polizei eine Art Freibrief von jeglicher Kritik auszustellen, delegitimiert nicht nur die Polizei als eine demokratische Institution, sondern verweist auf ein sehr zweifelhaftes Demokratieverständnis von Olaf Scholz.
Scholz erntet dafür übrigens Hohn und Spott. - Darüber hinaus schadet er einer sowieso schon schwer angeschlagenen SPD. Schulz erweist er damit einen Bärendienst. Ich bin gespannt, wie sich demnächst die SPD in den Umfragen aufstellt. Es fühlt sich nach einem Niedergang an. Und die Frage ist dann, wer überhaupt noch zu wählen bleibt.

10.07.2017

Tief durchatmen, drei Schritte Abstand nehmen

Hamburg, also natürlich das Gipfeltreffen, ist vorüber. Und irgendwie habe ich das Wochenende wie auf Speed erlebt. Für ein solches Ereignis, welches auf engstem Raum politische Spannungen verdichtet und verdichten muss, gibt es wohl kein abschließendes Urteil. Auch zur Polizei nicht. Auf der einen Seite hat diese Wichtiges geleistet. Die Polizei bleibt eine zentrale Institution der modernen Demokratie und eine gute Polizeiarbeit unerlässlich für ihren Erhalt. Das Bild, was sich vom G20-Gipfel bietet, bleibt dagegen durchwachsen. Wir haben auf der einen Seite den schwarzen Block, der mit Zwillen und Stahlgeschossen gegen die Polizei vorgegangen ist; und sieht man einmal davon ab, dass die Gewalt an sich nicht zu rechtfertigen ist, sei daran erinnert, dass es diese Waffen sind, die bereits zum Tod von Polizisten geführt haben. Der Schutz des Rechtsstaates auf der einen Seite, und der Schutz des eigenen Lebens auf der anderen Seite, wer wollte sich da über ein hartes Vorgehen der Polizei beschweren?
Auf der anderen Seite sind genehmigte Protestcamps aufgelöst worden, ohne größere Not. Die Arbeit von Journalisten ist behindert worden, sogar von Angriffen auf Journalisten wird berichtet. Man darf sich auch fragen, warum eine Demonstration, die sich „Welcome to Hell“ nennt, so genehmigt worden ist. Hier hätte die Stadt Hamburg im Vorhinein deutlich machen sollen, dass ein solcher Titel als Provokation und als Aufforderung zur Gewalt missverstanden werden kann und den Anmeldern unmissverständlich deutlich machen sollen, dass ein friedlicheres Motto zu wünschen wäre. Diese Demonstration ist aber, wie man hört, bis auf ein paar Vermummte, die natürlich randaliert haben, friedlich verlaufen. Von der Polizei ist sie gestoppt und schließlich aufgelöst worden. Ob dies rechtens war, hängt wohl davon ab, wie sehr man das Recht auf Demonstration, ein Grundrecht übrigens, gegen die Maßnahmen der Polizei abwägt.
Eines der größten Probleme in der Aufarbeitung dürfte jetzt allerdings sein, inwiefern man politische Parteien konstruiert und diese in Kausalzusammenhänge einbindet. Es gibt durchaus Stimmen im Internet, die die Grünen und die Linken als politischen Arm der Gewalttäter sehen. Und es gibt sehr deutliche Ansagen von den Grünen und den Linken, dass sie diese Gewalt, die von den Randalierern ausging, ächten. Manche Menschen behaupten, die Polizei habe im Vorfeld die Ereignisse vom Freitagabend provoziert.
Andere wiederum wollen, obwohl sie kritisch gegenüber der polizeilichen Arbeit sind und diese teilweise auch als rechtswidrig bezeichnen, den Randalierern kein Stück von der Verantwortung nehmen und sie als alleinige Verursacher die Verwüstungen im Schanzenviertel und in anderen Stadtteilen Hamburgs zur Verantwortung ziehen.

Es gibt auch noch einen ganz anderen Schaden, den die Öffentlichkeit davongetragen hat: die Gespräche und Ergebnisse des Gipfeltreffens verschwinden unter diesen eindrücklichen Bildern der Gewalt. Es sollte aber klar sein, dass diese Gewalt, so schlimm sie ist, ein nebensächliches Phänomen in der Politik ist. Viel wichtiger wäre es doch jetzt, dass man in der Öffentlichkeit die Ergebnisse dieser Gespräche diskutiert. Denn hier werden langfristig Weichen gestellt. Und genau dadurch haben solche Gespräche auch ein wesentlich größeres politisches Gewicht als diese besinnungslose Bambule.
Ich vermute aber, dass das manchem auch recht ist. Zu den Ergebnissen des Gipfeltreffens lässt sich nur mit wesentlich höheren intellektuellen Aufwand etwas Intelligentes sagen (weshalb ich mich auch nicht in der Lage fühle, dazu Stellung zu nehmen). Und sie bieten natürlich auch nicht solche hollywoodreifen Bilder. Dann passiert es schon mal, dass die online-Ausgabe der Zeitschrift Brigitte einen Skandal wittert, wenn die Tochter von Donald Trump, Ivanka Trump, während des Gipfels so sehr im Mittelpunkt steht. Und irgend ein Reporter bemüßigt sich aufzuzählen, welche Speisen Frau Trump und Begleiter zu sich genommen hätten, und dass man während des Essens fröhlich gewesen sei. Diese furchtbare Gewalt im Schanzenviertel ist die eine Form der Dekadenz; eine solche Berichterstattung eine andere. –
Und statt das Publikum mit auf ein hohes Niveau der Reflexion zu ziehen, scheinen zu viele Medien dies auf ein noch dümmlicheres und niedrigeres Niveau bringen zu wollen, als es derzeit sowieso schon üblich ist.

08.07.2017

Wille und Moral

Zu einer der aufregenderen Entdeckungen während meiner Lektüren gehörte in den letzten Jahren der Zusammenhang einer Willensphilosophie mit den Gottesbeweisen. Gottesbeweise positionieren sich immer zu dem Schicksal von Menschen, inwiefern dieses Schicksal göttlich gewollt ist, und wie sich der Mensch dazu zu positionieren hat: mit seinem Glauben und mit seiner Nächstenliebe.
Für mich hat die Genese des Willens lange Zeit nur in der Entwicklungspsychologie einen prominenten Platz gehabt. Die Frage, wie sich aus einem von Bedürfnissen gelenkten Säugling ein Mensch mit einer Moral entwickelt, war mir damit zunächst ein eher technisches Anliegen. Dass eine weiter gehende Betrachtung notwendig in die politische Philosophie führt, dürfte klar sein. Dort ist der Wille eine zentrale Kategorie.
Nun haben mich meine Lektüren nicht nur weiter in die Entwicklungspsychologie geführt, sondern auch zu historischen Vorläufern. Ein Restbestand meiner früheren Foucault-Lektüren besteht darin, Begriffe auch historisch zu betrachten und so nicht nur den aktuellen Stand der Dinge zu erfassen, sondern auch ihre Entwicklung.
Ein sehr modernes Buch ist Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang. Von den 21 Kapiteln habe ich erst drei gelesen. Ich werde mich also eines abschließenden Urteils enthalten.
Trotzdem kann ich zu dem Buch schon einiges sagen: es ist sehr verständlich formuliert. Die Argumentation verläuft zwar gelegentlich deutlich plakativ, aber insgesamt doch abwägend. Es ist eben ein populärwissenschaftliches Buch. Wenn man sich einige Jahre mit der politischen Philosophie beschäftigt hat, ist man dankbar dafür, dass der Autor politisch-moralische Positionen auf griffige Formeln bringt, die natürlich nicht die ganzen Feinheiten abdecken, aber hinreichend genau sind.
Ein Zeichen dafür, dass der Autor nicht einfach nur zu aktuellen Problemen Stellung nehmen möchte, sondern dem Leser eine gute erste Karthographie des Gebietes liefern möchte, ist eben jenes einführende Kapitel, welches auf die Geschichte des freien Willens und damit auf die Gottesbeweise eingeht. Dafür sind nun die 15 Seiten, die das Buch dafür reserviert, geradezu gruselig kurz. Bedenkt man aber, dass den meisten Menschen nicht einmal der grobe Zusammenhang klar ist, und bedenkt man weiter, dass die Darstellung eine erste, sachliche Orientierung bietet, kann man ihm auch wieder dankbar sein.
Eine weitere, äußerst hilfreiche Sache sind die eingeschobenen kurzen Definitionen zu bestimmten Argumentationsgängen. Diese stellen knapp und objektivierend Tendenzen und Diskussionszusammenhänge dar, so etwa, um hier einige exemplarisch herauszugreifen, zum Freiheitsproblem, zur Vertragstheorie, zum ethischen Relativismus, zur Naturethik, zur Demütigungstheorie der Menschenwürde, usw.
Am Ende einer Rezension erwartet man mittlerweile eine Kaufempfehlung. Glücklicherweise ist dies keine Rezension, sondern eher eine Impression. Ich würde euch aber keinesfalls schief ansehen, solltet ihr euch das Buch zulegen. Falls euch das weiterhilft.

05.07.2017

Sei doch kein Muselmann

Ich stelle mir vor, dass es derzeit nicht leicht ist, Türke oder Türkin zu sein. Das kommt daher:

Erdoganistan

In der Türkei wird demonstriert. Gegen Erdogan. Der Tagesspiegel berichtet davon. Die Lage scheint bedrückend.
Nach dem Putschversuch sind sogar Menschen verhaftet worden, die ihr Bankkonto bei einer nicht genehmen Bank besaßen. Oftmals ist der konkrete Schuldvorwurf nicht einzusehen. Wer aber ein Familienmitglied besitzt, welches sich in Haft befindet, fällt in bestimmten Regionen unter eine Art Sippenhaft: man wird gemieden und zurückgewiesen. Das nur in aller Kürze gesagt.
Und um noch einmal deutlich zu machen, dass ein Erdogan gerade dabei ist, die gesamte Rechtsstaatlichkeit in der Türkei auszuhebeln, sofern ihm dies noch nicht gelungen ist. Ein solcher Mensch gehört nicht nach Deutschland.
Für die Türkinnen und Türken wünsche ich mir, dass sie diesen Prozess rückgängig machen können.

