12.02.2017

Deutschland mies machen

Irgendwie habe ich mich noch immer nicht beruhigt: Höckes Worte von der „Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes“ ärgern mich mittlerweile nicht nur komplett, sondern entsetzen mich geradezu. Diese Behauptung erscheint mir so absurd, dass ich sie zunächst gar nicht so deutlich wahrgenommen habe. Ich frage mich, wo dieser Mensch lebt, und wie viel er überhaupt von Deutschland mitbekommt: doch eigentlich so gut wie gar nichts; oder er ist einfach nicht in der Lage, all die kulturellen Leistungen, die in den letzten Jahren den Deutschen zugesprochen wurden, zu verstehen und zu würdigen.
Wer also macht Deutschland mies? Das sind doch vor allem Björn Höcke und seine Kumpanen. Wie übrigens die erinnerungspolitische Wende um 180° bei den Rechtspopulisten und Rechtsradikalen aussieht, hat letztes Jahr der Stern zum Gedenktag der deutschen Einheit auf bitterste Weise festgehalten: Von diesem Tag der Deutschen Einheit wird sich Dresden lange nicht erholen.
Wie verwirrt AfD-Anhänger sind, merkt man auch an den Schildern, die auf dem Foto in diesem Artikel hochgehalten werden: „Bürger haben Urteilsvermögen und sind mündig“; damit ist der Begriff der Mündigkeit, so wie unser Grundgesetz ihn von Immanuel Kant übernommen hat, schon weitestgehend ausgehöhlt. Die Mündigkeit zeigt sich, und da darf jeder gerne noch einmal in Kants Aufsatz Was ist Aufklärung? nachlesen, in der Diskussion von Begriffen. Für diese Diskussion stellt Kant eine Logik bereit; die Logik beschreibe nicht, „wie wir denken“ (dafür ist die Psychologie zuständig), sondern „wie wir denken sollen“, mithin beschreibt sie Normen des guten Denkens. Zentral an dieser Logik ist die Gewichtung der Argumente, also welchen Platz einem Argument eingeräumt werden darf. Und ein Argument ist noch keine Verknüpfung, wie dies heute üblicherweise gebraucht wird, denn eine Verknüpfung der Argumente geschieht erst in den Schlüssen, die dann (was aber eben auch häufig verwechselt wird) zu Schlussfolgerungen führt.
Was ich hier in aller Kürze umrissen habe, zeigt vor allem eines: wie weit sich nicht nur das Fußvolk der AfD, sondern auch Höcke selbst von einer Idee der Mündigkeit entfernt hat.
Ich könnte das ganze jetzt auch noch einmal zum Urteilsvermögen durchbuchstabieren; das ist bei Kant nämlich keineswegs Garant für die Wahrheit oder Richtigkeit, sondern ebenfalls nur ein Ausgangspunkt.
Lest mehr Kant, schreibe ich so ungefähr einmal im Jahr in meinen Blog (wie übrigens auch Harald Lesch); und ich kann es nur wiederholen. Denn es ist doch klar, dass all diejenigen, die jetzt vor allem Deutschland, Deutschland schreien und vielleicht dahinter sogar so etwas wie Preußen, Preußen meinen, von unserem guten alten preußischen Philosophen allerhöchstens den Namen kennen: die schimpfen vielleicht nicht über Kant, wie sie dies zurzeit bei Merkel, Lammert oder Gauck machen, aber die Missachtung, diese deutliche Missachtung eines immer noch großen deutschen Denkers drückt sich hier in der Praxis des Protestierens mehr als randständig aus: sie ist der Kern dieses ganzen Protestes, gelebte Unmündigkeit von Pinseln.
Nietzsche hat einmal gesagt, dass die Deutschen ein „erstaunlich déraisonnables Volk“ seien; und es sieht so aus, als seien Pegida und AfD nur deshalb angetreten, um diesen polemischen Satz noch einmal wahr werden zu lassen.
Es sieht also so aus, als hätten wir den Osten Deutschlands ein zweites Mal und eigentlich ein drittes Mal, wenn man die Zeit vor der Gründung der Bundesrepublik mit einbezieht, an eine antiaufklärerische Diktatur verloren. Dass es sich dabei um eine Minderheit handelt, ist besonders bitter; ich halte Minderheitenschutz für ein wesentliches demokratisches Prinzip, doch hier beginne ich tatsächlich zu wanken. Man kann diese Leute ja nicht ausweisen. Wer will sie schon haben? Aber vielleicht könnte man ihnen eine Enklave schaffen, irgendwo, in einem still gelegten Salzstock. Dort soll die Luft ja besonders rein sein. - Und dann kämen auch wieder die Touristen in unser Elbflorenz, um die Schönheit des alten und die Freundlichkeit und Weltoffenheit des neuen Dresdens in der ganzen Welt zu verbreiten.

03.02.2017

Kleine Übersichten

So ohne meinen eingerichteten Computer habe ich mich zunächst recht verloren gefühlt: alles, was ich bisher notiert habe, alle meine Arbeitsergebnisse liegen zwar auf meiner externen Festplatte, sind mir mit dem alten Computer, auf dem ich gerade schreibe, nicht zugänglich.
Mittlerweile habe ich die ersten drei Kapitel von Sartres Was ist Literatur? so weit durchgearbeitet, dass ich mir ein Zentrum für zukünftige Arbeiten geschaffen habe; und eigentlich bin ich damit zu einer Arbeitsweise zurückgekehrt, die ich in der Zeit vor dem exzessiveren Computergebrauch gepflegt habe.
Sartre ist übrigens kein einfacher, fragloser Mittelpunkt: er inspiriert mich derzeit eher, als dass er mich fundiert.
Was habe ich also gemacht?
Ich habe Übersichten angelegt:
  • von den kleineren sujets in jedem Abschnitt, also keine Abschnittsüberschriften, sondern eher kleine Inventare, auch wenn diese manchmal nur ein Stichwort für einen Absatz umfassen,
  • Listen mit Schreib- und Weiterdenkaufgaben (es gibt zum Beispiel bestimmte Begriffe bei Sartre, die auch bei Dewey auftauchen, aber doch unterschiedliches bedeuten),
  • kleine Mindmaps,
  • kritische Kommentare (die ich zunächst nur auf Zetteln notiert habe),
  • schließlich: ein Glossar mit wichtigen Begriffen (dieses allerdings nur für das erste Kapitel).
Ob ich dieses Glossar allerdings veröffentliche, muss ich mir noch schwer überlegen. Es ist nicht nur sehr roh, d.h. eine recht flüchtige Aufnahme, die viele Fehler enthält, sondern auch bereits sehr lang. Zumindest müsste ich mir eine gute Ordnung überlegen, die dieses Glossar, wie rudimentär auch immer, handhabbar macht. - Vielleicht bekomme ich meinen neuen Computer morgen (er ist unterwegs); dann kann ich mir konkreter darüber Gedanken machen.
Trotzdem bin ich zufrieden: gutes Lesen bedeutet ja, auf verschiedene Arten und Weisen in das Geschriebene einzudringen; und genau dies habe ich getan (Steigerungen sind weiterhin möglich).

31.01.2017

Martenstein und die Temperaturdämonen

Was Maxwell als Gedankenexperiment einführte, bezeichnete Kelvin später als Maxwellschen Dämon. Dabei handelt es sich um einen Dämon, der am Schieber einer kleinen Türe zwischen zwei gleichgroßen Räumen sitzt. Immer, wenn ein schnelles (also warmes) Molekül sich der Tür von der einen Seite nähert, öffnet der Dämon die Tür und lässt es durch. Umgedreht lässt er von der anderen Seite nur die langsamen (also kalten) Moleküle durch. So sorgt der Dämon dafür, dass zwischen den beiden Räumen ein deutliches Temperaturgefälle entsteht.
Maxwell nun brauchte dieses Gedankenspiel dafür, den zweiten Satz der Thermodynamik infrage zu stellen. Und tatsächlich hat dieses bloße Gedankenspiel dazu geführt, dass der zweite Satz deutlich reformuliert und ausgeweitet wurde.
Martenstein versucht sich nun seinerseits am Maxwellschen Dämon, allerdings für die Berichterstattung:
Stellen Sie sich eine Zeitung vor, die jeden Übergriff meldet, der von einem Asylbewerber begangen wurde, jede Belästigung, jeden Diebstahl, einfach alles. Und nun stellen Sie sich eine andere Zeitung vor, die jede Beleidigung und jeden Angriff gegen Ausländer meldet, ausnahmslos, egal wie gewichtig. In beiden Fällen stimmen die Fakten, beides kommt ja nicht selten vor. Da entstehen zwei völlig verschiedene Gesellschaftsporträts, zweimal die Hölle, beides auf der Basis von Fakten, und beides falsch.
So weit, so richtig. Allerdings hat die Gesellschaft schon immer mit dem "Postfaktischen" zu tun gehabt. Man nimmt sich etwas vor, von dem man denkt, dass es klappen könnte, und dann klappt es doch nicht: das ist aber nicht postfaktisch. Man behauptet, der Mensch stamme aus dem Paradies, und stellt dann fest: es war eine Steppe, in der Affenhorden den aufrechten Gang erlernten. Das ist ebenfalls nicht postfaktisch. Helmut Kohl hat einst dem Osten blühende Landschaften versprochen. Geblüht haben diese Landschaften aber schon immer (bzw. die Blumen, die sich darauf und zwischen den Städten befanden) und gesellschaftlich blüht dort heute tatsächlich so einiges, aber die Landschaft so an und für sich tut es nicht.
Anders als beim Maxwellschen Dämon ist die Lüge nicht nach dem zweiten thermodynamischen Hauptsatz zu fassen: eine Lüge heizt die Stimmung weiter auf und führt zur nächsten, bis schließlich das ganze soziale System zu kippen droht. Gelegentlich führt dies in einen Bürgerkrieg, gelegentlich dazu, dass Herrschende die überflüssigen Energien durch einen Krieg kanalisieren.
Entropiesenke nennt man so etwas in der Physik. Man sieht diese erst, wenn man vom System zurücktritt, sich gleichsam von ihm distanziert, und jene Wechselwirkungen in Augenschein nimmt. Als solch eine Entropiesenke empfiehlt Martenstein dann Lob des Zweifels von Berthold Brecht. Hier sei es, gleichwohl gekürzt, wiedergegeben:
Lob des Zweifels
Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir
Heiter und mit Achtung den
Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

...

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
...
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
...

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
So lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

...

Du, der du ein Führer bist, vergiss nicht
Dass du es bist, weil du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!
Vollständig zu finden ist es in: Brecht, Berthold: Gesammelte Werke 9, S. 626-628.

29.01.2017

Deutschland zerfällt, oder?

Ich wollte nicht mehr, aber es hat dann doch ein nicht allzu geringes Suchtpotential: das facebook.
Es gibt da so lustige Menschen, die Zensur und Kritik verwechseln. Oder Kritik und Beleidigung. Oder Meinungsfreiheit mit ungehindertem Pöbeln, möglichst auf Intuition basierend und argumentationsfrei.
Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da hat man sich wenigstens noch die Mühe gegeben, größere Zusammenhänge zu stiften. Und an den Sachen dran zu bleiben. Wenn man derzeit weite Diskussionen ansieht, so geht es wie auf dem Schulhof zu, wenn dort zwei besonders zänkische Kinder aufeinandertreffen: Du bist Schuld! - Nein, du! - Nein, du! Besonders lustig dabei immer wieder die Rechtspopulisten, die Rassisten, die Ultranationalisten.
Nichts gegen den Nationalismus; ich bin eindeutig ein Kulturnationalist. Das habe ich mir schwer erarbeitet, auch wenn ich noch die vielen Lücken sehe, die dort klaffen (so fehlt mir immer noch in weiten Teilen der Hegel, und wenn ich auch schon einiges von Kant gelesen habe, so zerteilt sich die Frucht meiner Lektüren in tausenden kleinerer Anmerkungen, die noch nicht zu einem größeren Ganzen zusammenrücken wollen).
Entschieden habe ich aber etwas gegen Menschen, die sich auf die Staatsbürgerschaft berufen und dann so tun, als seien sie schon deshalb besonders gute Deutsche. Vielleicht erhält man damit so etwas wie den deutschen Staat, aber von Kultur fehlt dann immer noch jede Spur. Das ist ein bequemer, fauler, feiger Nationalismus. Das sind all die Menschen, die die deutsche Kultur innerlich so ausgehöhlt haben, dass sie beim kleinsten Stich in sich zusammenfallen. Das sind die, die Grimmelshausen nicht kennen, Heine nicht lesen wollen, sofort wissen, dass Wagner der bedeutendere Komponist als Schumann war und Mahler komplett ignorieren; und wenn man zu deutschen Malern fragt, dann kommt meist gar nichts mehr (oder Spitzweg! ausgerechnet Spitzweg!).
Deutschland ist in seiner Kultur so vielfältig, Deutschland hat so viele hervorragende Impulse auch aus dem Ausland aufgenommen (und dorthin zurückgegeben), dass man nicht einen gemeinsamen Nenner, eine Art durchgängiges Wesen finden wird. Wer das nicht sieht, der kennt eben seine deutsche Kultur nicht, und was immer er dann auch verteidigt: die deutsche Kultur oder unser "großartiges deutsches Volk" wird es nicht sein. So ist ein gewisser Nationalismus gerade nicht Nationalismus, sondern Anti-Nationalismus, kulturverachtend, kleingeistig, undeutsch, geradezu beschämend feige.
Es gibt Menschen, die von einem Goethe oder einem Wagner so löblich reden, nicht, weil sie die Erinnerung an diese lebendiger machen wollen, sondern die Erinnerung an eine Christa Wolf oder einen Uwe Johnson noch toter.

