19.03.2009

Serotonin / Gewalt

Jetzt habe ich mich an Gerhard Roths Buch Fühlen, Denken, Handeln festgelesen.

Sehr spannend: Serotonin, das auch häufig Wohlfühlhormon genannt wird (und dem Glückshormon Dopamin in bestimmter Art und Weise entgegengesetzt ist), erhöht auf der einen Seite die Empfindlichkeit der Sinneszellen, die für den Schmerz zuständig sind (die sog. Nozizeptoren), auf der anderen Seit aber dämpft es die Weiterleitung von Schmerz im Hinterhorn (einem Teil des Stammhirns).
Man weiß zwar noch nicht, ob dadurch die Menschen reizbarer, aber nicht so schmerzempfindlich werden, aber alleine dass Kinder und Jugendliche mit erhöhter Impulsivität auch häufig sehr wehleidig sind, ist ein mögliches Anzeichen für einen niedrigen Serotonin-Spiegel. Serotonin bremst auch die Impulsivität.

Insgesamt ist Serotonin eines der Hormone, das zu einer der vier großen neuromodulatorischen Systeme gehört.

Ich hatte weiter oben schon darüber geschrieben. Bei gewalttätigen Menschen wird oft ein niedriger Serotonin-Spiegel festgestellt. Isolation scheint die Serotonin-Produktion auch zu hemmen.
Zudem wirkt Dopamin zu Serotonin antagonistisch, d.h. wenn Dopamin verstärkt produziert wird, sinkt der Serotonin-Spiegel ebenfalls. Dopamin ist nicht nur das sogenannte Glückshormon, sondern ist vor allem für eine fokussierte Aufmerksamkeit zuständig und wirkt auch Einschlaftendenzen entgegen.
Von hieraus kann man ableiten, warum manche Kinder, vor allem Jungen, in den späteren Schulstunden so ungebremst und impulsiv sind. Sie können vielleicht nicht anders, weil sie beständig Wachheit und fokussierte Aufmerksamkeit leisten müssen, zugleich aber auch impulsives Handeln nicht mehr unterdrückt wird. Der Zwang, hier einen hohen Dopamin-Spiegel für die Aufmerksamkeit zu haben und zugleich der Zwang, das impulsive Handeln zu unterdrücken, kann ja nur irre machen.
Ein niedriger Serotonin-Spiegel kann aber auch zu Angst und Panik führen. Dann ist eventuell das überdrehte Verhalten als Angstabwehr zu verstehen, bzw. wenn diese Angst von außen kommt, als eine objektgerichtete Furcht; ein Grund, warum manche Lehrer meinen, die Kinder durch Strafen und massiven Druck besser in den Griff zu bekommen.

Nach Winnenden war im Fernsehen ein spanischer Neurobiologe zu sehen, der zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten forscht. Er berichtete von diesem Kreislauf. Da Rena und Sabrina anderthalb Monate zuvor gerade diese Zusammenhänge für ihre Diplom-Arbeit erarbeitet hatten (in Bezug auf Gender-Marketing!), saßen wir ganz fasziniert vor der Mattscheibe und lauschten den Ausführungen des Neurobiologen.

Was aber heißt das für Pädagogen (und Eltern)?
Zunächst muss man von der fokussierten Aufmerksamkeit als alleinig wünschenswert im Unterricht weggehen. Je mehr ein Kind Probleme mit der Impulsivität hat, umso mehr muss man seine Arbeit darauf ausrichten, eine ungerichtete Aufmerksamkeit zuzulassen. Dafür ist das Serotonin zuständig. Man muss also Träumereien, Abschweifen und ähnliches akzeptieren und eventuell diesen Kindern auch einfach das Spielen, möglichst ein ungerichtetes, konstruktives Spiel, ermöglichen, mit Bausteinen bauen, malen, und ähnliches.
Wichtig ist auch, hier isolierenden Tendenzen in der Klassengemeinschaft von Anfang an entgegenzutreten. Je mehr die Kinder füreinander aufmerksam sind und sich verstehen, auch mal mit den Fehlwirkungen impulsiven Handelns umgehen können, umso weniger artet das in Streit aus. Dopamin ist unter anderem auch das Hormon, das bei Konflikten und Wettstreiten verstärkt produziert wird.
Schließlich ist Serotonin wohl für das Auflösen von Mustern wichtig. Das ist jetzt zwar eine sehr gewagte Behauptung, aber vielleicht befreit Serotonin tatsächlich von Gedankenmüll, also Mustern, die störend sind, wie zum Beispiel autoaggressive oder paranoide Muster.
Menschen, die überselbstkritische Gedanken haben, berichten oft von einer Lebensweise, die sehr isoliert ist. Oft spielen auch Wutausbrüche oder scheinbar unmotiviertes Weinen eine Rolle. Die Empfehlung, hier Freunde aufzusuchen oder zumindest sich bei einem Therapeuten vorzustellen, ist dann sozusagen ein indirektes Mittel (durch Aufbrechen der Isolation), um den Serotonin-Spiegel wieder zu normalisieren und nach und nach diese schwarzen Gedanken zu vergessen.
Ebenso ist kreative Arbeit und Selbstlob dann mehr als nur esoterisches Zeugs. Kreative Arbeit, zumindest eine bestimmte, die nicht eine scharfe Aufmerksamkeit verlangt, kann sich ebenfalls auf den Serotonin-Spiegel auswirken.