Man kann auch geistig falsch parken

In Bruckhausen, einem Stadtteil von Duisburg, ist am Sonntag ein Polizeieinsatz eskaliert. Auslöser war ein falsch abgestelltes Fahrzeug.
Auf dem Video, welches ein Passant aufgenommen hat, ist zu sehen, wie ein schon eher älterer Herr mit Polizisten debattiert, und schließlich ein Gerät in ein Haus transportieren möchte. Vorher hat er den Polizisten seinen Ausweis gegeben und zu ihnen gesagt, sie könnten doch mitkommen. Offensichtlich war der Mann in Eile. Unfreundlich war er jedenfalls nicht, nur leicht genervt.
Wie dann der Polizist dazu gekommen ist, den Mann von hinten zu packen und in den Schwitzkasten zu nehmen, ist nicht ganz deutlich zu sehen. Es erscheint angesichts dessen, dass er seinen Pass bereits bei der Polizei abgegeben hat, als nicht sonderlich angemessen.
Bedenkt man nun noch, dass dies der erste Tag des Zuckerfestes war, der Betreffende wahrscheinlich Muslim und, wie sich vermuten lässt, in irgendeiner Weise mit einer Gerätschaft unterwegs, die für dieses Fest wichtig ist, wird das unfreundliche Verhalten der Polizisten komplett unverständlich. Man denke sich nur, ein deutscher Mann hätte einen Ofen für die Weihnachtsgans ins Haus transportieren wollen, dafür seinen Wagen wegen des schweren Geräts kurz im Halteverbot geparkt, und wäre deswegen zunächst aufgehalten und kontrolliert, schließlich überwältigt und verhaftet worden.

Muslimische Feste

Nein, ich bin keineswegs dafür, dass ein muslimischer Feiertag in Deutschland eingeführt wird. Ich bin nun überhaupt kein strenger Christ, und wahrscheinlich trifft die Bezeichnung Christ sogar gar nicht auf mich zu. Diese Feiertage gehören für mich einfach zu einer Tradition, die keinen anderen Sinn hat als den der Gewohnheit und gelegentlich auch des Glaubens halber das Jahr in Deutschland zu strukturieren. Meinetwegen könnte aber der eine oder andere Feiertag durchaus wegfallen, zumindest in der Schule. Da gibt es eben schon zu viele Tage, die ausfallen. Jeder Gläubige einer anderen Religion hat aber das Recht, sich an diesen Tagen, an denen für seine Religion ein hoher Feiertag ist, beim Arbeitgeber frei zu nehmen. Und da auch manche gläubigen Christen am Sonntag arbeiten, einfach, weil ihr Beruf das erfordert, sehe ich nicht das große Problem, dass durch einen fehlenden muslimischen Feiertag für die gesamte Republik den muslimischen Mitbürgern ein wesentlicher Schaden zugefügt wird.
In Berlin feiert man zum Beispiel nicht unbedingt datumsgerecht das Fest der Farben, ein hinduistisches Fest, aber nicht, weil es so viele Hindus in Berlin gäbe, sondern einfach, weil es in den letzten Jahren Berlin populär geworden ist. Ob das so richtig ist, dazu darf man dann einfach auch mal keine Meinung haben.

Kultursensibler werden

Ich mag den Rechtspopulisten ja nun nicht das Wort reden. Aber was ich mit dem Wort „kultursensibler“ anfangen soll, weiß ich auch nicht so recht. Geäußert hat dieses Wort Ercan Idik, Sprecher der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt. Dies war eine Reaktion auf die Vorfälle in Bruckhausen.
Ist diese Aussage gerechtfertigt?
Nun, zunächst kann man von den üblichen Verdächtigen im Internet das übliche Geschrei hören: es ginge hier um eine Bevorzugung der Muslime, und damit um die übliche, also die vermeintlich übliche Zurücksetzung der „Biodeutschen“ (übrigens ein voll geiles Wort; und eine andere Charakterisierung als durch den Jugendjargon fällt mir dazu dann auch nicht mehr ein).
Tatsächlich aber ist dieses kleine Adjektiv nicht nur nicht bevorzugend, sondern eigentlich sogar benachteiligend, wenn nicht gar rassistisch. Denn es impliziert in diesem Fall, dass der betreffende türkische Mann nur dann mit einem gewissen Augenmaß behandelt hätte werden können, wenn man ihn als Türken anerkennt. Doch genau darum geht es in der Szene gar nicht. Der anfängliche Kooperationsbereitschaft hätte man, so lässt sich jedenfalls vermuten, durch eine kurze Frist und einen Verweis auf einen Bußgeldbescheid, wesentlich menschlicher begegnen können. Und da es sich um ein Delikt mit einem Auto gehandelt hat, einem geringfügigen übrigens, hätte man mit dem Aufschreiben des Nummernschildes eine direkte Konfrontation vermieden. So ist es auch, wenn ich mich nicht irre, in den meisten Teilen Deutschlands üblich.
Warum also muss man hier eine besondere Rücksicht auf die Kultur fordern, wenn einfach ein gewisses Verständnis für die menschliche Bequemlichkeit, vielleicht auch nur für die menschliche Schwäche gereicht hätte?
Nach meinem derzeitigen Eindruck stimme ich zwar mit Idik in den Punkten überein, dass das Verhalten der Polizei übertrieben, wenn nicht gar unklug oder sogar falsch gewesen ist; und in gewisser Weise müssen wir uns natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen, welche Sündenböcke wir uns konstruieren. Man muss schon blind und taub sein, um die rassistischen und faschistischen Tendenzen zu überhören, mit denen Menschen mit Migrationshintergrund begegnet wird. Wo aber ein allgemeiner Respekt vor der Menschlichkeit und auch den grundlegenden Rechten reicht, muss man eben nicht mit einer gesonderten Kultur argumentieren.
Genau das aber scheint Idik zu fordern: eine Sonderbehandlung, wo eine Gleichbehandlung hätte gefordert werden müssen und zu fordern genügt hätte.

Ergrimmte Winde brechen los

Solches findet sich in einer Fabel, die Heinrich von Kleist dem Lafontaine nachgedichtet. Und dort steht weiters:
der Tauber
Kreucht untern ersten Strauch, der sich ihm beut.
Und während er, von stiller Oed' umrauscht,
Die Flut von den durchweichten Federn schüttelt,
Die strömende, und seufzend um sich blickt,
Denkt er, nach Wandrerart, sich zu zerstreun,
Des blonden Täubchens heim, das er verließ ...
Nur mal so, als symbolischer Kommentar.

04.07.2017

Wider den Terrorismus

Was von diesem Buch zu halten ist, kann ich in einer Rezension schlecht beantworten. Wer mich länger kennt, weiß, dass ich mit Büchern eher arbeite (was auch immer das dann konkret heißt), als dass ich sie "bewerte". Mithin haben meine Kommentare einen Hang zu wuchern und nach und nach das Buch zu überwuchern. Das aber nur nebenbei und gleichsam als Warnung vorneweg.
Konkreter gesagt beschäftigt mich die Verbindung zwischen Terror und Medien. Denn über die Medien vollzieht sich eine Trennung, die, wenn sie nicht beachtet wird, zu einem unpragmatischen und unpolitischen Verhältnis zwischen Tätern, Opfern und (medialer) Öffentlichkeit führt. Gerade aber diese Entpragmatisierung erweist sich als politisches Instrument einer Radikalisierung.
Nebenbei taucht ein anderes Reizwort auf, welches ihr eher aus meinen Schriften zum kreativen Schreiben kennen dürftet: die Psychologisierung. Insofern politische Darstellungen immer auch Narrationen sind, oder zumindest Aspekte einer Erzählung bedienen, ist das gute erzählerische Handwerk auch auf die politische Analyse übertragbar.

Wider den Terrorismus

Beginnen wir mit einigen Formalitäten und dem Rahmen, in dem diese Schrift zu verorten ist.
Arno Grün erklärt, so ist dem Klappentext zu entnehmen, die psychologischen Ursachen des Terrors. Er gewährt, so kann man vermuten, einen Einblick in die Seele von Terroristen. Dies vollbringt er, zieht man Einleitung, Danksagung und Literaturverzeichnis ab, auf siebzig Seiten. Der theoretische Hintergrund Grüns ist die Psychoanalyse.

Leere und Erlösung

Epiphanien

In einem ersten Umriss skizziert Grün das Auftauchen des terroristischen Aktes als plötzlich, als ein schreckhaftes In-Erscheinung-Treten, als eine Epiphanie des Bösen. Dieser Einstieg ist deshalb so wichtig, weil er (mich zumindest) an jenen Tag zurückerinnert, als die Terroranschläge auf die Twin Towers den alltäglichen Trott komplett aushebelten. Er setzt zwei Akzente, die im Folgenden missachtet werden: die Punktualität der Tat; die Unterbrechung der Alltagskommunikation. - Ich komme später darauf zurück.

Vorstellungsmassen

Gleich darauf folgt eine wichtige Beobachtung:
Dramatisch ist jedoch, dass die Terroranschläge in New York, Washington, Boston, Madrid, London und Paris schlagartig die Hemmschwelle für Gewalt gesenkt haben. Jetzt ist alles möglich. […] Erschreckend ist vor allem, dass die Selbstinszenierung der Gewalt ein so gigantisches Ausmaß angenommen hat.
S. 16
Streichen wir das Selbst aus der Selbstinszenierung, wird daraus ein brauchbarer Satz. Die Social Media ermöglichen eine Bilderflut, die den Riss sofort mit einem Geflecht aus Impressionen schließt. Dies allerdings ist nicht dem Terrorismus selbst anzulasten; die technische Revolution wirkt auf diesen zurück und verleiht ihm sein neuzeitliches Aussehen. "Soziales" Medium und asoziale Tat verschmelzen zu einem unheiligen Spektakel.

Faktischer Schein

Ebendies bezeichnet, als ob er dies 1967 vorausgeahnt hätte, Guy Debord als Spektakel:
Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins faktisch erwirkt hat.
Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 17
Der faktische Schein ist ein Oxymoron, ein "scharfer Widerspruch", wie etwa auch hübschhässlich oder Einsamkeitsgesellschaft. Debord bietet uns unter einem anderen Begriff eine Theorie der postfaktischen Gesellschaft an. - Halten wir bei dieser einen Moment inne, da uns auch Grün auf eine solche Theorie verweist, freilich nicht aber auf die von Debord.

