29.08.2016

Archetypen der Performanz

Man kennt das von Nietzsche: den Archetypen, der nicht mehr eine irgendwie unbewusst entstandene Konstellation ausdrückt, sondern eine soziale Konstellation, wie zum Beispiel dem Priester, der bei Nietzsche aus dem Ressentiment einen sekundären Krankheitsgewinn zieht, daraus neue, schöpferische, gleichwohl aber entstellte, weil abgeleitete Kräfte gewinnt. Der Priester entsteht so an einer bestimmten Position, nicht komplett notwendig, aber doch durch das Kräftespiel innerhalb des Zustands eines Volkes gleichsam folgerichtig hervorgerufen.

Giorgio Agamben und die Archetypen der Performanz

In seinem Buch Was von Auschwitz bleibt schreibt Agamben vom Zeugen, vom Gedemütigten (bzw. eigentlich vom Muselmann, von dem ich schon vor ein paar Tagen berichtete), vom Schamvollen und vom Archivar. Nun habe ich das Buch noch immer nur sehr flüchtig gelesen. Aber es fällt doch auf, dass die Archetypen, von denen Agamben hier berichtet, Träger performativer Äußerungen oder mnestischer Produkte sind. Mit einer performativen Äußerung wird etwas „hergestellt“, das nur in der Kultur existiert und das sich materiell nur in Statussymbolen ausdrückt, aber doch einen realen Effekt auf das Zusammenleben der Menschen hat. Heiraten ist ein solches typisches Beispiel, und die Aussage, die man in fast jedem Buch über performative Äußerungen finden dürfte, ist folgende: Ich erkläre euch zu Mann und Frau. Andere performative Äußerungen sind zum Beispiel Versprechen und Drohungen. Beide haben reale Effekte auf die Beziehungen zwischen Menschen. (Deshalb bekommt performativen Äußerungen auch die Anonymität so schlecht: eine anonym ausgesprochene Drohung oder Beleidigung, wie dies im Internet immer wieder zu finden ist, ist zugleich irreal und monströs: Sie basiert auf Sozialität, ist aber zugleich, durch die Anonymität, völlig beziehungslos.)

Performative Aussagen

Bezeugen ist ebenfalls eine performative Aussage. Im Grunde ist sie ein Versprechen, nämlich das Versprechen, die Wahrheit zu sagen, obwohl die realen Geschehnisse von anderen nicht so gut überprüft werden können, vielleicht gar nicht.
Da sich die Wirkungen performativer Aussagen vor allem auf das Verhältnis zwischen zwei oder mehreren Menschen beziehen, muss man ihnen einen wesenhaft politischen Charakter zuschreiben. Alles andere ist daraus dann abgeleitet. Dass die Eheleute nach der Hochzeit einen Ehering tragen, ist zwar eine gewisse Gewohnheit, und bei vielen immer noch Tradition (also eine aus der Vergangenheit kommende, übernommene Gewohnheit), aber für den eigentlichen performativen Akt nur eine Zugabe.
Es liegt also nahe, aus bestimmten performativen Äußerungen Archetypen herauszuarbeiten: der Zeuge bezeugt, der Terrorist droht (mit zu verbreitendem Schrecken), der Verräter droht auch (mit der Veröffentlichung von peinlichen Geheimnissen), usw.

Mnestische Produkte

Was aber sind mnestische Produkte? Das sind Produkte, die nur indirekt den performativen Äußerungen dienen, also all das, was als Träger von menschlichem Wissen dienen kann. Dazu gehören nicht einfach nur die klassischen Archive. Jedes Buch enthält Wissen, jede historische Vase und jeder mittelalterliche Löffel, ein Aquarell von Ende des 19. Jahrhunderts wie die Gartengestaltung am sächsischen Kurfürstenhof während des Barocks.
Der Witz allerdings an mnestischen Produkten ist eigentlich nicht, dass sie Wissen „speichern“, sondern dass ihnen Wissen unterstellt wird. Gehen wir davon aus, dass nur der Mensch etwas wissen kann, dann können es Bücher und Archive nicht. Sie bewahren das Wissen in einer anderen Form auf, einer nicht-wissenden Form (etwas, was ich, in einem verallgemeinerten Sinne, Grammatik nenne).

Archetypen der Performanz und der Mnestik

Archetypen der Performanz schaffen Sachverhalte innerhalb einer Gesellschaft, während Archetypen der Mnestik grammatische Vorräte anlegen, die später entziffert werden müssen, und die immer in Gefahr stehen, zu viel und zu wenig zu sagen. Schriftsteller gehören zu den letzteren; und so gesehen gehört es zu ihren paradoxen Aufgaben, eine gewisse Sammlung an Nicht-Wissen zu konstruieren, der der Leser aufsitzt, sodass er sein eigenes Wissen an einem anderen Ort, zunächst dem Buch, dann dem Autor, zu finden glaubt.

Aktive und passive Performanz

Wer Agamben schon etwas kennt, wird sich seit Beginn des Artikels gefragt haben, wie denn zum Beispiel der Muselmann, dessen elendes, bewusstloses und selbstverleugnendes Bild der Autor von Was von Auschwitz bleibt so drückend schildert, was also dieser Muselmann bei den Archetypen der Performanz zu suchen hat.
Eine solche Auffassung, dass es eben ganz machtlose Subjekte gäbe, denen unbeschränkt machtvolle gegenüberstünden, impliziert, dass Menschen voraussetzungslos in der Gesellschaft ankommen. Wie leicht zu beweisen ist, ist gerade das nicht der Fall. Bevor ein Kind auch nur die Chance hat, aktiv in soziale Prozesse einzugreifen, wird es mit einem Bündel an Erwartungen und Vorstellungen überzogen. So beginnt die Sozialisation und Subjektivierung von Kindern lange bevor sie gezeugt worden sind; selbst wenn das Kind ungeplant gezeugt wird, hält die Gesellschaft für es langjährige Programme bereit, die von Normen und Werten durchzogen sind. Oder anders gesagt: kein Kind kommt in einem machtfreien Raum zur Welt und hätte demnach die Chance, einen solchen Raum der Macht aus sich selbst heraus zu erschaffen.
So muss, bei aller Determination, die unsere Gesellschaft für bestimmte Menschen bereithält, trotzdem von einer Performanz gesprochen werden, einem Nicht-Ausführen von Äußerungen, die anderen performativen Äußerungen eine andere Wirkung ermöglichen. Wer nicht widerspricht, so könnte man sagen, macht sich mitschuldig; obwohl diese Aussage natürlich zu einfach ist, wie dies bei den Hungerkranken aus Auschwitz nachvollziehbar wird: dort waren die sozialen Determinanten so gestellt, dass sie die Wahl hatten zwischen Sterben und trotzdem Sterben.

Schluss

Ich habe nicht viel Zeit, ich sagte es ja bereits. Gestern Abend habe ich mich an den Computer gesetzt und dann die halbe Nacht durchprogrammiert. Davon kann ich gerade nicht die Finger lassen. Und ansonsten habe ich ja auch einiges zu tun.
Aber so ungefähr darf ich noch andeuten, wohin für mich die Reise geht. In der Auseinandersetzung mit der politischen Kritik hat sich für mich mehr und mehr herausgeschält, dass die Kritik anscheinend von Person zu Person wandert (wie beim Stöckchenspiel), und dass sie vor allem dann gefährdet zu sein scheint, wenn sie an eine bestimmte Person fixiert bleibt. Damit ließe sich auch das Elend vieler politischer Kritiker, aber auch Literaturkritiker erklären, die seit zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren im Geschäft sind. Nun, scheint es ganz sinnvoll zu sein, ein kleines Bestiarium kritischer Archetypen aufzustellen, wozu natürlich in einem weiteren Sinne ein Bestiarium politischer Typen gehört.
Dies ungefähr ist meine Idee.

28.08.2016

Frau Augstein erinnert

Ich könnte jetzt irgendetwas lustiges schreiben, wie zum Beispiel, dass sich Frau Augstein für diese Kolumne gender-neutral geschminkt habe, aber obwohl mir die Spottlust gerade aus jeder Pore dringt, ist mir bei diesem Satz doch eigentlich nicht zu spotten zumute. Schade, oder vielleicht gar nicht so schade, dass er von Jakob Augstein ist (im Spiegel 35/2016). Ich erkläre ihn mal zum Satz der Woche:
Der feministische Diskurs ist längst nicht beendet.
Das klingt wie ein Notschrei, und wahrscheinlich ist es auch ein solcher. Ich habe zwar schon lange kein feministisches Buch mehr gelesen, zumindest kein neueres (Judith Butler allerdings steht in meiner Handbibliothek), aber wenn ich mir die Protagonistinnen in den Massenmedien ansehen, so zeichnen sich diese weniger durch Feminismus denn durch Spießigkeit aus (von Schwarzer möchte ich nicht sprechen: Feminismus als Heimatschutz - oder wars umgekehrt?). Und vom anti-feministischen Diskurs möchte ich erst recht nicht anfangen; da haben ja die Terroraufrufe des IS geradezu einen liberalen Duktus.
Augstein macht dann auch das einzig richtige: erstens erklärt er, warum Gina-Lisa Lohfink auch als Täterin ein Opfer ist (oder muss man sagen: eine Opferin?), oder zumindest sein müsste, wenn die Opferfrage mehr als nur juristisch geklärt gilt. Und er zeigt, dass Lohfink, die Frau mit maximaler Öffentlichkeit, von der anonymen Burka-Trägerin, der Frau mit minimaler Öffentlichkeit (zumindest, was die individuellen Frauen angeht), auch nicht so verschieden ist.
Wohl passend dazu veröffentlicht Peter Sloterdijk im Herbst einen erotischen Briefroman. Elke Schmitter überschreibt ihre Rezension mit Die Frau als Herrenwitz. Und folgert über den Stil und den Inhalt dieses Romans:
Wenn das Aufschreiben derartiger Kommunikationsdelikte einen Sinn haben soll, dann könnte es eigentlich nur der sein zu zeigen, dass das wahre Schelling-Projekt noch auf seine Autoren wartet.
Auch Tania Martini scheint mit dem Buch nicht allzu viel anfangen zu können. Zu Sloterdijks Lesung aus dem Manuskript konstatiert sie:
Es folgt eine Pointenschlacht, die einem das Hirn zu Butter macht.
Mit diesem Nachtrag zu dem guten Augstein (oder der guten Augsteinin) sei auch mein Vorbehalt gegen Neueres von Sloterdijk ein wenig plausibler gemacht.
Ich möchte, weiterhin, nicht institutionell befriedete Feminismen. Wie berechtigt die sind, darüber streiten wir dann hinterher.

Biologische Solidarität

Ich glaube, es ist Zeit, das Fremdschämen zu überwinden und Peinlichkeiten zu genießen.
Da schreibt ein gewisser Horst S.:
„Links“ und „rechts“ sind spalterische Kampfbegriffe der psychologischen Kriegführung gegen die natürliche Integrität von Sippen, Stämmen, Völkern und Rassen, um deren biologische Solidarität, die wenig Staat braucht und daher real verwurzelt antifaschistisch ist, mittels Desintegration und „Integration“ von Unpassendem zu zerstören. Ein ausgewogenes Maß an Gleichheit („links“) und Einzigartigkeit („rechts“) gehört zu jeder gesunden Gemeinschaft.
Ich weiß gar nicht, wo ich mit dem Lachen anfangen soll.
Trotzdem: einen gewissen, äußerst flüchtigen Kontakt habe ich doch mit diesem Menschen. Ich spreche zwar keineswegs von kultureller Integrität (wie ich auch nicht an eine irgendwie geartete Einheit des Deutschen glaube), aber eben doch von kulturellen Homogenisierungstendenzen. Homogenisierung darf hier übrigens nicht mit Konfliktlosigkeit verwechselt werden. Eine bestimmte Bevölkerungsgruppe kann sich auch darüber einig sein, dass es sich lohnt, völlig irrwitzig und blödsinnig über etwas zu streiten, wie etwa über die vermeintliche Verlogenheit der Lügenpresse. Das ist ein durchaus deutsches Thema; mit einem Spanier oder einem Ägypter könnte ich darüber schlecht streiten.
Geradezu prophetisch nimmt Schopenhauer einen Kernbestand systemischen Denkens für den Nationalcharakter vorweg: dieser sei nur eine jeweilig andere Form von Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit (Nationalstolz); und die Systemiker: Kultur existiert, wenn überhaupt, in Form eines gemeinsamen blinden Flecks. Es gehört wohl in gewisser Weise zu einer bestimmten Bevölkerungsschicht (glücklicherweise aber immer noch einer Minderheit), die glaubt, Kultur in irgendeiner Weise an die Gene oder an ihre Metapher, das „Blut“, binden zu müssen. Über eine vernünftige, umsichtige Begründung einer solchen Behauptung wird dann gar nicht mehr nachgedacht, geschweige denn darüber, was daraus ethisch und politisch folgen müsste.
„Real verwurzelt antifaschistisch“ ist aber auch nicht schlecht: das werde ich mal als Nachdenk-Begriff mitnehmen auf den Weg, um der biologischen Solidarität mit meinem Körper nachzukommen, mit irgendeinem urdeutschen Gericht, vielleicht einem Cham Chi.

27.08.2016

Zu Flüchtlings- und anderen Katastrophen

Mein Verhältnis zu Peter Sloterdijk bleibt ambivalent. Die Ursachen dieser Ambivalenz mag ich hier aber nicht erläutern. Denn manchmal muss man ihn einfach auch lieben, wie zum Beispiel hier:
Apokalyptische Alarm setzt keinen religiösen Seelensturm mehr voraus, Warnungen vor Untergängen implizieren nicht, dass prophetische Individuen sich zum Sprachrohr transzendenter Enthüllungen erklären. Das aktuelle Alternativbewusstsein zeichnet sich durch etwas aus, was man als pragmatisches Verhältnis zur Katastrophe bezeichnen könnte. Das Katastrophische ist eine Kategorie geworden, die nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört. Heute kann jeder Prophet sein, der die Nerven hat, bis drei zu zählen.
Sloterdijk, Peter: Eurotaoismus. Frankfurt am Main 1989, S. 103
Auch dieses Buch habe ich gelesen, nicht gründlich, keineswegs philologisch (die Artikel und Bücher, die ich gründlich gelesen habe, lassen sich in einer halben Minute aufzählen). Nur, um noch mal ein wenig darauf zu pochen, dass die Kunst der Interpretation kein Hauruck-Unternehmen ist, keines, das in tweets und gepolterten Statements verwirklicht werden könnte. Über den Anspruch, ein solches zu verwirklichen, so möglich, sollten wir aber nicht so einfach hinweggehen.

