27.09.2012

Nester bauen, Vernetzungen und Kant

Immanuel Kant muss man langsam lesen. Oder, subjektiver gesagt: ich lese Kant mit äußerster Langsamkeit. Schnecken überholen mich.
In den letzten Wochen habe ich vor allem den § 59 aus der Kritik der Urteilskraft auseinander gepflückt. Das ist jener berühmte Absatz über das Symbol und die Hypotypose. Natürlich habe ich nicht nur diesen Absatz gelesen, sondern ihn mit anderen Stellen bei Kant vernetzt. So entstehen während der Lektüre Nester und Netze.
Derzeit hat sich mein Fokus auf die Einleitung in die Kritik der Urteilskraft verschoben. Auch hier entsteht ein Nest.

Solch langsames Lesen ist nicht nur eine gute Übung, um Sensibilität aufzubauen, sondern bewahrt einen auch vor allzu flachen und deshalb falschen Aussagen über Kant. (siehe dazu auch den Kommentar, den ich zu meinem Eintrag Praktische und theoretische Sätze — Kant und die gender-Theorie bekommen habe und meine Antwort darauf)

Nicht nur schwache Bauchmuskulatur

Heute Nachmittag hatte ich den Anruf einer Blog-Leserin. Sie lobte meine Ausführungen über die Verknüpfung von Biologie und gender-Theorie und erzählte mir dann folgende, drollige Geschichte:
Sie sei heute dummerweise mit einer Kollegin über die gender-Theorie ins Gespräch gekommen und diese Kollegin habe fürchterlich darüber geschimpft. Das sei alles nicht bewiesen und man wisse doch, dass der Mensch sich fortpflanzen müsse. Auf die Frage, ob sie denn selber Kinder bekommen wolle, antwortete diese Frau dann (und das hat meine Anruferin so erheitert): Ach nein, das käme für sie nicht infrage, das würde ihre Bauchdecke so ausleiern.
Meine Anruferin erzählte dann, dass sie den ganzen Nachmittag lachen musste. Ich übrigens auch.
Was sie in der Theorie ablehnt, praktiziert sie dann doch. Straffe Bauchdecken, die wichtiger als Fortpflanzung sind, sind ein Zeichen für eine nicht-biologische Geschlechtsidentität. (Übrigens habe ich nichts dagegen, dass diese Frau ihre straffe Bauchdecke behalten will. Darf sie.)

Die Sache mit dem Geschlecht. Und: Schwule Bundesliga-Profis

Danke an Sandra, deren Link ich mal aus dem Kommentar in einen Artikel setze:

Auf derselben Internetseite habe ich noch folgenden Link gefunden:
Unter anderem geht es um die poetische Bewertung von „Shades of Grey“.

Und etwas recht erstaunliches. Bild-online veröffentlicht diesen Artikel:
Mutiges Interview. Hier spricht ein schwuler Bundesliga-Profi

Dagegen finde ich den Spruch, mit dem Angela Merkel dann zu diesem Thema zitiert wird, etwas weltfremd. Sie hat (angeblich) gesagt, dass „Angst vor einem Outing … unnötig“ sei (siehe allerdings das Video in seinem tatsächlichen Wortlaut). Seit einiger Zeit gibt es ja sogar in Berlin im doch als „Schwulen Stadtteil“ bezeichneten Schöneberg immer wieder Übergriffe auf Schwule. Die Frage ist also, ob die Angst „unnötig“ ist, wenn die alltäglichen Erfahrungen etwas anderes sagen.

26.09.2012

Praktische und theoretische Sätze - Kant und die gender-Theorie

Eigentlich wollte ich die gender-Theorie jetzt mal wieder ein wenig zurückfahren. Abgesehen davon, dass ich auch noch andere Sachen interessant finde, ist es doch recht langweilig, immer wieder die gleichen Argumente und die gleichen Blindheiten auseinanderzupflücken. Und meist nützt es ja auch gar nichts. Mein Einwand mit der Neuroplastizität interessiert die Biologisten gar nicht und wann immer ich dieses Argument bringe, wird es geflissentlich ignoriert. Was mich nur vermuten lässt, dass die Biologisten gar nicht an einer biologischen Fundierung der gender-Theorie interessiert sind, sondern nur an deren Entstellung.

Praktische und theoretische Sätze
Nun habe ich aber bei Kant eine recht hübsche Stelle gefunden, die ebenfalls gut auf ein Problem vieler Menschen mit der gender-Theorie antwortet. Es ist keine ganz einfache Passage und zurzeit traue ich mir nur zu, hier Tendenzen anzugeben. Noch immer ist mir die Begrifflichkeit von Kant zu fremd, noch immer auch sein gesamtes Gedankengebäude. Trotzdem!
Was also wird missverstanden an der gender-Theorie? Es ist das Problem des Verhältnisses von praktischen und theoretischen Sätzen. Sehr kurz gesagt sind praktische Sätze solche, was ich mit einem Ding tun kann und welche Folgerungen das haben wird. Die theoretischen Sätze dagegen sind solche, die die Prinzipien, Gesetze und Regeln eines Fachgebietes beschreiben (Seite 11).
Um dies anschaulich zu machen: wenn ich einen Apfel nehme und diesen loslasse, wird er zu Boden fallen. Dies ist die Praxis. Die Theorie dahinter ist, dass es ein Gesetz von der Anziehungskraft der Massen gibt. Nun gibt es aber einen deutlichen Unterschied zwischen dem Gesetz und der bloßen Tatsache, dass der Apfel zu Boden fällt. Hier wird dann häufig folgendermaßen argumentiert: der Apfel fällt zu Boden, weil die Schwerkraft auf ihn wirkt. Dieser Satz ist allerdings insofern falsch, als die Schwerkraft keine Ursache ist. Die Schwerkraft wirkt immer und sie verändert sich auch nur dann, wenn die sich anziehenden Körper sich verändern. Ursache dafür, dass der Apfel fällt, ist also nicht die Schwerkraft, sondern dass ich ihn loslasse, also eine der Schwerkraft entgegenstehende Kraft „entferne“.
Deshalb bemerkt Schopenhauer irgendwo mal sehr richtig, dass Naturgesetze nichts bewirken, sondern sich in Kausalitäten ausdrücken. Und genau dies macht auch den Unterschied zwischen Prinzipien und Kausalitäten aus.
Mit anderen Worten: dass Äpfel zu Boden fallen, wenn sie sich vom Baum lösen, ist ein praktischer Satz; das Gesetz der Anziehung von Körpern dagegen ist ein theoretischer Satz.

Psychologische und sittliche Grenzen
Nun diskutiert Kant dies aber nicht nur im Bereich der Naturwissenschaften, sondern auch der Psychologie (Seite 13). Und hier bringt er den Begriff der Freiheit ins Spiel. Dabei verkomplizieren sich die Dinge etwas. Denn zum einen sagt Kant, dass das Wissen um die Möglichkeit, menschliche Zustände hervorzurufen, „aus der Beschaffenheit unserer Natur entlehnt werden“ (Seite 13) müssen; und zum anderen seien die Bestimmungen der Handlungen, welche nicht aus der Natur abgeleitet werden, der „Idee der Freiheit“ (Seite 13) verpflichtet.
So haben wir hier zwei Grenzen, die das menschliche Um-Sich-Selbst-Sorgen definieren, einmal die psychologischen und einmal die sittlichen. Die psychologische Grenze, und seien wir hier mal großzügig und rechnen die biologischen gleich mit dazu, kann der Mensch nicht überschreiten. Die sittlichen soll er nicht überschreiten.
Beide Bereiche jedoch lassen sich individuell auffüllen. Dass der Mensch die biologisch-psychologischen Grenzen nicht überschreiten kann, heißt noch lange nicht, dass er alle Möglichkeiten, die er hat, realisieren muss. Jeder Mensch zum Beispiel hat die Fähigkeit, Flöte zu spielen. Trotzdem spielt nicht jeder Mensch Flöte und bei den meisten sind wir sicherlich auch nicht böse darum. Dafür können diese Menschen etwas anderes. Dasselbe gilt für den sittlichen Bereich. Was der eine durch Zuhören und Beraten einem anderen Menschen empfehlen möchte, macht ein anderer durch ein mehr oder weniger liebevolles Hineinstoßen in eine Situation für eine deutliche Entscheidung.

Kausalität und Ausdruck
Halten wir also zunächst fest: Prinzipien und Gesetze bewirken nicht Veränderungen in der Realität, sondern in diesen Veränderungen drücken sich Prinzipien und Gesetze aus. Das gilt übrigens auch für die Gesetze der Evolution. Diese hat nicht die Zweigeschlechtlichkeit zahlreicher höherer Lebewesen bewirkt, sondern in der Zweigeschlechtlichkeit erscheinen die Prinzipien der Evolution.
Halten wir weiterhin fest, dass der psychologische Bereich von zwei Grenzen umfasst wird: dem, was der Mensch kann, und dem, was er soll. Und halten wir auch fest, dass diese beiden Bereiche nicht deckungsgleich sind. Der Mensch kann einen anderen Menschen umbringen. Das ist eine empirische Tatsache. Aber darf er das auch?

Geschlechtsidentität und Sittlichkeit
Als die Homosexualität noch kriminalisiert war, war die Frage ja nicht: können zwei Männer (oder zwei Frauen) miteinander Sex haben? Empirisch gesehen natürlich ja. Die Frage lautete vielmehr: dürfen sie das auch? Und hier war die Antwort (der Gesetzgeber): Nein, das dürfen sie nicht!
Auch heute noch haben wir Geschlechtsidentitäten, die die Gesellschaft nicht einfach hinnimmt und gegen die Gesetze erlassen werden. Gender (und ich rede jetzt von den empirischen Ausprägungen, nicht von der Theorie) ist ein empirisches Konzept, gehört also in das, was Kant den psychologischen Bereich nennt. Und hier finden wir ebenso Päderasten und Vergewaltiger, Sadisten und Masochisten. Gerade in den ersten beiden Fällen kann man diese sehr eindeutig außerhalb des sittlichen Bereiches einordnen. Der Geschlechtsverkehr mit Kindern ist ebenso verboten wie der erzwungene an erwachsenen Menschen.