Wege in die ferne Vergangenheit

Was machst du? ist wohl eine geläufige Frage, deren Absicht aber äußerst vage ist. Viele Menschen stellen sie, um eine Art Schnappschuss, ein twitter-statement, zu bekommen. Das ist nicht so mein Fall. Was machst du? spiegelt bei mir immer auch Umgebungen wieder, Kontexte, in denen ich mich aufhalte. Aus verschiedenen Gründen eliminiere ich allzu Persönliches, aber für all diejenigen, die mir auf einer etwas allgemeineren Ebene folgen wollen, sei hier eine etwas längere Antwort gegeben. Zum Teil zeigt sie Kontinuität an, zum Teil neue Entwicklungen.

Algorithmen und Text(muster)semantik

Aus verschiedenen Gründen bin ich gerade bei Sartre gelandet. Zum einen liegt das daran, dass ich mich mit der Konstruktion von Textmustern beschäftige. Das wiederum ist ja ein altes Thema von mir. Im Moment ist es aber auch ein frisches, und eines, was bei mir sehr in Bewegung geraten ist, weil ich den Zusammenhang zwischen Satzsemantik und Textmustersemantik genauer diskutiere: ich bin auf der Suche nach Algorithmen, die ich in mein Programm einbauen kann; diese Algorithmen lösen - bestenfalls - das Problem, dass die Bedeutung eines einzelnen Satzes immer auch vom Kontext abhängig ist.
Mein Programm? Nun, ich schreibe an einem Zettelkasten, ähnlich jenem von Daniel Lüdecke. Nachdem ich mich Mitte letzten Jahres grundsätzlicher um die Abbildung von Daten in Datenbanken gekümmert habe, bzw. überhaupt um das Zusammenspiel von verschiedenen Datensätzen, konnte ich einige ganz gute Erfolge verzeichnen. Anfang Dezember bin ich dann aber massiv mit dem Problem konfrontiert worden, dass mein Programm zu umfangreich geworden ist, um ohne Planung und ohne grundlegende Struktur weiter geschrieben werden zu können. Das habe ich dann in den letzten zwei Monaten gemacht (sofern ich Zeit hatte), Stichwort dazu: design patterns (Entwurfsmuster), die ich vor allem an Heide Balzerts Lehrbuch der Objektmodellierung und an Matthias Geirhos Entwurfsmuster diskutiere. Zwar werde ich jetzt mit dem Programmieren noch einmal von vorne anfangen müssen, zumindest fast von vorne, insbesondere um eine bessere Trennung der Objekte zu erreichen, aber ich denke, der Aufwand hat sich gelohnt.

Sartre: Was ist Literatur?

Nun, davon wollte ich eigentlich nicht erzählen.
Sartre, insbesondere seine Schriften zur Literatur, haben schon etwas sehr Beeindruckendes an sich. Mir fehlt aber, bei einem neuerlichen Lesen vom Saint Genet (und auch seinem Baudelaire und dem Mallarmé) eine größere Klarheit in seinen Schriften. In allen diesen Texten fallen mir die Wiederholungen unangenehm ins Auge, und gerade im Moment, da ich mich intensiver mit Was ist Literatur? auseinandersetze, die unscharfe Begrifflichkeit.
Um hier Klarheit einzuführen, nutze ich die Technik eines gelassen gehandhabten Glossars. Gelassen gehandhabt heißt dabei, dass ich 1.) Begriffe aus einem gelesenen Text herausschreibe, 2.) diese dann anhand einiger Textstellen definiere, bzw. umschreibe und 3.) diese nach und nach revidiere.
Der erste Schritt ist recht intuitiv; häufig ergänze ich meine Liste später um weitere Begriffe.
Der zweite Schritt fasst nicht nur die explizite Definition zusammen, sondern auch den Gebrauch eines Wortes, wenn er mir wichtig erscheint. Zudem knüpfe ich in diesem Schritt Verbindungen zu anderen Begriffen. Schließlich formuliere ich hier erste Kritiken und schreibe weiterführende Fragen auf.
Schließlich lässt sich der dritte Schritt kaum noch zu gewissen Techniken zuordnen. Auch hier arbeite ich, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene, wieder sehr intuitiv, wenn auch immer mit dem Text vor mir, zu dem ich arbeite. Rekonstruktion und Weiterentwicklung gehen Hand in Hand.
Wenn es mir wichtig erscheint, dann schreibe ich zum Schluss erneut eine Liste mit allen Begriffen, aber so gekürzt, dass scharfe und prägnante Definitionen entstehen. Dies ist eine sehr reduzierende Arbeit, die dem Text selbst meist nicht gerecht wird, aber ein guter Ausgangspunkt für das eigene Denken.

Reise in die ferne (Bücher-)Vergangenheit

Das wilde Denken

Auch das war es nicht, was ich eigentlich erzählen wollte.
Ich habe mich, so schrieb ich, auf eine Reise in ferne Vergangenheiten begeben, in Folge meines kleinen, ausufernden Programmes. Roland Barthes liegt neben mir, zunächst einmal die wunderbare Einführung von Ottmar Ette: Roland Barthes. Eine intellektuelle Biographie, die 1998 im suhrkamp-Verlag erschienen und mittlerweile leider vergriffen ist; seine Einführung aus dem Junius-Verlag ist ebenfalls gut, setzt aber ganz andere Akzente.
Nun, dieses Buch habe ich seit 15 Jahren nicht mehr (durch)gelesen. Im Moment bin ich dabei, langsam, kontemplativ. Ich verfasse zu jedem Abschnitt 1.) Absatzüberschriften, eine kleine, recht fruchtbare Technik, um sich über Kerngedanken und Argumentationsabfolgen Gedanken zu machen, und 2.) Listen mit wichtigen Begriffen, zum Teil schon mit kurzen, prägnanten Definitionen, die eher scharf als richtig sein sollen, aber für den weiteren Verlauf der Lektüre sehr wichtig sind. Zumal ich auf diese Definitionen immer dann zurückgreifen kann, wenn ich über einen solchen Begriff erneut stolpere.
Dann habe ich die ersten beiden Kapitel aus Lévi-Strauss' Das wilde Denken gründlich durchgearbeitet, aber noch nicht durchkommentiert. Diese beiden Kapitel haben mich schon immer fasziniert, und ihnen habe ich mich in den letzten zwanzig Jahren auch immer wieder gewidmet; meine Kommentare dazu sind vielfältig. Zu Beginn, also etwa 1995, hat mich vor allem der Begriff der Bastelei fasziniert; später wurde das Modell für mich ein Kernbegriff; und neulich, als ich die beiden Kapitel erneut las, habe ich mich am längsten bei den Abschnitten zu Kunst, Ritus und Spiel aufgehalten.

Umarbeiten, umdenken

Bisher habe ich aber immer sehr essayistisch mit diesem Buch gearbeitet. 1995 stand mal eine genauere Diskussion in irgendeinem meiner Arbeitsbücher (resp. meinem "Tagebuch"), aber die ist mir heute kaum noch etwas wert. Ich habe mich zu sehr verändert. Ich habe diese also wiederholt, mit fast denselben Techniken, aber eben von meinem heutigen Standpunkt aus (später, wenn ich mal gestorben bin, und irgendwer meine Texte als interessant entdecken sollte, wird der Vergleich zwischen den beiden Ergebnissen vielfältige Vermutungen zu meinem geistigen Werdegang anstoßen).
Von Lévi-Strauss habe ich dann auch noch Sehen, Hören, Lesen und Das Rohe und das Gekochte gelesen. Ersteres Buch ist neu, auch wenn ich es bereits einmal, vor zwei Jahren, aber nur sehr oberflächlich durchgearbeitet habe.
Zwischendrin lagen dann noch deCerteaus Kunst des Handelns, und Schmids Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst, beides Werke, die ich im vorigen Jahrhundert sehr geschätzt habe, und die ich wieder sehr schätze. Beides sind Werke, die ich gründlicher lesen sollte, insbesondere auch die Kapitel über das Schreiben und all die Anmerkungen zum Kategorisieren (die für das Erstellen von Algorithmen von großer Bedeutung sind).
Ich befinde mich also - gewissermaßen - auf dem Weg in meine eigene, ferne Vergangenheit, hin zu Büchern, die ich vor Jahren mit Begeisterung gelesen habe, deren Aura aber nach und nach verblasst und dünn geworden ist, und die ich jetzt wohl wiederbeleben muss.
(Von Habermas habe ich jetzt einiges gelesen. Dazu aber später wohl mehr.)

Kaputter Computer

Im Moment wird mir meine Arbeit dadurch erschwert, dass mein Computer kaputt gegangen ist. Wieder einmal rettet mich mein Computer, den ich vor zehn, zwölf Jahren in die Ecke gestellt habe, obwohl er noch funktioniert. Aber er ist langsam, manchmal nervtötend langsam. Wartezeiten von fünf Minuten, in denen er herumrechnet und sich keine Eingabe machen lässt, sind häufig. Zudem komme ich nicht an meine externen Festplatten heran, bin also ohne meine ganzen Daten und selbst ohne meinen Zettelkasten.
Mein neuer Computer wurde am Donnerstag geliefert, war aber kaputt: das Betriebssystem wollte sich nicht laden. Am Samstag, also gestern, wurde er wieder abgeholt. Nun warte ich auf den nächsten. Es ist das erste Mal, dass ich solch einen "Ärger" hatte, aber wie immer ist www.one.de da sehr unkompliziert. Nach zehn guten Computern ist das recht verschmerzbar, auch wenn mir die Wartezeit weh tut.

Dozenten, die kürzen

"Mein Dozent will, dass ich meine Literaturliste kürze", teilte mir am Freitag eine Studentin mit, die mitten in ihrer Bachelorarbeit steht. "Aber ich kann das nicht."
Nun, wie ihr wisst (oder auch nicht), betätige ich mich nicht mehr im Feld des Text-Coachings. Da diese Arbeit aber Jugendkriminalität als Thema hat, habe ich zugesagt, einen Blick darauf zu werden.
Insgesamt war die Arbeit etwas roh, wie bei jungen und mit dem wissenschaftlichen Schreiben noch wenig vertrauten Menschen sehr üblich, aber auch eigenständig und gut lesbar. Ein paar scharfe Wendungen in der Argumentation deuteten darauf hin, dass die Autorin bereit war, die üblichen Wege zu verlassen und neue Standpunkte auf das Thema anzudenken. Da das eher unüblich ist, und da diese Wendungen mit einer sorgfältigen Argumentation unterlegt waren, war ich richtiggehend angetan.
Die Literaturliste wies 14 Seiten mit um die 120 Einträge auf; für eine Arbeit, die insgesamt 60 Seiten lang ist, ist das ein durchaus vernünftig Maß. Im Text selbst präsentierte sich die Literatur immer um einen Kern-Artikel herum geschrieben, der dann auch mehrfach zitiert wurde; darum herum versammelten sich Artikel und Bücher, die zum Vergleich und zur Begrifssdiskussion herangezogen wurden.
Meine einzige wirkliche Kritik waren dann auch die vielen Wortwiederholungen, also keine inhaltliche, sondern eine stilistische Kritik.
Was aber wollte nun der Dozent?
Er wollte, dass die Literaturliste auf 3 Seiten gekürzt wird. Drei!
Als wir dann eben ein Gespräch miteinander führten, also die Studentin und ich, und sie mich nochmal, mit einiger Fassungslosigkeit, fragte, ob ich ihr empfehlen könnte, was sie herauskürzen solle, konnte ich nur sagen: Ihren Dozenten.