Werte und Normen in Erzählungen

Gelegentlich, im Moment aber wirklich nur sehr gelegentlich, versuche ich den derzeitigen Diskussionen ein konstruktives Argument abzugewinnen. Was macht man in solchen Situationen? Nun, ich kann sagen, was ich mache: ich ziehe mich in die Lektüre zurück, meine einzige wirkliche Heimat.
Kenneth Gergen schreibt in seinem Aufsatz Erzählung, moralische Identität und historisches Bewusstsein (in Straub: Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Frankfurt am Main 1998) über die Funktion der Erzählung für die moralische Identität und das historische Bewusstsein. Man kann soziale Erzählungen häufig recht parallel zu Abenteuergeschichten, bzw. zur Heldenreise lesen. Heldenreise, für alle die, die dieses Wort in seiner undefinierten Bedeutung hören, ist ein feststehender Begriff der Narratologie, also dem Teil der Kulturwissenschaft, der sich mit dem Erzählen auseinandersetzt.

Werthaltiger Endpunkt

Mit diesem etwas umständlichen Begriff bezeichnet Gergen die Tatsache, dass jede Geschichte einen oder mehrere Werte demonstriert und dadurch an der moralischen Identität von Erzähler und Zuhörer/Leser mitwirkt. Allerdings stört mich an dem Artikel dann ungemein, dass Gergen relativ abstrakt auf den Ort eingeht, wo sich dieser Wert genau demonstriert. Er unterscheidet nicht zwischen gesetzten und demonstrierten Werten (was ich gleich erklären werde), und nicht zwischen instrumentellen und absoluten Werten. Zudem ist das Wort „Endpunkt“ missverständlich, als würde sich der Wert am Ende einer Geschichte finden.
Unterteilen wir ein wenig.

Ein Reichsbürger in Reuden

Schauen wir uns dazu zunächst eine Geschichte an, damit wir einen Untersuchungsgegenstand besitzen. Es ist, wie ich in dem Artikel Die Fabel hinter der Fabel gezeigt habe, nicht einfach nur eine einzelne Geschichte, sondern eine Geschichte, die aus mehreren Teilen besteht. Am Donnerstag, dem 25. August 2016, wurde in Reuden ein Haus zwangsgeräumt, das den Schwiegereltern des früheren Mister Germany Adrian Ursache gehört hat. Grund der Zwangsräumung waren Grundschulden. Der Artikel, auf den ich mich beziehe, heißt: Wie aus Mister Germany ein „Staatsmann“ wurde. Er stammt vom 24. Juni 2016, also ziemlich genau zwei Monate vor der Zwangsräumung, bei der Ursache während eines Schusswechsels schwer verletzt wurde.
In dem Artikel werden drei Geschichten erzählt. Er ist auf vier Internet-Seiten verteilt.
Auf der ersten Seite findet sich eine Beschreibung der Situation, die allerdings mit einem Geschehen versehen ist, einem Geschehen, wie es ein distanzierter Beobachter schildern könnte. Interessant dabei ist allerdings, dieser distanzierte Beobachter vor allem ein Video beschreibt, welches wohl von Adrian Ursache selbst aufgenommen worden ist. Dem kann man nicht davon sprechen, dass der Journalist hier die Innenperspektive nachgezeichnet hätte.
Die zweite Seite bringt dann die Geschichte eines Verfalls oder Niedergangs. Sie erzählt, wie Ursache sich vom Mister Germany zu einem Reichsbürger entwickelt habe. Die Ursache für diese Entwicklung wird, wenn auch undeutlich als Spekulation markiert, gleich mitgeliefert.
Die letzten beiden Seiten sind dem Umgang Ursaches mit den Behörden in den letzten Jahren gewidmet.

Werte und Normen

Zunächst müssen wir zwischen Werten und Normen unterscheiden. Werte, so definiere ich im Anschluss an Niklas Luhmann, drücken positive Verhaltensweisen aus, wie zum Beispiel Mitgefühl, Aufrichtigkeit, Gewissenhaftigkeit. Normen wiederum bezeichnen Schwellen im Verhalten von Menschen, bei deren Übertreten eine mehr oder weniger deutliche Sanktion stattfindet.
Wir können nun an dieser Geschichte beobachten, dass sie zugleich Werte und Normen verdeutlicht. Als positiver Wert wird hier der Realitätssinn beschworen, im engeren Sinne dann die Anerkennung historischer Tatsachen, wie zum Beispiel die Existenz der Bundesrepublik Deutschland (die Adrian Ursache leugnet). Mit dieser Leugnung überschreitet Ursache nach und nach eine ganze Reihe von rechtlichen Normen. Er erkennt die Staatsgewalt nicht an, leugnet Verträge, verschleppt Zahlungen, bedroht und beleidigt Polizisten. Die ersten Sanktionen, in Form von Geldstrafen, erkennt Ursache nicht an: er hat, wie er sagt, sein eigenes Reich gegründet, und Gesetze der Bundesrepublik Deutschland gelten dort nicht. Daraufhin folgte diesen Donnerstag die Zwangsräumung, als wohl die schärfste Sanktion, die man bei Grundschulden verhängen kann.

Eine gewisse Buchstabentreue

In einer Sache muss man bei solchen Artikeln allerdings auch vorsichtig sein, einer Sache, die dem Interpreten dann gelegentlich auch ziemlich Mühe bereitet. Weder die Werte noch die Normen werden direkt benannt. Die Geschichte wird als traurig bezeichnet, die gewählten Worte (des Journalisten) sind deutlich distanzierend: er [Adrian Ursache] wittere überall „Betrug und Rechtsbruch, Übervorteilung und Behörden, die nur darauf aus sind, ihm Übles anzutun“; kurz danach schreibt der Journalist: „Wie ein Kind, das meint, wenn es sich die Augen zu hält, sei es beim Versteckspiel nicht mehr zu sehen.“ – Der Realitätsverlust wird angedeutet, die Paranoia und möglicherweise die Schizophrenie ebenso, aber nie als solche benannt. Der Autor des Artikels bleibt alltagssprachlich: er sei aus dem Traumleben gerissen worden, irgendetwas sei in ihm zerbrochen, er verrenne sich.
All das sind Normierungen (oder, besser gesagt, negative Wertschätzungen), aber sie bezeichnen eben noch nicht genau die Norm, die mit dieser Geschichte verdeutlicht werden soll. Bei der Interpretation tut man also gut daran, sich zunächst auf positive und negative Wertschätzungen zu stützen, so wie sie in dem Text selbst auftauchen. Buchstäblichkeit und Buchstabentreue ist zwar nur ein Teil der Interpretationskunst, aber doch ein wichtiger Regulator, um mit den Deutungen nicht in die Irre zu gehen.

Gesetzte und demonstrierte Werte

Daran schließt sich meine Unterscheidung von gesetzten und demonstrierten Werten an. Gesetzte Werte finden sich gleichsam am Rande der Geschichte, während demonstrierte Werte aus dem Erzählfaden heraus erschlossen werden können.
So hält es der Journalist für offensichtlich selbstverständlich, dass man mit der Polizei freundlich umgeht, dass man Behördenbriefe beantwortet, und dass man nicht einfach seinen eigenen Staat auf einigen 100 m² Land mitten in Deutschland gründet. Ob das rechtens ist oder nicht, diskutiert der Journalist nicht. Er setzt zum Beispiel Freundlichkeit als Normalverhalten und Anerkennung des Staates als selbstverständlich voraus. Wenn man nun zum Beispiel in ganz andere Gebiete wechselt, etwa die deskriptive Philologie oder postmarxistische Staatskritik, dann findet man ganz andere Werte, die für selbstverständlich angenommen werden. Oder: mich frappiert immer wieder, mit welch einer Selbstverständlichkeit von einer deutschen Kultur gesprochen wird, als sei diese etwas kompaktes und definierbares. (Und in diesem Fall erinnere ich immer wieder gerne daran, dass ich Hegel nicht in Deutschland lesen gelernt habe, sondern in Sfax. Meine Geschichte dazu ist eine Geschichte der Umwertung.)
Demonstrierte Werte findet man nun in diesem Artikel wenig, dafür aber demonstrierte Normen. Er zeigt, wie sich Realitätsverlust, Querulantentum oder eine, wie man ja vermuten könnte, psychische Störung auf das Leben eines Menschen auswirken. Und suggeriert, dass man sich von solchen Sachen wie Polizistenbeleidigung und Staatsgründungen besser fernhalten solle.

Instrumentelle und absolute Werte

Als absoluten Wert kann man all jene Werte bezeichnen, die sich in einem „happy-end“ ausdrücken (oftmals: erfüllte Liebe, Familienglück, friedliches Leben), oder die als unumstößlich gelten (wie zum Beispiel die Pressefreiheit oder die Schulpflicht).
Instrumentelle Werte dagegen sind all jene Werte, die den Weg zu einem absoluten Wert ermöglichen, wie zum Beispiel in der Aussage: „wer Deutsch sein will, muss kämpfen“, wobei die Kampfbereitschaft instrumentell ist, Deutschsein absolut.
Schwieriger dagegen sind instrumentelle und absolute Normen zu bestimmen. Unser Strafrecht zum Beispiel ist so ausgelegt, dass darin eine Verbesserungsfähigkeit des Menschen angenommen wird. Und insofern gibt es auch einen erzieherischen Grundzug bei den Strafen, die verhängt werden. Als eine absolute Sanktion, die aber in Deutschland untersagt ist, gilt die Todesstrafe. Und insofern gibt es auch in unserer politischen Landschaft keine absolute Norm, weil eben die absolute Sanktion fehlt.
Was dem Staat "fehlt", muss bei einzelnen Personen aber nicht so sein. Offensichtlich hat die Polizei, als sie vor zwei Tagen die Zwangsräumung des Hauses von Adrian Ursache durchführen wollte, bei diesem eine absolute Norm überschritten, denn er war wohl dazu bereit, einen oder mehrere Polizisten zu töten.
Für einen Philologen dagegen ist, relativ zu seiner Disziplin, dann eine Norm überschritten, wenn die Buchstabentreue nicht so gut es geht beachtet wird (der dazugehörige Wert ist das genaue Zitieren, bzw. das Begründen, warum man etwas so und so gelesen/verstanden hat). Sicherlich ist die Norm, die zwischen Philologen und Nicht-Philologen unterscheidet, nur eine relative; trotzdem gibt es Fehlinterpretationen, vor denen sich ein Philologe verwahren würde, weil er einem Nicht-Philologen doch eine gewisse Gebildetheit zutraut, die auch Methoden der Interpretation umfasst.

Der tweet von Renate Künast

Werte und Normen auseinander zu halten, das fällt vielen Diskutanten auch schwer. Renate Künast hatte nach dem Attentat in Würzburg auf Twitter geschrieben:
„Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden?“
Darüber ist dann eine Welle der Empörung hochgeschwappt. Ich frage mich, warum. Ein Menschenleben sollte doch als Wert möglichst unantastbar sein, auch als Demonstration für denjenigen, der diesen Wert missachtet. Ansonsten lässt sich aus diesem tweet herauslesen, dass Künast auch das Menschenleben der Verletzten für hoch erachtet. Wie zum Beispiel Rafael Behr zu der Aussage kommt, Künast würde suggerieren, hinter dem Vorgang würden handwerkliche Fehler stecken, also dass Künast implizit den Polizisten ein Fehlverhalten vorwirft, erschließt sich mir nicht. Noch dreister ist allerdings die Aussage von Michael Fuchs, der tweet ginge zulasten Dritter (welcher denn, fragt man sich). Und Tobias Huch von der FDP hält diese Frage sogar für beleidigend und dumm und schließt weiter, Künast hasse die Polizei.
Jetzt könnte ich noch jenen unerträglichen Artikel von Thomas Schmoll aus der Welt auseinandernehmen.
Aber ich möchte hier doch auf einen ganz anderen Wert zurückkommen, den der Buchstäblichkeit und Buchstabentreue, auch der Sachlichkeit und der vorsichtigen Interpretation. All diese Werte hat Künast, zumindest in diesem tweet, nicht verraten (also die "irgendwie dazu gehörigen" Normen verletzt). Schwieriger ist zu sagen, ob sie sie vertreten hat, denn darüber sagt der tweet uns nichts. Dagegen ist zum Beispiel der tweet von Tobias Huch – „Ich entschulde [sic!] mich für die dumme und beleidigende Frage von Frau Renate Künast. Sie hasst einfach die Polizei.“ – wohl eine Fehlinterpretation par excellence. Sachlichkeit spürt man auf keinen Fall. Wohl aber könnte man ihm Profilierungssucht oder einfach eine gewisse Idiotie unterstellen. Doch dafür ist auch dieser tweet zu kurz.

Zeigen und sagen; der performative Selbstwiderspruch

Das erinnert an das Wittgenstein-Zitat, das ich gestern in meinem Artikel zur Lesekompetenz benutzt habe:
„Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit.“
Werte und Normen lassen sich relativ leicht sagen, aber sie zu zeigen ist gelegentlich recht schwierig. Man kann Menschen in etwa daran beurteilen, wie bei ihnen gezeigte und gesagte Werte auseinanderklaffen. Und man sollte mit einiger Vorsicht an die Interpretation gezeigter Werte herangehen: diese sind, wie ich oben an dem Artikel gezeigt habe, keineswegs so einfach zu erschließen, selbst bei einem so langen Text nicht, wie dies bei dem tweet von Renate Künast so selbstverständlich getan wurde.

Muselmänner

Die Ambivalenz dieses Ausdrucks ist wohl vielen nicht bekannt. Muselmann entstammt dem Persischen, von muslim und der Pluralendung -an, also eigentlich: Muslime. In Frankreich verwendet man das Wort musulman, im Türkischen müslüman.
Nun würde mir diese Ambivalenz, zu der ich gleich komme, eigentlich gefallen, auch die gewisse Ironie, die in dieser Verwendung steckt, wäre ihr das Grauen nicht dermaßen eingeschrieben.