Politisches Spektakel

Schon Walter Benjamin
so schreibt Grün
wies darauf hin, dass Hitler sich und seinen Größenwahn dem deutschen Volk als Theaterspektakel verkaufte. Benjamin erkannte, dass der Faschismus die Ideologie nur benutzte, tatsächlich aber keine Ideologie war.
S. 16
Und Debord:
Die revolutionäre Ideologie, d. h. die Kohärenz des Getrennten, deren größte voluntaristische Anstrengung der Leninismus ist, hat die Verwaltung einer sie zurückweisenden Realität inne und gelangt mit dem Stalinismus wieder zu ihrer Wahrheit in der Inkohärenz. In diesem Augenblick ist die Ideologie keine Waffe mehr, sondern ein Zweck. Die nunmehr widerspruchslose Lüge wird zum Wahnsinn.
S. 90
Was Grün mit Benjamin über Hitler sagt, ist zumindest mit Debords Urteil über den Leninismus/Stalinismus gleichartig, als sich hier ein Riss zwischen dem ideologischen Spektakel und dem Voluntarismus der inszenierenden Klasse auftut.

Leere Hinterbühnen

Die Ideologie ist also nur Theater. Dahinter, wenn man die Bühne über den Ausgang der Schauspieler verlässt, trifft man auf ein ganz anderes Klientel: nicht mehr den "kommunistischen" Soldaten der Roten Armee, nicht den "nationalsozialistischen" der Wehrmacht, nicht den "islamistischen" Selbstmordattentäter und auch nicht den AfD-Pöbler; dahinter ist nur, wie Debord behauptet, die Tautologie der Inszenierung: "seine [die des Spektakels] Mittel [sind] zugleich sein Zweck" (S. 17).
Grün sieht eine ähnliche Tendenz, in der die ideologisierten Bilder vor allem die Menschen gefügig machen sollen:
Vielmehr ging es [Hitler, d. i. der Nationalsozialismus] darum, dem Volk durch eine Inszenierung von Posen, die Herrschaft oder Pflicht und Gehorsam ausdrückten, eine Identität zu geben. Menschen, die über keine wirkliche Identität verfügen, brauchen das politische Spektakel, um sich vollständig und intakt zu fühlen. Den eigentlichen Kern jeglichen Terrorismus bildet die Pose eines Herrenvolkes.
S. 16

Ein total besiegtes Volk

Ab hier trennen sich die Wege der beiden Herren auch wieder. Wo Debord in einem komplexen, scharfzüngigen Gedankengang die Einheit in der Spaltung des ideologischen Spektakels und der tautologischen Herrschaft ausführt, kehrt Grün zu seiner eigentlichen Profession zurück, der Psychoanalyse. Er schreibt:
Wenn ein solches Fundament [einer Identität durch Mitgefühl] fehlt, entsteht eine Identifikationsstruktur, die nur auf Identifikation mit Autoritäten und auf Gehorsam beruht und die Entwicklung einer wirklich eigenen Identität verhindert. […] Die Leere, die solche Menschen empfinden, macht sie mehr als andere empfänglich für die Inszenierung von Spektakeln, weil diese ihnen das Gefühl geben, mit Stärke und Macht vereint zu sein.
S. 16f.
Diese Passage hat mich nun nicht an die islamistischen Terroristen erinnert, von denen ich herzlich wenig weiß, aber an den Ausspruch von Höcke, die Deutsche hätten eine "Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes" (in der Dresdner Rede Januar 2017). Vielleicht hat Höcke hier, wenn schon keine politische Wahrheit über die Deutschen, so doch zumindest eine psychologische über sich und seine Gefolgsleute formuliert; besiegt durch die eigene, pathologische "Identitätsstruktur".

Du Opfer!

Die Leser mögen mir verzeihen, wenn ich jetzt schneller durch das Buch hindurchgehe und nur einen weiteren, wichtigen Gedanken erwähne.
Zu den Terroristen schreibt Grün:
Solche Menschen stehen häufig nicht unter dem Druck materieller Not. Ihr Druck kommt woanders her: Sie fühlen sich als Opfer - was sie ja auch sind; sie erkennen jedoch nicht ihr inneres Opfer, sondern glauben, es in dem Fremden außerhalb ihrer selbst zu finden, um dann diesen und sich selbst zu töten.
S. 25
Wenn man sich diesen Satz genauer durchliest, wird man erkennen, dass er recht wirr geschrieben ist. Zunächst drückt er einen der grundlegenden Abwehrmechanismen der Psychoanalyse aus: die Projektion; "nicht ich bin der Böswillige, sondern du", "nicht ich habe das Opfer zu sein, sondern du". Doch Grün verkennt die wesentlich komplexere Strategie: "bevor ich zum Opfer deiner Idiotien werde, wirst du zum Opfer meiner". Mit anderen Worten ist der Terrorist nicht paranoid (dies behauptet Grün bei einer oberflächlichen Lektüre), sondern hysterisch (wenn man den Satz tiefergehend liest).

Die Privatisierung des Terrors

Fernanalyse

Was bringt uns nun dieses Buch?
Merkwürdigerweise wenig zum Thema Terror, und schon gar nichts zum Thema islamistischer Terror. Liest man es auf diesen hin und was man selbst damit zu tun hat, so hinterlässt es den ekligen Geschmack der Hilflosigkeit. Was sollte man denn auch schon tun können, wenn was weiß ich wo ein Kind unter solchen Bedingungen aufwächst, dass ihm nicht genügend Respekt und Aufmerksamkeit entgegengebracht wird? Und was hilft uns das, wenn dann tatsächlich ein Terroranschlag geschehen ist? Muss ich in einem solchen Fall an das misshandelte Kind im Terroristen denken? Nein, das muss ich nicht.
Die Psychoanalyse ist, wie Lacan dies sehr richtig formuliert hat, eine Unterstellungswissenschaft. Da für Lacan Kommunikation nur durch Unterstellung funktioniert - dem anderen wird ein Wissen unterstellt, welches man selbst nicht hat -, ist die Psychoanalyse nicht nur die Lehre von der Unterstellung selbst, sondern von den Techniken der richtigen, also hilfreichen Unterstellung.
Halten wir uns an diesem Gedanken fest, dann funktioniert Psychoanalyse nur in Interaktion, nicht über die Ferne hinweg. Denn das Wesentliche der Unterstellung ist, dass sie bei dem Menschen wirkt, dem man etwas unterstellt (was auch immer das sein mag). In der Fernanalyse ist eine solche Wirkung zwar auch gegeben, lässt aber keinen (heilsamen) Dialog zu.

Unpragmatisch

Tatsächlich bekommt man beim Lesen des Buches den Eindruck, dass mit der (vermeintlichen) Analyse des Seelenzustandes alles gesagt sei. Man habe nun die Terroristen "begriffen" und "beherrsche" sie jetzt. Aber eine solche Haltung ist nicht nur arrogant, sondern auch zynisch. Arrogant ist eine solche Haltung, weil sie jedes pragmatische Verhältnis zu dem Terroristen, vor allem aber zu seinen Opfern, ausschließt. Richtig ist natürlich, dass man vom Zustand eines Selbstmord-Attentäters sagen kann: Gesund ist das nicht! Aber klein- und wegintellektualisieren kann man dies weder mit einer psychoanalytischen noch mit einer anderswie gearteten Analyse.
Zynisch ist eine solche Haltung gegenüber den Opfern. Natürlich ist eine simple Einteilung in Täter und Opfer, wie sie von Konservativen gerne vorgenommen wird, heillos naiv; trotzdem kann bei einer akuten Bedrohung auf Befindlichkeiten eines Täters keine Rücksicht genommen werden. Als Opfer verdient er unser Mitgefühl, zweifellos, aber nicht als Täter. Auch einem Opfer muss man die Konsequenzen seiner Taten zumuten dürfen.

Unpolitisch

Jenseits der ethischen Haltung existiert eine politische Dimension, die Grün ebenfalls missachtet. Man könnte gar, in Umkehrung von Žižeks Buch, von einer ethischen Suspension des Politischen sprechen. Zum Politischen gehören vor allem die Institutionalisierungen von Aspekten des menschlichen Zusammenlebens. So ist die Schule, obwohl sie einen ganz anderen Auftrag hat, durch und durch politisch. Allerdings darf man nicht den Fehler begehen, von einer generalisierten Politisierung auszugehen, oder gar davon, dass die Schule alleine durch Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft determiniert wird.
Ein anderer Aspekt dieser (durchaus heimlichen) Politisierung findet sich in der (Re-) Inszenierung imaginärer und ikonischer Topoi. Die Rechtspopulisten / Faschisten besetzen die Social Media weniger wegen ihrer Aussagen als wegen der Bilder, die sie dort leichtfertig verbreiten können. Auch wenn diese Bilder zunächst wenig aussagekräftig sind, machen sie aus Polizeifahrzeugen, Rettungskräften und meist recht undeutlichen Aufnahmen von Verhaftungen nicht-identifizierbarer Personen einen Topos; geschieht dies zusammen mit Reizwörtern, findet eine systematische Assoziation zwischen Reizwörtern und Bildern und damit eine (Re-)Emotionalisierung statt. Widersteht man dem nicht, wird auf Dauer der Ersteindruck eines ausschließlich islamistischen Terrors verstärkt und damit die Blindheit gegenüber allen möglichen anderen Facetten der Politik und des Terrors.
Diesen Aspekt missachtet Grün. Kein Mensch ist so gesund, dass seine Identität nicht irgendwann gebrochen werden könnte. Und so ist auch das Bombardement mit ständigen Gefährdungslagen und die komplette Einseitigkeit, mit der Rechtspopulisten berichten, weniger eine Warnung vor dem Islamismus, als eine schleichende Auflösung einer gefestigten Individualität. Mehr und mehr werden die Menschen, die solche Bilder konsumieren, in einen permanenten Zustand der Selbstverteidigung gedrängt. Gegen wen man sich dann zu verteidigen hat, liefern die Bilder gleich mit.