Ich bin ja gerne etwas fauler, wenn es um die vorher geprüfte Literatur geht. Allerdings muss ich das auch nicht: solche umfassenden Begriffsdiskussionen führen. Mein Blog ist essayistisch angelegt, meine Leser würden ein solches Vorgehen wohl auch nicht schätzen. Aber ich kann das durchaus sehr bewundern, wenn jemand sich solche Arbeit macht und dabei solche Eigenständigkeit zeigt, zumal für ein Schriftstück, welches von allerhöchstens drei, vier Menschen gelesen wird (und manchmal hat man das Gefühl, dass die bewertenden Dozenten die Arbeit noch nicht einmal gelesen haben).

27.01.2017

Noch mehr Clowns

Eins muss man Höcke und der AfD Thüringen lassen: sie haben meine Stimmung heute gewaltig gehoben.
Höcke wurde von der Gedenkstätte Buchenwald ausgeladen. Darauf reagierte die AfD mit "Pauschale Ausladungen sind kein Mittel der Auseinandersetzung"; nun war die Ausladung erstens nicht pauschal, sondern sehr spezifisch (andere Mitglieder des Landtages aus der AfD-Fraktion hatten keine Ausladung bekommen), und was das Pauschalisieren angeht, so dürfte Höcke sich darüber nun so gar nicht beschweren.
Gut fand ich auch, dass die AfD Thüringen von einer "schäbigen Inszenierung" sprach. Höckes Dresdner Rede war ja keineswegs eine schäbige Inszenierung von Zweideutigkeiten, oder habe ich da jetzt was missverstanden?
Was die "nicht hinzunehmenden Grenzverletzung in der politischen Auseinandersetzung" angeht, so ist es vielleicht nicht Höcke selbst, der hier für die unfreiwillige Ironie sorgt, aber zumindest ein Teil seiner Wähler. Merkel, so hört man dort zum Beispiel, sei eine "Schwerverbrecherin, die das deutsche Volk an den Rand der Ausrottung getrieben habe" [sic!]; der Künast solle man "Ketten anlegen und sie in einem Kerker verrotten" lassen. Wunderbar, wie geradezu laissez-fairemäßig darauf die AfD reagiert. Wenn sich eine Partei solche Äußerungen ihrer eigenen Wähler nicht verbietet, was ist dann von ihr noch zu halten?
Ich halte Höcke und zu großen Teilen auch die AfD für eine ernsthafte Bedrohung der deutschen Kultur; sie greift fundamentale Werte unseres Selbstverständnisses an; in der bedenkenlosen Einfalt werden zahlreiche großartige Menschen und deren Einfluss schlichtweg ignoriert. Für mich ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht nur eine Erinnerung an die Verbrechen der Nazis, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Verantwortung eine historische ist: sie ist die conditio eines geschichtsbewussten Menschen. Und das Mahnmal erinnert mich auch daran, wie einflussreich einmal das jüdische Geistesleben für die deutsche Kultur gewesen ist, und wie patriotisch: man denke an Felix Mendelssohn-Bartholdys Elias.
In diesem Jahr kommen mindestens zwei Horrorfilme mit Clowns in die Kinos: die Neuverfilmung von Stephen Kings 'Es', und 'Clownterghost', der vor einigen Tagen angelaufen ist, aber wohl in Deutschland nicht die Lichtsäle erreichen wird. Vielleicht ist es das, was den Höcke gerade so wuschig macht, denn immerhin ist Clownterghost eine Mischung aus Clown und Dämon; und vielleicht will er uns ob dieses herben kulturellen Verlusts ja ein wenig entschädigen.

24.01.2017

"Deutsche Patrioten vereinigt euch"

Würde ich ja gerne, aber 1.) reicht dafür meine Potenz nicht und 2.) muss sich der Höcke dann bittscheen hinten anstellen; dem kotze ich doch dabei glatt auf den Rücken. (Sorry an meine - zumeist - sehr feinfühligen Leser.)
Was gibt es sonst noch von der AfD zu berichten? - Ach ja, der Greisverband Saale übt sich in neudeutscher Stilistik. Nach Kritik aus den eigenen Reihen heißt es dort nicht mehr "Darum rufen wir in Einigkeit und Patriotismus zum gemeinsamen Bundeswahlkampf auf, um die letzte Chance zu nutzen und das System zu stürzen", sondern "... um die letzte Chance, das linksversiffte System aufzubrechen". Mit der Anmut einer Nachtigall, einer Heineschen!
Höcke sei auch, so der reisverband Saale, "durch und durch Patriot". Sollte die Medizin irgendwann mal dieses medizinische Wunder aufschneiden, wird sie eine besonders hohe Konzentration in seiner Galle feststellen.
A propos Einigkeit und Konzentration: neuerdings ist Höcke ja dagegen: "Ich hoffe sehr, dass die AfD ... sich ihren Meinungspluralismus ..." - Kreischverband Saale: "Spalter der Nation" - "... bewahren kann." Also doch so'n Multi-Kulti-Terrorist. Wenigstens hätte er Meinungsvielfalt sagen können.
Die AfD Thüringen hat sich dann noch dahingehend geäußert, die Dresdner Rede habe "viele Menschen verunsichert ..." (mich nicht!). Und erklärt weiterhin: "Wir wenden uns gegen alle Versuche, das Gegenteil [nämlich die Verleugnung oder Relativierung des Massenmords an den Juden] in die Positionen der AfD und ihres Landesprechers Björn Höcke hineinzuinterpretieren." Nun, das so zu verstehen, kann man dann getrost dem Fußvolk der AfD überlassen. Geklatscht und gejohlt haben die dabei.
Höcke sagt auch: "Mit Sorge ...", na die hat er dann wenigstens noch, "... habe ich zur Kenntnis genommen ...", wir verfloskeln mal unsere schöne deutsche Sprache, "... wie die Diskussion über meine Dresdener Rede die sachliche Ebene verließ ...", als ob ich's geahnt hätte, "... und von einigen Parteifreunden ...", hört, hört!, "... für innerparteiliche Machtkämpfe ...", mir stockt der Atem, "... missbraucht ...", nein, wie damals in Köln, in der Sylvesternacht, als die ganze ... oder so was ähnliches, ich kann jetzt gar nicht weiter lesen.
LandkreisSaale schreibt auch: "In der Hand [tragen wir] die blaue Fahne." Trägt man die eigentlich nicht im Mund? - Aber obwohl, man kann ja auch von der Hand in den Mund leben, körperlich wie geistig.

22.01.2017

Zweideutigkeiten und Übertreibungen; Höcke: "Mehr Bodennebel für Deutschland"

Es ist, wohl nicht nur für mich, eine Phase des Umbruchs. Was meine Wenigkeit angeht, so diskutiere ich, fernab vom Blog, Wittgenstein und Barthes, Eco und Peirce; ich lese Hegel, Nietzsche, Arendt, Dewey. Nicht unbedingt in der Reihenfolge, meist "wild" durcheinander, also im Vergleich von Stellen, die mir hier und dort ins Auge gesprungen sind. - Ich bin auf der Suche nach neuen Hintergründen, neuen Perspektiven. War dieser Blog auch eigentlich als ein solcher gedacht, dass ich Wege, nicht Ergebnisse veröffentliche, so hat sich in den vergangenen Jahren doch gezeigt, dass er genau als ein solcher wahrgenommen wurde. Ich beuge mich also, in meinem Schweigen, ein wenig dem Druck der "Straße".

Höcke und die Deutschen

Dass darin eine Rede von Höcke platzt, war abzusehen. Nicht genau diese Rede, nicht unbedingt von Höcke, aber dass es mit großer Wahrscheinlichkeit und einigem Abstand zum letzten "Aufreger" wieder an der Zeit ist, ist nun fast so berechenbar bei der AfD wie die tägliche Dosis "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Ich will nun nicht auf den direkten ethischen und politischen Implikationen dieser Rede herumreiten; andere haben das besser getan, etwa Sascha Lobo. Stattdessen mag ich, noch einmal, die Grundlagen dieser Kritik wissenschaftlich unterfüttern. Dass ich dabei auch auf zwei große Denker der deutschen Geistesgeschichte, Wilhelm von Humboldt und Ludwig Wittgenstein Bezug nehme (und natürlich taucht dahinter dann auch noch der naturwissenschaftliche Goethe auf), darf als indirekter Protest dagegen gelten, dass Höcke behauptet, die Deutschen würden nicht mit ihren "großen Philosophen" in Berührungen gebracht werden.

Das Zeichen, die Konnotation, der Mythos

Das Zeichen

Bekanntlich besteht ein Zeichen aus einer doppelten Gliederung, einmal dem Signifikanten und einmal dem Signifikat. Bei Humboldt wurde dies noch als Lautbild und Vorstellungsbild dargestellt und auch wenn dies heute durch die moderne Semiotik eine wesentliche Erweiterung erfahren hat, lässt sich daran der Unterschied ganz gut erklären.
Das Lautbild ist die materielle Seite des Zeichens, eben jene Wörter, die ich äußere, um mich "verständlich" zu machen; das Vorstellungsbild dagegen ist die seelische Seite, also auch das, was, wenn man Humboldt folgt, die materielle Seite beseelt.
Schon Humboldt war sich im Klaren, dass es hier zwischen zwei Sprechern keinen direkten Kontakt der Vorstellungsbilder geben kann, und dass der Weg über die materielle Seite zwar notwendig, aber doch auch missverständlich sein kann.

Sprachkraft und Grammatik

Um zu erklären, warum sich Menschen trotzdem verstehen, hat Humboldt eine doppelte Strategie verfolgt. Zum einen postuliert er ein Vermögen, ganz im Sinne Kants, welches für die Umwandlung von Lautbildern in Vorstellungsbilder, bzw. umgedreht von Vorstellungsbildern in Lautbildern zuständig ist, die Sprachkraft. Zum anderen sieht er die Funktion der Grammatik darin, dass sie die Vorstellungen präziser auszudrücken helfe.
Dieser letzte Aspekt zielt auf einen psychophysischen Parallelismus ab: die Struktur des Vorstellungsbildes werde in der Struktur der Rede nachgeahmt; als Ideal wäre am Horizont die vollständige Deckung der Vorstellungen durch die Rede anzusehen.
Sprachkraft wäre dann die Fähigkeit, die Gliederung der eigenen Vorstellungen zu erfassen und in eine gegliederte, grammatisch wohlgeformte Rede umzusetzen.

Sprache und Geschichte

Überspringen wir ein Jahrhundert, eines, das sich lebhaft, zum Teil kongenial, zum Teil aber auch unerträglich, mit Humboldt auseinandergesetzt hat. Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich in der Philosophie etwas ab, was man heute gerne als sprachphilosophische Wende bezeichnet. Diese Wende hat allerdings viele Wurzeln, und sie zu datieren dürfte einigermaßen schwer fallen. Man kann aber insbesondere hier die individualisierende Poetik eines Schlegels nennen, bei dem die Vernunft nicht mehr ein allgemeines Menschengut ist, sondern einem individuellen Ausdruck weicht, dann die zahlreichen Versuche, die Geschichte als Entwicklung zu erfassen, angefangen bei Hegel, Marx, Darwin, Nietzsche; keines dieser Werke sagt übrigens die Wahrheit, aber die Kernidee wurde damit etabliert und ist seitdem geblieben: der Mensch ist in seiner Form historisch. Und spätestens seit Nietzsche kann man dem hinzufügen, dass die Sprache(n), die der Mensch spricht, ebenfalls historisch sind. Der Einfluss der Geschichte auf die Art und Weise, wie Menschen ihre Vorstellungen ausdrücken können und welcher Art der psychophysische Parallelismus ist (und ob er überhaupt existiert), ist seitdem ebenfalls eine Art Allgemeinplatz der Philosophie.
Schließlich zeichnet sich auch in der Literatur, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, eine Kehrtwende ab, weg von der klassischen Form und deren unzerrissenem Bewusstsein hin zu einer Literatur des Obszönen und Verfehmten; auch wenn dies in Deutschland eher am Rande passiert ist und die wichtigen Protagonisten (zunächst) in Frankreich, England und den USA zu suchen sind. Die obszöne Literatur ist übrigens nicht im heutigen Sinne zu verstehen: sie ist eine Literatur der Grenzüberschreitung, eine, die herrschende moralische Überzeugungen dadurch unterläuft, dass sie eine andere Wirklichkeit darstellt oder postuliert; der verfehmte Poet ist dementsprechend ein Schriftsteller, der nicht mehr als Vorbild einer guten Lebensweise und einer glücklichen Vernunft dient, wie man dies noch für Goethe behaupten kann, sondern der am Rande der Gesellschaft existiert und mit Vorstellungen zu kämpfen hat, die ihn wie Dämonen heimsuchen und gelegentlich in eine Spirale des Irrsinns treiben. - Jedenfalls wird die Sprache nicht mehr mit jenem idealen Horizont des glücklichen Ausdrucks gesehen, sondern dient der "Aufzeichnung" der Zerrissenheit, Verworfenheit, des Zweifels und der düster andrängenden Bilder.