Die Hungernden

Wenn man durch Berlin geht, ist es schwierig, die Augen vor der wachsenden Zahl von Obdachlosen zu verschließen. Während des letzten Dreivierteljahrs bin ich immer wieder einem von ihnen begegnet, der mit einer völlig zerrissenen Hose bekleidet, mehr nackt als angezogen, ungepflegt, stinkend, in der Bahn schlief, und der gelegentlich an der gleichen Station ausstieg.
Vorletztes Jahr hatte ich von dem Essen, das in meiner ehemaligen Schule ausgeteilt wurde, einmal einen ganzen Packen bereits aufgetauter und gebratener Hühnerflügel mitgenommen und diese unter den Obdachlosen, die unter der Brücke beim Hackeschen Markt "kampieren", verteilt.
Und natürlich trifft man sie auch sonst in der Bahn: wie sie ihr Straßenmagazin verkaufen oder einfach nur betteln. Viele von ihnen sind extrem unterernährt. Ihr Blick ist teilnahmslos, ihre Stimme kraftlos, ihr Gang schleppend.

Hungerkranke

Die folgende Beschreibung stammt aus dem Buch Was von Auschwitz übrig blieb von Giorgio Agamben:
»Hinsichtlich der Krankheitssymptome lässt sich der Prozess des Hungers in zwei Phasen einteilen. Die erste war durch Abmagerung, Muskelschwächung und zunehmende Verringerung der Bewegungsenergie gekennzeichnet. In dieser Phase war noch keine größere Schädigung des Organismus eingetreten. Außer langsameren Bewegungen und einer Schwächung zeigten die Kranken eigentlich keine Symptome. Sie wiesen auch keine größeren psychischen Veränderungen auf, abgesehen von einer gewissen Erregtheit und der charakteristischen Reizbarkeit.
Die Grenze des Übergangs von der ersten zur zweiten Phase ließ sich nur schwer feststellen. Bei den einen erfolgte er allmählich, bei anderen abrupt. Annährungsweise kann man sagen, dass die zweite Phase begann, wenn der Hungernde ein Drittel seines normalen Körpergewichts verloren hatte. Neben der fortschreitenden Abmagerung und Schwächung begann sich nun auch der Gesichtsausdruck zu ändern. Der Blick trübte sich, das Gesicht bekam einen teilnahmslosen, gedankenlosen und traurigen Ausdruck. Die Augen waren glanzlos, die Augäpfel tief eingefallen. Die Haut färbte sich graubläulich, sie wurde dünner, pergamentartig, sie wurde härter und blätterte ab. Sie war sehr anfällig für jede Art von Infektionen, besonders für die Krätze. Das Haar war rau, brüchig und glanzlos. Der Kopf bekam ein langgezogenes Aussehen, die Umrisse von Jochbein und Augenhöhlen begannen sich deutlich abzuzeichnen. Der Kranke atmete langsam, er sprach leise und unter großer Anstrengung.
Je nachdem wie lange die Aushungerung schon dauerte, traten kleinere oder größere Ödeme auf. Sie erschienen zuerst auf den Augenlidern und an den Füßen. In Abhängigkeit von der Tageszeit änderten sie ihren Sitz. Morgens, nach der Erholung in der Nacht, waren sie schon im Gesicht zu sehen, abends dagegen an den Füßen, Unter- und Oberschenkeln. Die Flüssigkeit verlagerte sich durch Stehen in die unteren Körperteile. Nach längerem Hunger entwickelten sich die Ödeme immer stärker und befielen bei Häftlingen, die länger stehen mussten, der Reihe nach Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Hodensack, ja sogar den Bauch. Zu den Ödemen kam der Durchfall, obwohl es oft geschah, dass der Durchfall dem Auftreten der Ödeme vorausging.
Die Kranken stumpften in dieser Zeit ab, sie wurden gleichgültig gegenüber allem, was um sie herum geschah. Sie zogen sich aus allen Verbindungen mit ihrer Umgebung zurück. Wenn sie sich bewegen konnten, so taten sie das sehr langsam, ohne die Knie dabei einzubiegen. Aufgrund der niederen Körpertemperatur, die in der Regel unter 36 °C absank, zitterten sie vor Kälte.
Beobachtete man eine Gruppe solcher Kranker von weitem, hatte man den Eindruck von betenden Arabern. Daher kommt die populäre Lagerbezeichnung für die Hungerkranken – ›Muselmänner‹.«

Erinnern, was geschah

Ich erinnere daran, weil nicht nur der Islam in einem zum Teil kaum noch zu ertragenden Maße angefeindet wird, sondern dasselbe ohne die geringste Scheu und Nuance wieder an die Juden herangetragen wird. Und natürlich habe ich zuvor sehr bewusst auf einen aktuellen Zustand hingewiesen, der seit Jahren besteht. Diese Anfeindungen werden dann noch mit einer Frechheit vorgetragen, man habe das doch argumentativ begründet, wo man bei Adorno schon den Widerspruch lesen kann:
Wir alle kennen auch die Bereitschaft, heute das Geschehene zu leugnen oder zu verkleinern – so schwer es fällt zu begreifen, dass Menschen sich nicht des Arguments schämen, es seien doch höchstens nur fünf Millionen Juden und nicht sechs vergast worden. Irrational ist weiter die verbreitete Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte.
Adorno, Theodor W.: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. in ders.: Kulturkritik und Gesellschaft II, S. 556 f.
Ich verspreche an dieser Stelle, dass ich noch einmal den Gebrauch des Wortes Schuld nachzeichnen werde. Nur so viel noch von Adorno selbst:
Bei alldem jedoch hat die Rede vom Schuldkomplex etwas Unwahrhaftiges. In der Psychiatrie, der sie entlehnt ist und deren Assoziationen sie mit schleift, besagt sie, dass das Gefühl der Schuld krankhaft sei, der Realität unangemessen, Psychogen, wie die Analytiker es nennen.
ebd., S. 557
Machen wir es uns also nicht so einfach, nicht zu einem Automatismus, sofort die Schuld herbeizurufen, oder sie zwanghaft abzuwehren, wenn vom Holocaust die Rede ist.

Der Tod, die Nicht-Empathie

Zwei weitere Zitate aus dem bedrückenden und bedrückend klugen Buch von Agamben:
»Der Muselmann weckte bei niemandem Mitleid und erfuhr von niemandem Herzlichkeit. Die Kameraden, deren Existenz ja selbst bedroht war, beachteten die Muselmännern nicht. Den Funktionshäftlingen brachten die Muselmänner zu viel Ärger ein, für die SS-Männer waren sie nur unnützer Abfall. Die einen wie die anderen brachten sie um, jeder auf seine Weise.«
So fielen die Hungerkranken komplett aus der Gesellschaft heraus.
»Der SS-Mann ging langsam vorbei und sah zu dem Muselmann hin, der geradewegs auf ihn zukam. Wir alle schielen nach links, um zu sehen, was passieren würde. Und dieses willenlose, gedankenlose Wesen latschte in seinen klappernden Holzschuhen dem SS-Mann direkt in die Arme. Der SS-Mann schrie und zog ihm eins mit der Reitpeitsche über den Kopf. Der Muselmann blieb stehen, er wusste nicht so recht, was geschehen war, und als er einen zweiten und dritten Hieb dafür bekam, dass er die Mütze nicht abgenommen hatte, machte er (da er Durchfall hatte) Hosen. Als der SS-Mann den schwarzen Fleck sah, der sich um die Holzschuhe des Muselmanns ausbreitete, geriet er außer sich. Er stürzte auf ihn zu, trat ihm in die Bauchhöhle und, nachdem er schon im eigenen Code auf dem Boden lag, gegen Kopf und Brustkorb. Der Muselmann wehrte sich nicht. Beim ersten tritt hatte er sich zusammengekrümmt, noch ein paar Tritte und er starb.«

Nachrichten aus der Zwischenwelt

Was also noch?
Vorhin zogen grölende und pöbelnde Menschen vorbei. Sie skandierten "Sieg heil!", und ich kann nur hoffen, dass die Polizei viele von ihnen verhaftet hat. Was für ein Abschaum!
Den Tag habe ich damit verbracht, über meine eigene Programmierung des Zettelkastens zu brüten. Das ist, wie ich feststelle, eine Herausforderung. Neulich, also vor ungefähr zwei Wochen, hatte ich innerhalb eines Tages die grundlegende Programmierung eines Zettelkastens mit PyQt5 (einem Modul der Programmiersprache Python) geschrieben. Aber mein Ziel war und bleibt es, dem unbedarften Benutzer entgegenzukommen, so dass dieser nur Python installieren muss, um ihn zu nutzen. Also greife ich auf das mitgelieferte Modul für die Grafic User Interfaces von Python zurück. Und das erweist sich als haarig: mittlerweile umfasst alleine mein Textverarbeitungsprogramm über 400 Zeilen zum Teil hoch komplexen Codes. Dabei fehlen noch eine Anbindung an die Datenbank und weitere Erleichterungen, wie etwa ein Ablagetisch oder eine komplexe Suche.
A propos komplexer Suche. Mir ist gelungen, eine solche Suche (wenn auch im Probestadium) zu programmieren. Diese durchsucht Texte nicht nach Wörtern, sondern nach Isotopien. Einziger Mangel an diesem Programm: man muss ihm vorher mitteilen, was es als Isotopie zu verstehen hat, also nicht als Isotopie als solcher, sondern aufgrund welcher Seme es ein Wort als zugehörig oder nicht zugehörig zu einer Isotopie verstehen soll. Bevor ich also eine ausführliche Suche nach einer solchen Isotopie starten kann, müsste ich vorher alle relevanten Wörter in Merkmale aufgesplittet haben. Bei knapp 700.000 Wörtern ist das eine kaum zu lösende Aufgabe. Glücklicherweise kann ich hier auf Zwischenstadien zurückgreifen.

Was habe ich gelesen?
Vieles. Beginnen wir mit dem, was implizit meinen letzten Artikel motiviert hat: Schulz, Gudrun (Hrsg.): Lesen. Didaktik für die Grundschule. Berlin 2012. Ich kann, um dies deutlich zu sagen, Lesen nicht so einfach nehmen, wie die AutorInnen dies tun. Trotzdem ist es ein hervorragendes Buch.
Slavoj Zizek habe ich gelesen, allem voran: Weniger als nichts. Frankfurt am Main 2016. Dieses Buch, so muss ich gestehen, habe ich im "Kampfmodus" gelesen: Hauptsache, ich komme (erstmal) durch; denn dieses Nichts von einem Buch ist immerhin 1374 Seiten schwer. Mit Zizek kommt man zu Hegel, und damit zu dem großartigen Buch von Charles Taylor: Hegel. Frankfurt am Main 1978.
Mit dabei war aber auch das Buch über Gewalt; Slavoj Zizek: Gewalt. Sechs abseitige Reflexionen. Hamburg 2011.
Irgendwie ist Zizek ja völlig verrückt. Aber das auf einem hohen Niveau.
Von den Osterferien habe ich die Lektüre einiger Werke von Agamben nachgeholt: Was von Auschwitz übrig blieb, Signatura rerum, Die Sprache und der Tod, Das Sakrament der Sprache, Profanierungen, Ausnahmezustand. - Alles wunderbare Bücher, die ich aber nur im Schnelldurchgang kommentieren konnte.
In meinem (intellektuellen) Leben gibt es auch immer Fixpunkte, die meine Suche stabilisieren. Dazu gehört, seit Jahren übrigens, von Barbara Sandig die Textstilistik des Deutschen. Ist das Buch hervorragend? Ich kann das gar nicht beurteilen. Hervorragend ist es in meiner Wahrnehmung, insofern es mich in meiner methodischen Vorgehensweise außerordentlich prägt. Und insofern ich einen gewissen Narzissmus pflege, halte ich es auch für unbedingt lesenswert. Darum empfehle ich es. Als eine etwas schräge Antwort auf die Pöbeleien der Neonazis.

26.08.2016

Lesekompetenz

Zu einer der wichtigsten Aufgaben der Schule gehöre, so lässt sich lesen, die Vermittlung von Lesekompetenz. Dem wird wohl niemand widersprechen. Probeweise möchte ich dies hier trotzdem tun.

Doktrinen des Lesens

Die Relevanz

Immer wieder wird von einer Relevanz des Lesens gesprochen, wobei damit aber nicht das Lesen als solches, sondern meist eine bestimmte Art und Weise des Lesens gemeint ist; meist gesellen sich dazu dann auch entsprechende Aufforderungen: was zum Beispiel die Kernaussage eines Textes sei.
Nun hat der Begriff der Relevanz eine bewegte Geschichte hinter sich, seit er als einer der Kernbegriffe der phänomenologischen Soziologie (Schütz/Luckmann: Strukturen der Lebenswelt) auf die wissenschaftliche Bühne getreten ist. Seitdem wird das Zufällige der Relevanz immer wieder betont. Ricœur zum Beispiel schreibt:
Außerhalb der Geschichte betrachtet ist das Ereignis nichts anderes als ein Vorfall, d.h. etwas, das auf eine bestimmte Art und Weise geschieht, aber auch anders oder überhaupt nicht geschehen könnte, was die Definition der Kontingenz schlechthin ist.
Ricœur, Paul: Zufall und Vernunft in der Geschichte. Tübingen 1985, S. 11.
Und überlesen wir nicht, dass das Ereignis nicht wesenhaft relevant ist, sondern durch die Geschichte, also durch den Kontext, relevant gemacht wird. Relevanz kommt einem Ereignis nicht substantiell, sondern nur akzidentiell zu.

Bewusste Selektion

Diese Konstellation kennen wir aus der Evolution. Die Evolution ist zufällig, und zwar nicht deshalb zufällig, weil der Zufall dann umgekehrt das absolute, wesenhafte Ereignis ist (dies wäre eine simple Umkehrung der Relevanz), sondern weil sie nicht in die Logik des Systems passt, aber es trotzdem betrifft.
Beim Lesen geschieht dies auch. Lehrer kennen das. Bevor ein Lesetext der Klasse unterbreitet wird, macht sich der Lehrer über die möglichen Antworten der Schüler Gedanken und legt sich Antworten dafür zurecht. Dann aber kommt eben doch ein Schüler an und hat den Text ganz anders verstanden, und der Lehrer kann nicht sagen, ob dieses andere Verstehen sinnig oder unsinnig ist. Es fällt aus der Klassifizierung heraus.