Realer und halluzinierter Islamismus

Eine längere Zwischenbemerkung sei mir gestattet. Keinesfalls möchte ich die Gefahren des Islamismus kleinreden. Es gibt diesen Terror; er hat sich nicht nur in den großen Terrororganisationen und in den Köpfen mehr oder weniger irrsinniger Einzeltäter festgesetzt, sondern dürfte insgesamt auch ein Problem in und mit der muslimischen Welt sein. Selbstverständlich ist er damit auch ein kulturelles Phänomen. Allerdings darf man hier nicht vergessen, dass ein soziales, bzw. auch politisches Problem von einzelnen Menschen sehr unterschiedlich übernommen und nicht übernommen wird. Als kulturelles Phänomen ist der Islamismus in Bezug auf Individuen zu wenig aussagekräftig.
Wenn man den Vergleich zum Nationalsozialismus zieht, so haben sich in der Nachkriegszeit sehr unterschiedliche Spielarten der Verleugnung und Verdrängung, der Erinnerung und Aufarbeitung, der Bejubelung und des Widerstands gezeigt. Als kulturelles Phänomen insistiert natürlich der islamistische Terror, sei es bei Muslimen, sei es bei Nicht-Muslimen. Aber er determiniert sie nicht, nicht notwendigerweise.
Deshalb ist ein wesentliches Problem der Rechtspopulisten, dass sie den Islamismus psychologisieren und damit gleichsam privatisieren.

Idealisierte Identität

In diese Auffassung, die die Kultur als eine Art abstrakt generalisierte Psychologie erfasst, wirkt ein moderner Topos hinein, den wir der Aufklärung verdanken: den des heroischen (Selbst-) Managements und der damit verbundenen idealisierten Identität.
Der Mensch allerdings ist wesentlich durch die Dialoge geprägt, die er führt, und durch die Arbeit, die er in seiner Umwelt verrichtet. Da kein Mensch jemals alle Dialoge geführt hat, die er führen könnte, und da kein Mensch jemals alle Arbeiten verrichtet hat, die er hätte verrichten können, ist diese Identität eine offene und pragmatische; deshalb ist die Idee einer gesunden und ganzheitlichen Identität irreführend:
Der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb solche Menschen als krank und unreif, da ihre Identifikation mit strafenden Autoritäten die Selbstentdeckung, also eine eigene Identität, verhindert. Es gibt keine Selbstbestimmung, sondern nur eine Vermassungstendenz, die sich gegen Individualität richtet. Es fehlt ihnen an Ganzheitlichkeit.
S. 17
Eine solche Auffassung trägt selbst eine gewisse Paranoia in sich, auch wenn diese in ein stark rationales und empathisches Gewand gekleidet ist. Die Gewalt wird pathologisiert; doch das erste Problem dieser Pathologisierung ist nicht, welches Ergebnis aus dieser Behauptung hervorgeht, sondern in welcher Art und Weise Methoden legitimiert werden.
Ähnlich den Strategien der Rechtspopulisten wird ein soziales Phänomen psychologisiert, und aus der Handlung nur ein Objekt herausdestilliert, in diesem Fall eben das Subjekt als eine objektivierte Seele. Dagegen steckt hinter der Idee, dass die Methode das Wesentliche ist, die Auffassung, dass der Mensch sich durch sein Handeln seine Umgebung erschafft, also eben auch durch die Methoden, die er anwendet. Die Frage ist dann nicht, ob das Produkt oder das Handeln ethisch legitim ist, sondern ob diese Art und Weise der Trennung von Subjekt und Objekten in der Handlung ethisch gerechtfertigt werden kann.
Aber was heißt das?

Die Zumutung von Individualität

Zunächst ist ein weiterer Hinweis nötig, ein zunächst recht grammatischer. Ganz zuletzt habe ich von einer Trennung von Subjekt und Objekten in der Handlung geschrieben, und nicht, wie dies gewisse Hegelianer traditionell tun, von einer Trennung von Subjekt und Objekt (also als Einzahl). Die Vervielfältigung der Objekte beruht auf der schlichten Überzeugung, dass die grammatische Struktur eines Satzes eine hinreichend gute, wenn auch nicht vollständige Parallelität zur Handlung besitzt. Und da wir in einem Satz oftmals mehrere Objekte finden, (re-)konstruiert eine Handlung immer auch mehrere Objekte. Backe ich einen Kuchen, so ist nicht nur der Kuchen ein Objekt, sondern auch das Mehl, die Butter, die Backform, der Ofen, die Küche, aber auch der Mensch, den ich diesen Kuchen zu schenken gedenke, und die Menschen, von denen ich glaube, dass sie ihn essen werden.
So erschafft sich der Mensch durch sein Handeln in einer vielfältigen, lebendigen und komplexen Umgebung. Und in gewisser Weise ist dabei das Ziel, einen Menschen zu erfreuen, nur ein Mittel dazu, sich auf dem Weg dorthin selbst in seiner Umwelt zu erschaffen, in einem offenen Prozess weiterer, daran anschließender Ziele.

Lokalisierte Ideologie

Aber was hat das alles mit einem Terroristen zu tun? Zunächst wenig. Denn der erste Weg, den wir zu gehen haben, ist nicht der, aus einem Terroristen wieder ein Objekt zu machen, sondern zu reflektieren, wie wir uns selbst als Subjekte und Objekte in der Welt verhalten.
Eine andere Folgerung ist die, dass ein Zusammenhang zwischen einem einzelnen Terroristen und dem Islamischen Staat oder gar sämtlichen Muslimen rigoros geleugnet werden muss. Diese Leugnung ist deshalb gerechtfertigt, weil jeder Mensch, der glaubt, ein Verhältnis zu einer Unzahl von anderen Menschen zu haben, lediglich einem Bild aufsitzt. So wenig, wie es im Deutschen eine Leitkultur gibt, so wenig gibt es in der islamischen Welt eine Leitkultur.
Gleichwohl gibt es natürlich Verbindungen. Nicht jeder Terrorist ist ein einsamer Wahnsinniger; und eine Radikalisierung findet häufig in kleinen Gruppen statt. Doch genau hier muss man sowohl den Islamisten als auch den muslimfeindlichen Faschisten die Individualität dieser Beziehungen zumuten. Kein Islamist handelt für die gesamte Gemeinschaft der Muslime, ebenso wie kein Deutschnationaler für sämtliche Deutsche handelt. Jede Ideologie und jede despotische Gesinnung ist zuallererst eines: lokal und marginal, konkret und begrenzt.

Vorstellungsmassen

Wer mich nun eines gewissen Widerspruchs schuldig findet, darf sich getrost zurücklehnen. Er stößt bei mir offene Türen auf. Denn oben habe ich gesagt, dass der radikale Islam durchaus ein kulturelles Phänomen ist, und hier wiederum scheine ich das Gegenteil zu sagen, nämlich dass er der individuellen Verantwortung unterliegt.
Die Lösung dieses Gegensatzes findet sich in den Bildern, die sozial verbreitet aber individuell konsumiert werden. Deshalb muss man natürlich in gewisser Weise Grün zustimmen, die Terroranschläge der letzten Jahre mit der sinkenden Hemmschwelle in Verbindung zu bringen.
Vergessen wird hier aber nicht ein wichtiges Bindeglied: diese Terroranschläge kommen als Bilder zu uns, und wir verhalten uns nicht zu den Terroranschlägen, sondern zu ihrer medialen Vermittlung. Und natürlich lebt der radikalisierte Islamismus von ebensolchen Bildern. Wir kennen sie: den stilisierten amerikanischen Feind, den missgestalteten und hämischen Juden, die obszöne, da blanke Haut zeigende Frau. All dies sind Vektoren, die einen sozialen Missstand auf ein präsentierbares Bild umfälschen und damit individuelle Handlungen aufdrängen.
Letzten Endes aber sind es solche Bilder, die eben jenes Bindeglied schaffen. Und auch wenn in gewissen Fällen der Schutz unschuldiger Menschen vordringlicher ist als das Verständnis für Radikale, so muss doch ein wesentliches Ziel die Destruktion all jener Vorstellungsmassen sein, die radikales oder gar terroristisches Handeln befördern.

Die Rückeroberung der Bilder

Vom politischen Standpunkt aus gilt es, sich die vielfältigen Bilderwelten zurückzuerobern. Wir müssen uns und anderen Menschen deutlich machen, dass alle Bilder, und ihre Verbreitung, von Menschen ermöglicht werden. Dies ist die oder zumindest eine der politischen Dimensionen gegen die Radikalisierung. Sigrid Weigel legt in ihrem Buch Grammatologie der Bilder einen ähnlichen Gedanken nahe:
Wo man meinte, dass die Reproduzierbarkeit von Bildern zu deren vollständiger Säkularisierung – oder Entzauberung – geführt habe, brechen aus den Nachrichtenbildern die religiöse Gewalt vergangener Bildwelten und der Kultwert von Bildern wieder hervor, die der Geschichte der Religions- und Bilderkriege entstammen.
S. 292
Dabei gilt die Verwunderung sowohl „archaisch anmutende[n] Bildpraktiken“, als auch der „Synthese von avanciertestem Mediengebrauch und religiös-fundamentalistischer Rhetorik in den Verlautbarungen der al-Qaida“. Und man könnte hier parallel zu der „an schwarze Magie erinnernde[n] Verbrennung von Flaggen und Puppen“ die brennenden Polizeiautos am Rande linksradikaler Krawalle oder die von Neonazis vor Moscheen aufgesteckten Schweineköpfe, die sich als strafende Dämonen inszenierenden islamistischen Mörder westlicher Journalisten oder die sich in ihrer väterlich-familiären Generosität einem milden und doch rachsüchtigen Gott angleichenden Rechtspopulisten (zumindest einiger Rechtspopulisten) hinzufügen.
Gäbe es also eine Strategie, die aus dieser Argumentation folgt, dann jene, mit Bildern anders und anderes darzustellen, als all die Wiederholungen immer gleicher Ausschnitte. Wir müssten den Bildern des Terrors und der Demütigung, der Folter und des Besserwissens ihren Kultcharakter nehmen. Wir müssten dem Europa eines zentralisierten Brüssels und einer wenig zu fassenden Verwaltung ein Europa der Begegnungen und Freundschaften entgegensetzen, einem Europa der Ideologien und Nationalismen ein Europa der Alltäglichkeiten und des Handwerks, einer globalisierten Bilderflut eine lokale Produktivität.