Freiheit und geschlechterspezifische, sittliche Grenzen
So wie es innerhalb des psychologischen Bereiches Freiheiten gibt, so gibt es innerhalb des sittlichen Bereiches Freiheiten.
Hier nun deutet Kant eine weitere Unterscheidung an: zwischen den Regeln, die sittlich vertretbar sind und den Regeln, die individuell günstig sind. Individuell günstige Regeln werden zum Beispiel in der Ratgeber-Literatur gegeben. Dort steht dann: „wenn du deinen Chef beeindrucken willst, dann mache X, Y und Z“. Die sittlichen Regeln dagegen können solche Ratschläge nicht geben. Sie können nur bestimmen, ob man seinen Chef beeindrucken darf oder nicht. (Die psychologischen Regeln würden sagen, ob man seinen Chef beeindrucken kann oder nicht.)
Was nun hat das alles mit der gender-Theorie zu tun?
Nun, das dürfte klar sein. Die gender-Theorie beschreibt nicht, wie die einzelne Frau zu leben hat  (und natürlich auch nicht der einzelne Mann), sondern sie untersucht den sittlichen Bereich und ob die Grenzen, die diesem auferlegt werden, gerechtfertigt sind. Vor allem aber untersucht sie, ob verschiedene individuell günstige Regeln zu verschiedenen Ansichten über die sittlichen Grenzen führen. Zum Beispiel, woher die Idee kommt, dass Frauen bei gleicher wissenschaftlicher Qualifikation für Leitungspositionen trotzdem nicht so geeignet sind, wie Männer. Dies ist zwar keine scharfe, sittliche Grenze, aber etwas ähnliches.
So können wir hier, in einer leider recht unpräzisen Lektüre von Kant, das Raster aufstellen, was die gender-Theorie, aber auch eigentlich jede Wissenschaft der Moral, problematisiert und problematisieren muss: das, was ein Mensch kann (biologisch-psychologisch), das, was er soll (moralisch-rechtlich) und das, was er will (individuell). Problematisiert werden muss dieses Raster, weil in der Praxis der Zusammenhang zwischen diesen Bereichen immer wieder vermischt wird. Ob zwei Männer miteinander Geschlechtsverkehr haben, ist dabei zum Beispiel überhaupt keine biologische Frage. Empirisch gesehen geht das. Auch individuell ist das kein Problem. Solange die beiden Männer wollen, liegt dies außerhalb des Bereichs individueller Ratschläge. Nur der sittliche Bereich ist fraglich.

Verwirrung der Argumentationen
Der Biologismus versucht nun, die Grenzen dieses sittlichen Bereiches durch die Argumentation mit Naturgesetzen zu verschieben. Dies kann aber nur dann gelingen, wenn man zum Beispiel den Frauen nachweisen kann, dass sie etwas gar nicht können, was Männern möglich wäre. Und natürlich umgedreht.
Solche Fälle gibt es. Siehe Schwangerschaft. Liegt aber auch daran, dass der Mann keine Gebärmutter hat. Es gibt aber viele Männer, die gut zuhören können. Vielleicht kann man tatsächlich sagen, dass Männer zunächst von ihrer Grundausstattung darin nicht so fit sind. Aber man kann ebenfalls sagen, dass Zuhören nicht außerhalb der psychologischen Grenzen des Mannes liegt. Der Mann kann also und es ist wohl auch unbestreitbar, dass er soll. Bleibt dann nur noch die Frage, ob er will.
Wir können heute allerdings von einer noch komplizierteren Situation ausgehen. Die Theorie vom Kompetenzaufbau sagt uns, dass zwar über längere Zeit hinweg Fähigkeiten aufgebaut werden können, aber diese nicht einfach so vorhanden sind, nur weil ich das möchte. Es gibt im Willen also zwei Bereiche. Der eine Bereich bestimmt, was ich lernen und dann können möchte, der andere Bereich, was ich aktuell zeigen will.
Dieses Argument mit der Kompetenz ist auch deshalb so wichtig, weil eine durch die Kultur verursachte geschlechterspezifische Bequemlichkeit zu fehlenden Kompetenzen führt, die dann biologisch ausgelegt werden. So dürfte es psychologisch gesehen überhaupt keinen Unterschied bei den mathematischen Fähigkeiten von Jungen und Mädchen geben. Empirisch gesehen gibt es die allerdings (immer noch). Und wenn hier keine psychologischen Grenzen angetastet werden, dann muss es sich um Grenzen des Kompetenzaufbaus handeln und wie diese gesellschaftlich etabliert werden. Sittlich gesehen kann mathematische Kompetenz sowieso nicht infrage gestellt werden.

Fazit
Es ist leider ein grobes Raster. Trotzdem taugt es erstmal dazu, deutlich zu machen, warum die gender-Theorie in ihrem Anspruch richtig und wichtig ist. Und halten wir fest: es geht um die Trennung der Argumente, sofern diese unterschiedliche Bereiche betreffen und es geht um eine vorsichtige, d.h. vor allem nicht-deterministische Verknüpfung dieser Bereiche. Diese Bereiche sind, in Anlehnung an Kant: der biologisch-psychologische, der sittliche und der individuelle.

Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt am Main 1974

24.09.2012

Lamarckismus. Noch einmal: Die Elefanten meines Bruders

Letzte Woche habe ich mich, bevor ich mich ins Wochenende verabschiedet habe, mit einem Blog-Eintrag auf dem Blog Geschlechtsverwirrung beschäftigt. Es ist der letzte Eintrag dort, vom 26. Februar 2011. Und ich begrüße es, dass der Autor seinen Blog eingestellt hat, verbreitet er nämlich recht seltsame, biologische Ansichten.

Evolution und Vernunft

Man muss immer vorsichtig sein, wenn jemand mit der Evolutionstheorie argumentiert und hier Zielsetzungen der Evolution einführt. Dann landen wir nämlich beim Lamarckismus. Knapp gesagt behauptet dieser, dass sich eine Art X deshalb so entwickele, damit sie eine bessere Chance zum Überleben hat.
Der klassische Fall ist die Giraffe. Damit die Giraffe an die höheren Blätter der Bäume herankommt, lässt sie sich einen längeren Hals wachsen.
Einwand Darwins: zu einer solchen zielgerichteten Veränderung ist die Evolution nicht fähig. Darwin entwirft also eine Alternative. Bei den ursprünglichen Giraffen (denen mit einem kurzen Hals) gab es schon immer eine gewisse Streubreite, was die Länge des Halses angeht. Wurde die Nahrung knapp, dann hatten all die Giraffen, die einen etwas längeren Hals hatten, einen Selektionsvorteil. Über diesen Selektionsvorteil haben sich nach und nach Giraffen mit (noch) längeren Hälsen herausgebildet. Und so ist es irgendwann zu unseren heutigen Giraffen gekommen.
Die Evolution ist, wie der amerikanische Evolutionsbiologe und Anthropologe Stephen Jay Gould schreibt, eine dumme Evolution. Sie ist natürlich deshalb dumm, weil sie nicht planen kann. Deshalb heißt die Evolution ja auch Evolution und nicht Bewusstsein. Der Lamarckismus unterstellt der Evolution noch eine Art Vernunft.

Ziele in der Evolution

Nun argumentiert der Autor von Geschlechtsverwirrung so, dass die Evolution die Zweigeschlechtlichkeit entwickelt habe, damit Mann und Frau sich fortpflanzen. Hier begeht er dann gleich zwei Fehler.
Erstens hat die Evolution sich nicht hingesetzt und sich gesagt, es müsse doch nochmal eine andere Art der Fortpflanzung als Zellteilung oder Abknospung geben, sondern die Zweigeschlechtlichkeit hat sich im Laufe der Evolution als günstig für das Überleben der Arten erwiesen. Dabei müssen wir aber sehr deutlich darauf achten, was hier Überleben heißt. Wo liegt der Vorteil der Zweigeschlechtlichkeit? Er liegt darin, dass eine Art eine größere Streubreite an Variationen erzeugen kann. Wenn sich ein Polyp einfach nur abknospt, ist dieser neue Polyp genidentisch. Bei einer Änderung der Umwelt zu Ungunsten der Polypen, kommt es dann bei beiden zu einer eher negativen Selektion. Durch die Zweigeschlechtlichkeit können sich aber bei Umweltänderungen plötzlich Selektionsmerkmale ergeben, die eine bestimmte Variation innerhalb der Art begünstigen. Andere Variationen dagegen werden nicht begünstigt. Es gab sicherlich auch Urgiraffen, die einen kürzeren Hals hatten und von denen weiß man heute nichts mehr. Die Evolution hat sie sozusagen wegselegiert.
Wenn es also eine Funktion der Zweigeschlechtlichkeit in der Evolution gibt, dann nicht die der Fortpflanzung, sondern der größeren Variationsbreite der Nachkommen. Dass dafür die Fortpflanzung nötig ist, ist natürlich klar. Nur, und ich sage es noch einmal, hat die Evolution das nicht geplant.
Der erste Fehler ist also, in die Evolution eine Teleologie einzuführen. Das war der Fehler von Lamarck. Und es war Charles Darwin, der diesen Fehler korrigiert hat.

Art und Exemplar

Der zweite Fehler des Autors ist die Verwechslung von Art und Exemplar.
Dass es für eine Art günstig ist, zweigeschlechtlich zu existieren, heißt noch lange nicht, dass das einzelne Exemplar sich fortpflanzen muss. Es heißt auch nicht, dass das einzelne Exemplar zu zweigeschlechtlichem Sex verpflichtet ist, rein biologisch.
Es gibt zum Beispiel in der Löwenpopulation immer einen Überschuss an Männchen, die keine Weibchen abbekommen. Das sind dann Löwen ohne Sex. Evolutionär gesehen scheint sich dies deshalb entwickelt zu haben, weil bei den Kämpfen um ein Rudel das stärkste Männchen gewinnt und so den Löwen (als Art) langfristig einen Vorteil verschafft. Die Evolution nimmt hier also die Nicht-Fortpflanzung "in Kauf". Nun kann man Menschen nur schlecht mit Löwen vergleichen. Dazu unterscheidet sich der Mensch doch zu deutlich von diesen Großkatzen. Und er unterscheidet sich auch relativ deutlich von allen anderen Tieren. Der Mensch ist zum Beispiel in der Lage, massenhaft und systematisch Entwicklungen in die Zukunft hinein zu planen. Natürlich sind diese Planungen nicht per se gut. Auch sie unterliegen sozusagen evolutionären Bedingungen (wer sich hier für eine sehr ausgefeilte, neodarwinistische Position in der Soziologie interessiert, dem sei das dritte Kapitel aus Niklas Luhmann Spätwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft empfohlen).
Jedenfalls ist der Kurzschluss von evolutionären Entwicklungen innerhalb einer Art auf die Lebensweise eines einzelnen Exemplars immer bedenklich. Und bei Menschen kommt noch dazu, dass das Gehirn ein dermaßen plastisches Organ ist, dass es sehr rasch Entwicklungen in der Umwelt aufgreifen und auf diese reagieren kann, d.h. die Umwelt dann wieder zu den eigenen Gunsten beeinflusst.
Es ist also völlig daneben, wenn der Autor schreibt:
Kein seriöser Biologe oder Mediziner oder Physiologe wird über Geschlechtsunterschiede sprechen, ohne dabei den evolutionären Zweck der Zweigeschlechtlichkeit, die Fortpflanzung, zu bedenken.
Ja, auch bei Menschen führt die Zweigeschlechtlichkeit zur Fortpflanzung und die Fortpflanzung mithilfe der Zweigeschlechtlichkeit zu einer größeren Variationsbreite unter den Nachkommen. Aber der evolutionäre Zweck (sofern man überhaupt Zweck sagen darf) ist nicht die Fortpflanzung: diese ist ein Mittel und der „Zweck“ ist die Variationsbreite im genetischen Material der Nachkommen. So weit, so biologisch.

Neuroplastizität und Kultur

Die Evolution hat uns eben auch mit einem extrem plastischen Gehirn versorgt. Und auch das hat sie nicht getan, damit wir heute Aktienkurse interpretieren, Bücher lesen oder seltsame Blogeinträge schreiben. Die Evolution ist, wie gesagt, dumm. Sie verfolgt keine Ziele. Die hohe Neuroplastizität des menschlichen Gehirns ist also keine Absicht gewesen. Aber sie ermöglicht uns heute tausenderlei Dinge. Sollten wir diese deshalb nicht tun, nur weil die Evolution sie nicht „gewollt“ haben kann?
Der Autor kann also nicht über seriöse Biologen usw. sprechen, wenn er selbst nicht in der Lage ist, zu erkennen, was eine seriöse Argumentation aus der Sicht moderner evolutionärer Forschung ist.