Interpretieren: was einem zufällt

Ich mag an dieser Stelle nun nicht wieder auf die zum Teil grotesken Aussagen der Interpretationshilfen zum Homo Faber zurückkommen; aber ja: Interpretationshilfen sind dem Sinn des Interpretierens genau entgegengesetzt: Interpretieren heißt, sich auf die zufälligen Wirkungen einzulassen, die einem beim Lesen kommen. Und es heißt, diese zufälligen Ereignisse nach und nach zu systematisieren, zu verbinden, in ihrer Reichweite zu erforschen.
Damit ist keine Beliebigkeit gemeint, wie man jetzt befürchten könnte. Der Zufall, ich erinnere daran, existiert nur relativ zum System. In anderen Systemen kann das zufällige Ereignis als notwendig wahrgenommen werden. Und es bedeutet auch nicht, dass man den Zufall hinzunehmen habe.

Zurück ins System?

Man kann diesen Zufall überschreiten, außer Kraft setzen, indem man die Grenzen des Systems, also die Grenzen der eigenen Logik verschiebt. Eine nicht ganz so einfache, zum Teil sogar recht unangenehme Aufgabe. Gelegentlich wird man dabei mit seinen eigenen Ängsten, seinen verborgenen Monstern konfrontiert.
Interpretationshilfen dagegen vernichten diesen Prozess. Sie schränken ein, sie lassen den Leser nicht zu sich selbst kommen. Aber das dürfte auch klar sein: interpretieren bedeutet, selbst zu denken. Interpretationshilfen nehmen einem dieses Denken weg. Und insofern helfen sie einen beim Interpretieren, indem sie das Interpretieren verhindern. Um es mit Kant zu sagen: Interpretationshilfen sind für Pinsel; Pinsel nennt man die Menschen, die eine Hand brauchen, die sie führt.

Relevanz als Moment der kulturellen Evolution

Man kann solche Begriffe wie zum Beispiel die Relevanz als metasprachliche Bezeichnung für Effekte der kulturellen Evolution begreifen. Die Relevanz bezeichnet, dass etwas ausgewählt worden ist oder ausgewählt werden soll; sie bezeichnet mit anderen Worten die Selektion als Prinzip.
Als Begriff des Tadels (du hast die Bedeutung/Relevanz des Textes nicht begriffen) ist sie zugleich Prinzip der Variation (lies den Text unter anderen Gesichtspunkten).
Einigt man sich auf eine bestimmte Relevanz, stabilisiert man das Milieu der Aussagen (also die Interpretation). Zugleich erschafft man sich damit eine eigene Logikblase, und eventuell eine, die eine größere Anzahl von Menschen umfasst (das, was ich im Anschluss an Antonio Gramsci Hegemonie nenne).

Der literarische Kanon

Roland Barthes stellt in einer kurzen Rede zwei Strategien oder Techniken vor, um eine solche Relevanz zu erzeugen: die erste ist der literarische Kanon, der allerdings in einer Zeit, in der Bücher den Modeartikeln ähnlich geworden sind, sich auf ein „Das musst du gelesen haben!“ beschränkt. Einstmals diente der literarische Kanon dazu, bestimmte Ideen zu tradieren. Und natürlich ist es augenfällig, dass sich Subkulturen, zu denen auch die wissenschaftlichen Disziplinen gehören, um eine gewisse Anzahl genau bestimmter Bücher herausbildet: die Bibel, der Goethe, die Werke Sigmund Freuds, das MEW. Der eine Schule begründet, muss des Schreibens (eines Werkes) mächtig sein.

Denotation werden …

Die andere Strategie, die Leseereignisse einzuschränken und gefügig zu machen, lassen sich unter vielfältigen Begriffen zusammenfassen: hier ist es, bei Barthes, die Denotation. Ich bezeichne dieses gerne als einen Zustand der Bequemlichkeit und der Feigheit. Das ist allerdings nicht ganz richtig.
Tatsächlich gehört es zu den Strategien der guten Lektüre, aus den Zufällen des Lesens, also eigentlich den Zufällen der Gedanken, die einem beim Lesen kommen, etwas Systematisches zu machen, also die Konnotation durch Systematisieren in eine Denotation zu wandeln. Den Zufall zu systematisieren bedeutet, siehe oben, die Grenzen des eigenen Denkens und der eigenen Logik zu überschreiten (eine solche Technik hat also weder etwas mit Willkür noch mit Anarchie zu tun).
Des weiteren gilt es, genau darauf zu achten, dass die Logik immer im Denken stattfindet. Sie ist dem Denken immanent.

… aber nicht Denotation sein

Wer das nicht beachtet, wer diese Innerlichkeit in der Äußerlichkeit wiederzufinden meint, landet in paranoiden Systemen. Dies kann man bei allen Formen des Populismus' beobachten, sei dieser nun rechts oder links oder was auch immer (ich bevorzuge die Bezeichnungen bürokratischer, nationaler und ökonomischer Populismus, entlang den drei großen menschenverachtenden Systemen des Stalinismus, des Nationalsozialismus und des Kapitalismus).
Den Zufällen des Denkens nachzuspüren, das ist wohl auch die Aufgabe des aufmerksamen Lesers, des aufmerksamen Interpretens. So gesehen ist Lesen Selbsterfahrung und Selbstveränderung. Wer sich dem nicht aussetzt, macht sich der Bequemlichkeit, eventuell sogar der Feigheit schuldig.

Logikblasen

Was ist falsch an der Denotation?

Vielleicht gar nichts. Die Denotation ist jener Teil unseres sprachlichen Systems, der als objektiv markiert ist. Er bietet Verlässlichkeit. Verlässlichkeit ist nicht Wahrhaftigkeit und auch nicht Wahrheit. Verlässlichkeit ist vor allem ein soziales Moment. Mit ihm zeigt man, dass man sich auf eine Vergangenheit geeinigt hat, von der aus man weiter machen kann. Ohne eine solche Vergangenheit ist die Zukunft so unterdeterminiert, dass längerfristige Ziele gar nicht verfolgt werden können: Sie werden zu unsicher.
Unter dieser Verlässlichkeit taucht der Vertrag auf, der als eine Art Gesellschaftsvertrag bezeichnet werden kann.

Die Evolution des Vertrages

So gesehen ist der Gesellschaftsvertrag kein Produkt der Rationalität, sondern der kulturellen Evolution. Menschen neigen dazu, füreinander Verlässlichkeiten herauszubilden. Es scheint so, als gäbe es aus einer biologischen Notwendigkeit heraus, der Absorption von Unsicherheit, Vertragsbildungen (und ich spreche hier bewusst im Plural) vor jeglichem rationalen Vertrag. Man höre hier bitte auch, dass solche Verträge zwar auch auf biologischen Bedingungen beruhen, aber deshalb keineswegs biologisch sein müssen.

Der Gender-Begriff

Das erste und einzige Mal, da ich mich ganz bewusst von dem Gebrauch des Wortes „frauenfeindlich“ distanziert habe, war und ist beim Homo Faber. Es gibt bezüglich des Themas gender eine Gefahr, die jenseits der rechtspopulistischen Kritik an der sogenannten „gender-Ideologie“ existiert. Ich hatte mehrfach darauf hingewiesen, und bin nicht nur gelegentlich, sondern geradezu systematisch auch missverstanden worden.
Ich habe überhaupt kein Problem mit dem gender-Begriff. Ich habe früher schon gezeigt, dass er sich durchaus biologisch rechtfertigen lässt (und bisher bin ich noch nie deswegen von einem echten Biologen eines Besseren belehrt worden, abgesehen von Kutschera, über den ich mich dann lustig mache).

Die Gender-Ideologie

Trotzdem habe ich mich gelegentlich auch gegen ihn gewandt. Das ist bei all jenen Artikeln gewesen, von denen ich glaubte, dass dort der gender-Begriff einfach nur gesetzt worden ist. Natürlich ist es erlaubt, einen Begriff zunächst zu postulieren. Ihn aber nicht ableiten zu können, oder die Ableitung darstellen zu können, das erscheint mir als unwissenschaftlich und als schlechte Ideologie.
An einem solchen Vorgehen ist nicht nur kritisierenswert, dass es sich nicht durch Argumentation, sondern durch Dogmatismus halten müsste (und dies gelegentlich ja auch tut), sondern dass die Vertreter eines solchen Begriffs den Prozess gesellschaftlicher Aufklärung verkennen: selbst wenn der Begriff legitim ist (und nichts anderes behaupte ich ja), muss er so lange in der Öffentlichkeit diskutiert werden, und kontrovers diskutiert werden, bis er auf eine breite Verlässlichkeit stößt.

Die Gender-Theorie

Umgekehrt ist es natürlich eine Frechheit, wenn man sich aufgrund einiger, auf mangelnde Beschäftigung beruhende Aussagen gegen die gender-Theorie wendet. Es liegen mittlerweile genügend Werke vor, die zu lesen sich lohnt. Wer die gender-Theorie kritisiert, und damit natürlich auch ein wichtiges moralisches Feld, hat eine gewisse Fürsorgepflicht. Fürsorge im Hinblick darauf, dass er (oder sie) solche Werke liest (und bitte schön: gründlich liest), und Fürsorge im Hinblick auf die Öffentlichkeit, seine Gedankengänge und Argumentationslinien zur Diskussion zu stellen. Einfach nur zu behaupten, die gender-Theorie sei eine Ideologie (was an sich schon eine dummdreiste Behauptung ist) und dann in einen blinden Aktionismus auszubrechen, das ist wohl die Anti-Aufklärung schlechthin. Dummheit und Faulheit waren eben noch nie gute Ratgeber.
Und damit darf ich hier ein kleines politisches Bekenntnis abgeben: weder werde ich die AfD noch die Grünen wählen, und zwar nicht aus gegensätzlichen Gründen, sondern aus den gleichen. Zumindest nicht, was den Umgang mit dem Gender-Mainstreaming angeht. Sollte ich die eine oder andere doch wählen (was unwahrscheinlich ist), dann, weil man letztlich bei jeder Partei Abstriche machen muss.

Logikblasen

Aber das sind alles nur Nebensächlichkeiten. Der Stammtisch hat sich noch nie durch Gründlichkeit oder Wissenschaftlichkeit ausgezeichnet, ob dort nun Prosecco oder Bier getrunken wird.
Es ist eine Beobachtung, die ich bei kleinen Studiengängen, mit denen der Kriminologie, der Verhaltensgestörtenpädagogik oder derzeit auch der Didaktik der Informationstechnologie beobachte: auf der einen Seite bekommen diese zu wenig Forschungsgelder, um weitreichende Untersuchungen anzuleiern, und auf der anderen Seite kennt man sich gegenseitig (zumindest im deutschsprachigen Raum): es scheint zu wenig Variation und zu viel Stabilisierung zu geben; die Forschung bewegt sich kaum weiter, und ebenso wenig die Theorie.
Das erweckt den Anschein, als würden diese kleinen Wissenschaften auf der Stelle treten und ihre eigenen Subsysteme gegen Anforderungen von außen abschotten.
Allerdings ist es nicht ganz so einfach. Denn natürlich kann man hier den Vorwurf machen, dass diese Wissenschaften in ihrer eigenen Logikblase stecken bleiben. Doch das ist nicht die erste Frage, die man sich stellen muss. Fraglich ist doch, ob man jemals einem System entkommt, was den Vorwurf der Logikblase nicht mehr verdient.

Zurück zur Relevanz

Noch einmal: was heißt Relevantes lesen?

Wir können nun feststellen, dass der Begriff der Relevanz zwar nicht dem interpretierten Text immanent ist, aber auf ein Verhältnis verschiedener Interpreten eines bestimmten Textes hinweist (zum Beispiel auf das Verhältnis von Lehrer und Schüler).
Zudem können wir feststellen, dass der Begriff der Relevanz ambivalent ist: nur indem er die Zukunft einschränkt (gleichsam dogmatisiert), ermöglicht er eine gewisse Verlässlichkeit. Und so bleibt es der Gesellschaft oder bestimmten Gruppen überlassen, über den Sinn und Unsinn einer Relevanz zu diskutieren, zum Beispiel: ist es wichtig, dass sich der Islam säkularisiert? Ist es wichtig, Computer von Beginn an im Unterricht zu nutzen? Ist es wichtig, demokratisch verträglichen Randgruppen (wie zum Beispiel Homosexuelle) eine besondere Plattform für die Sichtbarkeit zu geben (zum Beispiel den Christopher Street Day)?
Und natürlich gibt es dann auch noch die zahlreichen Relevanzen, die vielleicht nicht ganz so wichtig sind: was zum Beispiel bedeutet die Weide in Christa Wolfs Roman Kassandra? (Obwohl, wie ich gestehen muss, das für mich eine sehr schöne Frage ist.)

Wie zeigt sich Logik? Argumentation und Idee

Ich hatte mal zu Dobelli geschrieben (Hacker, Toaster, Zoe Beck und Dobelli), dass sich Argumentationen immer nur in Bezug auf Ideen als richtig oder als falsch erweisen. Man kann dies etwas präziser sagen, als ich es damals getan habe.
Argumentationen bestehen zunächst aus einer Sammlung von Urteilen (und ich meine dies hier in streng logischem Sinne als die Zuweisung eines Prädikats zu einem Subjekt, wobei das Subjekt irgend ein Begriff sein kann, während das Prädikat ein Merkmal ausdrückt). Weiterhin bestehen sie aus Schlussfolgerungen, zu denen die ableitende Regel und der Schluss gehört. Günstigstenfalls ist das Urteil ein Wahrnehmungsurteil (die Rose ist rot), schlechtestenfalls ist es eine Meinung (die gender-Ideologie ist unsinnig). Die Idee drückt sich in der Wahl von Urteilen ebenso aus, wie in der Wahl der ableitenden Regel. Dementsprechend ist dann auch der Schluss ideologisiert. Wollen wir also zu einer spezifischen Logik eine genauere Aussage treffen, dann müssen wir von einer inhaltlichen Betrachtung der Argumentation zu einer genetischen Betrachtung übergehen: wie überhaupt ist es zu einem solchen Urteil gekommen? Was sind die Bedingungen dafür, dass ein solches Urteil auftaucht?