Während meines ersten Studienjahrs in Hamburg habe ich mich viel mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt. Besonders beeindruckt hat mich ein Artikel eines Londoner Psychoanalytiker. Zu ihm kam eine studierte Frau, eine Pakistanin, wenn ich mich recht entsinne (was man nach 15 Jahren aber nicht tut). Sie litt unter schwersten Panikattacken. Diese Frau war aus ihrem Land geflohen und von Großbritannien aufgenommen worden. Sie versuchte sich dem englischen Lebensstil perfekt anzupassen, aus Dankbarkeit. Mit dieser Anpassung kam die psychische Störung. Der Therapeut empfahl ihr nun, einfach ihre alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen; viele Pakistani würden das tun und London böte Platz genug für tausende verschiedener Arten zu leben. Diese Frau war innerhalb kürzester Zeit ihre Panikattacken los und wurde sogar rasch sehr erfolgreich. - Auch dies erzählt vielleicht nicht nur die Geschichte einer mutigen Frau und eines ebenso mutigen wie unorthodoxen Therapeuten (immerhin ein Psychoanalytiker!), sondern auch die Geschichte vom Zusammenhang von Isolation und Panikstörungen durch Serotoninmangel.
Isolation ist in diesem Fall übrigens nicht durch Isolation von Menschen gegeben, sondern durch Überangepasstheit. Durch die letzten Tage hindurch, und mit dem Hintergrund Winnenden, habe ich mich mit dem Unverständnis vieler Artikelschreiber und Blogger herumgeschlagen, warum ein junger Mann, wie Tim K., trotz seiner Mitgliedschaft im Sportverein und einem wohl funktionierenden Elternhaus zu solch einer Tat getrieben wurde. - Man kann hier nur Vermutungen anstellen. Auf theoretischer Ebene - und die kleine Geschichte der pakistanischen Frau lässt diese Vermutung auch zu - führt eine zu starke Verhaltensanpassung zwar zu einer Gruppenzugehörigkeit, aber noch lange nicht zur Aufhebung von Isolation, sondern eventuell sogar zum Gegenteil.

Betrachtet man dies von der Ebene der Emergenz von Interaktionen aus, dann führt eine Überangepasstheit zu zu viel Zukunft, zu viel Orientierung an der Erwartung von Anderen. Die Interaktion wird nicht prozessiert, sondern auf die möglicherweise völlig imaginierte Erwartung eines Anderen hin entworfen. Emergenz von Interaktionen bedeutet für die beteiligten Menschen, zwar nicht notwendig, aber stark plausibel, sich auf das Entstehen von Strukturen während der Interaktion zu verlassen. Emergenz bedeutet, dass Ordnung von alleine entsteht, wenn man nicht gerade eine klinische Ordnung erwartet.
Die Planung von Anpassungsleistung kann in einer quirligen, oft absichtslosen Interaktion zu zu viel negativer Resonanz führen. Die Planung funktioniert nicht, weil Interaktion so nicht funktioniert. Und die Fehler oder Unruhen werden nicht zum Aufbau interaktioneller Komplexität genutzt, sondern gleichsam psychisch wegabsorbiert. Damit nimmt man der Interaktion ihre immanente Unruhe und belastet das psychische System mit zu viel emmanenter Unruhe.
Von dort aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, eine zu angespannte Aufmerksamkeit, zu wenig Vergessen, und schließlich ein Umkippen in impulsives und unkontrolliertes Handeln oder Panikattacken zu vermuten.
Übrigens dürfte dieses Umkippen bei solchen Menschen wie Tim K. mehrmals passiert sein, und mehrmals immer wieder absorbiert worden sein. Sein "Amoklauf" war ja kein impulsives Verhalten, könnte aber wohl auf einen Teufelskreis hinweisen, der entsteht, wenn Handlungsimpulse immer wieder blockiert und in seltsam verdrehte Muster umgebaut werden.

In der Psychiatrie gibt es diese scheußliche Vokabel Schwingungsfähigkeit. Das bedeutet eigentlich nur, dass ein Mensch sich flexibel und mit einem eigenen, halb ritualisierten, halb durchdachten Ausdruck in Interaktionen einbringt. Menschen mit psychischen Störungen spricht man diese Schwingungsfähigkeit ab.
Systemisch ausgedrückt bedeutet Schwingungsfähigkeit, dass die Interaktion nicht nur momenthaft und überraschend ins psychische System eindringt, sondern das psychische System auch momenthaft und überraschend in die Interaktion eindringt (zum Beispiel in Form von Humor); in der Systemtheorie heißt dieses gegenseitige Anregen/Eindringen dann - noch ein scheußliches Wort - Interpenetration.

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