Sprache als System

1916 trat in Genfer Linguist an, die Sprachbetrachtung noch einmal grundsätzlich zu reformieren. In einem eher bescheidenen Gestus, und zunächst ohne großes Aufsehen postulierte dieser Ferdinand de Saussure, dass die Sprache ein differentielles System bilde, sich also aus Differenzen zusammensetze, und diese Differenzen jenes Netz von Bedeutungen strukturieren würden, über die eine Sprache verfüge.
Zunächst erscheint dieses Postulat recht nebensächlich. Je weiter aber diese Erkenntnis durchdacht wurde, umso schärfer setzten sich die Folgerungen daraus von bisherigen Überlegungen ab.
Wenn es nämlich stimmt, dass die Wörter ihre Bedeutungen nur über die Differenz zu den Wörtern erhalten, die sie nicht sind, dann muss sich die Bedeutungsvielfalt, die einer Sprache möglich sind, anhand der Vielfalt der Differenzen orientieren. Damit kehrt Saussure aber in gewisser Weise die immer noch idealistische Position der Humboldt-Nachfolger um: nicht die Vorstellungen werden mehr oder minder gut in der Sprache ausgedrückt, sondern die Sprache ermöglicht oder verhindert bestimmte Vorstellungen. Bereits Nietzsche hatte das "Ich" als grammatische Fiktion bezeichnet, und in seinen Philosophischen Untersuchungen spricht Wittgenstein davon, dass die Bedeutung eines Wortes in seinem Gebrauch liege (was etwas anderes als das System de Saussures meint, hier aber, auf dieser groben Ebene, in die gleiche Richtung weist).

Konnotation und Metasprache

Die Rede über die Sprache führte rasch dazu, auch das Verhältnis der Zeichen untereinander weiter zu verfeinern. Peirce zeigt in seinen Schriften sehr deutlich, dass das Verhältnis von Signifikant (Lautbild bei Humboldt) und Signifikat (Vorstellungsbild) sehr unterschiedlich sein kann, und dass die Sprache, wie wir sie im gewöhnlichen Sinne verstehen, willkürlich ist: weder "Hund", noch "dog", noch "chien", noch "sabarka" sieht wie ein Hund aus oder benimmt sich wie ein Hund. Die Bezeichnungen sind willkürlich und erlangen erst durch die historischen Entwicklungen und kulturellen Gewohnheiten ihre Notwendigkeit.
Damit konnten Zeichen aber auch wieder als Gesamt zu Teilen von anderen Zeichen werden: die Semiotik entdeckte die Verschachtelung der Zeichen. So konnte ein bestimmtes Zeichen entweder Signifikant oder Signifikat sein. Tatsächlich hat dies Roland Barthes dann auch ausdrücklich so erläutert:
Ist ein Zeichen das Signifikat eines anderen Zeichens, handelt es sich um Metasprache, eine Rede über die Zeichen; ist dagegen ein bestimmtes Zeichen der Signifikant eines anderen Zeichens, ist dies eine Konnotation: unter der "eigentlichen" Bedeutung eines Zeichen liegt gleichsam eine "zweite", "sekundäre" Bedeutung, ein Mitgemeintes.
Machen wir uns dies an einem unverfänglicheren Beispiel als dem der Höcke-Rede klar: wenn im Homo faber eine Schlange auftaucht, noch dazu an einer Stelle, die eine Art paradisischen Zustand beschreibt, dann kann man (muss man aber nicht) an den Sündenfall denken. Der Sündenfall wird nicht ausgesprochen, er könnte vom Autor sogar bestritten werden; trotzdem drängt er sich auf. Dieses Sich-Aufdrängen ist eine Erweiterung des "eigentlichen" Verständnisses, die trotzdem sie nicht in Worten geschrieben steht, doch in gewisser Weise im Text eingeschrieben ist, aber als Struktur, mithin als eine Art Grammatik. Schlange + paradisischer Zustand + nackter Mann/nackte Frau ergibt eine Parallele, die die Idee des Sündenfalls auftreten lässt. Dass es sich dabei nicht um die in der Schule so beliebte Satzgrammatik handelt, dürfte klar sein; ich benutze hier Grammatik in einem weiteren Sinne als alle Ordnungsleistungen, die sprachliche Partikel untereinander verknüpfen, nicht nur zu Sätzen, sondern auch zu Textmustern, Bedeutungsmustern, historischen (und kulturspezifischen) Formen.

Mythos: Konnotation der Konnotation

Wenn man die einmal verschachtelten Zeichen weiterdenkt, kann man sich auch zweimal verschachtelte Zeichen vorstellen.
Ein Zeichen A ist Signifikant eines Zeichen B, und dieses wiederum ist Signifikant eines Zeichen C, was man wie folgt darstellen kann A/(B/(C/x)). x ist somit jene "dritte" Bedeutungsebene, die aus der Konnotation einer Konnotation entsteht.
Nun muss man hier, zum besseren Verständnis, einen Zwischenschritt einlegen: bisher habe ich den Signifikant (also die materielle Seite des Zeichens) so behandelt, als sei dies eine einfache und kompakte Einheit. Tatsächlich kann dieser sich aber über ein breiteres "Gebiet" erstrecken, wie im Homo faber, bei dem die idyllische Szene am Strand, das Baden von Walter und Sabeth und die Schlange einen komplexen Signifikanten bilden. Erst diese zusammen konnotieren dann die Vertreibung aus dem Paradies.
Ähnlich ist es nun bei der dritten Bedeutungsebene: diese bildet sich wiederum meist aus einem breiter ausgestreuten Signifikanten. Diesen Zusammenhang bezeichnet Roland Barthes dann als Mythos.
Hierzu lässt sich ein einfaches Beispiel angeben: indem die rechte Presse ausschließlich von Asylanten berichtet, die Verbrechen begehen (und niemand wird bezweifeln, dass es solche gibt), indem sie, ohne auf logische Zusammenhänge zurückgreifen zu müssen, von Erniedrigungen deutscher Bürger berichtet, indem beständig auf die Unfähigkeit und die Absurditäten - gerne auch aus gewolltem Unverständnis heraus - hingewiesen wird, entsteht hier der Mythos eines in den Abgrund schlitternden Deutschlands. Die Wiederholung von Zeichen (z.B. eines Verbrechens), von Konnotationen (z.B. nur Asylanten) und von Mythen (z.B. alles in Deutschland ist elend) etabliert eine bestimmte Form des Sprechens.
x, wie es oben in der Formel auftaucht, steht für den Mythos.

Die Hohepriester: die mythische Metasprache

An dieser Stelle tauchen dann Figuren auf, die den Mythos interpretieren. Barthes bezeichnet sie als Hohepriester. Der Hohepriester ist die Gegenfigur des Grammatikers.
Was macht der Hohepriester? Kurz gesagt verfertigt er eine Metasprache vom Mythos auf der Grundlage einer vom Mythos geschaffenen Grammatik, was auch bedeutet, dass er den Mythos nicht verlässt.
Zunächst ist die Metasprache eine Art Gegensprache zur Konnotation: in ihr wird das Zeichen zum Signifikat; die Vorstellung, was Sprache ist, wird sprachlich auf einer zweiten Ebene ausgedrückt. Das Problem jeglicher Metasprache ist dabei natürlich, dass es die Sprache nicht verlässt und damit auch wieder Konnotationen transportiert. Trotzdem kann man, um der Einfachheit halber, zunächst folgende Formel für die Metasprache aufstellen: C/(A/B), wobei C hier für die Metasprache steht. A/B steht hier meist ebenfalls für einen Komplex, diesmal einem komplexen Signifikat.
Der Hohepriester entwickelt nun eine Metasprache, deren Ziel die Auslegung des Mythos ist. Was die ganze Sache hinreichend verwirrend macht, denn hier greifen Mythos und Metasprache so ineinander, dass sie eine nur schwer zu überschauende Bewegung bilden, die sich auch mit der Formel für den Hohepriester lediglich annähernd erfassen lässt:
A/(((h/(C/x))/B)/(C/x)). h, das hier für den Hohepriester steht, legt Konnotation und Mythos auf Grundlage des Mythos aus, verfährt also selbstreferentiell und geschlossen in einem System in sich abgeschlossener Bedeutungen. Es handelt sich um eine aus dem Mythos gewonnene Metasprache, die sich als objektiv darstellt, aber aufgrund eines bereits eingeschränkten Sprachverständnisses.

Höckes Rede

Der Kulturverleugner

Wie sehr Höcke diesen Mythos noch herstellen muss (und zum Glück bedeutet das immer noch ein Stück sprachlicher Arbeit; zum Glück lässt sich dies immer noch deutlich lesen), zeigt seine Dresdner Rede. Es ist nicht das Problem der Deutschen und der deutschen Kultur, wenn Höcke meint, diese (und ihre Geschichte) werde in Deutschland mies gemacht. Unseren (also: "unseren") großen Humboldt, den kennt der Höcke nicht. Seine Bedeutung für die Sprachwissenschaft, die deutsche, die internationale, ebenfalls nicht. Und dass Höcke nicht einen Blick in ein Lehrbuch für Deutsch in der Oberstufe geworfen hat, wo Humboldt natürlich diskutiert wird, das verschweigt er uns auch. Höcke verleugnet, wohl mehr aus Dreistigkeit denn aus Dummheit, die Kultur und ihre Einflüsse, die natürlich auch in Deutschland (oder eigentlich hier: dem ehemaligen Preußen) existiert hat. Womit sich natürlich die Frage stellt, wer hier eigentlich Deutschland oder das Deutsche (oder was auch immer man dafür an Bezeichnungen wählen möchte, unverfänglich ist wohl keine mehr) verleugnet und mies und madig macht.

Zweideutigkeiten

Dafür wirft er mit Zweideutigkeiten um sich: sicherlich, das Holocaust-Denkmal als "Mahnmal der Schande" zu bezeichnen, das impliziert noch nichts. Es ist, dank deutscher Genitiv-Konstruktionen, mehrdeutig. Eine eindeutige Bedeutungszuweisung ergibt sich erst auf der Ebene der Konnotationen; und hier ist doch klar, dass in diesem Umfeld Schande nicht als ein Eingeständnis sondern als eine unerlaubte Zumutung begriffen wird. Der Kontext und die Konnotation machen die Eindeutigkeit, nicht die Worte selbst. Dass Höcke in diesem Fall sich mit der wörtlichen Bedeutung verteidigt, ist wiederum nur eine Konnotation: er wechselt den Kontext und behauptet, er habe halt jenen Kontext gemeint und nicht den, in dem er die Rede gehalten hat.

Übertreibungen

Übertreibungen, so hatte ich mal zu einer Diskussion einer Passage von Judith Butler zusammengefasst, haben den großen "Nachteil", mehrdeutig zu sein, bzw. weiß man nicht, ob sie wertstabilisierend oder wertzersetzend sind. Eine Übertreibung treibt einen bestimmten Wert ins Extreme. Das kann zum einen dazu dienen, diesen besonders wichtig und deutlich zu machen; auf der anderen Seite kann es aber auch dazu führen, dass dieser Wert in seiner Lächerlichkeit und Disharmonie bloßgestellt wird.
Dass die deutsche Kultur in der Schule nicht mehr diskutiert wird, das ist eine so lächerliche Behauptung, dass ich hier einfach mal aus dem Oberstufenlehrbuch des Dudens die Autoren zitiere (ab Seite 230): Watzlawick (ein Amerikaner, österreichischer Migrant), Bühler (während NS-Zeit emigiert), Schulz von Thun, Loriot, Gabriele Wohmann, Tena Stivicic, Barack Obama, Walter Jens, Kurt Tucholsky, Judith Hermann, Theodor Storm, Heinrich August Pierer (Herausgeber des Universal-Lexikons von 1840), Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Sevgi Özdamar (deutsche Autorin, türkischer Migrationshintergrund), Aras Ören (türkischer Autor, wohnhaft in Berlin), Franz Kafka, Friedrich Schiller, Heinrich Heine, Gottfried Keller, usw. (ich ende mit meiner Aufzählung auf S. 261).
Wir lernen 15 "rein deutsche" Autoren kennen, 3 emigrierte (Heine, Watzlawick, Bühler), 1 deutsch schreibende Autorin mit migrantischem Hintergrund (Özdamar), 1 in Deutschland lebenden aber türkisch schreibenden Autor (Ören), 2 Autoren, die weder emigiert noch immigriert sind (Stivicic, Obama). Lässt man die Erwähnung der beiden türkischen AutorInnen beiseite, die eben nur namentlich angeführt werden, haben wir ein Verhältnis von 15 : 5, bedenkt man weiterhin, dass Heine und Bühler fast ihr ganzes Werk auf Deutsch verfasst haben, dann ein Verhältnis von 17 : 3. - In dem gesamten Oberstufenwerk sieht es nicht anders aus.
Muss ich nun auf die Werke für den Geschichtsunterricht zu sprechen kommen, in denen selbstverständlich die Zeit der Reformation und des 30jährigen Krieges genau so behandelt werden, wie die Zeit der Medlevinger und Karolinger, des Postnapoleonismus und der Gründungszeit der Bundesrepublik Deutschlands? Ich weiß ja nicht, wie Höcke seinen Geschichtsunterricht durchgeführt hat, aber wenn das Einzige, was von seinem eigenen Unterricht bei ihm hängen geblieben ist, die Zeit der Judenverfolgung gewesen ist, dann muss er tatsächlich ein ziemlich lausiger Geschichtslehrer gewesen sein und wir müssen Gott oder wem auch immer dafür danken, dass er nicht weiter die deutsche Bildung mit seinem reduzierten Geschichts- und Unterrichtsverständnis verschandelt.