Wie zeigt sich Logik? Enthymeme und kulturelle Grenzen

Folgt man den Theorien der kulturellen Evolution (wie ich dies hier tue), kann man diese Bedingungen nicht in einem metaphysischen Bereich finden, sondern in den Dispositionen vergangener Zeiten. Zudem muss man, wie ich oben ausgeführt habe, davon ausgehen, dass es in jeder Kultur Bindungen gibt, die der Rationalität der betreffenden Kultur nicht ohne erhebliche Mühen zugänglich sind. Diese habe ich, im Anschluss an Aristoteles, Enthymeme genannt: fraglos gewordene Überzeugungen.
Eine solche Behandlung der Logik muss sich eine gewisse Paranoia bewahren: wenn sie schon keine menschlichen Akteure auf den Hinterbühnen erwartet, so doch eben jene Enthymeme, die im Verborgenen wirken. An sie zu rühren bedeutete, an den Grenzen der jeweiligen Kultur zu rütteln. Und in diesem Sinne ist die Aufklärung jenes Unternehmen, was sich beständig selbst überwinden muss.

Status eines Softskills: die Lesekompetenz

Was aber hat das alles mit der Lesekompetenz zu tun, von der ich zu Beginn so viel, und jetzt scheinbar gar nicht mehr gesprochen habe?
Nun, zunächst kann man feststellen, dass sich im akademischen Bereich (und gelegentlich auch im populären) Lesekompetenz dadurch ausdrückt, dass man einen Text zustimmend liest, aber auch dadurch, dass man ihn widerlegend liest. Lesekompetenz drückt sich damit durch zwei sich widersprechende Ergebnisse aus.
Sammelt man dann Methoden des Lesens, philosophische, literaturwissenschaftliche, kreative, findet man ein ganzes Bestiarium (oder Herbarium) solcher Verfahrensweisen.
Und mit Rücksicht auf die kognitive Psychologie kann man schließlich von Assimilationsschemata sprechen, aus denen sich die Lesekompetenz zusammensetzt, und zum Teil sehr verschieden zusammensetzt. Ein Slavoj Zizek liest Hegel komplett anders als ein Gilles Deleuze. Eine generelle Lesekompetenz wird man beiden aber wohl schwerlich absprechen können.

Lesekompetenz und Assimilationsschemata

Ich gehe nun davon aus, dass sich die Lesekompetenz nicht wirklich fassen lässt. Sie setzt sich aus zu vielen solcher Schemata zusammen; sie strukturiert sich auch je unterschiedlich (manche Leser verschaffen sich zunächst einen Überblick über einen Text, andere lassen sich eher von einzelnen Stellen faszinieren, usw., auch wenn beide sowohl des Überblicks als auch der Mikrolektüre fähig sind). Es käme also darauf an, die Lesekompetenz nicht an einer bestimmten Vorgabe festzuhalten, sondern an einer hinreichend großen Anzahl solcher Assimilationsschemata. Aber wie relevant sind solche Assimilationsschemata für sich genommen: welche Rolle spielt es, dass ich zu Beginn von Kassandra an das Hier und Jetzt aus Hegels Phänomenologie des Geistes denke, am Ende aber an den Homo Faber, der mit dem gleichen Satz endet wie Wolfs Kassandra? Und was daran ist nun genau die Lesekompetenz? Besteht sie darin, überhaupt Verbindungen zu ziehen, oder besteht sie darin, genau diese Verbindung zu ziehen?
Roland Barthes schreibt dazu im bereits zitierten Artikel:
… ich weiß nicht, ob das Lesen nicht grundlegend ein vielzähliges Feld aufgesplitterter Praktiken und irreduzibler Effekte ist und folglich die Lektüre der Lektüre, die ›Metalektüre‹, selbst nichts anderes als ein Aufblitzen von Ideen, Ängsten, Wünschen, Lustempfindungen und Unterdrückungen, von dem es nur fallweise, gleichsam im Plural … zu sprechen gilt.
Barthes, Roland: Über das Lesen. in Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt am Main 2005, S. 33

Wie zeigt sich Logik? Zeigen und Sagen

Das Problem der Sprache (und damit das Problem des Lesens) findet sich in den verschiedenen Ebenen, die die Sprache durchkreuzen. Nur zu gerne erinnere ich daran, wie Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss über Seiten hinweg das zwölfzeilige Gedicht ›Les Chats‹ von Baudelaire beschreiben, woraufhin die Antwort von Michel Riffaterre noch umfangreicher ausfällt.
Man fühlt sich hier daran erinnert, was Wittgenstein zur Sprache geschrieben hat:
Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit.
Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, 4.121
Der sprachliche Ausdruck zeigt die logische Form, aber sagt sie nicht. Und demnach entgleitet die logische Form immer wieder der inhaltlichen Darstellung. Damit ist die Logik aber seltsamerweise nicht mehr der beruhigende Grund, auf den sich eine (mehr oder weniger) wissenschaftliche Diskussion verlassen kann, sondern eine beunruhigende Kluft, über die sich die eine Logik mit der anderen Logik nur in Form von Tautologien und Missverständnissen austauschen kann.
Lesen wäre, sofern es nicht mechanisches Lesen sein soll, eine Folge von Missverständnissen und Fehllektüren. Oder, um dies in der ganzen paradoxen Erscheinung zusammenzudampfen: Lektüre ist Fehllektüre, dank der Kluft zwischen Zeigen und Sagen. (Siehe dazu auch: Form und Übersetzung, Sprachen lernen)

Ein Kanon der Leseverfahren? - Schulbücher

Grundsätzlich bekenne ich mich dazu, die neuen Schulbücher zu lieben. Sie sind keinesfalls, wie dies Ursula Sarrazin vor einigen Jahren behauptet hat, anspruchsloser geworden, im Gegenteil. Ab der zweiten Klasse findet man in jedem Schulbuch methodische Hinweise, zum Teil ganze Methodenseiten, und so natürlich in den Deutschbüchern auch Seiten zum Training der Lesekompetenz. Hier werden Methoden eingeübt, wie zum Beispiel den wesentlichen Begriff eines Absatzes zu identifizieren, dem Absatz eine Überschrift zu geben, aus einer kurzen Geschichte den wesentlichen Konflikt und das Moment, in dem dieser Konflikt gelöst wird, zu identifizieren. Und schon in der zweiten Klasse leiten die Schulbücher auch dazu an, die Ergebnisse zu vergleichen und zu hinterfragen, also kritisch mit den eigenen und den fremden Leistungen umzugehen.

Individuelle Leseverfahren

Soviel zum Lob. Und trotzdem: ganz verlassen dürfen wir uns auf die Schulbücher nicht. Schon die Kinder in der ersten Klasse bringen eine ganze Menge Assimilationsschemata mit. Und eine ganze Reihe dieser bereits erworbenen Muster eignen sich hervorragend zur Interpretation von Texten und dem Verfassen von Geschichten, selbst wenn die Schüler noch nicht schreiben können. Von all dem wissen die Schulbücher nur im Allgemeinen, nicht im Besonderen. Hier ist es gelegentlich die Aufgabe des Lehrers, solche Lesemuster aufzugreifen und für die Klasse fruchtbar zu machen, obwohl sie gerade nicht im Schulbuch enthalten sind.
Ein gewisser Kanon ist also sinnvoll, weil man sich so auf Gemeinsames verlassen kann. Aber eine gewisse Variation ist auch nicht schlecht. Manchmal, so darf ich gestehen, ist es einfach bezaubernd, was Kinder aus Texten machen, die man als sehr simpel bezeichnen würde. Genau das gilt es zu würdigen, mit und gegen den Kanon.

Zum Abschluss: die unsinnigen Diskussionen

Im Internet findet man mittlerweile so zahlreich Diskussionen, die eigentlich nur noch aus der gegenseitigen Beleidigung der Diskutanten bestehen, dass man nicht explizit auf eine bestimmte Seite verweisen muss. Ich tue es an dieser Stelle trotzdem. Es gibt von Harald Lesch ein Video, in dem er die Aussagen der AfD zum Klimawandel kritisch begutachtet. Er kommt zu dem Schluss, dass die AfD sich hier höchst unwissenschaftlich verhält. Das hat natürlich zu sehr viel Unmut, aber auch zu sehr viel Fürsprache geführt. Und egal, ob Harald Lesch recht hat oder nicht, und egal, ob die meisten dieser darunter stehenden Aussagen einfach nur Beleidigungen sind oder doch irgendwie zu einer sinnvollen Diskussion gehören: die Aufforderung, seine Aussagen zu begründen, zielt nicht nur darauf, ob diese inhaltlich richtig sind, sondern darzulegen, wie jemand zu diesen Aussagen kommt, also sich selbst zu begründen.
Diese Aufforderung ist nicht unsinnig, sondern vielleicht sogar das Wesentliche an solchen Diskussionen: nur darüber lässt sich genauer sagen, mit welcher Sorgfalt ein Diskutant bestimmte Aussagen zu betrachten bereit ist. Auch hier geht es zunächst nicht um das Ergebnis als solches, sondern um die Lesekompetenz. Auch hier geht es um die darunterliegenden, unausgesprochenen Verträge. Und natürlich geht es um die Idee, die sich in einer solchen Lesekompetenz anzeigt.

25.08.2016

Die Fabel hinter der Fabel

Die Fabel hinter der Fabel, – so heißt ein einigermaßen berühmter Aufsatz von Michel Foucault. Fabel, so lässt sich hier der Begriff verstehen, bedeutet dasselbe wie bei den Schriftstellern der Plot: die wichtigen Handlungen einer Geschichte. Foucault berichtet nun in diesem Aufsatz, wie sich hinter der Fabel, in ihrem Erzählt-Werden, weitere Stimmen mischen, manche ganz vordergründig, als jemand, der zwar anonym bleibt, aber doch vom Geschehen berichtet, als sei er gerade dabei. Andere treten zurück, tauchen gelegentlich auf, sprechen in kurzen und seltenen Sätzen. „Eigentlich …“, schreibt Foucault,
müsste man alle diese hinter der Fabel agierenden Stimmen untersuchen, in deren Wechselspiel und Kämpfen die Fiktion Gestalt annimmt.
(Foucault, Michel: Die Fabel hinter der Fabel. in ders.: Schriften zur Literatur. Frankfurt am Main 2003, S. 203)

Drei verdeckte Fabeln

Spricht man aber von verdeckten Fabeln, so kann man nicht nur von einer Fabel ausgehen, der Fabel des Erzählens, sondern von dreien, die hinreichend unterschieden sind. Dies sind (1) die Fabel vom Erzähler, (2) die Fabel, die aus einer anderen Fabel entsteht, und (3) die Fabel, aus der sich andere Fabeln ableiten.

Io, Maia, Syrinx, Juno

Zunächst dürften uns hier all jene Erlebnisse einfallen, in denen uns jemand etwas erzählt hat, oder wo wir dabei waren, etwas zu erzählen. Tatsächlich taucht die Erzählung vom Erzähler schon sehr früh in der Literatur auf, als Erzählweise und Erzähltechnik. Denken wir an solche Werke wie zum Beispiel Ein Ehepaar erzählt einen Witz, von Kurt Tucholsky, oder daran, wie Gandalf im Fangorn-Wald Aragorn, Legolas und Gimli von seinem Kampf gegen den Balrog und seinem Sieg berichtet.
In Ovids Metamorphosen findet sich diese Technik auf vielen Seiten. Im ersten Buch verführt Jupiter Io (568-750), und um diese vor seiner eifersüchtigen Gattin zu verbergen, verwandelt er sie in eine Färse. Diese ist wunderschön. Juno begehrt sie für ihre Herde, und Jupiter muss sie, notgedrungen, überlassen. Io wird nun von Argus bewacht, der über hundert Augen verfügt; immer nur zwei von ihnen schlafen. Jupiter möchte Ios Leiden beenden und schickt seinen Sohn Mercurius/Hermes (den er zusammen mit Pleias, bzw. Maia zeugte), den Argus zu überlisten. Dieser nähert sich dem Hirten und zeigt ihm die Panflöte, bzw. Syrinx. Dem Argus erzählt Hermes nun, wie die Syrinx erfunden wurde. Syrinx war eine arcanische Nymphe, der der Gott Pan nachstellte. Sie floh, aber Pan holte sie an den Ufern des Ladon ein (einem Fluss auf der spartanischen Halbinsel, nahe Olympia und nördlich von Sparta). Daraufhin erflehte Syrinx die Hilfe ihrer Schwestern, der Flussnymphen. Diese verwandelten sie in ein Schilf, aus dem Pan dann die Flöte erschuf, um ihrer Stimme immer nahe zu sein.
Während Hermes also die Geschichte erzählt, schläft Argus tatsächlich ein. Daraufhin tötet der Götterbote Junos Hirten.

Die Fabel des Erzählers

Sicherlich ist es nicht ruhmreich, wenn der Zuhörer beim Erzählen einschläft. Doch umso schärfer lenkt dies den Blick darauf, was eine Erzählung noch ist: eine Strategie, die vom Erzähler aus den Zuhörer zum Objekt degradiert und ihn dafür mit Selbstvergessenheit „belohnt“ – Hermes schneidet Argus die Gurgel durch, dem Ort, an dem rein physikalisch die Stimme entsteht. Wie strategisch Erzählungen sein können, und wie sehr sie sich in die Realität einmengen, erzählt ein Roman von David Ignatius, Body of Lies. Hier erfindet der Anti-Terror-Spezialist Roger Ferris um den Architekten Omar Sadiki eine Geschichte, die ihn (Sadiki) in Kontakt mit einem Terroristen bringen soll, den die CIA seit langer Zeit vergeblich sucht.

Die Fabel einer anderen Fabel

Damit sind wir beim umgekehrten Fall. Der Fabel, die der Erzähler erzählt, geht eine andere Fabel voraus. Die einfachste Form einer solchen Abfolge ist die Verkettung von Geschichten, die nur lose in eine Gesamtgeschichte eingebunden sind. Typisch dafür sind alte Ritterepen. Ovids Metamorphosen dagegen erweisen sich schon als recht kunstvoll. Manche dieser Fabeln verketten sich tatsächlich in Form eines Verlaufes, andere wieder erläutern Nebenhandlungen, wieder andere, wie hier die Geschichte der Syrinx, erläutern etwas (wie es zur Erfindung der Syrinx kam), aber sind auch Teil der Gesamthandlung.
Man kann aber über die Jahrhunderte beobachten, wie die Erzählung, die auf einer anderen Erzählung beruht, zunehmend einen strategischen Platz einnimmt. Sie verkleidet die direkte Kritik, wo diese nicht möglich ist (Lafontaines Fabeln); sie drückt die Perspektive aus, die ein Mensch in der Welt „erzeugt“, um sie mit anderen Perspektiven zu kontrastieren: die Geschichten werden psychologisch und sozialkritisch. Schließlich wandern all die Gespenster, die im Auftrag der Moral Rache ausüben oder an Pflichten erinnern, in den persönlichen Bereich ab: es sind selbst Opfer widriger Umstände, und man besiegt sie nicht mehr, indem man ihren Namen ausspricht, sondern indem man ihre Geschichte kennt und das geschehene Unrecht rückgängig macht. Dann, Mitte des 19. Jahrhunderts, kehren die Gespenster in die reale Welt zurück: als Verbrecher. Der Mordfall ist die Fabel einer anderen Fabel par excellence. Der Tathergang ist die unsichtbare Stimme, die der Krimi orchestriert.