Schluss: Wider das Verstehen

Nicht Verständnis, und schon gar nicht Akzeptanz kann also die Grundlage für einen erfolgreichen Kampf gegen terroristische Ideologien sein, sondern das Bewusstsein, dass Verständnis und Akzeptanz aus der konkreten und sinnlichen Handlung entspringen. Und dass wir, wenn wir schon nicht die Terrorursachen anderswo sofort bekämpfen können, uns nicht selbst in den Terror hinein ideologisieren müssen.
So bleibt das Buch von Grün trotz vieler bedenkenswerter Aussagen ein schwaches Buch. Wer Ohren hat zu hören, der lese diese Kritik in seiner tieferen Bedeutung: denn die Schwäche eines Buches kann natürlich zu einem gründlichen Widerspruch provozieren, und so gerade zu einer Stärke werden. Es drängt den Leser, die Grenzlinien der Begriffe neu und auf jeden Fall anders als mit dieser Spielart der Psychoanalyse zu begreifen.
Richtig ist nämlich, sich aus den Verstrickungen zu befreien, die uns der Terror aufdrängt; falsch aber ist es, die Wege der Vermittlung und ihre je eigene Ideologie außer Acht zu lassen. Terror entsteht nur mit Strukturen um ihn herum, die ihn aufrecht erhalten, und die, wenn man sie isoliert, nur wenig oder gar nicht an Terrorismus erinnern. Nicht zuletzt ist Aufklärung die Darstellung sämtlicher Bildwelten in Bezug auf einen Sachverhalt, und nicht nur die ausgewählter. Und hier kann Grün nichts Nennenswertes sagen: zu abstrakt, zu unpragmatisch, zu unpolitisch ist sein Buch.
Gegen den Terrorismus zählt deshalb zu einem jener Bücher, die ich zugleich gerne und mit einem gewissen Ekel gelesen habe.

01.07.2017

Stippvisiten ins Land der Elitenbildung

Dass ich seit einiger Zeit intensiv Java lerne, dürfte den meisten von euch zwar neu sein, aber auch nicht verwundern. Ich hatte mich schon früher an dieser Computersprache ausprobiert. Im Moment allerdings schaffe ich kaum etwas anderes. Trotzdem: hier ein kleiner Überblick über das, was mich derzeit bewegt, rechtspopulistischer Humor und Eliten, also, wie gehabt, Paradoxien und Tautologien.

Bundestagswahl

Vor der letzten Bundestagswahl wollte ich unbedingt die Themen aus dem Parteiprogrammen, die mir am Herzen liegen, genauer beleuchten. Aber das war 2013; und es war ein Jahr, das mir vieles ziemlich durcheinandergebracht hat - ich räume heute noch die Scherben weg. Wie auch immer: das Vorhaben ist liegen geblieben. Etwas fleißiger war ich diesmal, doch noch muss ich mich zurückhalten. Das Wahlprogramm der CDU erscheint nämlich erst am nächsten Montag. Das mag für den einen oder anderen nicht so wichtig sein. Doch bei all den Halbwahrheiten, die spätestens beim dritten Zitieren vollständig zu „alternativen Fakten“ werden, halte ich das Anstreben von einer gewissen Vollständigkeit für sinnvoll.

Nicht witzig

Frau von Storch versucht sich gerne in Kalauern. Das meiste, was sie allerdings von sich gibt, finde ich so doof, dass ich mich schäme, darüber zu schreiben. Wie auch sollte man erklären, warum die Lächerlichkeit eben lächerlich ist? Letztens habe ich es dann doch versucht. Mit Sicherheit wird dies aber nicht einer meiner besten Texte sein. Zu offensichtlich ist das Falsche und Schiefe ihrer Meinung.
Besonders altklug kommt sie auch mit ihrem tweet zur „Homo-Ehe“ daher: „Frage an den Rechtsausschuss: Geht eingetragene Lebenspartnerschaft auch heterosexuell?“ Aber was soll man dazu sagen? Die eingetragene Lebenspartnerschaft unterscheidet sich sowieso nur noch in wenigen Punkten von der vertraglichen Ehe. Und in einem wichtigen Aspekt, dem der Adoption, wird von sehr vielen homosexuellen Pädagogen bewiesen, dass sie gute Pädagogen sein können. Darauf kommt es schließlich an. Dass heterosexuelle Eltern nicht unbedingt die erste Wahl sein müssen, das sieht man als Verhaltensgestörtenpädagoge des Öfteren.
Meine Meinung dazu kennt ihr: die Ehe ist ein Vertrag zwischen Individuen. Darin hat sich der Staat so wenig wie möglich einzumischen. Insofern begrüße ich die vollständige Gleichstellung. Und appelliere trotzdem an die Kirchen, hier anders zu argumentieren: der liberale Rechtspositivismus ist eben kein Glaube. Selbst wenn im Endeffekt auch in einer Kirche die homosexuelle Ehe als gleichberechtigt anerkannt wird, sollte dies aufgrund anderer Argumentationen geschehen.

Armutsbericht

Man kann sich Bundestagssitzungen als Video anschauen. Überall auf der Welt. #Neuland macht es möglich. Die Debatte vom Mittwoch zum Armuts- und Reichtumsbericht habe ich mir noch nicht angesehen. Es muss hoch hergegangen sein. Nur auf den ersten Blick mag es seltsam erscheinen, dass zwar die deutsche Wirtschaft so gesund wie seit langer Zeit nicht mehr ist, aber die Zahl der Menschen, die um die 12.000 € im Jahr verdienen, gestiegen ist. 12.000 €, d. h. 60 % von dem Einkommen, welches als Medianeinkommen bezeichnet wird.
Beim Medianeinkommen werden alle Gehälter der Reihenfolge nach geordnet. Jeder Verdienende bekommt dabei das gleiche Gewicht. Das Gehalt, welches auf der Hälfte der Strecke vom niedrigsten Einkommen bis zum höchsten Einkommen liegt, gilt als Medianeinkommen. Es handelt sich nicht um das durchschnittliche Einkommen. Das dürfte durch Spitzenverdiener höher liegen. Das Medianeinkommen verweist indirekt auf die Schere zwischen Armen und Reichen: es bleibt nämlich gleich, wenn mehr Menschen arm und zugleich mehr Menschen reich werden. Und zugleich verweist es nicht auf diese Schere, denn es gaukelt so etwas wie einen Durchschnitt vor. Dazu aber gleich noch ein wenig mehr.
Jedenfalls waren einige Leserkommentare in der taz dazu wunderbar. Hier einige davon.

Beinbruch

Ein Leser stört sich an dem Begriff „armutsgefährdet“. Wer nämlich Hartz IV empfängt, ist keineswegs mehr von Armut gefährdet, sondern schlichtweg arm. Und uzt dazu:
Im Krankenhaus käme ja auch niemand auf die Idee, einem Patienten mit offenem Beinbruch zu bescheinigen, er sei beinbruchgefährdet.

Randphänomen

Armut sei in Deutschland, so Kai Whittaker (CDU), eigentlich ein Randphänomen. Schließlich seien die Löhne stark gestiegen und die (wirtschaftliche) Ungleichheit gesunken. Das ist ein seltsamer, wenn nicht gar befremdender Spruch. Allerdings hat sich dann Martin Rosemann (SPD) mit seiner Kritik daran selbst ein Bein gestellt: er mahnte nämlich an, sich nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Aber auf welchen Lorbeeren? Immer noch gibt es ein Heer von Mindestlohnempfängern und Aufstockern, immerhin doch jeder sechste Arbeitnehmer (von Kindern und Rentnern nicht zu reden). Und ob mit oder ohne Hartz IV: von Lorbeeren sehe und rieche ich weit und breit so rein gar nichts.
Ein anderer Leser rechnete vor, was ein ehemaliger VW-Manager eigentlich verdient, wenn er 14 Millionen Jahresgehalt voll versteuert verdient: 799 € pro Stunde, und zwar jede Stunde des Jahres, egal ob er schläft, Golf spielt, mit seinen Kindern Hausaufgaben macht, oder eben arbeitet. Dem stehen die 409 € gegenüber, die ein Hartz IV-Empfänger im Monat bekommt. Von einem solchen Manager-Gehalt könnte man also 1400 Hartz IV-Empfänger versorgen. Nun geht die Rechnung allerdings davon aus, dass die Hälfte des Gehaltes als Steuern abgezogen wird. Das ist aber keineswegs der Fall. Faktisch verdient dieser also wesentlich mehr.

Geschäftsmodell

Whittaker wirft Kipping (Linke) vor, Armut als Geschäftsmodell zu betreiben. Und derselbe Leser merkt dazu sehr richtig an, dass dies doch eigentlich umgekehrt sei: „die Verteilung von Armut geht auf das Konto der CDU und natürlich auch der SPD“, sei also ihr Geschäftsmodell.
Besonders ärgerlich ist, dass Whittaker die Armut zu einer rein rhetorischen Floskel herabgewürdigt wird, so als ständen hinter der Armut keine realen Menschen, die real unter Armut leiden. Das Verfloskeln bedeutet aber auch, dass ein Verantwortungsbereich abgelehnt wird. Dies schreibt ein anderer Leser. Er fügt hinzu, dass die Armut zu Arbeiten zwinge, die an die Prostitution grenzen. Und dass keiner der „edlen“ Herren (und Damen) das so benennen wolle, weil niemand gerne „als Zuhälter dastehe“.

Kein Bernie Sanders in Deutschland

Zu etwas ganz anderem äußert sich Rainer Bonhorst auf der Plattform Achse des Guten. Er reduziert die politische Welt auf einen Kampf zwischen rechts und links. Und scheint zu meinen, dass Erfolg daran zu messen sei, wie man das politische System durcheinanderwirbele. Oder etwas ähnliches. Bonhorsts Betrachtung ist deshalb so fade, weil sie ähnlich oberflächlich wie die Bewertung der Kandidaten bei Germans Next Top Model bleibt.
Ganz zum Ende des Artikels fragt der Autor, ob es in Deutschland jemanden gäbe, der wie Sanders die Jugend mitreißen und an die Wahlurnen bringen würde. Er sehe keinen; um dann nahtlos dazu überzugehen, dass dann auch keiner da wäre. Das ist ein klarer Fall von Verwechslung von Perspektive und Existenz. Im Fall von politischen Persönlichkeiten allerdings beruht die Existenz (als politische Persönlichkeit) auf der Sichtbarkeit. Und was man nicht sehen will, das existiere dann tatsächlich nicht. So wird daraus eine selbsterfüllende Prophezeiung.