Höckes lausige Bildung

Was also wird hier kritisiert oder lächerlich gemacht? Nun, Höcke meint, er kritisiere das Bild, das Deutschland von sich selbst habe, und dass dieses Bild ein mieses, gar garstiges sei. Aber nein, sobald man nämlich den Kontext verlässt, sieht man ein ganz anderes Bild, eines, das immer noch an Deutschland als einem Land großer kultureller Erzeugnisse interessiert ist. In den letzten zwanzig Jahren durften wir alleine drei Literaturnobelpreisträger unser "eigen" nennen, Günther Grass, Elfriede Jelinek, Herta Müller. Ist das nichts? Ist das ein Zeichen dafür, dass die deutsche Kultur nicht ernst genommen wird?
Lese ich nicht gerade ein höchst kluges Buch über Kant, geschrieben von einem Amerikaner (Karl Amerik: Kant and the Fate of Autonomy); und habe ich nicht vor vier Jahren mehr englischsprachige Symposien über Max Frisch gefunden als deutsche? -
Keinesfalls möchte ich aber hiermit andeuten, dass Höckes Bildung lausig ist; nichts läge mir ferner und wer immer die Überschrift in diesem Sinne versteht, kennt die Tücken des deutschen Genitivs nicht; es läge mir nicht nahe, Höcke als ein Mahnmal der Schande zu bezeichnen, und ihm daraufhin ein Denkmal mitten in Berlin zu setzen. Nein, das liegt mir so fern, dass ich sogar meine, dass sich Höcke in einer solchen Ferne aufhält, dass er mit Deutschland eigentlich recht wenig zu tun hat, und irgendwo in Arabien oder Afrika oder auf einer südpazifischen Insel wohnen müsste, so fern liegt mir die Bildung von Höcke.

Schluss: "endlich Bodennebel"

Jürgen Elsässer sieht gerade eine Hexenjagd auf Höcke; dem muss ich dann, wieder ernst geworden, widersprechen. Erstens muss, wer selbst Hexenjagden veranstaltet, damit rechnen, dass sich schließlich die Gejagten umdrehen und sich fragen, wer sich hier das Recht herausnimmt, alles, was nicht seiner im Gemütszustand einer total besiegten Bildung geäußerten Meinung entspricht, zu verfolgen. Zweitens rücken diejenigen, die diese Rede als Nazi-Rede bezeichnen, die andere, durch die Konnotation ebenfalls mögliche Deutung ins rechte Licht; eben bovis licet, quoque Jovis licet.
Als Grammatiker, und dies ist der dritte Weg, diese Rede zu betrachten, kann ich nur sagen, dass Höcke entschieden Bodennebel verbreitet (man könnte dies als Vollverschleierung bezeichnen); wer diesen nicht durch einen scharfen Blick auf die Funktionen der Sprache vertreibt, sieht die Hand nicht mehr vor Augen und hält die Weiden am Wegesrand für menschenfressende Trolle und todbringende Gespenster.
Höcke ist keinesfalls angetreten, die deutsche Kultur zu retten; dem Zustand seiner Rede nach zu urteilen tritt er sämtliche Tugenden, auch die von ihm beschworenen "preußischen" mit Füßen: die Gewissenhaftigkeit, die Wissenschaftlichkeit, die Liebe zur eigenen Sprache und zur Wahrheit, das Pflichtgefühl dem eigenen Volke gegenüber; wohl aber, wie ich meinen möchte, aus einem Unverständnis heraus: es war Wagner, der zu einem Beethoven-Konzert folgende Kritik verfasst hat, die man hier analog zu Höcke setzen kann: der Dirigent bemühe sich, "die Musikphrasen nachsprechen zu lassen, die er selbst nicht verstand, und ungefähr nur so sich zu eigen gemacht hatte, wie man wohlklingende Verse dem reinen Klange nach auswendig lernt, die in einer, dem Recitator unbekannten Sprache verfasst sind".

01.01.2017

Farbwörter

Woher weiß ich denn, dass eine Farbe in einem Farbwort „enthalten“ ist? Denn das Wort ist ja nicht in dieser Weise farbig, und die Farbe des Wortes spielt für das Farbwort keine Rolle.
Man könnte auch so fragen: warum ist das Farbwort ›rot‹ schwarz?
Und genauso verhält es sich mit den Hauptwörtern: warum sieht das Wort ›Hund‹ nicht wie ein Hund aus und warum bellt es nicht?
(Sprache repräsentiert nichts, aber sie regt uns an, uns eine Ähnlichkeit zu machen, eine Vorstellung von etwas. Je weniger ein Wort mit einer Vorstellung durch Ähnlichkeit verbunden ist, und dies gilt für die meisten Wörter, umso mehr müssen wir uns auf konventionelle, durch Gewohnheit erworbene Vorstellungen verlassen.)

19.12.2016

Gauland in der Prinzessinenwelt

Es gibt wunderbare Bücher, die einen ganz gefangen nehmen; und derzeit lese ich ein solches. Dann aber schaut man sich die Nachrichten an, und es bleibt doch einige Ernüchterung zurück, manchmal mehr, manchmal weniger. Heute war es wieder einmal mehr.
Grund dafür sind Aussagen von Alexander Gauland, dem stellvertretenden AfD-Vorsitzenden. Abgesehen davon, dass er Unsicherheiten so interpretiert, dass sie klar werden, vergleicht er auch auf eine Weise, die vollkommen hinkt.

Angela Merkel und die wachsende Aggressivität

Woher die zunehmende Aggressivität kommt, sollte eigentlich hinreichend unklar sein. Man könnte hier von einer „Multi-Problem-Konstellation“ sprechen (obwohl ich dieses Wort überhaupt nicht mag: aber ich habe es in einem Zusammenhang kennengelernt, indem es als Ausrede dafür benutzt wurde, dass man eh nichts ändern kann).
Gauland allerdings weiß, dass Angela Merkel daran schuld ist. Entweder ist diese Aussage doof oder heuchlerisch: selbst wenn Gauland nicht dumme Sprüche gerissen hätte (Boateng!), so hört man es doch allenthalben und immer wieder aus seiner Partei; und ansonsten empfehle ich Gauland einfach mal einen Blick auf Facebook und wer da so alles für die AfD ist. Dass sich Rassisten und Faschisten in ihren Begründungen bei der AfD reichlich bedienen, dürfte dann augenfällig sein.
Aber natürlich kann man der AfD auch nicht alleine die Schuld geben. Multi, d. h. eben viel, und hier gibt es viele Probleme, die zusammenwirken. Zum Teil können es auch alte Traditionen sein; ich habe mich einmal Zuge meiner Auseinandersetzung mit Christa Wolf auch mit Tagung des Zentralkomitees der DDR 1965 beschäftigt, die für die Künstler der DDR einschneidend und zum Teil schwer beschränkend war. Diskussionen um dieses Ereignis herum erinnern mich immer wieder an Diskussionen mit AfD-Mitgliedern und an Aussagen von AfD-Politikern. Und es mag sein, dass die AfD hier die Stasi mehr beerbt hat, als man es den Linken jemals vorwerfen kann. Dass sich solche Diskussionsregeln nach evolutionären Regeln verfestigen, also in gewisser Weise auch etwas Zufälliges darstellen, erschwert eine Verantwortungsübernahme. Häufig sind die Betreffenden selbst besonders blind dafür.

Eine politisch-„philosophische“ Diskussion

Dann kommt Gauland noch mit einem Vergleich. Zunächst sagt er sehr richtig, dass „Karl Marx nicht verantwortlich ist für die Verbrechen Stalins“. Das liegt unter anderem daran, dass wesentliche Unterdrückungsinstrumentarien, wie sie zu Zeiten des Stalinismus angewandt wurden (Gulag, Schauprozess, staatliche Zensur) von Marx nicht propagiert wurden. Das liegt aber auch daran, dass Marx 1883 gestorben ist, also etwa 35 Jahre bevor die ersten Pflänzchen stalinistischen Terrors ihre Blüten trieben (das Veröffentlichungsverbot für Bachtin wurde, wenn ich mich recht entsinne, 1928 ausgesprochen).
Rein sachlich lässt sich damit ein Vergleich zu Aussagen der AfD zur Flüchtlingssituation nicht in solcher Stärke ziehen. (Ich drücke das deshalb so vorsichtig aus, weil man natürlich immer alles mit allem vergleichen kann, und weil jeder Vergleich erlaubt ist: nur manchmal fällt das Ergebnis eines Vergleichs deutlich auf die Seite des ›nicht gleich‹. Ich mag also den Satz ›Das kann man doch nicht vergleichen‹ nicht, besonders dann nicht, wenn ein Vergleich naheliegt.)
Ich wiederhole: die Schriften von Karl Marx entstanden in großer zeitlicher Distanz zum Stalinismus, zudem gab es gravierende inhaltliche Differenzen. Erinnern wir uns daran, dass Teile des politisch-ökonomischen Manuskripts in der UdSSR zensiert waren; erinnern wir uns auch daran, dass Rosa Luxemburg die Art und Weise, wie Lenin die kommunistische Revolution in einen Staat fortsetzen wollte, heftig kritisiert hat -, dass also Karl Marx keineswegs den Stalinismus determiniert hat.
Die Aussagen der AfD sind dagegen als gleichzeitig zu der Hetze gegen Asylanten zu werten. Zudem wird aus den Reihen der AfD zum Teil Verständnis für diese Hetze aufgebracht, zum Teil wird sie stillschweigend geduldet, zum Teil mit Argumenten beliefert. Das ist umso bitterer, als viele dieser Hetzereien auf dem untersten intellektuellen Niveau stattfinden, einem Niveau also, welches von Seiten eines Sarrazin gerade auch arabischen Flüchtlingen unterstellt wird (also das Niveau, nicht die Hetzereien selbst). Hat sich jemals ein AfD-Mitglied abfällig über Brandstiftung bei Asylantenheimen oder Gewalt gegen Ausländer geäußert?

Die Spaltung der Gesellschaft

Oder nehmen wir die Proteste gegen das gender Mainstreaming. Wie bereitwillig sind diese aufgenommen worden, wie bereitwillig werden diese jetzt als unwissenschaftlich dargestellt, wie sehr werden auch gewisse Plärrer (z.B. der Pirinçci) nicht in ihre Schranken gewiesen. Die Schärfe des Problems wird erst klar, wenn man sich mit der gender-Theorie etwas gründlicher auseinandersetzt. Tatsächlich ist der Begriff als solcher nicht nur wissenschaftlich, sondern sogar biologisch plausibel (dass diese Plausibilität ausreichen muss, liegt daran, dass sich Gehirne in vivo nur bedingt untersuchen lassen und es damit keine ausreichenden empirischen Daten zu konstruktiven Leistungen einzelner Gehirne gibt: allerdings betrifft diese Einschränkung alle psychologischen Begriffe, z.B. auch die Intelligenz – ein Höcke will aber nicht, zumindest nicht auf dem Papier, die Intelligenz abschaffen).
Zur Kritik, also auch zur Kritik der gender-Theorie, gehört, die Reichweite eines Begriffs zu diskutieren; unkritisch ist dagegen, diesen aufgrund von Mythen oder mythischen Behauptung abzulehnen, oder ihn - das ist das Gegenteil - unkontrolliert und für alles tauglich durchzuwinken. Man kann die deutsche Debatte um das gender Mainstreaming nun keineswegs zum Bravourstück erklären, wohl auf beiden Seiten nicht. Dass durch einige schrille Töne auf der einen Seite und noch krudere Missdeutungen auf der anderen ein Begriff unwissenschaftlich sei, ist lästig. Wird dies zur Parteienpolitik erhoben, so wie die AfD dies tut, wird der Gedanke der Aufklärung vollends aufgegeben.
Es ist also augenfällig, dass die AfD etwas zu häufig auf „die da“ und „wir hier“ Bezug nimmt, mithin also ein ausgeprägtes Freund/Feind-Denken pflegt. Und dies ist wohl die Grundlage für jegliche Spaltung.
Niemand sollte an dieser Stelle denken, dass ich mit der Bundesregierung glücklich bin. Kritik ist notwendig. Es gibt aber Kritik, die alles verschlimmert; das ist z.B. eine Kritik, an deren Horizont die Vernichtung von Menschen ahnbar wird, die angeblich an allem schuld sind.