Die aus der Fabel abgeleitete Fabel

Aus den Metamorphosen kommt eine andere Geschichte zu uns, die uns seit einem Jahrhundert begleitet: die des Narcissus (III. Buch, 340-510), aus der Sigmund Freud dann seine eigene Fabel macht. Allerdings, dies muss man Freud und der gesamten Psychoanalyse zugestehen, hat die Populärpsychologie aus dem Narzissmus das traurige Echo einer längst vergessenen hermeneutischen Kunst gemacht. Freilich ist die Populärpsychologie geschwätzig, darin gleicht sie der Nymphe Echo. Und wie die Nymphe Echo scheint sie nur die letzten und darum missverständlichen Worte wiederholen.

Tiresias

Vergessen wir nicht, was der Fabel des Narcissus vorhergeht. Juno möchte Jupiter der Untreue überführen und beschwatzt Semele, sich eine Gabe von Jupiter zu erbeten. Er verspricht dies, woraufhin Semele sich, wie Juno ihr das eingeflüstert hat, wünscht, Jupiter möge sich ihr in seiner wahren Gestalt nähern (d.h. mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben); dies ist, laut Ovid, der Blitz. Doch obwohl Jupiter zu seiner leichtesten Form greift, erträgt die Sterbliche das göttliche Feuer nicht; das unreife Kind, das aus dieser Zeugung entstanden ist, lässt sich Jupiter in den Oberschenkel einnähen und trägt es aus. Daraus entsteht Bacchus, der zweimal geborene Gott.
Auf diese Episode folgt ein Wortwechsel zwischen Jupiter und Juno, bei der Jupiter behauptet, dass die Frauen zu größerer Lust fähig seien als die Männer. Juno verneint das. Daraufhin beschließt man den Tiresias zu fragen: der kannte Venus auf beiderlei Seiten. Denn Tiresias schlug einst zwei mächtige Schlangen, die sich im Walde paarten, und wurde daraufhin für sieben Jahre zur Frau. Er wandelte sich zurück, als er die beiden Schlangen erneut schlug. In dem Streit zwischen Jupiter und Juno stimmte Tiresias Jupiter zu. Dies ärgerte Juno so sehr, dass sie dem Mann das Augenlicht nahm. Zum Ausgleich schenkt Jupiter dem Blinden die Sehergabe. Und genau dies lässt ihn dann auch das Schicksal des Narcissus verkünden: der Knabe werde ein hohes Alter erreichen, wenn er sich fremd bleibe.

Echo und Narcissus

Der Niedergang des Narcissus ist dann schnell erzählt: kein Mensch, kein Jüngling und kein Mädchen vermag ihn zu rühren. Während der Jagd nach Hirschen begegnete er der Nymphe Echo, die durch Juno dazu verdammt ist, nur das zu wiederholen, was zu ihr gesagt wird. Narcissus täuscht sich zunächst, als er meint, ihm würde jemand Gleichgesinntes antworten. Darüber täuscht Echo sich, dass Narcissus sie wirklich lieben würde, und gibt sich ihm zu erkennen, worauf er sie flieht und sie kränkt. Echo zieht sich zurück, margert ab und lässt nur ihre Stimme und ihre Knochen zurück.
Narcissus lässt sich so wenig von anderen Menschen berühren, dass ihn schließlich der Fluch eines Verschmähten trifft: Möge er selbst so lieben und nie das Geliebte besitzen. – Wieder auf der Jagd beugt sich Narcissus über einen Quell, erblickt sich selbst darin; diesem Trugbild sitzt Narcissus auf: Möglich scheint die Berührung: die Liebenden trennt nur ein Kleines. Schließlich aber erkennt er die Täuschung: Liebe zu mir verbrennt mich: ich schüre die Glut, die ich leide. … Mein ist, was ich ersehne; ich möchte mich schenken und kann nicht. – Was nun oft vergessen wird, ist, dass Narcissus nicht einfach zu einer Blume wird, sondern sich den Leib zerschlägt und schließlich - in der Morgensonne - „zerrinnt“. Das ist der Moment, in dem Echo wieder auf der Bühne erscheint: Sie erblickt Narcissus, der weiterhin in seinem Spiegelbild „gefangen“ ist, und wiederholt, erzwungenermaßen, nun sein Gejammer. Von Narcissus wird weiter erzählt, dass er sich sogar noch in den Wassern des Styx selbst betrachtet, während sein Körper zur Narzisse wird.

Die Strukturen der Fabel

Mit dem Schriftgebrauch verkompliziert sich die Erzählkunst. Zwar gibt es immer wieder Sammlungen einfacher Fabeln, 1001 Nacht (die in ihrer ursprünglichen Fassung vornehmlich erotische Geschichten waren, und denen Sindbad, Ali Baba, und das Märchen vom Geisterkönig nicht angehören: diese wurden von einem französischen Übersetzer der Werke hinzugedichtet), das Dekamerone, die Hausmärchen, des Knaben Wunderhorn (und falls euch dabei lustige Gedanken kommen: die sind berechtigt). Aber im Allgemeinen wurden die Fabeln komplexer. Sie stehen nicht mehr nur nebeneinander, sondern vermischen und verschlingen sich.
Natürlich gibt es noch relativ klare Gliederungen. In jeden Thriller sind kleinere Fabeln eingelagert, die von Verlust und Niederlage erzählen: sie bilden eine Kette. Viele Fabeln erzählen aber auch, und zugleich mit der Verkettung, das Auffinden der verlorenen Fabel, sei es, dass ein Verbrechen gelöst wird, indem der Tathergang rekonstruiert wird, sei es, dass ein Thriller zugleich nach und nach darlegt, wie ein Mensch zum Serienkiller wurde, sei es, dass das düstere Geheimnis einer der Hauptpersonen nach und nach aufgedeckt wird: er ist ein Werwolf, ein flüchtiger Milliardärssohn, ein ehemaliger CIA-Agent, der Landesverrat begangen hat - natürlich aus positiv ethischen Gründen. Selbst ein so lächerlicher Film wie Dantes Peak stützt sich auf eine (sehr magere) Hintergrundgeschichte: die Freuden des Vulkan-Werdens. Und umgekehrt wird das Erzählen selbst zu einer Fabel (noch ein berühmtes Beispiel: Momo von Michael Ende).

Die Metamorphosen der Analogie

Was Ovids Metamorphosen zu einem solch komplexen und reichen Werk machen, ist allerdings nicht nur das Gewirr an Geschichten, die darin eingelagert sind. Oftmals entsprechen sich Geschichten einander, aber nie vollständig. Sie tauchen in immer neuen Variationen auf. Nicht nur Freud leitet aus der Fabel seine eigene, neue ab, sondern Ovid selbst verändert, kontrastiert, verwebt; wie etwa die Spiegelung des Narziss im Wasser und die Wiederholung durch die Nymphe Echo sich angleichen, ohne vollständig gleich zu sein; wie etwa Jupiter seinen Oberschenkel zur Gebärmutter ausgerechnet für Bacchus (den Gott des Weines und der Exstase) umfunktioniert; wie der Streit über das Mehr an Genuss zwischen Juno und Jupiter zu Tiresias führt, der beide Seiten der Venus erfahren habe, dann aber sein Augenlicht genommen und eine prophetische Stimme verliehen bekommt, mit der er ausgerechnet das Schicksal des Narcissus kündet. Beständige Verschiebung und Variation des Themas Blick/Stimme.
Wir sehen also drei mögliche Formen, eine Geschichte komplexer zu gestalten: Verkettung, Hintergrundgeschichte/Erzählergeschichte, Variation.

22.07.2016

Deutsche Tugenden

Mäßigung und Wissenschaftlichkeit sind doch auch irgendwie deutsche Tugenden, hoffe ich.
Just an mir vorbeigegangen ist, was in München passiert. Ich hatte zwar Twitter geöffnet, aber über eine Stunde nicht mehr hinein gesehen.
Ich wünsche mir: Mäßigung. Das immerhin ist noch eine ciceronische Tugend, vielleicht auch eine von Kant. Ethos, so lautet der alte, griechische Begriff. Er ist dem Pathos gegenübergestellt. Insgesamt bezeichnet er eine Tendenz, zu was in einer Rede aufgerufen wird, ist also ein Begriff aus der Rhetorik.
München! Bedenkt man, wie wenig Menschen Terroranschläge begehen, ist die Aufregung unverständlich. Eher sollte man doch Autos des Landes verweisen. Oder wackelige Stühle.
Natürlich werden diese Anschläge in München, samt den Opfern, politisch instrumentalisiert. Das lässt sich wohl kaum vermeiden. Von etwas eine Meinung zu haben bedeutet zwangsläufig, der Tatsache etwas hinzuzufügen. Wie anders könnte man aber auch in der Gesellschaft über Tatsachen reden? Wie anders ließen sich Tatsachen auch als soziale Ereignisse verstehen?
Ich hatte schon vor langer Zeit geschrieben, dass sich Terroranschläge in Deutschland wohl nicht werden vermeiden lassen. Allerdings bezweifle ich, dass diese etwas mit den Flüchtlingen zu tun haben. Ich möchte doch behaupten, dass Terroristen, die in Deutschland Terroranschläge verüben wollen, so oder so nach Deutschland kommen werden, ob versteckt in Flüchtlingsströmen oder nicht. Das beste Beispiel sind die Anschläge vom 11. September. Die Täter haben sich nachweislich über längere Zeit in Deutschland aufgehalten und zum Teil auch von hier aus die Anschläge geplant.
Deshalb beunruhigen mich diese vielen greifbaren völlig verdrehten Kommentare in den social medias zu dem angeblichen Deutschtum und der deutschen Kultur viel mehr. Natürlich möchte ich nicht, dass Menschen getötet werden, in wessen Namen auch immer. Aber die deutsche Kultur abschaffen werden die Islamisten nicht; so wie es zur Zeit aussieht, braucht man dazu nur eine größere Menge an deutschen Deppen.

Zu rasch ...

Eben habe ich einen Artikel veröffentlicht, den ich noch gar nicht veröffentlichen wollte (und jetzt wieder gelöscht). Aus einer Laune heraus hatte ich diesen vor anderthalb Wochen angefangen und dann immer wieder daran weiter gearbeitet. Im Kern ist er stimmig, aber in seinem Ablauf nicht differenziert genug.
Er wird wohl, wie viele meiner Artikel im letzten Jahr, in der Versenkung verschwinden, bis ich meine Position so weit überdacht habe, dass ich ihn werde anders schreiben können.
Zwischendurch sind mir eben auch ganz andere Sachen unter die Finger gekommen. JavaScript (mal wieder), der Putsch gegen Erdogan (obwohl ich diesen nur ganz halbherzig verfolgen konnte), und immer wieder diese politischen Kommentare. Darum ging es in dem gelöschten Artikel vornehmlich. Es ist unglaublich, was sich dort die Menschen teilweise an einer komplett widersinnigen Umschreibung der Geschichte leisten. Den einen oder anderen müsste man wirklich anzeigen.
Nun, ich habe besseres zu tun. Thema des Artikels war (und ist) das unablässige Selbstbewusstsein und die Flucht davor. Es fügt einigen Themen, die ich in den letzten Jahren bearbeitet habe (Langeweile, Gefühlslosigkeit), noch einmal einen neuen Aspekt hinzu. Was ich derzeit schmerzhaft vermisse: ich hatte mir letzten Jahr zwei weitere Bücher von Leon Wurmser gekauft. Die Maske der Scham besitze ich seit 25 Jahren. Ich komme aber nicht dazu, diese Bücher zu lesen. Ich habe in einigen geblättert. Gerade jetzt wünsche ich mir, ich hätte dazu die Zeit. Ich bin kein großer Freund der Psychoanalyse, aber Wurmser habe ich immer als anregend gefunden, wenn es um die Betrachtung komplexer psychosozialer Zustände ging. Ein andermal vielleicht.

14.07.2016

Zeugnisse und Datenbanken

In den letzten drei Wochen bin ich nicht mehr zum Programmieren gekommen; ich habe auch kaum ein Buch angefasst, jedenfalls kein Buch, das mit Philosophie oder Literatur zu tun hätte. Selbst meine Anmerkung über Kant habe ich nur aus dem Zettelkasten herausgezogen.

Datenbanken entwerfen

Ohne es direkt zu wissen habe ich angefangen, eine Datenbank zu entwerfen. Nein, eigentlich habe ich nur Daten so strukturiert, dass sie möglichst einfach und flexibel einsetzbar sind. Ziel ist ein Programm, dass mir meine Lernprozesse strukturiert und übersichtlich macht, ein Kanban für Autodidakten.
Vor einigen Wochen habe ich mir auch ein Buch über Datenbanken gekauft. Jetzt hätte ich gerne Zeit, mir dieses Buch intensiver anzuschauen. Noch fehlt mir die Zeit, aber bin mir ziemlich sicher, dass ich in den nächsten Tagen dazu kommen werde.

Zeugnisse schreiben

Heute habe ich dann doch noch programmiert, sogar eine kleine Datenbank.
Seit Tagen sitze ich über den Zeugnisnoten meiner Schüler. Nicht, dass die Noten nicht feststehen würden. Aber ich warte noch auf irgend ein Zeichen, das diese Noten zu ehrlichen Beschreibungen meiner Schüler macht. Dieses Zeichen ist bisher ausgeblieben.
Nein, ich mag solche einfachen Noten nicht. Sie beschreiben keineswegs die Qualitäten meiner Schüler, keinerlei Tendenzen, eigentlich gar nichts. Ein Samenkorn beschreibt die fertige Pflanze besser als eine Note die Schülerarbeiten. Ich habe also ein wenig gelitten.
Vielleicht hätte ich während meines Studiums nicht so sehr mit dem philosophischen Unterschied von Qualität und Quantität beschäftigen sollen. Sie verleidet einem doch jegliche Quantifizierung psychologischer Phänomene.