Und zum Schluss:

Die Teleologisierung ist nicht nur evolutionsbiologisch sehr bedenklich, sondern auch ein hervorragendes Mittel für den Humor. In seinem Roman Die Elefanten meines Bruders führt der Autor Helmut Pöll dies ganz wundervoll vor (ich habe den entsprechenden Satz hier kursiv gesetzt):
Meine Mutter wirkte gestresst und redete kein einziges Wort mit mir während der ganzen Fahrt. Vielleicht hatte sie einen Migräne-Schub. Erwachsene haben ja oft Migräne. Das kommt, wenn das Hirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie bei einem Kind. Dann warten die Erwachsenen auf schlechtes Wetter und bekommen Migräne.
Und das ist doch nun wirklich ein witziger Einfall: die Natur hat das schlechte Wetter erfunden, damit Erwachsene Migräne bekommen. Das ist doch genauso schön, wie die Idee, dass die Evolution die Zweigeschlechtlichkeit entwickelt habe, damit wir über Homosexuelle schimpfen können.
In diesem Sinne wünsche ich euch einen fröhlichen Wochenanfang.

20.09.2012

Frauenhirne, Männergelaber, oder: ich ergänze einen dämlichen Kommentar durch eine intelligente Replik

Zu meinem Artikel Sind Frauen zu doof zu schreiben? schrieb Anonymus folgenden Kommentar:
Es ist seltsam, dass zwar über das Vorhandensein von Unterschieden, seien diese groß oder klein, immer wieder diskutiert wird, aber über die Bedeutung einer gegenseitigen Ergänzung kaum etwas zu hören ist.
Frauen haben z. B. mehr graue Zellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch „Vergewaltigung der menschlichen Identität; über die Irrtümer der Gender-Ideologie“)
Hier zeigt sich das ganze Elend  von Menschen, die eigentlich keine Ahnung haben, worum es Judith Butler, Luce Irigaray oder oder oder geht. Dementsprechend ist die Argumentation eigentlich auch völlig sexistisch und, so muss man weiter konstatieren, auch nicht naturwissenschaftlich.

(1) Judith Butler zum Beispiel behauptet nicht, dass der Körper von Frauen und Männern keinerlei Rolle spielt. Sie schreibt, äußerst vorsichtig, dass es keinen Determinismus, keine Kausalität zwischen dem biologischen und dem kulturellen Geschlecht gibt. Sie spricht aber hier vom Determinismus. Das muss man hören. Sie spricht nicht davon, dass das biologische Geschlecht keinen Einfluss auf das kulturelle Geschlecht hätte. (Siehe: Das Unbehagen der Geschlechter, Seite 23)

(2) Dass Feministinnen unkritisch seien, mag folgende Stelle aus dem selben Buch (Seite 33)  widerlegen: „Die feministische Kritik muss einerseits die totalisierenden Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben.“

(3) Der Begriff der Ergänzung, den der Autor in seinem Kommentar benutzt, wird unkritisch gebraucht. Ergänzen können sich auch Sklavenhalter und Sklave, Fuchs und Maus, Nazi und Jude. Das kommt auf den Rahmen an. Könnte die Maus sprechen, dann würde sie sich dagegen wehren, dass der Fuchs sie ergänzt. Der Ökologe, der dieses System allerdings von außen betrachtet, findet die allerschönsten Sinuskurve der Populationsentwicklung und spricht durchaus mit einem gewissen Recht von Ergänzung. Ergänzt eine schöne, aber dumme Frau einen reichen Mann? Auch wenn diese beiden miteinander glücklich sind?

(4) Der Kommentator reduziert. Es ist für gewöhnlich so, dass zwei verschiedene Menschen etwas unterschiedliches können. Ob sich das auf die Differenz der biologischen Anlagen subsumieren lässt, bleibt fraglich. Mehr als fraglich!

(5) Der Kommentator schreibt: „Frauen haben z. B. mehr graue Zellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn“ und schließt daraus messerscharf „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“. Das ist neurophysiologisch gesehen allerhöchstens eine dubiose Hypothese. Zwischen den Gehirnzuständen und den Fähigkeiten eines Menschen konnten bisher nur sehr sporadische, keinesfalls aber klar deterministische Zusammenhänge festgestellt werden. Wie der Geist aus der Nervenstruktur entsteht, ist bis heute immer noch eine Spekulation. Rein empirisch mag der erste Satz richtig sein. Dass der zweite Satz daraus folgt, lässt sich nicht empirisch beweisen. Dass Frauen und Männer einander helfen sollen, ist natürlich ein schöner Wunsch. Aber einerseits ist „helfen“ schon wieder so eine Worthülse; und andererseits dies auf Biologie zurückzuführen, statt auf eine Ethik, schon recht dummdreist.

(6) "Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben" — und man muss sich fragen, wie doof denn nun das ist? Was soll das denn heißen: optimal? Wer bestimmt denn diesen Wert des Optimalen? Legen wir das ganze noch einmal tiefer: was ist denn die Ergänzung daran, wenn das weibliche Gehirn mehr Nervenzellen besitzt als das männliche? Kann man hier überhaupt von einer Ergänzung sprechen oder ist das nicht einfach nur eine empirische Feststellung, die zu einem rein quantitativen Vergleich führt, der dann eher mathematisch als biologisch ist?

(7) Und was soll schließlich dieses „trotz“? Gehören Konflikte nicht zum Leben und zum Miteinander dazu? Oder sind diese kontrafaktische und damit eigentlich überflüssige soziale Erscheinungen? Dies scheint der Kommentator zu suggerieren. Das Idyll, der rousseauistische Zustand als Ideal? Grusel!

(8) Gleichzeitig werden Freundschaften, Elternschaften, aber auch homosexuelle Beziehungen als "optimale Ergänzungsmöglichkeiten" ausgeschlossen. Mein bester Freund und ich ergänzen uns (manchmal) hervorragend. Ich erzähle wirres Zeug über Kant und er hört zu, grinst und erinnert mich daran, dass es mehr auf der Welt gibt als die Kritik der Urteilskraft.
Und warum ergänzen sich zwei Männer, die sich lieben, nicht, jedenfalls nicht optimal? Geht das nicht? Ist das biologisch ausgeschlossen? Oder läge das vielleicht sogar daran, dass Homosexuelle doch irgendwie "pervers" seien?

Der Kommentator macht eine biologistische Hierarchie auf, die sich nur dann aus biologischen und neurophysiologischen Tatsachen ableiten lässt, wenn man sein Wissen aus dubiosen Machwerken zusammengeklaubt hat. Ein Buch wie von Gerhardt Roth Denken, Fühlen, Handeln gibt solche Kurzschlüsse nämlich garnicht her.
Fragen also über Fragen. Jedenfalls wird man mit solch übersimplifizierenden Aussagen nur wieder dort landen, wo die Kultur gerne ankommt: bei der Herrschaft der Schreier und Plärrer.

Übrigens habe ich nichts dagegen, hier auch feministische Aussagen anzugreifen, wenn diese, wie Judith Butler schreibt, "eine totalisierende Geste" darstellen. Und zeigt auch die Priorität des guten Feminismus. Er wendet sich nicht gegen Männer, nicht gegen die Biologie der Frau, sondern gegen die Simplifizierung.
Und in diesem Sinne bin ich ein hervorragender Feminist und jener Anonymos liefert einen kleinen, sexistischen und äußert vertrottelten Kommentar.

Geschichten ohne Konflikt

Gibt es Geschichten ohne einen Konflikt?
Vor zwanzig Jahren habe ich von Adalbert Stifter den Roman Nachsommer gelesen, der eine Art Idylle darstellt. Soweit ich mich erinnern kann, ist dieser Roman überhaupt nicht konflikthaft, sondern ein idealisierter Bildungsromans, das  Heranwachsen eines jungen Mannes in einer vollkommen naturhaft-harmonischen Umgebung.
Was habe ich mich (damals und wahrscheinlich auch heute) gelangweilt!

Aber auch das sind Wahrnehmungsgewohnheiten. Ich habe das miterleben dürfen, als ich Abenteuerromane auseinandergepflückt habe. Vorher habe ich eigentlich sehr gerne Fantasy gelesen, aber auch Krimis. Das reizt mich heute gar nicht mehr zur Unterhaltung. Ich bin beim Lesen zu wenig in der Welt drin und achte zu viel auf die Kommunikation zwischen Autor und Leser. Und dann klappt natürlich dieses ganze Ding mit der Spannung nicht mehr.

Holländische Riesenlasagne

Der Anbau ans Stedelijk Museum in Amsterdam ist von den Amsterdamern bereits Badewanne getauft worden. Für mich sieht dieser eher aus wie ein riesiger Lasagnetopf, wie man ihn bei Aldi kaufen kann, bloß eben nicht so groß.

Im übrigen kann man hier, wie bei dem Thema Inklusion, gut sehen, dass der Kampf um den Wert einer Sache, sei es hier postmoderner Architektur, sei es ein gesellschaftsstrukturelles Thema, sich auf der Ebene der Konnotation abspielt. So schreibt Hans-Joachim Müller in der Welt online:
Man wird in Amsterdam nichts entdecken, worauf die ridiküle Gebäudeform Bezug nehmen könnte, nichts, was auf die Museumsfunktion weisen oder zwingend aus ihr resultieren würde. Mels Crouwel stellt sein neues Haus vor das alte, beide haben optisch nichts miteinander zu tun. Aber in der Art, wie das Museum aus dem Jahr 2012 vor dem Museum aus dem Jahr 1895 gestikuliert, degradiert es den Altbau zum bloßen Anhängsel, zum allenfalls brauchbaren Kunstcontainer, der selbst keinerlei Darstellungsqualitäten mehr besitzt.
Das Gebäude selbst, nun ja, schauen Sie es sich an.
Formulierungen wie „auf die Museumsfunktion weisen“, „haben optisch miteinander zu tun“, „zum Anhängsel degradieren“ verweisen auf konnotative Effekte. Wir brauchen solche Konnotationen, um Bezüge herstellen zu können. Aber sie weisen auch gleichzeitig auf eine Tendenz hin, solche Bezüge zu interpretieren und können selbstverständlich dann auch wieder „umkonnotiert“ werden.
Mit anderen Worten: was hätte Garfield zu diesem Anbau gesagt?