„Selbst ernannte Eliten“

Im Kommentar-Teil beklagt ein Leser den „medial und links-grün ausgerichtete[n] Jubel der europäischen selbst ernannten Eliten“. Abgesehen davon, dass auch hier der Begriff „links-grün“ wie ein Fremdkörper wirkt: sind nicht alle Eliten selbst ernannt? Ist es nicht geradezu ein wesentliches Merkmal von Eliten, sich selbst zu ernennen und zu legitimieren?
Nun, nicht ganz. Eine beliebte rhetorische Strategie besteht darin, dem Gegner Aussagen und Überzeugungen anzudichten, die diesen willkürlich und eigentlich parodistisch überhöhen. Dann zeigt man auf den Unsinn dieser Aussagen und zeiht den Gegner der Dummheit, Verlogenheit und / oder blinden Machtversessenheit. So ist dies, wie ich mehrfach gezeigt habe, mit der Gender-Theorie geschehen. Zwischen der von Rechtspopulisten herbeihalluzinierten Gender-Ideologie und der wissenschaftlichen Gender-Theorie klafft eine riesige Lücke.

Erdogan

Dass diesem Menschen der Auftritt in Deutschland verboten worden ist, finde ich mehr als gerechtfertigt. Meinungsfreiheit und politische Betätigung haben ihre Grenzen. Erdogan hat in der Vergangenheit mehrfach Deutschland des Faschismus geziehen. Doch davon sollte man sich nicht irre machen lassen. Es ist kein Faschismus, wenn man einem Faschisten das Wort verbietet.
Ich brauche jedenfalls keine Todesstrafe in der Türkei. Und ich kann darauf verzichten, dass manche der Türken, die ich kenne, sich nicht mehr in ihre alte Heimat trauen. Erdogan macht das, was die AfD in Deutschland macht: er spaltet das Land; er verweigert sich einer ehrlichen Diskussion um strittige Themen; er verbreitet Angst und Schrecken. All das sind Zeichen einer faschistischen Gesinnung. Da ist dann der Hinweis auf das demokratische Gewähltsein nur noch ein Scheinargument.

Eliten: die Kräfte des Spektakels

Grundsätzlich sind Eliten unumgänglich. In Gesellschaften finden Prozesse sozialer Selektion statt. Dass diese allerdings auf Willkür und Bequemlichkeit gegründet sind, mithin auf Verdunkelung der Auswahlprozesse und schablonenhaftem Denken, dies wird von den Eliten gerne verschwiegen. Unumgänglich heißt also nicht: notwendig gut, sondern nur: nicht aus der Welt zu schaffen.
Guy Debord hat in seinem Buch Die Gesellschaft des Spektakels den tautologischen Zustand analysiert, den das Spektakel zugleich mit den Eliten erreicht und dessen impliziter moralischer Imperativ ist: Beherrsche das Spektakel, damit die Elite wirst! Ziel der Elite ist dagegen ihr Unsichtbar-Werden: so dass sich ein verleugneter Zusammenhang zwischen Elite und Spektakel ergibt, der als paranoide Projektion beschrieben werden kann, siehe dort § 12 und 13, insbesondere aber § 104-107. Nun stimme ich Debord in vielem nicht zu (ich halte die marxistische Theorie aus sehr grundsätzlichen Überzeugungen für falsch); sicherlich aber hat diese trotzdem ein sehr hohes Niveau an Reflexion bereit gestellt, das sich nicht einfach vom Tisch wischen lässt. So ist folgender Hinweis zu bedenken, auch wenn man ihn nicht nur gegen den Leninismus/Stalinismus lesen sollte, sondern allgemeiner gegen die (heute meist konservativen) Kräfte des Spektakels:
Die revolutionäre Ideologie, d. h. die Kohärenz des Getrennten, deren größte voluntaristische Anstrengung der Leninismus ist, hat die Verwaltung einer sie zurückweisenden Realität inne und gelangt mit dem Stalinismus wieder zu ihrer Wahrheit in der Inkohärenz. In diesem Augenblick ist die Ideologie keine Waffe mehr, sondern ein Zweck. Die nunmehr widerspruchslose Lüge wird zum Wahnsinn. … Die Ideologie, die sich hier materialisiert, hat nicht die Welt wirtschaftlich verändert, wie der zum Stadium des Überflusses gelangte Kapitalismus; sie hat lediglich die Wahrnehmung polizeilich verändert.
Wie also wäre dem zu begegnen? Eventuell so:
Zum einen durch eine Pluralisierung der Eliten in wissenschaftliche (literaturwissenschaftliche, physikwissenschaftliche, etc.), politische, journalistische, ästhetische, revolutionäre, religiöse, moralische, philosophische, kognitionspsychologische, psychoanalytische, etc.; und zum anderen durch eine Rückkehr auf den harten Fels der Tatsache: das, was man sinnlich sehen und ergreifen kann.

18.06.2017

Die böse deutsche Leitkultur

Ich gestehe, dass ich mich noch nie heimisch gefühlt habe; ich habe in meiner Jugend das gemacht, was man so als Jugendlicher macht, wenn man nicht hier sein will und nicht weiß, wo ein Dort sein soll: ich habe mich in Bücher geflüchtet. - Heimat und heimische Kultur ist für einen Menschen, der schon immer eine gewisse Befremdung mit sich herumgetragen hat, ein schwieriges Wort; in den Worten bestimmter Menschen, wie etwa Beatrix von Storch, werden sie zur Beleidigung. Begehen wir, auf recht flüchtige Art und Weise, den Ort des Verbrechens.

Karl May

Apachizität

Und diese Bücher meiner Flucht waren zuerst die Bücher von Karl May. Rückblickend erscheint dies komisch, sind dessen Romane doch voller folkloristischem Unsinn, bis hin zu krudesten rassistischen und sexistischen Aussagen. Der Apache war genau das, was Karl May sich darunter vorstellen wollte. Reale „Indianer“ lernt man in diesen Romanen nicht kennen.
Der französische Philosoph und Semiologe Roland Barthes hat in seinem „Das Reich der Zeichen“ den Begriff der Japanizität geprägt. Er bezeichnet damit jenen Charakter, den Japan unter dem Blick eines Zugereisten annimmt und der herzlich wenig mit dem „realen“ Japan zu tun hat. Und so gesehen findet man bei unserem großen sächsischen Volksdichter viel Apachizität und auch Muslimizität (Hadschi Halef Omar!), aber wenig reale indianische Kulturen und ebenso wenig arabische, kurdische oder türkische.
In gewisser Weise ist Karl May aber auch exemplarisch für die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, und die Probleme, die in dieser Auseinandersetzung entstehen. Die Sehnsucht nach Reise und Abenteuer führt einen inhaltlich in die Fremde, doch formal in die eigene Kultur, oder zumindest in so etwas wie die eigene Kultur, denn jene Zeiten, in denen May seine Romane geschrieben hat, als sogenannte Kolportage-Romane, waren zu meiner Zeit seit hundert Jahren vorbei.

Lesen und lachen

Wenn man so in der Gesellschaft vor sich hin lebt, bleibt es nicht aus, dass man gelegentlich Frauen kennenlernt. Bevor ich zu zwei ganz anderen Frauen komme, möchte ich von diesen beiden berichten, als ein weiterer Beitrag der persönlichen Erfahrung.
Bei der einen handelt es sich um die Mutter meines Patenkindes. Wir konnten uns von Anfang an nicht gut unterhalten. Als ich einmal erzählte, dass ich als Jugendlicher gerne Karl May gelesen habe, wurde ich, ungeachtet meiner damals schon lange sehr kritischen Einstellung, als Rassist und Sexist bezeichnet. Die Auseinandersetzung mit solchen Büchern, gerade auch, wenn man sie in der Vergangenheit gerne gelesen hat, halte ich allerdings für wichtig; nicht nur erlernt man am mehrfachen Lesen eine Distanz zu den Texten, sondern auch zu den kulturellen Inhalten, die damit gefördert werden.
Im Übrigen ist gerade auch May ein Schriftsteller, der zwar dem Rassegedanken angehangen hat, aber nicht dem Unwert fremder Rassen. Bei ihm gibt es immer gute und schlechte Vertreter einer Rasse; man findet unter den Apachen wie unter den Türken, unter den Brasilianern und Chinesen, den Mexikanern und den Deutschen Helden und Lumpenhunde. All das ist primitiv, aus heutiger Sicht, und in gewisser Weise auch fremdartig. Auf der anderen Seite aber ist es nicht jener denunzierende und mörderische Rassismus, der in faschistischen und rechtsnationalen Kreisen vertreten wird.
Eine wesentlich bessere Auseinandersetzung hatte ich auf ganz andere Art und Weise mit einer Schülerin vor drei Jahren. Diese hat die Romane von Karl May heiß und innig geliebt, insbesondere die Romane mit Winnetou. In den Lesestunden hatte sie dann auch regelmäßig eines der Bücher dabei. War sie deshalb unkritisch? Keineswegs. Sicherlich war sie zu jung, fünfte Klasse, um hier eine tiefgründige Analyse zu liefern. Doch der Keim war da, und so konnte ich durch gelegentliche Hinweise und einen gewissen sanften Spott (so werden bei May sehr häufig Frauen zu Fabelwesen umbenannt, wenn sie im künstlichen Licht, sei es Gas, sei es Petroleum, erscheinen, als ob dieses Licht eine Verwandlung bewirken würde) zu einer bewussteren Lektüre anleiten.
Gelegentlich, wenn eine Stelle gar zu albern war, haben wir herzlich gelacht, diese in der Klasse vorgelesen und erklärt, was daran so doof war.
Und wohl gemerkt: meine Schülerin ist keine Feministin, vor allem keine selbst ernannte; der Mutter meines Patensohnes dagegen war es sehr wichtig, dass sie eine seriöse Feministin sei.