Ein rasches Programm

Trotzdem habe ich mir heute noch schnell ein Programm geschrieben, welches mir die Noten zusammen rechnet und strukturiert ausgibt. Besonders wichtig war mir das im Fachbereich Deutsch. Dort gibt es vier Noten auf dem Zeugnis, drei Teilnoten und eine Gesamtnote. Zudem muss man die mündlichen und die schriftlichen Noten unterschiedlich gewichten. Und da die drei Teilnoten zum Teil aus schriftlichen und zum Teil aus mündlichen Noten zusammengesetzt sind, kann man nicht einfach die Teilnoten zusammenrechnen. Da ist ein kleines Programm schon recht sinnvoll.
An meinen von Hand ausgeführten Berechnungen hat sich zwar nichts geändert, aber zumindest weiß ich jetzt, dass ich richtig gerechnet habe.
An meinem grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber den Noten hat sich aber nichts geändert. Der Zweifel bleibt.

11.07.2016

Berlin. Stadt der Frauen

So kann man es derzeit auf einem Plakat lesen. Darunter steht:
Nur noch bis zum 28.8.2016.
Danach ist Berlin nicht mehr Stadt der Frauen, oder was?
Das ist fast so schön wie die Widmung unter Benjamins Trauerspiel.

08.07.2016

Kant zur objektorientierten Programmierung

Das soll natürlich ein wenig provozierend sein, aber tatsächlich nur ein ganz klein wenig. Dass Kant sich nicht zur objektorientierten Programmierung geäußert hat, nicht direkt, dürfte klar sein. Trotzdem lassen sich bestimmte Gedanken Kants auf die Philosophie des modernen Programmierens übertragen.

Das Objekt im objektorientierten Programmieren

Die Kunst des objektorientierten Programmierens besteht darin, ein Objekt (meistens aber ziemlich viele) zu erschaffen, das in irgend einer Art und Weise der Realität entspricht. Ein Objekt ist zunächst eine Art Schablone, man nennt dies auch Klasse, aus der dann ein konkretes Objekt (auch Instanz genannt) erzeugt wird.
Nehmen wir zum Beispiel eine Klasse an, die ganz allgemein Bücher „repräsentieren“ soll. In dieser Klasse legt man bestimmte Datensätze fest, die wie eine Schablone wirken: interessant wäre zum Beispiel der Autor, der Titel, der Preis, die Seitenzahl, der Verlag. In der Klasse werden diese Datensätze festgelegt, ohne dass sie aufgefüllt werden. Erschafft man eine Instanz von einer solchen Klasse, dann wird zum Beispiel als Autor Immanuel Kant angegeben, Titel wäre Kritik der praktischen Vernunft, der Preis beliefe sich auf zehn Euro, die Seitenzahl auf 302, und der Verlag wäre der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main.

Abstraktion entlang des Gebrauchs

Allerdings schleicht sich in eine solche Klasse und ein solches Objekt bereits die Abstraktion massiv ein. Wollte man ein Buch wie die Kritik der praktischen Vernunft so real wie möglich beschreiben, dann wäre es notwendig, auch den gesamten Text (der ja das eigentlich interessante an diesem Buch ist) in der Instanz zu speichern. Die Instanz, und damit auch die Klasse, bräuchte also ein weiteres, wahrscheinlich ziemlich komplexes Datenobjekt, welches den Text abspeichern würde.
Das reduzierte Objekt, welches ich zunächst vorgeschlagen habe, ist eindeutig nicht an dem Objekt selbst gewonnen worden, sondern an dem Interesse eines möglichen Konsumenten.
Damit entpuppt sich die Rede davon, dass das programmierte Objekt ein reales Objekt abbilde, als eine sehr schlampige Darstellung. Tatsächlich bildet das Objekt vor allem den Gebrauch ab; es ist also keineswegs die Abbildung eines Gegenstandes, sondern einer begrenzten Anzahl von Handlungen. Damit bildet es auch nicht ein Stück meist physikalisch gedachter Welt ab, sondern ein Stück subjektiven Bedürfnisses. Anders ließe sich auch gar nicht erklären, dass sämtliche Fantasy-Spiele, die es auf dem Markt gibt, objektorientiert programmiert sind. Hier wird, über den Gebrauch, eine Welt erschaffen und eben nicht abgebildet.

Kants Objekte

Immanuel Kant hat sich die Objekte als Sinnesdaten gedacht, die durch das Wirken der Vernunft in eine idealisierte Form gebracht werden. Der Weg, den jegliche sinnliche Mannigfaltigkeit zum idealisierten Objekt geht, ist der der Abstraktion. Wie auch immer sich Kant das dann genau gedacht hat, so bleibt doch festzustellen, dass das Objekt nicht gemäß der Prinzipien der Realität, sondern denen der Vernunft konstruiert wird, also nicht entlang von naturwissenschaftlichen Gesetzen, sondern von subjektiven, spontanen Formen.
So muss auch die objektorientierte Programmierung den Benutzern gehorchen. Dies ist, auf der einen Seite, natürlich derjenige, der das Programm später gebraucht. Zuallererst aber werden diese Objekte von dem Programmierer selbst benötigt, und so sind sie auch zuallererst Konstrukte des Programmierers. Die Kundenfreundlichkeit eines Programms besteht dann ja auch aus dem Zusammenwirken zahlreicher Objekte, bzw. deren Instanzen.

Hilfs-Ich

In der Psychoanalyse beschreibt man mit dem Begriff des Hilfs-Ichs ein Objekt, welches zwischen den Triebregungen des Subjekts und den „objektiven“ Anforderungen der Umgebung vermittelt, wenn die Anpassung schwierig oder gestört ist. Dies scheint mir auch eine ganz gute Darstellung der Leistungen zu sein, die Objekte bieten. Jedes Programm ist ein Werkzeug, welches dem Benutzer bestimmte Arbeiten vereinfachen soll. Anders beschrieben passt es die Bedürfnisse des Benutzers an eine sonst zu komplexe Realität an. Damit übernimmt das Programm die Funktionen eines Hilfs-Ichs und könnte demnach auch mit solchen Begriffen beschrieben werden.
Damit wäre es möglich, die gesamte Philosophie der objektorientierten Programmierung auf eine andere Basis zu stellen.

04.07.2016

Freiheit des Willens

Dass der Wille ein hübsches, aber schwierig zu fassendes Ding sei, das hatte ich, glaube ich, schon einmal erwähnt. Erwähnt hatte ich irgendwo auch, dass mich der Begriff der Natalität, so, wie er bei Hannah Arendt vorkommt, sehr interessiert. Natalität, das bedeutet, wenn ich hier so ins Grobe sprechen darf, das Vermögen, etwas neu anzufangen.

Uns ist ein Kind geboren

Jesus von Nazareth

Neben vielem anderen durchstreife ich in den letzten Monaten meine Aufzeichnungen zu Derridas Vorlesung über die Geste des Verzeihens. Im fünften Kapitel von Arendts Vita Activa, dem Kapitel über das Handeln, merkt Arendt an:
Im Unterschied zum Verzeihen, das im Politischen niemals ernst genommen worden ist, schon weil es in einem religiösen Zusammenhang entdeckt und von ›Liebe‹ abhängig gemacht wurde, hat das Vermögen, Versprechen zu geben und zu halten, und die ihm innewohnende Macht, das Zukünftige zu sichern, in der politischen Theorie und Praxis, wie sie uns aus der Überlieferung entgegentreten, eine außerordentliche Rolle gespielt. (S. 311)
Am Ende setzt Arendt dann das Schwergewicht des menschenwürdigen Daseins auf das Verzeihen, nicht auf das Versprechen.
Dass es in dieser Welt eine durchaus diesseitige Fähigkeit gibt, »Wunder« zu vollbringen, und dass diese wunderwirkende Fähigkeit nichts anderes ist als das Handeln, dies hat Jesus von Nazareth … nicht nur gewusst, sondern ausgesprochen, wenn er die Kraft zu verzeihen mit der Machtbefugnis dessen verglich, der Wunder vollbringt, wobei er beides auf die gleiche Stufe stellte und als Möglichkeiten verstand, die dem Menschen als einem diesseitigen Wesen zu kommen. (S. 316)

Natalität

Kurz darauf bezeichnet Arendt die Tatsache der Natalität als das Wunder, das den Gang der menschlichen Dinge „vor dem Verderben rettet“. Das »Wunder« bestehe darin,
dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins. (S. 317)
Wie sehr dieser Neuanfang den Geburtsstatistiken widerspricht, wird deutlich, wenn man den Neugeborenen nicht als animal laborans, sondern als zoon politikon begreift:
Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen –, d.h., in der Erfahrung des Lebens, die vorgeprägt ist von den Prozessabläufen, die ein Neuanfang unterbricht –, immer wie ein Wunder an. Die Tatsache, dass der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangens begabt ist, kann daher nur heißen, dass er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, dass in diesem einen Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, und dass das, was »rational«, d.h. im Sinne des Berechenbaren, schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf. (S. 216 f.; siehe dazu auch Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, S. 81 f.)

Willensfreiheit

Die dritte Antinomie

In seiner transzendentalen Dialektik behandelt Immanuel Kant den Streit um den freien Willen, was er auch als spekulative Vernunft bezeichnet. Dies soll uns an dieser Stelle nicht allzu sehr interessieren. In seinem Beweis führt Kant kein moralisches, sondern ein mathematisches Argument ins Feld. Die Kausalität sei, wenn man dies recht bedenke, der Vollständigkeit verpflichtet. Nun würde man aber, wenn man den Zuständen rückwärts in die Vergangenheit folgen würde, nicht nur der Zustand selbst, sondern auch dessen Kausalität kausal verursacht sein müssen, sodass sich, je weiter man in die Vergangenheit reist, das kausale Prinzip stetig verkomplizieren würde, bis eben keine Vollständigkeit mehr möglich sei. Und damit widerspreche sich das kausale Prinzip selbst (vgl KdrV B 474).

Die Freiheit zu handeln

In den Anmerkungen zu dieser dritten Antinomie nennt Kant das Vermögen, eine Reihe in der Zeit anzufangen, als prinzipiell bewiesen, aber nicht als eingesehen. Man muss also davon ausgehen, dass es möglich ist, etwas Neues zu beginnen. Wie dies aber genau funktioniere, sei noch nicht begriffen.
Dann nimmt er einen Einwand vorweg, den ich für bemerkenswert halte:
Man lasse sich aber hierbei nicht durch einen Missverstand aufhalten: dass, da nämlich eine sukzessive Reihe in der Welt nur einen komparativ ersten Anfang haben kann, indem doch immer ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht, etwa kein absolut erster Anfang der Reihen während dem Weltlaufe möglich sein. Denn wir reden hier nicht vom absolut ersten Anfang der Zeit nach, sondern der Kausalität nach. (KdrV B 478)
Was Hannah Arendt als unendlich Unwahrscheinliches bezeichnet, wird bei Kant bewiesen, indem es mathematisch notwendig, aber ästhetisch undurchdrungen dargestellt wird. Kant zeigt sich auch in der Darstellung selbst als abstrakter. Bei Arendt ist es der Mensch, der etwas Neues anfängt, und bei ihr wird dies an die politische Daseinsweise des Menschen zurückgebunden. Der alte Königsberger dagegen sieht hier nur eine Art Nullpunkt der Kausalität.

Unbedingte Kausalität

Kurz zuvor spricht Kant von der Freiheit des Willens, als einer absoluten Spontanität der Handlung, oder, wie wir heute wohl recht missverständlich lesen werden, einer unbedingten Kausalität. Wie ich oben erläutert habe, hat Kant die vollständige Bedingtheit der Natur (und damit auch des Menschen) durch einen negativen mathematischen Beweis außer Kraft gesetzt. Wäre dem nicht so, dann wäre alles in der Natur bedingt, aus einem vorhergehenden Zustand erzwungen. Wir können jenes ›unbedingt‹ also nicht als das verstehen, als was wir es heute verstehen, nämlich als genaues Gegenteil, als gnadenlos, notwendig, unerbittlich. Die unbedingte Kausalität ist eine, die von nichts verursacht wurde. Es ist geradezu die Paradoxie einer Kausalität, nämlich einer Wirkung ohne Ursache, die erst dann, im weiteren Verlauf, wie eine Kausalität aussieht. (Hier ist an die Stoiker zu denken, die die Ursachen als sich unter einander bedingend, und die Wirkungen als sich unter einander bewirkend darstellen, während die Ursachen und die Wirkungen gerade nicht kausal zusammenhängen. Dies ist eine Denkweise, die dem modernen Menschen komplett widerspricht.)

Verantwortbare Kausalität

Das Problem schildert Kant dann so:
Dasjenige also in der Frage über die Freiheit des Willens, was die spekulative Vernunft von jeher in so große Verlegenheit gesetzt hat, ist eigentlich nur transzendental, und gehet lediglich darauf, ob ein Vermögen angenommen werden müsse, eine Reihe von sukzessiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen. (KdrV B 476)
Hier ist anzumerken, dass Kant sich im Laufe seiner folgenden Werke immer wieder an diesem Vermögen abgearbeitet hat. Man müsste zum Beispiel die Kritik der teleologischen Urteilskraft, einem Teil der Kritik der Urteilskraft, zu nennen. Es ist klar, warum die Willensfreiheit dort eine so große Rolle spielt, setzt sich der Wille doch ein Ziel, ohne auf eine Kausalität zurückgreifen zu können. Pragmatisch gesehen argumentiert man immer mit einem vorher/nachher. Was die Willensfreiheit allerdings so schwierig macht, ist, dass sie auf ein solches vorher verzichten muss. Ihr lastet also die Gesamtheit der Verantwortung für den Ursprung einer Kausalität an.