Infodumping, Suggestion und semantische Nähe

Informationen sind schick und sie gehören auch in eine Zeitung hinein. Nicht zuletzt aber bei Bettina Wulff sehen wir, dass sich Meinungen plötzlich Tatsachen schaffen. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein.
Nun finde ich auf Spiegel online folgenden Abschnitt zum „Missbrauchsskandal“ in Ahrensburg (Nebenbemerkung: dieses Wort Missbrauchsskandal kann ich schon überhaupt nicht leiden: es suggeriert ja, dass es einen Missbrauch ohne Skandal gäbe):
Anselm Kohn vertritt seit vielen Jahren die Belange der Missbrauchsopfer und ihrer Angehörigen in Ahrensburg. Drei seiner Brüder wurden Kohn zufolge Opfer des heute 74-jährigen Pastors. Zwei von ihnen sind inzwischen gestorben.
Wenn man sich den letzten Satz gut durchdenkt, dann gibt dieser eine Information, die nicht in den Kontext passt. Offensichtlich haben die beiden Tode nichts mit dem Missbrauch zu tun. Oder es wird nicht gesagt. Jedenfalls gibt es keinen argumentativen Zusammenhang. Es gibt jedoch einen suggestiven.
Durch die räumliche Nähe, aber auch dadurch, das sowohl Missbrauch als auch Tod eines Anverwandten; mit „Schrecken“ assoziiert werden, „Unglück“, „schlimm“, usw. stehen sie sich auch semantisch nahe. Räumliche Nähe und semantische Nähe sind also zwei wesentliche Strategien, um Argumentationen durch Suggestionen zu ersetzen. Was suggeriert nämlich der letzte Satz in dem von mir zitierten Abschnitt? Dass die Brüder infolge des Missbrauchs gestorben sind.
Dass dies natürlich nicht immer klappt, dass diese Suggestion nicht automatisch entsteht, liegt daran, dass manche Menschen Lesemuster besitzen, die entweder diesen suggestiven Zusammenhang aufbrechen oder ihn ignorieren. Im ersten Fall ist der Mensch zu „intelligent“ für diese Suggestion, im zweiten Fall zu „doof“.
Dies alles spricht übrigens noch nicht gegen die Suggestion. Langjährig gewusstes Wissen hat immer einen suggestiven Charakter. Wir ergänzen uns sozusagen aus dem Kopf heraus die fehlenden Argumente. Und auch dieser Fall der Suggestion ist eher banal.

Semantische Nähe

Der Begriff der räumlichen Nähe ist natürlich schon ein Unding, da Nähe immer etwas mit dem Raum zu tun hat. Dies ist ein Pleonasmus. Allerdings nicht ganz. Denn der Begriff der semantischen Nähe benutzt das Wort Nähe als Metapher. Der Pleonasmus deutet darauf hin, dass ich mich von diesem metaphorischen Gebrauch abgrenzen wollte.
Was nun bedeutet semantische Nähe? Der eigentliche Begriff ist hier Konnotation. Konnotation bedeutet im weitesten Sinne einen gewohnheitsmäßiger Zusammenhang, also eine Assoziation. Zunächst! Die Konnotation bezieht sich auf Texte und hier nicht auf den wörtlichen Sinn, sondern auf das, was mit notiert wird, was zwischen den Zeilen steht.
Sehen wir uns einige typische Konnotationen an:
(1) Trägt eine Frau ein Diamantcollier, dann konnotiert das Reichtum. Natürlich können wir diesen Reichtum nicht sehen, nicht als solchen. Er veranschaulicht sich in „Accessoires“, die teuer und luxuriös sind.
(2) Eine sehr wichtige Form der Konnotation ist der Kontrast, bzw. die Opposition. Der Kontrast entsteht durch einen sinnlichen Unterschied. Sage ich „schwarz“, wird bei Ihnen häufig das Wort „weiß“ auftauchen, vielleicht nicht als allererste Assoziation. Aber häufig genug.
Nun ist der Trick bei der ganzen Geschichte, dass diese Kontraste zwar rein sinnlich erscheinen, aber durchaus kulturell zusammen geschweißt sind. Sie erzeugen weitere Assoziationen, wie zum Beispiel Schachspiel (mit dieser Verbindung spielt Max Frisch zum Beispiel in seinem Homo Faber intensiv). Oder Schwarz-Weiß-Denken (da das Denken keine Farbe hat, handelt es sich hier um eine metaphorische Wendung).
Semantische Oppositionen sind kulturell geprägte Entgegensetzungen. In den westlichen Kulturen wurden Leben und Tod gerne als Gegensätze verstanden, in den schamanistischen, hinduistischen und buddhistischen dagegen nicht.
Eine sehr hübsche Opposition ist zum Beispiel die zwischen CDU und SPD. Diese beiden Parteien werden immer noch als die großen Kontrahenten in unserem politischen System betrachtet. Wobei doch jedem halbwegs intelligenten Menschen auffallen muss, dass ein solch komplexes System wie eine Partei sich gar nicht auf einen großen Nenner bringen lässt. Und gerade beim derzeitigen Zustand dieser beiden Parteien kann man auch gar nicht mehr richtig sagen, wo die tatsächlichen Unterschiede liegen und wo sich diese beiden Parteien ideologisch wirklich abgrenzen lassen. So kippen manche Oppositionen in eine Kontinuität oder Abschattierung um.
(3) Schließlich gibt es gewohnheitsmäßige, kulturell gepflegte Gruppierungen. Wer derzeit Bettina Wulff sagt, assoziiert fast sofort Rotlichtmilieu. Diese Gruppierung wird massenweise benutzt und weil sie massenweise benutzt wird, trägt sie sich weiter fort als eine besonders einfache Verbindungslinie. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeihung, oder zumindest der Kern einer solchen.
Dasselbe dürfte derzeit mit dem Begriff der Kirche passieren. Man könnte sich hier ein Experiment vorstellen. Bei diesem geht man auf die Straße und fragt die Menschen, was sie mit Kirche assoziieren. Und ich wette, dass die Antwort „sexueller Missbrauch“ häufig auftauchen wird. Hier wurde in den letzten Jahren durch das öffentliche Aufsehen eine Assoziation geschaffen. Allerdings gibt es auch sehr lang gepflegte, uralte Gruppierungen. Dazu gehört zum Beispiel Erde, Wasser, Feuer, Luft, also die vier Elemente. Dazu gehören Liebe, Tod und Teufel. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die vier apokalyptischen Reiter. Faust und sein Mephisto, Don Quijote und sein Sancho Pansa, ebenso aber der Kampf gegen die Windmühlenflügel, der den Ritter von trauriger Gestalt sofort mit aufklappen lässt. Große historische Institutionen, wie die Kirche, sind eben solche Konnotationsmaschinen, wie große kulturelle Werke. Wer Romeo sagt, muss eigentlich schon gar nicht mehr Julia sagen, um sie zu konnotieren. (vgl. Vorstellungsmassen)

Veranschaulichungen, Kontraste und Oppositionen und schließlich Gruppierungen sind also wesentliche Mechanismen für die semantische Nähe.
Aber genauso, wie wir uns auf solche kulturell gepflegte Konnotationen verlassen, können diese auch erzeugt werden. Unser Journalist hat durch seine überflüssige Information (den Tod von zwei Brüdern) einen solchen „Keim“ erzeugt. Wenn er nicht aufgegriffen wird, wird er wieder verschwinden, sanglos und klanglos.
In anderen Fällen, siehe Bettina Wulff, taugen solche erzeugten Gruppierungen zu einem „großen Thema“. Dabei ist es völlig egal, was für eine Realität dahinter steckt. Zunächst muss nur dieser grundlegende Mechanismus greifen, dass eine häufig erwähnte Assoziation zu einer gewohnheitsmäßigen Assoziation wird und diese dann oft genug in Argumentationen suggestiv gebraucht wird.

18.09.2012

Die Elefanten meines Bruders, oder: Paradigmenwechsel

Ab und zu muss man einfach Werbung für ein Buch machen, hier von dem Autoren Helmut Pöll. Das Buch heißt Die Elefanten meines Bruders. Es ist eine ganz wundervolle, ganz zarte Geschichte aus der Innenperspektive eines ADHS-Kindes, mit ganz viel Humor und Situationskomik geschrieben. Eine Stelle, in die ich mich sofort verliebt habe, war folgende (Position 179):
Wenn zehn Punkte voll sind gehen wir Eis essen oder ins Kino. Das darf ich mir aussuchen. Ich kann aber die Punkte auch ansammeln. Das habe ich ausgehandelt. Ich kann die Punkte ansammeln und mir dann neue Rollschuhe wünschen, wenn ich viele OK Punkte sammle. Wenn ich hundert Punkte ansammle bekomme ich fünf Bonuspunkte extra. Das habe ich auch ausgehandelt. Nach dem Einfall des Todessterns in die Elterngalaxie wurde mein Punktestand gelöscht. Ich hatte 80 Punkte und hätte doch immer das Eis nehmen sollen. Das nennt man Paradigmenwechsel, sagte mein Deutschlehrer.

Ein Paradigmenwechsel ist, wenn man etwas gut findet, bis man merkt, dass es doch totale Scheiße ist. Aber Scheiße sagt man nicht.
Das Buch hat leider immer mal wieder fehlende Kommas vorzuweisen, in dieser Passage sogar gleich zwei. Der Geschichte und dem Stil tut das keinen Abbruch.

Wie schreibt man eine Rezension?

John Asht behauptet (27. Januar 2012):
Hier noch eine Dosis Aufklärung für alle die's noch immer nicht kapiert haben:
Bei einer Rezension hört die Meinungsfreiheit auf [Autsch! FW]. Eine Rezension ist eine wissenschaftliche, literarische Analyse, die den Verkaufserfolg eines Buches mitbestimmt. Da zählen nur Fakten - und dafür muss das Werk von A bis Z gelesen werden. 
Auf wikipedia dagegen liest man (Literaturkritik):
Jedwede Form von Sekundärliteratur, also auch die Rezension, ist anfechtbar, da zur möglichst objektiv wiederzugebenden Beschreibung eines Gegenstandes immer auch die kommentierend subjektive Sicht des Rezensenten gehört.
Was man heute bei Amazon findet, sind Meinungen. Mal abgesehen von Sockenpuppen und bösartigen Verrissen haben diese Rezensionen keinen aufklärenden, sondern lediglich einen empfehlenden Charakter. Damit entfällt der Anspruch, eine Rezension wissenschaftlich zu fundieren. Was in Ordnung ist! 