Ein Stinktier auf dem Weg nach Disney World

Eine Sache, so muss ich ja gestehen, hat mir auch großes Vergnügen bereitet, wenn auch ein sehr zynisches: Gauland erdreistet sich doch tatsächlich, die Diskussion um die Flüchtlingsströme und die Flüchtlingskrise als philosophisch zu bezeichnen. Ich muss nun stark annehmen, dass er damit auch seine eigene Partei meint. Eine solche Einordnung ist völlig an den Haaren herbeigezogen. Was da aus den Reihen der AfD kommt, lässt sich nun mal nicht veredeln. Das lässt sich auch nicht mit Adorno veredeln, den Gauland ebenfalls herbeizitiert. In der Philosophie wird argumentiert, aber auch provoziert. Dass Philosophie keine Wirkung habe, wäre wohl auch eine Absage an die Philosophie: sie würde zu einer „schönen Kunst“. Adorno jedenfalls hat sich nie positiv über die Studentenproteste geäußert; einmal soll er sogar die Polizei gerufen haben, als Studenten seinen Hörsaal besetzten, um eine aktuelle Diskussion zu erzwingen. Wirkung allerdings wollte Adorno schon haben; hier und da in seinem Werk äußert er sich auch dazu, welche Wirkung er sich wünscht. Wenn aber ein Werk eine Wirkung auslösen sollte, die dem Verfasser des Werkes widerspricht, so muss dieser sich äußern, sofern er es noch kann. Marx konnte nicht dem Stalinismus widersprechen; Luther aber konnte den Fehldeutungen seiner Schriften widersprechen, und hat es getan, Adorno ebenso. Die AfD könnte es (ob das, was sie von sich gibt, nun philosophisch ist oder nicht), aber sie tut es nicht. Von Gauland kommen keine mahnenden Worte, dass diejenigen, die die Gewalt ausüben, sich vielleicht um ein besseres Benehmen bemühen; im Gegenteil: Merkel trage die alleinige Schuld, als ob sie jetzt persönlich Ausländer verprügeln und Asylantenheime anstecken würde.
Gaulands Argumentation hinkt also vorne und hinten. Sie entlastet die Gewalttäter, sie konstruiert ein Feindbild, das sich auf Merkel zusammendampft, und sowieso scheint dieser „gute Mensch“ ein recht schlichtes Gemüt zu haben. Es wird wohl, zumindest in der Fantasie Gaulands, ein happy-end in Pastellfarben geben. In Amerika nennt man so etwas disneyfication.

15.12.2016

Regeln für einen Ritter

Man kann Tugendlehren sehr tiefgründig gestalten, aber man kann sie auch sehr einfach halten. Wo diese tiefgründig durchdacht werden, ziehen sie meist anthropologische Grundlagen hinzu; aus der Lehre, was der Mensch sei, wird die Lehre abgeleitet, wie der Mensch sich um sich selbst zu sorgen habe, um ein gutes oder aufrichtiges oder reiches oder glückliches Leben zu führen. Andere, einfachere, empfehlen bestimmte Verhaltensweisen.
Es gibt dazu zahllose Bücher, mal solche, die esoterisch das Glück in den Sternen suchen, mal solche, die als Ziel den inneren, aber vor allem den äußeren Reichtum proklamieren. Es gibt, um es deutlich zu sagen, zu viele von ihnen, und zu viel Bedeutungsnebel und Wortdunst in ihnen.

Rules for a Knight

Neulich habe ich ein schönes, kleines Buch gefunden, geschrieben von Ethan Hawke, der nicht nur als Schauspieler in einigen guten Filmen mitgespielt hat, sondern auch bereits zwei Romane veröffentlicht hat, die beide zumindest für renommierte Preise nominiert waren.
Dieses Buch hat es mir gleich angetan, denn das Thema trifft sich mit meinen aktuellen Arbeiten sehr gut: es ist eine Tugendlehre, eingebunden in eine Rahmenhandlung und illustriert durch Erklärungen und kurze Anekdoten.
Dann aber konnte ich das Buch doch nicht sofort lesen, denn etwa eine halbe Stunde, nachdem ich dieses Buch gekauft hatte, habe ich es verschenkt. Zu der Buchhandlung bin ich dann erst wieder am Montag gekommen, und tatsächlich hatten sie das Buch noch in der englischen Originalfassung vorrätig; allerdings liegt auch eine deutsche Übersetzung vor.

Ein letzter Brief

In der Rahmenhandlung schreibt Sir Thomas Lemuel Hawke seinen Kindern einen Brief; er schreibt diesen Brief am Vorabend einer Schlacht, in Erwartung seines Todes auf dem Schlachtfeld. Die Kinder sind noch jung, und so ist der Brief nicht nur als Zeichen der Dankbarkeit und der Liebe geschrieben, sondern auch als eine Lehre für das spätere Leben. Der Verfasser berichtet, wie sein eigener Großvater, ein Ritter, ihn als Pagen akzeptierte, und welche Lehren sein Großvater ihm in den folgenden Jahren mit auf den Weg gab.
Es sind zwanzig Tugenden, bzw. zwanzig Blickwinkel auf das eigene Leben (also: zwanzig Sorg-Falten), die in kurzen Kapiteln dargestellt werden. Zunächst gibt es eine Einleitung, die entweder eine Definition enthält, oder den Vorteil dieser Tugend herausstreicht, oder den Nachteil, wenn man dieser Tugend nicht folgt. Dem folgt jeweils eine Anekdote, in die Maximen (also Handlungsempfehlungen) eingeflochten sind; zum größeren Teil sind diese Anekdoten vor allem erzählend, zum Teil aber auch durch philosophische Betrachtungen eingeleitet oder beendet.

Vergebung / Forgiveness

In dieser Anekdote zeigt der Autor, dass Vergebung nicht nur anderen Menschen gilt, sondern indem wir ihnen vergeben, vergeben wir auch uns selbst. Der bemerkenswerteste Satz in diesem Kapitel allerdings betrifft das Streben nach Perfektion, also nach einer perfekt erfüllten Tugend, und der Art und Weise, wie wir (oder der Ritter) diese Tugend im Moment erfüllen können (nämlich nicht ganz so perfekt). Der Autor schreibt:
To head north, a knight may use the North Star to guide him, but he will not arrive at the North Star. A knight's duty is only to proceed in that direction.
In der Anekdote erzählt der Ritter, wie seine Frau einen jungen, verwöhnten Knappen aus einer unangenehmen Lage befreit hat, aber keine Dankbarkeit erfuhr. Noch Stunden danach ärgert sich der Ritter über das Verhalten des Jungen, woraufhin seine Frau ihm erklärt, dass sie dem jungen Burschen bestmöglich geholfen hat, um sich jegliches weitere Nachdenken oder Sorgen zu ersparen. Sie hat nur die Bürde für die Zeit getragen, in der sie geholfen hat, während er den Knappen auf dem ganzen Heimweg „mitgenommen“ habe. Einem Menschen sein Missverhalten zu vergeben und ihm trotzdem Hilfe anzubieten, befreit uns von jeglicher weiteren Sorge um ihn.

Disziplin / Discipline

Disziplin, so der Autor, schaffe eine Struktur und Ordnung, innerhalb der Freiheit möglich sei:
Oddly, with discipline, structure, and order, you will find there is freedom. Inside this kind of freedom, anything is possible.
Disziplin sei vor allem die Verantwortlichkeit für sich selbst; und verantwortlich sei man, wenn man sich dafür entscheidet, immer das Beste zu geben. Das Beste heißt hier allerdings nicht, sich zu verausgaben, sondern streng nach seinen Tugenden zu leben. Die aus der Anekdote gewonnene Schlussfolgerung ist zunächst überraschend, dann aber sehr plausibel: wer nach seinem eigenen Kompass lebt, bricht mit den Manipulationen durch Schuld und Angst.
A healthy conscience should be used like an internal compass: it is yours, not an instrument for others to play.

Schluss

Das Buch kommt ohne großen Anspruch daher: es möchte Wege aufzeigen, und das gelingt ihm hervorragend. Die Anekdoten sind schön erzählt; die Lehren sind warmherzig. Immer wieder betont der Verfasser, dass die Tugenden (oder Regeln) für beide Geschlechter gleichermaßen gelten, dass Fürsorge keine weibliche Eigenschaft sei, genauso wenig wie Mut eine männliche; und im eigentlichen Sinne sind es auch gar keine Eigenschaften, sondern Richtlinien, die man verfolgen soll, und durch die man zum Ritter, bzw. zur Ritterin wird.
Wer nicht einigermaßen gut Englisch kann, sollte zur deutschen Fassung greifen; die Sprache ist reich und durch relativ viele ungewöhnliche, zum Teil altertümliche Wörter geprägt. Sie sind treffend gewählt, und dadurch wird der Satzbau und die Darstellung kurz und präzise, doch wer hier für jeden zweiten Satz zum Wörterbuch greifen muss, wird wenig Vergnügen am Inhalt finden.
Ein Kapitel, muss ich gestehen, hat mich besonders begeistert: Aufrichtigkeit / Honesty. Darin findet sich der wunderbare Satz
The facts are always friendly.
Dass dies nicht nur ein Spruch ist, sondern durch den gesamten Text eine zutiefst humane Leuchtkraft erhält, darf jeder selbst lesen.

Das ist ein Wort zur richtigen Zeit!

Das Problem von Kriminellen mit migrantischem Hintergrund wird von Christian Pfeiffer deutlich benannt:
Gewalt sei nicht kulturell zu bestimmen, sondern vor allem eine soziale Frage. Als Risikofaktoren nennt Pfeiffer Arbeitslosigkeit und mangelnde soziale Integration. „Wenn diese Faktoren bei Deutschen zutreffen, steigt auch bei ihnen das Kriminalitätsrisiko.“
Auch beim Anzeigeverhalten gebe es bei deutschen und migrantischen Kriminellen eine Diskrepanz, die die Kriminalstatistik verfälsche:
„Die Anzeigebereitschaft ist viel größer, je fremder der Täter ist.“ Der ausländische Mann, der eine Frau hinter die Büsche ziehe und vergewaltige, habe eine hohe Anzeigequote. Der vertraute Arbeitskollege, der Chef oder auch der Partner, der das Gleiche tue, werde dagegen deutlich seltener angezeigt.
Nachzulesen ist das Ganze hier: "Es ist in der Kriminalstatistik Vorsicht geboten"
Das ist ein Beobachtung, die ich seit Jahren immer wieder auf meinem Blog zum Besten gebe; sofern ich im Wedding, im 'arabischen' Viertel einkaufen gehe, erlebe ich sehr fleißige, freundliche und bescheidene Menschen. Wenn ich dann die - durchaus nicht repräsentativen - Deutschen in diesen seltsamen Internet-Foren und auf Youtube ansehe, erlebe ich das Gegenteil: denkfaul, missgünstig, anmaßend.
Glücklicherweise gibt es eine einfache Möglichkeit, sich diesen hassgeschwollenen, kulturlosen Menschen zu entziehen: weghören, wegsehen.

13.12.2016

Der versteinerte Zeuge


Neben vielen anderen Sachen lese ich seit dem Sommer immer und immer wieder einen Artikel von Donald P. Spence, Das Leben rekonstruieren. Darin wird die Entstehung einer Erzählweise behandelt, die auf eine „faschistische Geisteshaltung“ schließen lässt. Nun hat mich dieser Artikel zu allerlei fruchtbaren Betrachtungen angeregt, aber er hat mich auch zugleich sehr verstört, um nicht zu sagen abgrundtief geärgert.

Die (quasi-)„faschistische“ Erzählung

Zunächst sieht Spence einige typische Merkmale in dieser Art der Erzählung: Sie besteht aus einer Stimme und einer These; Erzähler und Opfer sind deckungsgleich oder zumindest stark solidarisch; die wichtigen Schlussfolgerungen der Erzählung sind nicht diskutierbar, entweder, weil nur der Erzähler Zeuge dieser Ereignisse war, oder weil sich aufgrund der schweren moralischen Verletzung eine andere Interpretation verbietet. Dazu führt Spence zwei inhaltlich sehr verschiedene Erzählungen an.