Praktische Vernunft

Recht quer zur Bestimmung der Willensfreiheit steht bei Kant dann die Definition des Willens selbst. Diese Definition vollzieht er in der Grundlegung der Metaphysik der Sitten in drei raschen, dogmatisch wirkenden Schritten. Zunächst bestimmt er die Wirkung des Naturdings nach Gesetzen. Das Naturding ist diesen Gesetzen unterworfen. Es kann sich nicht subjektiv zu ihm verhalten und es nicht objektiv erkennen. Erst das vernünftige Wesen bringe die Voraussetzung mit sich, Subjekt und Objekt zu trennen, und eine Handlung als subjektiv und objektiv notwendig zu erkennen. Dies sei aber nur gegeben, wenn die Vernunft den Willen bestimmt. Wie aber ist das dem vernünftigen Wesen (Kant redet nicht von Menschen) möglich? Nun, es besitzt ein Vermögen, nicht nach den Gesetzen selbst, sondern nach der Vorstellung der Gesetze zu handeln. Die Vorstellungen der Gesetze nennt Kant Prinzipien, und das Handeln nach diesen Prinzipien sei der Wille.
Die Stelle bei Kant – in Grundlegung zur Metaphysik der Sitten – lautet dann so:
Ein jedes Ding der Natur wirkt nach Gesetzen. Nur ein vernünftiges Wesen hat das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze, d. i. nach Prinzipien, zu handeln, oder einen Willen. Da zur Ableitung der Handlungen von Gesetzen Vernunft erfordert wird, so ist der Wille nichts anders, als praktische Vernunft. Wenn die Vernunft den Willen unausbleiblich bestimmt, so sind die Handlungen eines solchen Wesens, die als objektiv notwendig erkannt werden, auch subjektiv notwendig, d. i. der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft, unabhängig von der Neigung, als praktisch notwendig, d. i. als gut erkennt. (GMS, BA 37)

Der heilige Wille

Ich möchte nicht jedem Gedankengang und jeder Klippe dieser Definition nachgehen. Kant selbst bestimmt die Ambivalenz seiner Definition sehr gut. Zunächst sagt er, dass die Vernunft dem Willen (oftmals) nicht genüge, sodass dieser objektiv notwendig, aber subjektiv zufällig sei. Demnach werde der Mensch zu seinem Willen genötigt.
Den guten Willen setzt er mit dem göttlichen, bzw. dem heiligen Willen gleich. Dieser stünde zugleich unter den objektiven Gesetzen des Guten, würde durch diese Gesetze aber nicht genötigt, weil zugleich die Prinzipien seines Handelns durch die Vorstellung des Guten bestimmt würden.
Ein solcher Wille sei nicht von Geboten, Kant nennt diese auch Imperative, abhängig, welche einen Willen erzwingen, sondern wolle von sich aus das Gesetz. Imperative dagegen würden darauf hinweisen, dass die objektiven Gesetze auf eine ›subjektive Unvollkommenheit des Willens …, zum Beispiel des menschlichen Willens‹ stoßen.

Zwei Anmerkungen

Vielleicht stößt sich der eine oder andere Leser an dem Begriff objektiv. Tatsächlich sind Subjekt und Objekt bei Kant deutlich anders besetzt, und auch objektiv und subjektiv stehen nicht für real, bzw. emotional und persönlich, wie man dies heute gerne versteht. Objektiv ist der Erkenntnisinhalt, der gerade dadurch, wenn man nur ihn ins Auge fasst, besonders trügerisch ist. Weshalb der Akt der Erkenntnis, das Subjektive, viel gewisser zu erkennen ist.
Auffällig an der eben zitierten, bzw. umschriebenen Passage ist, wie und an welcher Stelle der Mensch auftaucht. Zunächst bezieht Kant seine Ausarbeitung nur auf ein vernünftiges Wesen, welches eines guten oder eines nicht ganz so guten Willens fähig sei. Erst in dem Moment, wenn es darum geht, die Unvollkommenheit des Willens durch ein Beispiel zu illustrieren, nennt er den menschlichen Willen. Diesen hatte er kurz zuvor dem heiligen oder göttlichen Willen gegenübergestellt.

Glückseligkeit

Stellt man diese beiden Anmerkungen zusammen, dann ist der unvollkommene Wille zugleich der subjektiv zufällige. Ein solcher Wille „scheitert“ daran, dass er nicht gemäß seiner eigenen Prinzipien handeln kann. In gewisser Weise beerbt Kant hier noch Aristoteles, bei dem die Glückseligkeit darin bestand, so zu handeln, wie man spricht, und so zu sprechen, wie man handelt, in einer Art vollendetem psychophysischen Parallelismus. Glückseligkeit war das höchste zu erringende Gut des tugendhaften Menschen, und soweit ich Aristoteles verstanden habe, hat sich diese Glückseligkeit des Tugendhaften dadurch steigern lassen, indem er unter anderen Tugendhaften lebt. (Was natürlich auch bedingt, dass das höchste Gut gelegentlich nicht ganz so hoch ist, zumindest der Steigerung noch fähig sei.)

Die Aufhebung der Willensschwäche im Pragmatisch-Spekulativen

Dem möchte ich noch einen letzten, recht spekulativen Absatz zufügen. Er wäre nun das, weswegen ich diesen Artikel lieber doch nicht geschrieben hätte.
Tatsächlich könnte dies sogar verrucht sein, was ich hier versuche. Denn nach Kant ist der Wille genau dann ein guter, wenn er sich gemäß des objektiv und subjektiv Notwendigen verwirkliche, also kategorisch wird und nur aus sich heraus handelt. Der kategorische Imperativ ist einer, der keinen Zweck über sich selbst hinaus hat, und man lese dies parallel zum interesselosen Wohlgefallen, der großen Kunstwerken eigen ist. Man könnte von einer pflichtlosen Pflicht sprechen. Trotzdem scheint die pflichtlose Pflicht nicht ganz makellos zu sein.
Sie betrifft allerdings nicht den Ursprung eines solchen Willens, der gemäß Kant die Nichtkausalität in die Kausalität einführt, sondern die Beliebigkeit, wie diese Kausalität weitergeführt wird. Sie ist, und dies ist meine Spekulation, durch eine ganz andere mathematische Unvollkommenheit bedroht, nämlich der, nur einmal, und nur situativ, einen solchen Neuanfang neu anfangen zu können. Der kategorische Imperativ scheitere daran, dass er im Akt der Willensfreiheit auf die Zufälle der Weiterführung trifft. Plastischer gesagt scheitert er daran, dass er nicht zugleich mit allen Menschen diesen Neubeginn wird teilen können und dass er nicht von allen Menschen aufgenommen werden kann. Der kategorische Imperativ scheitert am sozial Erhabenen, an der schieren Menge von Menschen.
So bleibt die Willensfreiheit immer nur eine Willensfreiheit auf Probe, und der kategorische Imperativ, der für sich selbst subjektiv und objektiv notwendig ist, zeigt seine Notwendigkeit immer nur einer begrenzten Anzahl von Menschen. Der Imperativ muss, will er nicht solipsistisch den Prinzipien den Vorrang vor seiner Verwirklichung geben, pragmatisch bleiben, und d.h. in diesem Falle spekulativ, denn was mit dieser Verwirklichung anderswo geschehen wäre, entzieht sich der empirischen Wahrnehmung; die Kausalität, die der Nichtkausalität folgt, wird nur dort tatsächlich (d.i. empirisch), wo sie stattfindet.
Hier scheint sich die Willensschwäche, also die ›subjektive Unvollkommenheit des Willens‹, mit einer ›strukturellen Unvollkommenheit des Willens‹ zu verschmelzen. Zugleich werden sich das mathematisch Erhabene, welches die Forderung der Kausalität ins Absurde treibt, und das sozial Erhabene (von dem Kant nicht spricht) ähnlich genug, um sie verwechseln zu dürfen. Dann aber wäre die Willensschwäche zugleich auch die Chance, sich an der ganzen Menschheit zu vergesellschaften.
Sie würde dadurch auch erst behoben.

Befehlen und gehorchen

dokai moi

In ihrem letzten Werk greift Arendt auf die Werke des Schweizer Biologen Adolf Portmann zurück. Dieser hatte, durchaus im Gefolge der Gestalttheorie, die Funktionen nicht als den Organen komplett immanent, als Verursacher angesehen, sondern in Wechselwirkung über die Grenze der Organe oder des Organismus hinaus betrachtet. Arendt zitiert ihn folgendermaßen:
Allen Funktionen der Selbsterhaltung und Arterhaltung vorgeordnet … finden wir die einfache Tatsache des Erscheinens als Selbstdarstellung, wodurch diese Funktionen sinnvoll werden … (Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Das Denken, München 2015, S. 37)
Deutlich wird hier, dass Arendt, die bei den Phänomenologen in die Schule gegangen ist, dem Phänomen selbst eine große Bedeutung beimisst. Zugleich aber kann sie dadurch das Politische der gesamten Natur betonen, ist doch das Politische ebenfalls ein Erscheinen als Selbstdarstellung, als autonomes, aber auf Wechselwirkung bedachtes Individuum.
Dementsprechend taucht ein barocker Topos gleich zu Beginn des Buches auf:
Lebewesen haben ihren Auftritt wie Schauspieler auf einer für sie aufgebauten Bühne. (Ebenda, S. 31)
Das große Welttheater allerdings findet ohne göttliche Hilfe statt, und man darf hier spekulieren, dass es auch auf den heiligen oder göttlichen Willen verzichten muss. Jenes ›es scheint mir so‹, das dokai moi, ist zugleich die Anerkennung des Scheins und des Perspektivismus.
Das ewige Zurückweichen der Wahrheit findet sich zugleich darin, dass der Schein nur zugunsten eines anderen Scheins überwunden werden kann, die Perspektive nur verschoben, aber nicht aufgelöst werden kann.

Die Komplikation des Willens

Nietzsche hat das Konzept des Willens deutlich anders gefasst. Im Prinzip antwortet er damit auf das Problem Kants, die Willensfreiheit zwar ableiten, aber nicht begreifen zu können. Bei Nietzsche ist das
Wollen … vor Allem etwas Kompliziertes, Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist, – und eben im Einen Worte steckt das Volks-Vorurteil, das über die allzeit nur geringe Vorsicht der Philosophen Herr geworden ist. … in jedem Wollen ist erstens eine Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl des Zustandes, von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, das Gefühl von diesen „weg“ und „hin“ selbst, dann noch ein begleitendes Muskelgefühl, welches, auch ohne dass wir „Arme und Beine“ in Bewegung setzen, durch eine Art Gewohnheit, sobald wir „wollen“, sein Spiel beginnt.
(Nietzsche, Friedrich: Jenseits von Gut und Böse. in ders.: KSA V, § 19, bzw. S. 31-34)

Sich-selbst-Befehlen

Nietzsche bereitet in diesem Aphorismus einigen Paralogismen des Willens den gedanklichen Nährboden. Zunächst hebt er pointiert hervor, dass der Wille eine Dreifaltigkeit aus Fühlen, Denken und Affekt sei. Der Affekt sei jener des Kommandos. Und dies präzisiert er dadurch, dass er der Willensfreiheit eine ganz andere Deutung gibt, als Kant:
Das, was „Freiheit des Willens“ genannt wird, ist wesentlich der Überlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den, der gehorchen muss: „ich bin frei, „er“ muss gehorchen“ – dies Bewusstsein steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit, jener gerade Blick, …
Allerdings hat Nietzsche hier keineswegs den Befehlshaber, sei es in der Armee, sei es in der Wirtschaft, im Auge. Es ist der Wollende, der sich selbst etwas befiehlt:
Ein Mensch, der will –, befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es gehorcht. … insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und Gehorchenden sind …
So dass die Freiheit des Willens keineswegs in der äußeren Welt gesucht werden muss, sondern im Verhältnis zu sich selbst, also in der Tugendhaftigkeit (um hier noch einmal auf Aristoteles anzuspielen), die Nietzsche hier als Lust an der Selbstbeherrschung versteht (und damit gerade nicht in einem griechischen Sinne):
„Freiheit des Willens“ – das ist das Wort für jenen vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich mit dem Ausführenden als Eins setzt, – der als solcher den Triumph über Widerstände mit genießt, aber bei sich urteilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinden.

Sich-selbst-Gehorchen

Der letzte Ausschnitt aus dem gesamten Aphorismus verweist deutlich auf eine seltsame Logik. Derjenige, der sich befiehlt, gehorcht auch sich selbst. Das Wollen selbst scheint zunächst in sich selbst zu laufen, und etwas weiter unten auf der selben Seite redet Nietzsche dann auch von dem ›dienstbaren „Unterwillen“ oder Unter-Seelen‹. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn kurz zuvor hat Nietzsche diesem Seelenbau bereits eine ganz andere Menge hinzugefügt, jene Menge, die Widerstand leistet. Nun könnte man behaupten, dass dieses Sich-selbst-Befehlen und Sich-selbst-Gehorchen um weitere Unter-Seelen erweitert, die überwunden werden müssen. Jedoch fährt Nietzsche auf irritierende Art und Weise fort:
der [Wollende] als solcher den Triumph über Widerstände mit genießt, aber bei sich urteilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die Widerstände überwinde
Man frage sich hier, was das für ein Wille ist, der über die Widerstände triumphiert, ohne sie selbst überwunden zu haben. Nietzsche sagt uns nun nicht, ob es hier vielleicht eine dritte Partei gäbe, die an dieser Niederschlagung der Widerständigen beteiligt sei, was den Schluss nahelegt, dass der Widerstand eine Inszenierung ist, um dem Befehlenden seinen Triumph zu ermöglichen. Mithin sei im Widerstand schon die Niederlage mit angelegt, ja es sei wesentlicher Sinn und Zweck des Widerstands, zu unterliegen. Doch wem unterliegt der Wollende? Immer nur sich selbst.

Die Freiheit des Willens

Was uns Nietzsche hier deutlich macht, ist, dass die Freiheit des Willens auf einem großartig angelegten Selbstbetrug beruht. Der Wille überwindet nur sich selbst, wenn auch sich selbst als einem anderen.
Wir können an dieser Stelle verstehen, wie Nietzsche auf Kants Paradoxie der Nichtkausalität der Kausalität antwortet. In einem ersten Schritt nimmt er das Vermögen, welches Kant spekulativ einführt, und vervielfältigt es: der Wille ist eine Komplikation. In einem zweiten Schritt, den ich oben nicht erwähnt habe, weist er auf die Täuschung hin, die dem Wörtchen ›Ich‹ anhaftet, indem es über die Zweiheit von Befehlendem und Gehorchendem hinwegtäusche und sie als Einheit präsentiere. Und schließlich sei die Freiheit des Willens nur eine Selbstüberwindung, allerdings eine Selbstüberwindung, die wiederum inszeniert ist, um jenem befehlenden Seelenanteil den Triumph und die Lustgefühle zukommen zu lassen.
Und anders als bei Hannah Arendt ist nicht die Welt die Bühne, sondern die eigene Seele.