Ursula Prem hat sich über meine Rezension von Twin-Pryx übrigens folgendermaßen ausgelassen (Eine Lanze für John Asht):
»Ich habe Literaturwissenschaft studiert«, bekennt einer der Ein-Sterne-Rezensenten, der seine Buchbesprechung mit dem fantasievoll gewählten Titel »Müll!« überschreibt. Wie lange das Studium, das ihn zu solch anspruchsvoller Titelfindung und der kompetenten Teilnahme am Ashting-Flash befähigt, gedauert hat, erwähnt er allerdings nicht.
Frau Prem erwähnt allerdings nicht, und da zeigt sich die Voreingenommenheit dieser Frau, dass meine Rezension (mittlerweile zusammen mit dem E-Buch gelöscht) etwas ausführlicher war:
Müll
Normalerweise würde ich ein Buch, einfach aus Ermutigung für junge Autoren, halbwegs positiv rezensieren. Es ist nicht einfach, ein Buch zu schreiben, und auch wenn das Ergebnis dann für den Leser ärgerlich ist: Romane zu schreiben ist so anspruchsreich, dass sie "intelligenzfördernd" wirken. Und das ist ja auch etwas positives.
Warum also bekommt dieser Roman nur einen Stern? Weil sich der Autor als "gestandene" Person gibt und in widerlichster Art und Weise Rezensenten bedroht, die den Roman eben nicht so gut finden [...]
Nein, der Roman ist nicht gut. Er ist hölzern und manieristisch, will sagen: beim Lesen der Handlung bekommt man kein Gefühl für die "Innerlichkeit" der Personen. Sie wirken eher wie Dinge, die vom Autor "herumgeschoben" werden. Und das ist keinesfalls gut. Zudem ist der Roman eher ein "Road Movie", das häufig durch neue, dramatische Orte beeindrucken will, denn ein wesentliches Ziel zu verfolgen. Will sagen: die (einzelne) Handlung ist ein Ornament, deren Relevanz für die Gesamthandlung nicht deutlich wird. Ornamente sind zwar wichtig, wenn es um Charakterisierungen geht. Wenn diese aber nicht gestützt werden, weil zum Beispiel andere Formen der Charakterisierung fehlen, dann wirken diese einzelnen Handlungsabschnitte nur peinlich.
Der Autor beschwert sich, dass er nicht von professionellen Literaturkritikern beurteilt werden würde. Ich möchte behaupten, dass ein solcher dieses Werk als "Unsäglicher Mist" beurteilen würde. Ich habe Literaturwissenschaft studiert; ich mag Unterhaltungsliteratur, auch wenn diese nicht "hochwertig" ist. Bücher dürfen auch einfach nur unterhalten. Aber dieses Buch unterhält nicht. Und im Zusammenhang mit seiner arroganten und beleidigenden Art gegenüber Lesern (was ja nur heißt, dass ihn Leser eigentlich garnicht interessieren) muss man dieses Buch als eine stilistische und literarische Katastrophe bezeichnen.

Fazit: Müll! - Und bei einem so besserwisserischen Autor wird auch in Zukunft nichts weiter zu erwarten sein.
Auch das ist keine literaturwissenschaftliche Kritik. Aber muss jeder dahergelaufene Autor gleich nach einem "Glas" schreien, wie Jacques Derrida es über Hegel und Genet veröffentlicht hat? Mal abgesehen davon, dass ich nicht Derrida bin.
Vampyress kommentiert, nicht literaturwissenschaftlich, aber nett zu Maag-Mell von Asht:
Es fühlt sich an, als hätte mir gerade ein Vogone sein Gedicht vorgetragen. Ich glaube, das überlebt man nur, wenn man sich das linke Bein abknabbert ...

17.09.2012

Etwas entstellte Idiome

Du musst nicht nach seiner Nase pfeiffen.
Das musste ich gerade lesen. Kicher. (Und man beachte pfeiffen, mit drei F.) Fast genauso gut, von einem meiner ehemaligen Physiklehrer:
Das schlägt dem Fass die Krone aus.

09.09.2012

Schwule Vampire

Ich erzähle einer Freundin, dass ich gerade wieder mehr erzählend schreibe. Plärrt ihre Tochter aus dem Hintergrund, ich solle auf jeden Fall zwei schwule Vampire einbauen, dann würde das garantiert erfolgreich.
Hier: Schwule Geister. Außerdem: Schwule Fantasy.

Will ich erfolgreich sein?

Ach ja: der Titel

Jetzt habe ich leider komplett vergessen, noch einmal auf den Titel meines letzten Artikels einzugehen.
Warum können Frauen nicht schreiben?
Das ist natürlich Quatsch (und das wissen auch meine Leser).
Ich sage: Annette von Droste Hülshoff, Friederike Mayröcker, Ulla Hahn, Elfriede Jelinek.
Ich sage: Anja, Gabriele, Melusine.
Manchen Frauen sollte man das Schreiben trotzdem verbieten. Anni Mursula ist das beste Beispiel dafür, dass das biologische Geschlecht kein Schicksal ist, das kulturelle allerdings schon. Schließlich hat sie studiert. Sie „darf“ für die Junge Freiheit schreiben. Dabei spielt ihr anatomisches Geschlecht also eher keine Rolle. Vielmehr wird ihre Tätigkeit durch das „konservativ-patriarchale Vorzeigeweibchen“ geprägt, ein Bild, das man sich doch immer wieder gerne ansieht. Und ein Grund, um doch noch schwul zu werden (rein kulturell, nicht biologisch). (Wolfgang, ich komme! Ha ha!)

Frauen sind zu doof zum Schreiben!

Liebe Junge Freiheit!
Falls ihr es noch nicht vorher gewusst habt, so wisst ihr es jetzt, dank eures online-Experiments mit der Reporterin Anni Mursula. Dabei handelt es sich um eine verheiratete Finnin und dreifache Mutter. Schon das hätte im Vorfeld misstrauisch machen sollen.
Unter dem Titel Hirnwäsche, von der „Reporterin“ neckisch in Anführungsstriche gesetzt, veröffentlicht Frau Mursula (man möchte fast sagen: Mursula von der Leyen) folgende seltsame Aussagen:
Die meisten Menschen wissen zwar, daß „der kleine Unterschied“ zwischen den Geschlechtern gar nicht so klein und erst recht nicht steuerbar ist. Doch trauen sie sich nicht, es offen auszusprechen - aus Angst, als reaktionär oder dumm zu gelten. Schließlich beteuern vor allem Sozialwissenschaftler und Politiker permanent, Gender Mainstreaming sei wissenschaftlich mindestens genauso belegt wie die Schwerkraft.
Abgesehen davon, dass der Sexist hier plötzlich als Opfer auftaucht (er wird zensiert und das ist ja böse), weist dieses Zitat noch einige andere, typische Tricks auf, die die Täter-Opfer-Rolle komplett umdrehen können. Zählen wir diese auf:

(1) Das Unrecht wird verschoben. Nicht die Benachteiligung der Frauen ist falsch, sondern die Zensur der Gender-Gegner. So urteilen ja auch die Neonazis: Nicht das Grölen von rassistischen Liedern sei schlecht, sondern die Zensur von Kunst.

(2) Eines der typischsten Mittel ideologischer Systeme ist die Vereinheitlichung. Die Suggestion, Theoretiker des Genders würden „den kleinen Unterschied“ nicht kennen, ist peinlich falsch. Gender-Theoretiker, zumindest die ordentlichen, kennen natürlich „den kleinen Unterschied“. Und nicht nur den! Sie kennen sogar (wenn sie ordentlich und wissenschaftlich arbeiten) eine ganze Menge Unterschiede, zum Beispiel den zwischen Anschauung und Diskurs oder den zwischen gesellschaftlicher Struktur und sittlicher Autonomie.
All diese Differenzen plättet die Autorin weg. Sie zeigt deutlich, dass sie eine grundlegende Aussage des Gender Mainstreaming nicht verstanden hat. Es geht eben nicht darum, dass alle Mädchen jetzt Ingenieurinnen werden, sondern darum, dass Mädchen genau die gleiche Möglichkeit haben, Ingenieurswesen zu studieren wie Jungen. Womit sie, da sie das nicht versteht, gleich auch noch den Unterschied zwischen Möglichkeit und tatsächlicher empirischer Wahl einebnet.

(3) Ähnlich der Verschiebung des Unrechts baut die Berufung auf dem ›man‹ auf eine Hierarchisierung. „Die meisten Menschen wissen zwar“, und woher auch immer die Autorin selbst dies weiß, es klingt so einfach und provoziert den Automatismus, auch selbst zu diesen „meisten Menschen“ gehören zu wollen. Das „mehr“ klingt immer besser, vor allem wenn die angebliche „Bodenständigkeit“ gegen einen „elitären“, aber völlig fehlgelaufenen Bildungsdünkel ausgespielt wird.

(4) Und schließlich die Überdramatisierung. Sozialwissenschaftler und Politiker, so die Autorin, würden „permanent“ beteuern. Natürlich gibt es Politiker, die ihre Lieblingsthemen haben. Die gender-Theorie kann genauso gut dazu gehören. Aber Sozialwissenschaftler? Mal ganz abgesehen davon, dass ein Wissenschaftler seine Themen haben muss, mit denen er sich intensiv beschäftigt?
Ist also diese Konstruktion schon recht fragwürdig, so ist der letzte Halbsatz (eine verkürzte Analogie und damit fast schon eine Metapher) nur noch dubios. Natürlich gibt es auch in diesem Bereich seltsame Artikel und nicht alles, was zum Gender Mainstreaming veröffentlicht wird, ist automatisch gerecht, wissenschaftlich oder fundiert. Aber eine Aussage wie diese („mindestens genauso belegt wie die Schwerkraft“) habe ich noch nicht gefunden, lediglich die Aussage, Gender Mainstreaming sei die wichtigste politische Bewegung unserer Zeit, was allerdings tatsächlich eine recht dämliche Behauptung ist.

(5) Eine weniger wichtige rhetorische Strategie nutzt die Autorin im ersten von mir zitierten Satz. Sie stellt die Verminderung eines Unterschiedes („gar nicht so klein … ist“) als Übertreibung (oder eher: Untertreibung) dar (eine Hyperbel) und verlässt sich dabei darauf, dass Hyperbeln in beide Richtungen funktionieren: mit oder gegen den übertriebenen Wert (siehe dazu: Die Hyperbel als Figur im Diskurs).
Die erste „Raffinesse“ dieser Phrase ist, dass „klein“ nur eine Metapher ist. Sie suggeriert aber eine Materialität: denn nur materielle Dinge können in wörtlichem Sinne klein sein; und damit suggeriert sie weiter, dass es nur um die Biologie geht, bzw. um die Anatomie.
Dem folgt aber ein weiterer Zusatz und der erweist sich bei längerem Nachdenken als besonders gefährlich. Der „kleine Unterschied" sei nicht nur nicht so klein, sondern auch nicht steuerbar. Das ist eine völlig offene, weil ebenfalls völlig suggestive Argumentation. Sie könnte, aber hier wird die Autorin nie sonderlich deutlich, zu einem erneuten Fatalismus des biologischen Schicksals führen. Frauen seien halt so und Männer seien anders. Wiederholt dieser Zusatz auf der einen Seite die Vereinheitlichung durch seine Schwammigkeit (weshalb man ihn eigentlich gar nicht angreifen kann, da er nichts besagt), so wird er auf der anderen Seite als Überzeugung der stillschweigenden Mehrheit zugesprochen.

Insgesamt baut der Artikel auf Behauptungen auf. Er nimmt eine einzelne Sendung als Anlass, um darauf ein Für und Wider aufzubauen, ohne jemals nur in die kritische Diskussion einzusteigen. Diese kritische Diskussion wird gleichzeitig durch zahlreiche Abwertungen verhindert.
So schreibt die Autorin:
Komisch nur, daß die „Wahrheit“ kein Hinterfragen ertrug und die selbsternannten Experten sich statt dessen über Eias „unfaire“ Methoden beklagten.
Die Experten wären natürlich selbst ernannt. Deren Wahrheit muss in Anführungsstrichen stehen. Und auf die Idee, dass eine komplexe soziale Theorie vielleicht tatsächlich nicht so einfach zu vermitteln ist, scheint die Autorin auch nicht zu kommen. Dazu eben gibt es den guten Wissenschaftsjournalismus. Das wäre doch mal für Frau Anni Mursula ein lohnenswertes Betätigungsfeld, statt hier dumm und frech die Erfüllungsgehilfin eines sexistischen Neokonservatismus zu spielen.