Sehr geehrte Frau von Storch

Volk ohne Kultur

Ein Depp ist, so der Volksmund, wer gegen den Wind pinkelt. Wer diesen Spruch noch nicht kennt, darf überlegen, wieso. Man kann sich auch, metaphorisch gesehen, ans eigene Bein pinkeln. Wie man dies macht, lernt man bei Beatrix von Storch. Nachdem Aydan Özoğuz im Tagesspiegel unter dem Titel Leitkultur verkommt zum Klischee des Deutschseins einen Beitrag zur Debatte um die Integration geliefert hat, hat Frau von Storch diesen in einer „Videobotschaft“ heftig kritisiert. Dass diese Kritik nach hinten losgeht, hat sie wohl selbst nicht begriffen, und genauso wenig ihre begeisterten Anhänger.
Darin wirft sie Özoğuz vor, diese hätte behauptet, die Deutschen hätten keine Kultur. Nun gibt es von dieser Entgegnung aus zwei Möglichkeiten, eine solche Behauptung zurückzuweisen. Die erste, die ich zunächst im Blick hatte, würde dem Begriff der Kultur in den Kulturwissenschaften nachgehen. Dieser hat dort eine mindestens doppelte Bedeutung: einmal als Forschungsfeld der Kulturwissenschaftler, und insofern ist der Begriff der Kultur hier ohne starke Differenzen eben alles, was das mehr oder weniger alltägliche Leben Menschen inmitten ihrer Erzeugnisse ausmacht; und zum anderen dient der Begriff der Kultur als die Hypothese von abgrenzbaren Einheiten innerhalb der Weltgesellschaft und wird zumeist in einem Kompositum oder durch Adjektive stärker spezifiziert. So gab es im 19. Jahrhundert eine Pariser Caféhaus-Kultur oder in den achtziger Jahren eine Kultur der Ökopunks. In den südlichen Gebieten von Tunesien findet man stark von der Berberkultur geprägte Familien (in denen die älteste Frau eine gewichtige, man könnte sagen: regierende Rolle spielt); und in Neu-Mexiko trifft man auf Mennoniten, einer christlichen Gemeinschaft, die den modernen Medien und der popkulturellen Politisierung abgeschworen hat.
Kultur ist, so wäre am Ende zu lesen, ein unscharfer Begriff, der natürlich dann auch das Forschungsfeld betrifft: dieses sei unscharf; damit auch die deutsche Kultur.

Die philologische Tradition Deutschlands

Der zweite Weg der Kritik ist methodischer Natur. Er verpflichtet sich zu Verfahrensweisen, die auch in der deutschen Wissenschaftskultur eine wichtige Rolle gespielt haben und eigentlich immer auch noch spielen sollten. Dies ist die Philologie, ein Gebiet, in dem deutsche Autoren nach wie vor eine herausragende Position einnehmen, sagen wir zum Beispiel, um zwei bekannte zu nennen, Leibniz und Kant. Die Philologie ist meist unter kulturspezifischeren Namen bekannt, als Germanistik für den deutschsprachigen Raum, als Romanistik für die romanischen Sprachen oder als Sinologie für die chinesische Kultur. Der Begriff der Kultur wird hier selbstverständlich häufig gebraucht, aber eher als eine gewisse erste Orientierung, denn als ein präzise definierter Begriff.
Was Philologen machen, das ist schwieriger zu erklären. Es gibt einen gewissen Grundkonsens, den man in die drei Gebiete Grammatik, Kritik und Hermeneutik einteilen kann, nämlich die Strukturen kultureller Phänomene, die Wertung und Wertschätzung und schließlich die Deutung und Auslegung. Dass alle diese drei Begriffe undeutlich sind, heißt aber nicht, dass es keine methodischen Richtlinien gibt. In Bezug auf Texte heißt dies, diese Wort für Wort und Satz für Satz zu lesen, sodass jede übereilte Interpretation durch ein gründliches Studium ausgebremst wird.

Eine nicht identifizierbare Kultur

Woran gerade mal wieder die Wellen dümmster „nationaldeutscher“ Empörung hochschlägt, ist jener Satz, den Özoğuz im Tagesspiegel-Artikel geäußert hat:
Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
Nun wird daraus eben jener Satz, es gäbe keine deutsche Kultur. Sieht man sich jedoch Özoğuz' Satz genauer an, so behauptet er gerade nicht, was die philologisch unterbelichtete Fraktion unserer Kultur zu unterstellen meint. Özoğuz sagt zum Beispiel, dass das spezifische an unserer Kultur unsere Sprache ist. Erst jenseits der Sprache ist diese spezifisch deutsche Kultur nicht identifizierbar. Sie sagt auch nicht, dass es keine deutsche Kultur gibt, sondern nur, dass keine spezifisch deutsche Kultur vorliegt. Sie begründet dies auch.
So sagt sie zum einen, dass es bestimmte Werte gibt, die in Deutschland hochgehalten werden, ob zurecht oder zu Unrecht, davon sagt sie nun nichts; aber sie wendet ein, dass dies keine spezifisch deutschen Werte sind, da es auch andere Kulturen gibt, in denen diese Werte eine wichtige Rolle spielen, zum Beispiel das Leistungsprinzip oder die Bildung. Und hier muss man ganz direkt auch darauf hinweisen, dass sie damit auch sagt, dass diese Werte natürlich in unserer Kultur eine Rolle spielen, nur nicht als spezifisch deutsche.
Zum anderen wendet sie ein, dass es in Deutschland eher regionale Kulturen gab und gibt, die sich, aber dies ist dann schon meine Deutung, kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Übrigens gilt dies dann auch für die deutsche Sprache. Und wer mir jetzt nicht glaubt, dass in den deutschen Kulturraum das Hochdeutsche nicht als unbedingter Kern unserer nationalen Identität gehört, der darf gerne mal zu den Alemannen fahren, ein ausgesprochen fröhliches und trinkfestes Völkchen aus den Voralpen. Wenn die alemannisch reden, versteht eine Beatrix von Storch genauso wenig wie eine Aydan Özoğuz. Aber trinken kann man mit denen, und das ist ja auch schon was.

Kultur ohne Leitbild?

Hat sich Frau Özoğuz damit von einem kulturellen Leitbild verabschiedet? Genau hier wird nämlich die ganze Causa Özoğuz leicht absurd. Man darf ihr durchaus vorwerfen, dass sie sich widerspricht, und das nicht zu knapp. Es soll kein deutsches Leitbild geben, sagt sie, nur um dann zu äußern:
Hat unsere Verfassung also keine Erwartungen, keine Zumutungen an ihre Bürgerinnen und Bürger, eingewandert oder einheimisch? Doch, aber sie liefert uns kein kulturelles, sondern ein politisches Leitbild. Sie gibt eine politische Kultur vor, die allen zugänglich ist und zugemutet werden kann und muss. In diesem Sinn können und müssen sich natürlich auch Eingewanderte in die politische Kultur einleben, ein geschichtliches Verständnis von der neuen Heimat und deren Verfassungsprinzipien entwickeln, Respekt haben vor einer lebendigen Streitkultur, die auf Widerspruch, Meinungsvielfalt und Verständigung setzt.
Fragen wir als erstes: was, um Gottes willen, ist denn der Unterschied zwischen einem kulturellen und einem politischen Leitbild? Das Leitbild ist tot, es lebe das Leitbild? - Denn die Politik ist doch, insofern sie sich ihres philosophischen Rückhalts versichert, die Lehre vom guten Zusammenleben der Menschen, also von deren Kultur.

Windige Rhetorik

Beatrix von Storch fragt also, worin sich die Migranten integrieren sollen. Und es wäre vielleicht lustig gewesen, wenn sie ihre Worte in ein schöneres Deutsch verpackt hätte, als sie gefragt hat, ob Frau Özoğuz damit das schlechte Wetter gemeint habe. Jan Böhmermann, oder vielleicht auch nur einer seiner Lohnschreiber, hätte das gekonnt.
Bezeichnend ist, dass Frau von Storch diese von mir zitierte Passage überlesen hat. Denn hier ist das Maß der Integration sehr deutlich und, wie ich finde, sehr weitreichend genannt.
Vielleicht wollte sie auch genau diese Stelle nicht ganz so genau verstehen, weil gewisse Teile der AfD und auch sie selbst in dieses deutsche Leitbild nur mit sehr viel Drücken und Quetschen hineinpassen würde. Oder vielleicht auch gar nicht. Jedenfalls darf sich Frau von Storch gerne mal mit der Rhetorik auseinandersetzen. Zu der gehört nämlich auch, dass man sämtliche Argumente des Gegner beachtet und sich nicht von diesen aushebeln lässt. Hier pinkelt sie entschieden gegen den Wind.

Erinnerungskultur

Es gibt da ja noch so einiges, worüber man schreiben könnte. Bleiben wir einmal bei dem Begriff der Erinnerungskultur. Natürlich haben wir diese Rituale, auch diese Denkmäler, und bestimmte Themen, die wir, warum auch?, nicht loswerden. Sagen wir mal: Goethe. Anderthalb Jahrhunderte galt dieser uns Deutschen als unser größter Dichter, bis uns aufgefallen ist: Wir lesen den gar nicht. Goethe ist genau das geworden, was ein Dichter nicht werden sollte: eine Institution.
Institutionen, also echte Institutionen, neigen dazu, ein eigenes Gedächtnis auszubilden, und sich dadurch von der Umwelt abzugrenzen. Sie haben immer einen Hang zur Segregation, und von außen betrachtet auch immer eine gewisse Wirklichkeitsferne, nämlich eine Ferne zu anderen genauso fernen Wirklichkeiten. Was Goethe mit seinen Schriften gemeint hat, werden wir heute nur noch annäherungsweise verstehen. Ihn lebendig zu halten, kann aber nicht durch Fetischisierung erreicht werden, sondern nur durch eine immer wieder neue, und bedingt auch wilde Interpretation. Um ihn herum eine unintelligible Filterblase aufzubauen, ist dagegen keine Lösung.
Was nun die Erinnerungskultur zum Holocaust angeht, so ist dessen Institutionalisierung schon vor langer Zeit umfassend kritisiert worden (zum Beispiel von Jacques Derrida). Aber gerade das macht nun das Gedenken an den Holocaust auch nicht aus. Wenn an die Reichskristallnacht, respektive Reichsprogromnacht, erinnert wird, dann um zu sagen und sich zu versichern, dass dies nie wieder zur deutschen Kultur gehören sollte. Die abwehrende Geste zeigt auch darauf, dass sich umgekehrt der Kern einer lebendigen Kultur nicht genau bestimmen lässt, und dass der Kampf um die vielfältigen Möglichkeiten immer auch ein Streit um dessen Grenzen sein wird. Doch auch das ist keine typisch deutsche Erinnerungskultur; man findet diese in Frankreich und den USA, und wahrscheinlich auch jedem anderen Land auf dieser Erde, sofern sie nicht despotisch oder faschistisch regiert werden.