UFO-Entführungen und sexueller Missbrauch

Die eine Erzählung thematisiert die Entführung durch Außerirdische; die andere den sexuellen Missbrauch. In beiden Fällen versucht sich der Erzähler Gehör zu verschaffen; mehr aber noch wird ein uneindeutiges Selbstbild durch eine solche Erzählung eindeutig und stabil:
Auch sein sich ständig änderndes Selbstbild macht dem modernen Menschen zu schaffen. … Er möchte beständig werden, sich zurücklehnen mit einem »Selbst« und einem »Ich«.
(S. 206)
Und dies erreicht er durch eine eindimensionale, unerbittliche Erzählweise:
Ein eindimensionaler, zielstrebiger Erzählfaden eliminiert nicht nur Vergangenheit und Zukunft, sondern auch den beunruhigenden Druck durch andere Stimmen. … Wenn viele Stimmen den Frieden stören, besteht eine Lösung darin, die Sprecher zum Schweigen zu bringen; eine andere ist der Rückzug in eine ein-stimmige Welt …
(S. 204f.)
All das ist interessant; nur hat die Sache einen kleinen Haken: UFO-Entführungen sind immer erfunden, der sexuelle Missbrauch dagegen kann real stattgefunden haben; dies erwägt Spence nicht einmal in einem Nebensatz. So ist schon an der Oberfläche das eigentliche Problem solcher Erzählungen nicht gelöst: ihr Wahrheitsgehalt. Nimmt man hinzu, dass eine UFO-Entführung eine Art Ersatzgeschichte für ein mögliches, tatsächliches Schreckenserlebnis sein könnte, so ist mit einer schlichten Zurückweisung solcher Geschichten weder dem Erzählenden noch der Gesellschaft geholfen.

Rot-grün-versiffte gender-Faschisten

So las ich es neulich, ich glaube auf Facebook. Und wenn man dies recht übersetzt, so soll dieses pejorative Konglomerat wohl heißen: ich bin von grünen Männchen entführt worden, die haben mit mir komische Sexualität gemacht, jetzt muss ich schreien. Genau aus diesem Grund kann ich Spence viel abgewinnen. Denn sieht man von dem Patzer ab, dass sexueller Missbrauch tatsächlich stattfindet (auch wenn die Erzählung davon noch keine Garantie für die Wahrheit ist), so trifft dieser Artikel sehr wohl auf die Äußerungsformen einer gewissen Bevölkerungsgruppe zu, die man als rechtspopulistisch, mithin als primitiv und paranoid bezeichnen kann: Hier wird die Eindeutigkeit nicht durch die Einsamkeit des Zeugens etabliert (nur ich habe das so erlebt, nur ich bin von Außerirdischen entführt worden, deshalb darf mir auch keiner widersprechen), sondern durch eine sehr scharfe Auswahl, was als Wahrheit und was als Lüge gilt. So wird seit Jahren von dieser Bevölkerungsgruppe der sexuelle Missbrauch mit der Herkunft aus gewissen Ländern verknüpft, ungeachtet der Tatsache, dass 1.) die Fälle sexuellen Missbrauchs sehr viel höher sein müssten, wenn dies zu dem Wesen oder zu der Kultur in diesen Ländern gehören würde; und dass 2.) die meisten Statistiken auf eine besonders hohe Anzahl sexueller Missbrauchs-Fälle innerhalb der Familien (auch der deutschen) hinweist. Nur kommt niemand auf die Idee, deshalb die Familien abzuschaffen. Was diese ganzen Plärrer angeht, so darf man sich fragen, was übrig bleibt, wenn sie ihre Ziele denn durchgesetzt haben: denn bei all dem Negativen scheint nichts Positives durch. In gewisser Weise macht dies auch den letzten Zug solcher faschistischen Erzählungen aus: das Opfer versteinert in seiner Rolle als Opfer; und so sehr es gegen die Zustände hetzt, kann es deren Änderung doch nicht wollen, da damit die erarbeitete Identität wieder fraglich würde.
  • Spence, Donald P.: Das Leben rekonstruieren. Geschichten eines unzuverlässigen Erzählers. in: Straub, Jürgen (Hrsg.): Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Frankfurt am Main 1998, S. 203-225

10.12.2016

Weihnachten ist für alle

So las ich heute während meines Lidl-Besuchs. Wahrer wäre es ohne das 'für'.

Exklusion

Weihnachten ist, wenn man es im christlichen Sinne sieht, tatsächlich für alle. Der Sohn Gottes sei geboren worden, um den Menschen Vorbild und Hoffnung zu geben. Was soll dann diese Aussage über einer Reihe von Luxusartikeln? - Nein, diese Frage ist unpräzise, denn was diese Aussage und dieses Plakat sollen, ist offensichtlich. Vielmehr muss man fragen, welche Ideen mit dieser Werbung mittransportiert werden.
Zunächst macht es einen Unterschied, ob man die weihnachtlichen Gaben als materiell oder ideell betrachtet. Vom christlichen Idealismus aus gesehen ist die Geburt Christi eine Botschaft, die allen Menschen gilt, ob sie sie hören wollen oder nicht; die Gnade wird allen Menschen zuteil, ob sie darum wissen oder nicht. Es ist eine inklusive Botschaft. Die Sprache der Werbung dagegen sagt: die einen kaufen diese Güter (und können sie kaufen), die anderen nicht. Wer sie nicht kaufen kann, so impliziert der Spruch an dieser Stelle, für den ist Weihnachten nicht. Es ist eine exklusive Botschaft; schlimmer noch ist es eine moderne Form des Ablasshandels. Wie Luther schrieb:
Lug und Trug predigen diejenigen, die sagen, die Seele erhebe sich aus dem Fegfeuer, sobald die Münze klingelnd in den Kasten fällt.
(27. These)

Tugend und Status

Mich interessiert weniger, ob die christlichen Werte noch zeitgemäß sind (Werte sind nie 'zeitgemäß', doch das ist eine andere Geschichte), als der Unterschied zwischen Tugend und Status. Die Tugend ist, in einem moderneren Sinne, die Verwirklichung einer Idee, bzw. die Haltung, die zur Verwirklichung einer Idee führt. Sie war bei Aristoteles noch stark auf die Erscheinung in der Gemeinschaft ausgelegt, so dass man dem Spruch 'Tue Gutes und rede darüber' einen anderen Wert beimessen muss, solange er die griechische Polis betrifft; in einer Gesellschaft, in der massive Ungleichheiten den Menschen sehr unterschiedliche Möglichkeiten und Positionen zuweisen, muss er - der Spruch - sauer werden. Denn was der eine an geringfügig Gutem tut, kann unendlich viel mehr an Selbstbewusstsein und Disziplin bedeuten, denn was der andere mit großzügiger Hand doch ohne Not verteilt.
So bestimmt einmal die Tugend den Status (unter Gleichen), und einmal der Status die Tugend (in einem scharfen ökonomischen Gefälle).

Sichtbarkeit I

In gewisser Weise stellt der Status die Sichtbarkeit des Tugendhaften auf den Kopf. Wer einen Status hat (also 'prominent' ist), ist in gewisser Weise schon sichtbar; tugendhaftes Handeln führt unter solchen Bedingungen zu einer weiteren, erhöhten Sichtbarkeit. Die Tugend, also die Haltung, die zum Handeln führt, ist eine per se unsichtbare Sache. Wenn in der protestantischen Tradition ein Misstrauen gegen die Oberfläche der Zeichen (den Signifikanten) herrscht, dann auch aus dem Grunde, dass diese trügerisch sind; so Luther in seinen Thesen:
Unchristliches predigen diejenigen, die lehren, dass bei denen, die Seelen loskaufen oder Beichtbriefe erwerben wollen, keine Reue erforderlich sei.
(35. These)
Man könnte auch, in einer etwas weiter gefassten Auslegung, sagen, dass die 'wahre' Sichtbarkeit der Tugend eine asketische Sichtbarkeit ist, eine der Zuverlässigkeit und Disziplin:
Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen", wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.
(1. These)

Sichtbarkeit II

Nun predige ich nicht Buße, jedenfalls nicht als alleinige Möglichkeit; die Askese - abgeleitet vom gr. askein, üben - ist immer ein offenes Projekt; Sichtbarkeit ist dabei mindestens zweifach zu bewerten. Geht man noch einmal auf den Begriff der Tugend zurück, so ist diese zugleich fest als auch erhöhend: sie ist zuverlässig und vorbildlich.
Nun kreuzen sich in diesem Verhältnis viele Sichtbarkeiten; darunter lässt sich aber eine wesentliche Differenz finden, die alle Überlegungen zur Sichtbarkeit der Tugend komplex macht. Einmal ist eine Tugend nur für sich: als Praxis einer Ethik finden sich darin alle Handlungen, die sich um sich selbst sorgen; aber die Tugend wird beständig von der politischen Praxis, insbesondere der Mikropolitik, berührt. So sehr sie für sich ist, schreibt sie sich in den Körper ein und wird damit für andere sicht- und interpretierbar. So wohnt der Tugend, kraft ihrer Sichtbarkeit, der Zwiespalt von Zweck und Ziel inne, und damit der Streit, ob eine Tugend besser werde, wenn sie sich sichtbar oder unsichtbar macht.

Weihnacht

Man sollte meinen, dass Weihnachten ein leises, unsichtbares Fest ist; man sollte meinen, dass man des 'letzten großen Europäers', wie Nietzsche Jesus einmal nannte, gedenke, seiner Tugend, seiner Zuverlässigkeit, seiner Größe (und wenn es nur eine Geschichte wäre, so wäre sie es doch wert, gedacht zu werden).
Wie seit langem bleiben für mich Fragen zur Tugend offen; nicht ohne Grund habe ich eine gängige philosophische Formulierung vermieden: die Tugend-für-sich und die Tugend-für-andere. Es wäre leicht gewesen, diese hier herbei zu zitieren. Doch hatte ich neulich zur Kritik bei Nietzsche geäußert, dass dieser die Kritik in gewisser Weise anti-evolutionär auffasst und damit a-historisch (nicht aber anti-historisch). Die Tugend scheint mir einen ähnlichen Rang zu haben: sie als dialektisch aufzufassen verfehlt eine umfassende Betrachtung.
Zwar haben die christlichen Tugenden hier nur Beispielcharakter (es gibt, wie gesagt, auch andere Tugenden), doch ist Weihnachten als Modeerscheinung ein besonders eklatantes Beispiel dafür, wie eine Tugendlehre durch ihre von Fremdem ausgehöhlte Sichtbarkeit jegliche Haltung und damit alle Eigenschaften verliert, die eine Tugend ausmachen. Es ist reiner Glanz:
Ach, die Sterne / Sind am schönsten in Paris, / Wenn sie dort, des Winterabends, / In dem Straßenkot sich spiegeln.

02.12.2016

Sprechhandlungen

Von Polenz führt eine ganz andere Art der Satz-/Textanalyse in seinem Buch Deutsche Satzsemantik ein. Diese scheint gegenüber den Analysen des Aussagegehalts (zu denen die semantischen Rollen gehören) übergeordnet zu sein, zumindest, wenn man die Sprechhandlung als auf mehreren Ebenen möglich sieht.
Im Folgenden werde ich (zwei) andere Sichtweisen auf den Handlungsgehalt von Texten vorschlagen, die beide auch als Lesemodelle verstanden werden können. Beide verschieben den Schwerpunkt, den von Polenz setzt, ohne ihn aufzugeben.

Sprechakte

Die Sprechakttheorie bezieht sich auf Sätze, die etwas tun. Die ersten Vertreter haben diese Handlungen noch sehr dicht an den echten Handlungen gesucht, bzw. dann vor allem in solchen Handlungen, die nur durch Sprache möglich sind.
Man kann etwa eine Missbilligung mimisch ausdrücken, also ohne Sprache, aber auch in Worten fassen. Dagegen sind die Taufe, der Vertrag oder das Versprechen auf Sprache angewiesen.
Jedenfalls unterscheidet die Sprechakttheorie zwischen dem Sprechen als Handlung, der Handlung als Inhalt des Gesprochenen und der Wirkung (Re-Aktion) auf das Gesprochene.

Die (un)gesehene Handlung

Die Differenz im Sprechakt

Aus der Systemtheorie kommt der Gedanke, dass nicht die Handlung das Primat des Sozialen ist, sondern die Kommunikation, bzw. dann noch der darunter liegende Sinn, den sich soziale und psychische Systeme teilen. Diese Frage müssen wir nicht weiter erörtern. Wichtig daran ist, dass die Zustände des Sinns nicht durch Identitäten, sondern durch Differenzen geregelt sind; so dass jede Identität nur eine Seite einer Differenz ist, aber nicht diese Differenz selbst.
Demnach sind aber auch Sprechakte nicht einfach nur Identitäten, die durch Differenzen verbunden sind, sondern die Identitäten werden erst durch die Differenz geschaffen, also immer nachträglich und immer abhängig von der anderen Seite der Differenz. Dies würde erklären, warum die Sprechakttheorie so große Probleme hat, die Wirkungen eines Sprechakts zu beschreiben, bzw. überhaupt klären zu können, wie viele Arten und Weisen des Sprechakts es überhaupt gibt.