Und das Gender Mainstreaming?
Nein, einen Hurrah-Automatismus werde ich euch nicht liefern.
Vor einigen Jahren hat die Bundeszentrale für politische Bildung unter der Leitung von Michael Meuser und Claudia Neusüß ein Buch über ›Gender Mainstreaming‹ (Bonn 2004) herausgegeben. Mein wesentlichster Kritikpunkt an diesem Buch ist, dass viele Autorinnen das Konzept mit der rechtlichen Gleichstellung verwechseln. Diese soll ja, angeblich, im Grundgesetz verankert sein (habe ich mal gehört). Und tatsächlich soll es für den Gesetzgeber und die Rechtsprechung keine Rolle spielen, ob ein Bürger nun männlich oder weiblich ist.
Beim Gender Mainstreaming allerdings geht es nicht um das biologische Geschlecht, sondern um das kulturelle. Dies beachtet das Buch zu wenig, in der Themenwahl und auch in den Argumentationen, und liefert dadurch selbst eine schleichende Re-Biologisierung des Gender-Konzeptes.
Ich habe mich damals jedenfalls sehr über dieses Buch aufgeregt. Nicht über alle Artikel, aber doch über deutlich sehr viele. Das ist tatsächlich schlechtes Gender Mainstreaming. Und so etwas möchte ich auch nicht haben.
Gender Mainstreaming soll gut sein und dazu gehört, dass man das Problem, nämlich den Zwang innerhalb sozialer Strukturen, ihren Einfluss auf die Wahrnehmung, auf Motive und auf Bedürfnisse zuallererst begreift. Und deshalb ist der Artikel von Frau Mursula in einem doppelten Sinne gefährlich: zum einen, weil er gegen eine äußerst plausible Theorie (gemeint ist: gender) polemisiert und weil er die Kritik an Trittbrettfahrern der Gender-Theorie (und natürlich gibt es die! das will ich gar nicht leugnen) erschwert.
Wir müssen begreifen lernen, dies zu trennen. Die Kritik des israelischen Staates ist noch kein Antisemitismus. Selbstverständlich kann das eine als Legitimation für das andere genutzt werden. Diese Befürchtung habe ich selbst oft genug. Doch das Problem kann hier nicht indirekt angegangen werden, indem man nämlich die Kritik an Israel unterbindet, sondern besteht einfach darin, auf dem Unterschied zwischen Israelis (als Regierung, als Staat, als Territorium, als Volk) und Juden zu beharren.
Ähnlich müssen wir dies für das kulturelle Geschlecht denken. Dass ein Mensch ein kulturelles Geschlecht habe, besagt noch sehr wenig. Und natürlich verwirft es nicht die Anatomie des Körpers. Die Frage besteht doch darin, wie beides zusammenhängt. Wogegen ich mich wehre, ist auf der einen Seite die Kurzschlussreaktion, wenn das nicht bewiesen sei, dann gelte automatisch wieder die biologische Determinierung. Ebenso wehre ich mich aber gegen die Praxis der Gleichschalterei (obwohl dies eher ein Mythos der Gender-Gegner ist) und schließlich ist natürlich eine vollständige Abkopplung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht auch unsinnig. Spätestens ein pubertierender Mensch wird seine eigenen Geschlechtsorgane beeindruckend finden und gelegentlich mal darüber nachdenken. Und wenn das keine Wechselwirkung zwischen anatomischem Schicksal und individueller Aneignung ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Deutschland und sein Wir-Gefühl (Nein! — Doch! — Oh!)

Ach Frau Böhmer! Wir-Gefühle in Deutschland! Ist das nicht gleich ein bisschen doppelt doof? Einmal hatten wir das schon, Stichpunkt: Nibelungentreue, und hier war das ›wir‹ besonders wichtig für all die, die sich verheizen lassen sollten. Zum anderen: geht die Spaltung in Deutschland nicht auf ganz andere Umstände zurück, Umstände, bei denen ein bisschen Wir-Gefühl auch ganz sinnvoll wäre, so vom Kapitalisten zum Arbeiter? Vom korrupten Bankier zum sich plagenden Kleinbürger?
Ich finde es ja gut, dass Sie Missstände aufdecken. Aber bei Politikern habe ich mir angewöhnt, gleichzeitig zu fragen, welche anderen Missstände damit verdeckt werden sollen. So wichtig es ist, gegen Rassismus vorzugehen, so ist die Instrumentalisierung des Anti-Rassismus und des „Multi-Kulti“ doch ein wenig … unchristlich, oder?

Was aber hat Frau Böhmer eigentlich getan? Die Zeitung Junge Freiheit fasste einige Aussagen der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung zu einem Artikel zusammen. Die genauere Herkunft dieser Aussagen ist übrigens, wie bei guten online-Artikeln üblich, unbekannt. Es kann sich jedenfalls nicht um ein Selbstgespräch auf der Toilette handeln, denn hier liest Frau Böhmer, wie aus gut informierten Insidern-Kreisen zu erfahren war, Shades of Grey (Oh, I found some baby-oil. Rub it on my back).
Spaß beiseite. Zurück zur CDU und ihrer Integrationsbeauftragten.

Böhmer warnt.
„Gefährlich sind auch Vorurteile und dumpfe Parolen, die ein Klima der Verachtung von Minderheiten erzeugen.
Nein! — Doch! — Oh! (frei nach Louis de Funès)
Um so wichtiger sei es, stets wachsam zu sein und rechtsextremistisches Gedankengut im Keim zu ersticken, warnte Böhmer.
Warum dieser letzte Satz eine Warnung ist, will mir allerdings nicht so recht in den Kopf. Dem Artikelschreiber hätten so viele andere schöne Wörter einfallen können, zum Beispiel lächeln, seufzen, hauchen oder schnarren. Zur Not hätte es sogar ein einfaches ›empfehlen‹ getan (Nein! — Doch! — Oh!).

Und was sagt Frau Böhmer sonst noch so?
Den üblichen Quark. Die Ausschreitungen in Lichtenhagen waren menschenverachtend. Die ›nationalsozialistischer Untergrund‹ sei eine rechtsextremistische Terrorgruppe (Nein! — Doch! — Oh!). Die Einwanderer müssten sich auf den deutschen Rechtsstaat verlassen dürfen, was ich übrigens toll fände, denn ich würde mich gerne auch mal auf den deutschen Rechtsstaat verlassen dürfen wollen, vor allem, wenn es um den Bereich der Hochfinanz geht. Dort sitzen nämlich Menschen, denen die Hypothesenbildung und der Konjunktiv komplett unbekannt scheinen, sonst würden sie den Satz ›Die Würde des Menschen ist unantastbar.‹ besser verstehen.

Wir-Gefühle in Deutschland, das wäre doch mal was. Damit ist die Vermassung der Individualität, wie sie nach der Auflösung der bürgerlichen Familie unser alltägliches Brot geworden ist, in eine wunderbare Vokabel verpackt. Das dahinter ein schleichender Nationalismus steckt und ein solcher Nationalismus immer auch die Brutstätte von Rassismen ist, auf dieses Paradox möchte ich gar nicht hinweisen (Nein! — Doch! — Oh!).

08.09.2012

Bettina Wulff — ein Wort, in die Welt gesetzt, kommt nicht zurück

Was auch immer an diesen Gerüchten richtig oder falsch ist: eines jedenfalls lässt sich an der Debatte um Bettina Wulff hervorragend studieren: Themen neigen dazu, eine Eigendynamik zu entwickeln und gerade moralische, skandalöse Themen sind dazu bestens geeignet.

Bettina Wulff und das Rotlichtmilieu
Es wird also behauptet, die jetzige Frau unseres ehemaligen Bundespräsidenten habe im Rotlichtmilieu gearbeitet, als Escort-Service. Zumindest habe ich das bisher so verstanden. Stellen wir einmal nicht die Frage nach der Wahrheit, sondern nach einer grundlegenderen kommunikativen Funktion dieser Behauptung, dann können wir sagen, dass hier das „Undenkbare“ gesagt wird. Das wäre so, als würde ich behaupten, dass Angela Merkel früher ein Mann gewesen sei und eine Geschlechtsumwandlung hinter sich habe.
Rein psychologisch gesehen sucht unser Gehirn nach Spannungspunkten. Es arbeitet problemorientiert. Das „Undenkbare“ wird von den Massenmedien in Form von Skandalen und Sensationen erzeugt, um Leser zu binden. Die Problemorientiertheit des Gehirns und die Leserbindung der Massenmedien treffen hier aufeinander. Über Sensationen und Skandale wird eine strukturelle Kopplung erreicht.

Evolution von Skandalen
Massenmedien, wie andere funktionale Systeme, evoluieren. Sie variieren Themen, schauen, ob diese ausgewählt werden und sich dadurch stabilisieren lassen. Eine der möglichen Variationen, die in Massenmedien besonders beliebt sind, ist eben das skandalöse Gerücht. Es gibt eine erwartbare Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn die betreffende Person, wie hier zum Beispiel Bettina Wulff, sowieso schon stark von der Öffentlichkeit beachtet wird.
Trotzdem müssen wir hier auch den eigentlichen Skandal hinter diesem „Skandal“ beachten: die Eigendynamik des politischen Systems. Die zentrale Operation dieses Systems ist, nach Luhmann, das Besetzen von politischen Stellen. Wird eine Stelle unbesetzt, muss sie durch jemand anderen eingenommen werden.
Was die ganze Sache um Bettina Wulff so brisant macht, ist die Behauptung, dieses Gerücht wäre  durch „politische Freunde“ in die Welt gesetzt worden. Die Bild-Zeitung nennt hier die niedersächsischen CDU-Kreise und zitiert den Journalisten Leyendecker (SZ):
Tatsächlich sei „der Nährboden für die Verleumdungen ... im Reich der niedersächsischen CDU zu suchen.“ 
Wäre das wahr, so hätten wir es hier nicht nur mit einem äußerst verwerflichen Vorgehen zu tun, sondern auch mit einer für die Bundesrepublik Deutschland noch sehr ungewöhnlichen Kopplung zwischen politischem und massenmedialen System. Innerhalb einer Partei wird die Moralisierung benutzt, um den Massenmedien einen Skandal zu liefern und diesen auf das politische System zurückwirken zu lassen. Dabei ist es dann schon fast egal, ob die Vorwürfe gegen Bettina Wulff jeglicher Grundlage entbehren. Allein die Zusammenbindung von ihr und dem Rotlichtmilieu reicht aus, um eine eigene Dynamik in Gang zu setzen.

Und ich?
Mich interessiert die Wahrheit nicht. Ich habe Christian Wulff noch nie leiden können. Was mit seiner Frau ist, ist mir egal. Ob sie hat oder nicht hat, was spielt das für eine Rolle, wenn sie politisch sowieso nichts zu sagen hat?
Was mich so besorgt, und ein Spiegel-Aufmacher im späten Frühjahr hatte ein ähnliches Thema, ist die Verfilzung der Politik, die gegenseitige Begünstigung, in der es kaum noch um die Fähigkeit der einzelnen Politiker geht, sondern nur noch um ihre moralische „Integrität“ und die Zerstörung von dieser. Eine intellektuelle „Integrität“, wie man sie Helmut Schmidt oder Willy Brandt noch zusprechen konnte, wird überhaupt nicht mehr in den Blick gerückt. Ausnahmen (und das finde ich wieder sehr wohltuend) sind einige Blogger, bestimmte Journalisten und Kabarettisten. Fehlt diese intellektuelle Integrität, kann es sich nur um eine dumme Moral handeln oder eine scheinheilige.
Bettina Wulff ist hier nur eine Schachfigur. Das Spiel heißt wohl: die CDU frisst ihre Kinder.