Kritik will wohl gelernt sein

Gegen Kritik ist erst mal nichts einzuwenden. Aydan Özoğuz ist nicht vom Himmel gefallen. Hier habe ich sie verteidigt. Aber ich kann nicht alle ihre Äußerungen gutheißen; und werde mir natürlich auch das Recht herausnehmen, dies in Zukunft nicht zu tun.
Der Anspruch einer guten Kritik sollte sein, den kritisierten Text vollständig wahrzunehmen. Die Kritik Storchs wird aber gerade durch den kritisierten Text widerlegt und rangiert damit unter dem üblichen Larifari der AfD.
Lesen ist wohl keine einfache Sache. Lesen muss nicht zu eindeutigen, ewig währenden Ergebnissen führen. Doch nicht umsonst gilt es als basale Kulturtechnik. Wer Kultur und Kultiviertheit für sich beansprucht, sollte das mit einer gewissen "Eleganz" tun können. Kann jemand, der so fragwürdig und lächerlich agiert wie die Storch, wirklich Kultur, gar deutsche Kultur für sich beanspruchen?

06.06.2017

Wirre Weltbilder

Die Demontage der 68er-Generation und der Frankfurter Schule war schon immer ein Lieblingsthema Konservativer. In den letzten Jahren hat sie aber deutlich zugenommen. Nun wäre all dies keines Achselzuckens wert. Sofern man sich für einen kritischen Menschen hält und dieses auch mit einer gewissen Pflicht praktiziert, gehören Demontagen zum täglichen Brot. Und insofern man in einem praktischen Beruf steckt, der die tägliche Auseinandersetzung mit Menschen aus vielerlei Lebensverhältnissen erfordert, misstraut man den großen Worten sowieso: große Worte leisten vor allem Vernebelung bis hin zur Blindheit.
Befremdlich allerdings wird es dann, wenn »hohler Bombast« durch sich selbst ersetzt werden soll. Dann wähnt man sich einen ganz andersartigen Gegner, doch nein: nieder mit dem Bodennebel, es lebe der Bodennebel.

Symbiosen

Solch einen hohlen Bombast prangert der Chefredakteur des Cicero – Christoph Schwennicke – an; und schafft sich damit selbst verklärende Phrasen. So etwa wirft er dem Spiegel vor, eine symbiotische Beziehung zur RAF gehabt zu haben; und bedenkt man, was Schwennicke dort eigentlich sagt, so kann man sich nur an den Kopf greifen: er wirft der Presse vor, recherchiert und berichtet zu haben. Wollte man dies weiterspinnen, so müsste man ihm selbst vorwerfen, mit der RAF in einem innigen Verhältnis zu stehen.
Freilich entsteht ein solcher Eindruck immer; und wer ist schon frei davon, Ereignisse zum eigenen Vorteil zu instrumentalisieren? Man sehe sich nur den Empörungskitsch und die Katastrophengafferei der AfD an: man bekommt den Eindruck, dass diese nur noch für den nächsten islamistischen Terrorakt leben. Eingestehen werden sie das aber nicht.

Das historische Wesen

Imposant kommt Schwennicke in folgender Stelle daher:
„Um sich als geschichtliches Wesen besser verstehen zu können, muss man bereit sein, bestimmte Vorstellungen über sich selbst aufzugeben“, schreibt Bude. Das habe nichts mit Selbstleugnung zu tun; es geht allein darum, sich selbst in der geschichtlichen Andersheit zu begreifen, damit man am Ende nicht im Beharren auf eine eigene Identität zur lächerlichen Figur wird.
Ich unterschreibe Passage ausdrücklich. Sie passt allerdings nicht ganz zu dem Wertekonservatismus der Nationalisten, die ihr Heil gerade in einem solchen Beharren suchen. Anders gesagt funktioniert diese Stelle nur dann, wenn man sie paranoid liest, also mit einem expliziten Freund/Feind-Denken: nur der andere ist in seiner beharrlichen Identität lächerlich. Nichts trifft also auf Schwennicke besser zu als sein Verdikt über die 68er:
Und in ihrer Halsstarrigkeit und Selbstgefälligkeit erinnern sie auf ihre alten Tage sehr an das Gebaren derer, die sie einst bekämpft haben.

Angekommen, aber gescheitert

So wird der Artikel zum Schluss auch vollkommen hohl: angekommen seien sie, „unsere Helden von 68“, „aber dennoch gescheitert“. Wen genau der Autor damit meint, wird nicht gesagt. Rainer Langhans wird vorher herbeigeredet, ebenso Uschi Obermeier. Rudi Dutschke und Bommi Baumann. Ein wenig Rio Reiser. Konkret ausgeführt wird aber nichts davon. Dass Rainer Langhans sich lächerlich macht, wirft vielleicht Fragen über seine Person auf, kann aber doch keineswegs exemplarisch für die vielfältigen Auswirkungen der damaligen Zeit stehen. Und dass Menschen scheitern ist nun kein Vorrecht der ehemaligen Studentenbewegung. Das ist wohl der Lauf der Dinge; oder man könnte Friedrich II. vorwerfen, er sei mit seinem aufgeklärten Monarchismus gescheitert, weil die Menschen heute in einer anderen Staatsform leben.

Wilder Reduktionismus

Nicht die Kritik an den damaligen Phänomenen stört mich, sondern die Selbstgefälligkeit, mit der hier eine sehr vielfältige und teilweise auch sehr widersprüchliche Kultur auf einen Nenner gebracht wird. Die sieht man zum Beispiel auch an der fadenscheinigen Argumentation, mit der die Sekundärtugenden verteidigt werden:
Der Wille zur Leistung und der Wunsch nach Kindern sind zwei Dinge, die fehlen in Deutschland eingangs des 21. Jahrhunderts. […] Sekundärtugenden hätte das ein ehemaliger SPD-Vorsitzender genannt, sicherlich. Aber wie das Determinativkompositum schon andeutet, bei dem bekanntlich die Bedeutung auf dem zweiten Teil des Wortes liegt: Sekundärtugenden sind vor allem Tugenden. Und nicht vor allem sekundär.
Das Problem ist allerdings, dass Schwennicke nicht dadurch recht hat, indem er aufzeigt, dass ein ehemaliger SPD-Vorsitzender Unrecht hat. So ist erstens nicht einzusehen, warum der Kinderwunsch eine Sekundärtugend sein soll. Oder ob dies überhaupt dazu taugt, als Tugend bezeichnet zu werden. Oder ob der ehemalige SPD-Vorsitzende (es war Oskar Lafontaine) überhaupt den Kinderwunsch mitgemeint hat. Zweitens ist der Leistungswille, wenn überhaupt, eine methodische Tugend, wie viele der Sekundärtugenden. Anders gesagt: die Erfüllung einer sogenannten Sekundärtugend ist etwas anderes als diese Tugend selbst. Und dies in einem Beispiel erläutert: der 50 Millionen Streichhölzer akribisch parallel nebeneinander ordnet, darf wohl als fleißig und gewissenhaft bezeichnet werden — sinnvoll ist das Ganze nicht. Und je nachdem kann der Leistungswille auch Unterordnung bis hin zu Selbstaufgabe bedeuten oder Rücksichtslosigkeit bis hin zur Grausamkeit. Sekundärtugenden tragen ihr moralisches Dilemma in sich und sind deshalb nicht als Primärtugenden tauglich.

Hemmungsloses Zitieren

Zweimal zitiert Schwennicke implizit, einmal die „Banalität des Bösen“ (so Hannah Arendt in Bezug auf Eichmann) und einmal „unlesbare Bücher über den eindimensionalen Menschen“ (Der eindimensionale Mensch ist ein Buch von Herbert Marcuse). Beide Male irrt Schwennicke. In Bezug auf Arendt irrt er sich moralisch: denn Arendt weist mit dieser Formulierung auf die zunächst unerklärliche biedere Buchhaltermentalität eines Joseph Eichmanns, die in so krassem Widerspruch zu den Taten steht, an denen er maßgeblich beteiligt war. Ein solches Rätsel bietet uns Bommi Baumann nicht; er verdient nicht eine solch treffende, Augen öffnende rhetorische Figur.
Was Marcuse angeht, so bedient sich der Rechtsnationalismus durchaus recht hemmungslos aus seinen Schriften; diese entspringen einer radikalen Kulturkritik. Ein Satz wie
Wir unterwerfen uns der friedlichen Produktion von Destruktionsmitteln, der zur Perfektion getriebenen Verschwendung und dem Umstand, dass wir zu einer Verteidigung erzogen werden, welche gleichermaßen die Verteidiger verunstaltet wie das, was sie verteidigen.
(Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Springe 2004, S. 11)
könnte vom Sinn her, wenn auch nicht vom Satzbau und der Wortwahl, dem »Deutschland schafft sich ab«-Lamento zugehören. Der notwendig erscheinende Widerstand gegen das „System“ ist so links- wie rechtsradikal. — Mit dem Unterschied, dass Marcuse durchaus lesbar ist und durchaus bedenkenswert; und dass sein Buch nichts an Schärfe verloren hat, wenn auch viel berechtigte Kritik daran geübt wurde. Es hat, aber das ist natürlich eine ungerechte Aussage angesichts des unterschiedlich langen Argumentationsganges, wesentlich mehr politische Substanz als der Artikel von Schwennicke.

Fazit

„Verwirrte geben Verwirrung weiter“, so zitiert der Autor Sloterdijk. Man kann angesichts dieses Artikels dem Satz nur zustimmen. Er ist, schon in meiner oberflächlichen Analyse, widersprüchlich und misstönend. Er kritisiert nicht, er feindet nur an. Bleiben schließlich die journalistischen Tugenden: die konkrete Darstellung, das Vermeiden aufgeblähter Wörter (so Wolf Schneider). Da ist Schwennicke, sekundär wie primär, geradezu tugendfrei.
Der gründlichste Tod für hohlen Bombast ist eben immer noch die konkrete, sachliche Darstellung und nicht eine weitere verwirrte Ideologie.