Der Sprechakt im Lichte des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus behauptet, dass selbst die Wahrnehmung einer Aktivität ist, und wenn schon nicht eine Aktivität des Bewusstseins, so doch eine Aktivität des Gehirns oder des Vorbewussten. Betrachtet man nun die sogenannten Repräsentativa, die Sprechakte darstellen, die etwas darstellen, sei es eine Wahrnehmung, eine Information oder eine andere kognitive Leistung, so muss man zugleich deren Hergestelltsein zugestehen. Eine Information wird demnach nicht repräsentiert, sondern konstruiert; zugleich wird der Sprechakt, der diese Information konstruiert, ebenfalls geschaffen — und so ist gerade der repräsentierende Sprechakt auf doppelte Weise keine Repräsentation.

Leben in verschiedenen Welten

Noch fragwürdiger wird die Unterscheidung, wenn man sich Erzählungen ansieht, in denen Geheimnisse oder Rätsel eine wichtige Rolle spielen, oder die ironisch sind, also etwas sagen und zugleich nicht sagen.
Ein gutes Beispiel dafür liefert der Beginn von Harry Potter. Wir erinnern uns: der Roman beginnt in der Nacht, in der der böse Zauberer Voldemort die Eltern von Harry Potter ermordete, aber den kleinen Jungen, eben Harry, nicht nur nicht umbringen konnte, sondern bei dem Versuch seine ganze Macht einbüßen musste. Die Geschichte selbst beginnt nun nicht mit diesem Ereignis, sondern den Geschehnissen im Haus von Harrys Tante und deren Ehemann, den Dursleys.
Vom erzählerischen Aspekt ist die Zweiteilung der Welten in eine Menschenwelt und eine Zaubererwelt wichtig, denn hierdurch wird das erste Rätsel gebildet: die Zaubererwelt schickt Signale in die Menschenwelt, die die Menschen aber nicht interpretieren können. Nun befinden sich die Dursleys dummerweise gegenüber vielen anderen Menschen in einem Vorteil, denn natürlich wissen beide, dass es Zauberer gibt. Allerdings versuchen sie, deren Existenz so gut es geht zu leugnen.
Der Leser selbst ist ebenfalls im Bilde: auch wenn die Zaubererwelt im Buch selbst bis zu dieser Stelle nicht benannt wird, wird er wohl mindestens den Klappentext gelesen haben, oder durch Hörensagen ein wenig vom Inhalt des Buches wissen.

Narrative und diskursive Ebene

Jedenfalls wird diese blinde und selbstverliebte Idylle, in die sich die Dursleys eingeigelt haben, zunächst von einem Satz durchbrochen, der keine Rolle für die Geschichte selbst spielt, aber umso mehr für die Art und Weise, wie der Leser die Geschichte wahrnimmt:
None of them noticed a large tawny owl flutter past the window.
Dieser Satz funktioniert nur, indem er zugleich etwas präsentiert und nicht präsentiert. Auf der einen Seite berichtet der Erzähler von einer Eule und davon, dass niemand diese Eule gesehen hat, und auf der anderen Seite hat diese Eule tatsächlich niemand gesehen, zumindest niemand in der Geschichte.
Was lehrt uns dieses Beispiel?
Nun, zunächst, dass derselbe Satz zur selben Zeit zwei sehr verschiedenen Ebenen zwei sehr unterschiedliche Wirkungen besitzt. In der Literaturwissenschaft wird diese Differenz durch die Trennung von narrativer und diskursiver Ebene ausgedrückt: die narrative Ebene betrifft alles, was in der Geschichte „real“ vorkommt, also Zauberer, mystische Länder, Weltraumstationen und das unsägliche Grauen, welches hinter den Grenzen von Raum und Zeit lauert; die diskursive Ebene betrifft die Kommunikation vom Autor zum Leser.
Im weiteren Sinne erfahren wir aber, dass ein solcher Satz vom Kontext abhängig ist, aber auch davon, wie wir diesen Satz in seinem Kontext interpretieren.

Die Ironie

Tatsächlich stützen sich viele erzählerische Techniken auf der Trennung von zwei oder mehr verschiedenen Deutungsrahmen. Sehr deutlich wird dies in der Ironie, wie sie sich im ersten Satz von Harry Potter and the Philosopher's Stone finden lässt:
Mr and Mrs Dursley, of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
Zunächst wird die Sichtweise der Dursleys geschildert – „wir sind völlig normal“ –, dann aber bricht der Kommentar des Autors in diesen Deutungsrahmen ein: „na vielen Dank aber auch“, ein deutliches Signal, dass diese Sichtweise keine endgültige ist. Damit wird die Sprechhandlung, sich selbst als normal zu bezeichnen, zu einem unfreiwilligen Eingeständnis, alles andere als normal zu sein.
Die Ironie funktioniert hier nicht auf der narrativen Ebene, zumindest zunächst noch nicht, sondern rein in der Kommunikation zwischen Autor und Leser. Aber der Satz, so wie er dasteht, macht noch mehr: er erzählt nicht nur von der Selbstblindheit der Dursleys, er ironisiert diese nicht nur für den Leser, sondern er weist auf einen Konflikt hin, der später in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen wird. Mit diesem Satz darf der Leser erwarten, dass der Deutungsrahmen, den der Autor ihm nahegelegt hat, in die Welt selbst hineinwandern wird. Und tatsächlich wird wenige Seiten später die Zaubererwelt massiv in das Leben der Dursleys einbrechen; überall die Romane von Harry Potter hinweg werden wir dadurch Zeuge, wie diese ach so normale Familie versucht, diese Normalität aufrechtzuerhalten.

Sprechhandlungen

Zu dieser langen Rede gibt es einen kurzen Sinn. Eine Handlung ist etwas anderes je nach der Handlungsfolge, in die sie eingebunden ist. Ein Mensch, der einem anderen Menschen dem Skalpell die Bauchdecke aufschneidet, ist entweder ein Chirurg oder ein Massenmörder, und je nachdem sieht die Handlungskette um diese Handlung herum anders aus, wird der Beobachter einen anderen Deutungsrahmen benutzen, und die Mitteilung der Handlung eine andere Wirkung erzielen.
Bedenkt man dann noch, dass man eine solche Mitteilung auf sehr unterschiedliche Arten und Weisen betrachten kann, als Linguist, als Narratologe, oder vielleicht als christlicher Moralist, der die chirurgische Praxis in Ordnung findet, aber nicht Erzählungen, in denen Massenmörder auftauchen (weil diese Teufelswerk seien und die Menschen vom Lesen der Bibel abhielten). Und je nachdem wird die Handlung anders eingeschätzt.
So kann man schließen:
In einem Satz/Text überkreuzen sich so viele Handlungen, wie es Deutungsrahmen dessen Handlungsgehalts gibt.

Der operative Urgrund des Sprechens

Was ist eine Operation?

Als Operation kann man jede geistige Bewegung betrachten, die etwas in etwas anderes wandelt. Wie wir eben gesehen haben, können diese die Bewegung selbst betreffen oder den Rahmen, in dem ein solches Etwas wahrgenommen wird: Ich kann mir zu einem Pferd einen Cowboy oder eine Kuh denken (ich assoziiere also); oder ich kann ein Pferd als schön oder als nützlich empfinden, also in je verschiedenen Rahmen. Bei genauerem Hinsehen wird zwar auffallen, dass der Unterschied zwischen Assoziation und Rahmung gering oder sogar hinfällig ist, aber für die Darstellung kann uns hier diese Zweiteilung genügen.
Fasst man diese Schilderung zusammen, so ist die Operation eine wandelnde geistige Bewegung oder, da Wandel und Bewegung das gleiche bezeichnen, einfach eine geistige Bewegung.

Lernen

Wir werden nicht mit allen Operationen geboren, die wir im Laufe unseres Lebens erlernen; vieles eignen wir uns an, wenn auch nicht bewusst. Operationen können bewusst reflektiert werden; da sie aber am Bewusstsein mitwirken, können sie nicht zugleich, sondern nur nachträglich Inhalt des Bewusstseins sein. Operationen entwickeln sich eher hinterrücks als bewusst. Trotzdem gibt es eine Vermutung, die man für sehr wahrscheinlich halten kann, wie einige davon entstehen: durch zahlreiches Üben wird bewusstes, inhaltliches Wissen in reflektierbares, operatives Wissen umgewandelt; anders gesagt wird interpretiertes Wissen zu interpretierendem (einen Satz, den meine Leser kennen).
Übendes Lernen ist zwar mühsam, und der Gewinn daran nicht sofort einsichtig, aber die Möglichkeit, dadurch reicher und vielfältiger die Welt zu erfahren, ist recht gut zu belegen.

Sprechen

Auch Sprechen, bzw. Schreiben, beruht auf Operationen. Je nachdem, von welchem Aspekt aus ich dieses betrachte, gehören dazu das Auswählen (von Wörtern und Satzstrukturen, von Handlunsgabsichten, etc.), das Aufmerken (auf sinnliche, geistige, soziale Phänomene), das Zusammenbringen (wie dies im Satz, Text oder Handlungszusammenhang) geschieht.
Fasst man Operationen weiterhin als geistige Handlungen auf, so verfeinert diese auch sein mögen, wird die Sprechhandlung von mehreren geistigen Handlungen unterlegt, von denen einige kognitiv sind (ein bestimmtes Satzmuster erstellen, etc.), andere motivational (jemanden etwas glauben machen wollen, etc.).
Wenn wir dies auf einen Satz oder Text anwenden, können wir uns fragen, was der Autor oder Sprecher wie ordnet, welche Probleme er explizit aufwirft, welche implizit mitschwingen, und welche Probleme der Autor nicht erfasst, aber beim Betrachten des Textes doch eine Rolle spielen. Und wir können nach den Absichten des Autors fragen; wozu er den anderen überreden will, was er von sich selbst preisgeben möchte, und so weiter und so fort. Schließlich können wir dies nicht nur mit einem gesamten Text machen, sondern mit ausgesuchten Teilen, also zum Beispiel allen Stellen, in denen eine bestimmte Figur oder ein bestimmter Ort auftauchen.
Texte sind demnach aus hunderten, tausenden Operationen aufgebaut. In diesen finden wir eine andere Möglichkeit, einen Text Wort für Wort und Satz für Satz zu untersuchen.

Erster Schluss

Von Polenz meint mit dem Handlungsgehalt von Sätzen etwas anderes als ich; meine Auffassung erweitert seine. Meine Auffassung ist aber gerechtfertigt, da auch ein so umfangreicher Text wie der erste Band von Harry Potter oder die Phänomenologie des Geistes als Handlungen verstanden werden müssen; und da der Leser an solchen Texten eine Vielzahl von Handlungen vollziehen und hineininterpretieren kann.
Denn ein anderer Nachteil der Sprechakttheorie ist, dass die dort untersuchten Handlungen ihre Wirkung nur kurzfristig, meist noch in der gleichen Situation vollziehen. während Texte - wie etwa die Bibel - über Jahrhunderte hinweg Menschen in ihren Handlungen beeindrucken und beeinflussen (auch wenn dies wieder mit durch die aktuelle Kultur geprägt ist, wie solche Handlungen identifiziert und verstanden werden).

Zweiter Schluss: wie und was ich aktuell lese

Zur Zeit lese ich, Satz für Satz, zwei Texte, einmal Die Farbe aus dem All von H. P. Lovecraft, und einmal die Vorrede zur Phänomenologie des Geistes von Hegel. Beide Texte sind in Bezug auf semantische Rollen schwierig, weil darin zahlreiche Wörter auf zusammenfassende oder stark abstrahierende Weise gebraucht werden. Wenn man dagegen die Handlungen ausdeutet, kann man recht dicht an der Oberfläche bleiben. In dem Satz
Dass das Vorgestellte Eigentum des reinen Selbstbewusstseins wird, diese Erhebung zur Allgemeinheit überhaupt ist nur die eine Seite, noch nicht die vollendete Bildung.
Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt am Main 1986, S. 36
findet man - unter anderem - ein genaueres Bestimmen, bzw.: Hegel bestimmt hier genauer das Vorgestellte als Eigentum des Selbstbewusstseins, und ein Aufteilen, bzw.: Hegel teilt die Bildung des Selbstbewusstseins in zwei Seiten auf (von denen er die eine vorher, die andere hinterher erklärt).