31 Fragen an Leser:innen

Weil Melusine ihre Reihe 31 Fragen an Leser:innen fortsetzt, schließe ich mich dem an. Meinen erster Artikel dazu findet ihr hier.

20. Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Bei dieser Frage müsste ich eigentlich passen. Mich haben die Bücher, die wir in der Schule gelesen haben, eigentlich nie interessiert. Und andererseits hatte ich zu gute Deutschlehrer, die mich immer motivieren konnten, so dass ich doch einiges ohne zu murren mitgemacht habe: aber ich erinnere mich noch ganz düster, dass mir die Iphigenie gut gefallen hat und vor allem Arthur Schnitzler, Der Weg ins Freie.

21. Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Ganz eindeutig: Kabale und Liebe. Schiller habe ich noch nie gemocht. Es folgt dicht dahinter ein Perry Rhodan-Roman, den wir als Beispiel für Massenliteratur gelesen haben. Dieser handelte von irgend einer Art Maschinenmensch. Ich habe weder die Geschichte, noch den tieferen Sinn verstanden. Erst später, als ich angefangen habe Nora Roberts zu analysieren, ist mir der Zweck solcher Analysen bewusst geworden.

05.09.2012

Bin ich Barthes-Träger?

Womit ich meine Schmonzetten-Frage für heute gestellt hätte.

Matthias Kalle schreibt, wie er selber sagt, seine Kolumnen selbst. Ach hätte er sie doch nicht selbst geschrieben, wie uns folgender Satz beweist:
Der Vorwurf, um den es hier gehen soll, lautet verkürzt: Wallraff sei nicht Autor seiner Texte, er habe mindestens Zuarbeiter, so genannte Ghostwriter, die einem Leben im Schatten des großen Wallraff führen. (Hier; verfettet und eingegrünt von mir: FW)

Kalle zitiert am Ende seines Kommentars Karl Kraus:
Eine Geschichte ist so lange gut, bis man weiß, wer sie geschrieben hat.
Eben! Die Autor-Funktion ruiniert doch alles.

03.09.2012

Vernachlässigung von Männern

von Jim Brutto

Profeministische Spielchen - Judith Butler und die Unterstellung

Was für ein Chaos!
Judith Butler, amerikanische Philosophin und Kritikerin, soll den Adorno-Preis bekommen. Rein formell steht sie als Preisträgerin fest. Nur die Verleihung  muss noch stattfinden.
Doch was für ein Aufruhr! Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnet Judith Butler als bekennende Israel-Hasserin. Als Beleg führt er unter anderem dafür an, dass Butler die Hamas und Hizbollah als „legitime soziale Bewegungen“ bezeichnet habe. Genau das aber hat sie nicht getan. Sie hat diese lediglich in das linke Spektrum eingeordnet und, wie jetzt in der Frankfurter Rundschau, gleichzeitig dieses Sammelsurium, das mit „links“ bezeichnet wird, als äußerst unpräzise und nicht hinreichend kritisiert.

Es ist genauso falsch, eine Philosophin nicht zu kritisieren, wie es falsch ist, einen Staat nicht zu kritisieren. Ein Staat, der sich als demokratisch bezeichnet, muss kritisierbar sein. Natürlich ist Kritik an sich nichts Gutes. Hier müssen innere und äußere Grenzen ausgehandelt werden. Das ist manchmal recht kompliziert. Und hier sollte man auf jeden Fall immer auch beachten, dass manchmal eine verkürzte Aussage, einfach, weil sie nur ein Nebenthema ist, noch lange nicht die Meinung der Sprecherin komplett in ihrer Differenziertheit wiedergibt.
Nun ist Butler nicht nur verkürzt, sondern auch verfälscht von Kramer wiedergegeben worden; die durchaus ambivalente Unterstützung der Kampagne BDS ("Boykott, Desinvestition und Sanktion") wird von Kramer als Zeichen eines Israel-Hasses ausgelegt. Das ist eine ganz schreckliche  Simplifizierung. Wohltuend dagegen ist der Kommentar der Berner Zeitung:
Der Generalsekretär Stephan J. Kramer beruft sich auf eine Aussage Butlers von 2006, als sie sagte, die Hamas und die Hizbollah würden sich klar als «antiimperialistisch» definieren und Antiimperialismus sei grundsätzlich ein Strukturmerkmal der globalen Linken. Sie sagte aber auch, dass sie die Hamas und die Hizbollah in keiner Weise unterstützen würde, weil sie Gewalt – weder terroristische noch staatliche – nie unterstütze.
Das wird nun ignoriert. Stephan J. Kramer bezeichnet sie als «eine Person, die sich mit den Todfeinden des jüdischen Staates verbündet», und bescheinigt ihr zudem eine grundsätzliche «moralische Verderbtheit». Besonders letztere Formulierung ist eine Ungeheuerlichkeit, über die man im Zusammenhang mit Judith Butlers Leben und Werk nicht allzu lange nachdenken darf.

Den Vogel abgeschossen allerdings hat Professor Adorján Kovács. Dieser schreibt in „Die freie Welt. Die Internet- & Blogzeitung für die Zivilgesellschaft“:
Es kam mir spanisch vor, mit welchen Tricks auf Teufel komm raus eine feministische Philosophin ausgezeichnet werden sollte.
Und setzt gleich noch eins drauf:
Das Kuratorium ist allem Anschein nach personell so überwiegend aus ProfeministInnen zusammengesetzt worden, dass die offenbar anderswo vorher bereits anvisierte Verleihung des Preises an Butler als Formsache nur noch abzunicken war. Hinter solchen Preisen stecken mehr politische Spielchen als ein genuines Interesse an der Würdigung von Leistungen. Es wäre interessant zu erfahren, wer neben der Förderung einer abstrusen feministischen Philosophie auch noch die antidemokratischen und terroristischen palästinensischen und libanesischen Organisationen in ein besseres Licht rücken möchte.
In einem anderen Artikel schreibt Kovács:
Butler geht in ihrem Buch [Das Unbehagen der Geschlechter] aber noch weiter und legt dar, dass auch das biologische Geschlecht diskursiv erzeugt sei (an anderer Stelle schreibt sie wörtlich: „sex“, also das anatomisch-biologische Geschlecht, sei „always already gender“, also kulturell und sozial hervorgebracht).
Auch hier offenbart Kovács nur, dass er Butler nicht verstanden hat. Butler behauptet keineswegs, dass es keine biologischen Geschlechter gibt. Sie fragt nur, ob diese ›ungendered‹ in Diskursen auftauchen können.
Butlers Antwort ist hier eindeutig ein Nein! Aber sie sagt auch, dass der Körper in solchen Diskursen insistiert. Die Frage ist nur: wie? Und wie ließe sich das wahrnehmen?
Überspitzt gesagt schreibt Klovács nämlich folgendes: sollen doch die Frauen so viel über gender reden, wie sie wollen; wir (die Männer) wissen, was der (weibliche) Körper ist.
Ebenfalls absurd  (im selben Artikel):
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Angehörigen einer Gesellschaft, die solche Probleme mit der Identität hat, sich in der eigenen Haut, sei sie nun männlich oder weiblich oder was auch immer, nicht mehr wohl fühlen. [...] Leider muss konstatiert werden, dass auch hier die Aufklärung zu einem unerwünschten Ergebnis geführt hat, nämlich einer vermehrten Kontrolle des Sprechens und der Meinungsäußerung.
Wie Kovács von dem ersten zu dem zweiten Satz kommt, erklärt er uns nicht. Besonders schlimm allerdings ist, wie der Autor suggeriert, die Angehörigen hätten ein Problem, damit implizit andeutet, vor allem die ungewöhnlichen Identitäten (zum Beispiel schwule Soldaten) trügen dafür die Verantwortung und diese sich zurückwendet auf die Betroffenen selbst. Natürlich sagt dieser Satz das nicht so. Aber versuchen Sie mal, die Aussage des ersten Satzes festzustellen, indem sie seine Logik auseinander pflücken und Sie werden sehen, dass er nichts mehr als eine in alle möglichen Richtungen sich zerstreuende Suggestion ist.
Was also macht Kovács?
Er unterstellt, aufgrund der Zusammensetzung, dem Kuratorium einen feministischen Tunnelblick. Er schreibt in seinem ersten Artikel (den ich hier als zweites zitiere) noch recht unterschwellig gegen Judith Butler, zeigt aber schon hier, dass seine Argumentationen sprunghaft und tendenziös sind. Vermutlich ermutigt durch die derzeit aufbrandende Kritik kommt dann aber das Wort „abstruse Philosophie“ und dies gekoppelt mit der Unterstellung, das Frankfurter Kuratorium könnte gar nicht den kritischen Feminismus von Judith Butler gemeint haben, sondern habe eventuell „die antidemokratischen und terroristischen palästinensischen und libanesischen Organisationen in ein besseres Licht“ rücken wollen.
Ist das nicht widerlich?

02.09.2012

Meditieren

§ 120. Meditieren
Unter Meditieren ist Nachdenken oder ein methodisches Denken zu verstehen. - Das Meditieren muß alles Lesen und Lernen begleiten; und es ist hierzu erforderlich, daß man zuvörderst vorläufige Untersuchungen anstelle und sodann seine Gedanken in Ordnung bringe oder nach einer Methode verbinde.
(Kant, Immanuel: Logik. in ders.: Schriften zur Metaphysik und Logik 2. Frankfurt am Main 1977, Zitat von Seite 582)

Auch eine Weisheit!

Alkohol ist nicht schädlich. Schädlich wird er erst, wenn man ihn trinkt.
Oder Manfred wird erst zum Manfred, wenn man etwas spitzer ist. (Manfred Spitzer)

01.09.2012

Millet plärrt

Breivik est un enfant de la ruine familiale autant que de la fracture idéologico-raciale que l’immigration extraeuropéenne a introduite en Europe depuis une vingtaine d’années, et dont l’avènement avait été préparé de longue date par la sous-culture de masse américaine, conséquence ultime du plan Marshall.
Breivik ist das Kind der familiären Ruine von ebenso dem ideologisch-rassischen Bruch wie von der außereuropäischen Einwanderung nach Europa seit etwa zwanzig Jahren, deren Heraufkunft [avènement] seit langer Zeit durch die amerikanische Massen-Unterkultur [sous-culture; eigtl. Subkultur] vorbereitet wurde, endgültige Konsequenz des Marshall-Plans.
(Original hier, Übersetzung von mir)
Ich erinnere hier an einige sehr erfolgreiche innereuropäische Familientreffen: 1618-48 zwischen den Spaniern und den Schweden, zwischen Preußen und Österreich 1740-1748 oder zum Beispiel zwischen Preußen und Frankreich von 1792-1807 und seine äußerst beliebte Wiederholung von 1813-1815. Nicht vergessen dürfen wir auch dem immer noch nachgetrauerten großen Freundschaftstreffen von 1939-45, die Welt zu Gast bei Freunden (d.h. dem  Deutschen).
Warum also plärrt dieser eingebildete Franzose so über den Breivik herum? Da hat doch ein Norweger nur Norweger getroffen!

Und im Ernst:
Wann hat es denn wirklich diese europäische Familie gegeben? Sicherlich: im Adel wurde untereinander verheiratet und hier hat es dann auch recht enge familiäre Verbindungen gegeben. Aber mit der Heraufkunft des modernen, politischen Staates und vor allem mit der Idee der Industrienation, mit dem modernen Verwaltungsapparat, und so weiter, hat sich die Situation grundlegend geändert, bzw. das Gewicht der Macht verschoben. Es gab vorher keine europäische Familie und hinterher auch nicht.
Der so benannte ideologisch-rassische Bruch lässt sich sowieso kaum verstehen. Die Vokabel hört sich irgendwie pompös und bedeutsam an, aber was soll damit gesagt werden? Solche leeren Vokabeln dienen doch eher dazu, die Vorurteile der Leser aufzunehmen, seien diese annehmender oder ablehnender Art. Aber argumentieren kann man damit nicht, außer auf der rhetorischen Ebene.
Besonders hübsch allerdings ist die Begründung, der Marshallplan habe die außereuropäische Immigration vorbereitet und zwar, wie sich aus dem Zusatz „seit langer Zeit“ [de longue date] interpretieren ließe, willentlich und ebenfalls von außen (diesmal aus Amerika) kommend. Was auch immer Immigranten nach Europa treibt, die Hoffnung, das Geld, die Flucht vor dem Hunger oder dem Krieg, wird hier einfach weggewischt. Stattdessen wird behauptet, zumindest suggeriert, dass es hier nur um die Zerstörung einer Kultur durch eine andere Kultur geht, nicht um internationale Notlagen, nicht um wirtschaftliche Interessen, um gar nichts anderes.
Und noch einmal: es gibt nicht DIE europäische Kultur, die hat es noch nie gegeben. O.k., wenn ich heute von Wedding in den Prenzlauer Berg gehe, dann erlebe ich den kulturellen Bruch durchaus am Beispiel Araber/Deutsche. Doch ein ähnlicher Bruch lässt sich auch erleben, wenn man aus dem Prenzlauer Berg in ein mittelhessisches Dörfchen fährt. Dort hat man eben keine herumschlendernden, arabischen Jugendlichen, sondern Bauernlümmel auf Mopeds. Für die "gehobene Kultur" wohl keine gute Alternative, oder?

Adorno und das Genie

Das Moment des Ichfremden unterm Zwang der Sache ist wohl das Signum dessen, was mit dem Terminus genial gemeint war. Der Geniebegriff wäre, wenn irgendetwas an ihm zu halten ist, von jener plumpen Gleichsetzung mit dem kreativen Subjekt loszureißen, die aus eitel Überschwang das Kunstwerk ins Dokument seines Urhebers verzaubert und damit verkleinert. Die Objektivität der Werke, den Menschen in der Tauschgesellschaft ein Stachel, weil sie von Kunst, irrend, erwarten, sie mildere die Entfremdung, wird in den Menschen, der hinter dem Werk stehe, zurückübersetzt; meist ist er nur die Charaktermaske derer, die das Werk als Konsumartikel verkaufen wollen. Will man den Geniebegriff nicht einfach als romantischen Überrest abschaffen, so ist er auf seine geschichtsphilosophische Objektivität zu bringen. Die Divergenz von Subjekt und Individuum, präformiert im Kantischen Antipsychologismus, aktenkundig bei Fichte, affiziert auch die Kunst. Der Charakter des Authentischen, Verpflichtenden und die Freiheit des emanzipierten Einzelnen entfernen sich von einander. Der Geniebegriff ist ein Versuch, beides durch einen Zauberschlag zusammenzubringen, dem Einzelnen im Sondergebiet Kunst unmittelbar das Vermögen zum übergreifend Authentischen zu attestieren. Der Erfahrungsgehalt solcher Mystifikation ist, dass tatsächlich in der Kunst Authentizität, das universale Moment, anders als durchs principium individuationis nicht mehr möglich ist, so wie umgekehrt die allgemeine bürgerliche Freiheit die zum Besonderen, zur Individuation sein sollte.
(Adorno, Theodor: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1973, Seite 254 f.)

Im übrigen stimme ich Adorno nicht darin zu, dass Kant nicht die technische Seite seiner Genie-Ästhetik gesehen habe. Diese technische Seite findet sich sehr deutlich in der Darstellung der Hypotypose (siehe Kant und die Urteile). Das Problem bei Kant ist eher, dass er behauptet, die Möglichkeit dieser Technik sei dem Menschen mehr oder weniger angeboren. Genie sei, wem hier, in der Verbildlichung, ein hohes Talent beschieden sei. Wir wissen aber heute, dass das, was Kant als Symbol vorstellt, eine wichtige Denktechnik ist (die Analogiebildung) und trainiert werden kann (siehe zum Beispiel mein Buch Metaphorik. Strategien der Verbildlichung).

Kant und die Urteile

Seit Wochen verfolge ich den Begriff des Urteils, vor allem in der Philosophie von Kant. Hierzu habe ich mir ein kleines Raster angelegt. (1) Wahrnehmungsurteile, bzw. empirische Urteile, drücken eine schlichte Wahrnehmung aus, zum Beispiel: im Moment ist der Himmel wolkenlos blau; (2) Geschmacksurteile, die sich zum einen in ästhetische Urteile und zum anderen in teleologische Urteile aufteilen lassen: ästhetische Urteile beziehen sich auf das momentane Wohlgefallen (dieses Buch ist spannend), teleologische Urteile auf den Weg, zu einem solchen Wohlgefallen zukommen (wenn ich mein Zimmer aufgeräumt habe, fühle ich mich gleich besser); (3) Begriffsurteile, die zwei Begriffe in Bezug zueinander setzt (ADHS ist eine psychiatrische Störung). 

Vermischung der Urteile 
Urteile treten häufig nicht rein auf, sondern vermischt. Indem ich sage, der Himmel sei wolkenlos blau, drücke ich nicht nur ein empirisches Urteil über den momentanen Zustand der Welt aus; darin kann auch eine Wertschätzung und ein Wohlgefallen liegen. Ebenso können sich Geschmacksurteile und Begriffsurteile vermischen. Sage ich: Peter hat ADHS, so kann dies eine schlichte Zuweisung der Störung zu einer Person sein; es kann aber auch eine implizite Aufforderung sein, dass irgendjemand jetzt irgendetwas mit Peter machen müsse oder dass ich mir vorgenommen habe, Peter aufgrund der ADHS besonders zu unterrichten. 
Durch die Situiertheit von Urteilen, aber auch durch elliptische Satzkonstruktionen (typisch werden aus Geschmacksurteilen Begriffsurteile, wenn im Satz ein Subjektschwund stattfindet), also durch alltagssprachliche Gewohnheiten, findet eine beständige Vermischung zwischen den Urteilen statt. Ja, es gibt Menschen, denen ist der Unterschied zwischen einem Begriffsurteil und einem Wahrnehmungsurteil nicht klar. 

Kultur und Neurose 
Meine Einteilung ist unvollständig und grob. Ein Stück weit habe ich sie auch deshalb so gewählt, um mit den Begriffen von Kant nicht ins Gehege zu kommen. Trotzdem lässt sich mit diesen mein eigentliches, momentanes Interesse ganz gut ausdrücken. Mir scheint nämlich, dass die Vermischung der Urteilsformen das neurotische Potenzial unserer Kultur ausmachen. Insbesondere gilt dies für die Vermischung von Geschmacksurteilen und Begriffsurteilen. Diese findet man typischerweise in rassistischen, sexistischen oder (aber was heißt hier oder?) fundamentalistischen Aussagen: Juden, Neger, Schwule und natürlich Sozialisten — weg mit dem Dreck! 
Bei Sigmund Freud (dem ich mich demnächst wieder etwas intensiver widmen muss) kann man die Aussagen der Neurotiker ebenfalls sehr gut darauf hin beobachten. 
Vor allem aber die Frankfurter Schule scheint diese Vermischung zu einem zentralen Thema gemacht zu haben (ich kenne leider noch zu wenig Werke dieser Philosophen). Nun hat die Frankfurter Schule allerdings eine moralische Unentscheidbarkeit in dieser Vermischung entdeckt. Denn auf der einen Seite entstehen hier die Neurosen von Einzelpersonen, Gruppen und Völkern, auf der anderen Seite hat diese Vermischung auch kulturschaffende Kraft. Etwas salopp formuliert und auf die Kantische Frage, wie Neues möglich sei, antwortet die (frühe) Frankfurter Schule: in dieser Unentscheidbarkeit von Begriffsurteile und Geschmacksurteilen. Nicht Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander, sondern der Weg zum Genie und der Weg zum Wahnsinn sind in vielen Aussagen nicht unterscheidbar zusammen gemengt. 

Kant: Metapher und Genie 
Dies ist so ungefähr meine derzeitige Beschäftigung. Das alles ist noch sehr unsicher. 
Es war Hans Blumenberg, der mich zunächst auf die Kritik der Urteilskraft und hier insbesondere auf den § 59 verwiesen hat. In diesem Paragraphen stellt Kant nämlich die Hypotypose dar, die ich auch Verbildlichung nenne (siehe auch Plotten: Thesen & Prämissen). Besonders wichtig ist aber, dass Kant hier die Metapher definiert, ohne das Wort Metapher zu benutzen (ich pflücke diesen ganzen Paragraphen zur Zeit noch auseinander: in Zukunft dazu mehr). Ich zitiere aus Blumenbergs Paradigmen
Der mit Kant vertraute Leser wird sich in diesem Zusammenhang an § 59 der »Kritik der Urteilskraft« erinnert finden, wo zwar der Ausdruck ›Metapher‹ nicht vorkommt, wohl aber das Verfahren der Übertragung der Reflexion unter dem Titel des »Symbols« beschrieben wird. Kant geht hier von seiner grundlegenden Einsicht aus, dass die Realität der Begriffe nur durch Anschauungen ausgewiesen werden kann. Bei den empirischen Begriffen geschieht dies durch Beispiele, bei den reinen Verstandesbegriffen durch Schemate, bei den Vernunftbegriffen (›Ideen‹), denen keine adäquate Anschauung beschafft werden kann, geschieht es durch Unterlegung einer Vorstellung [nämlich der ›symbolischen Hypotypose‹, FW], die mit dem Gemeinten nur die Form der Reflexion gemeinsam hat, nicht aber Inhaltliches. 
(Blumenberg, Hans: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt am Main 1998, Seite 11) 
Der § 59 aus der Urteilskraft korrespondiert mit Passagen aus § 49 des selben Werkes. Dieses ist übertitelt mit „Von den Vermögen des Gemüts, welche das Genie ausmachen“. Wie nämlich das Symbol (= Metapher) etwas verbildlicht, was sich nicht verbildlichen lässt, so stellt das Genie etwas dar, was sich eigentlich nicht darstellen lässt: 
Man kann dergleichen Vorstellungen der Einbildungskraft Ideen nennen: einesteils darum, weil sie zu etwas über die Erfahrungsgrenze hinaus Liegendem wenigstens streben, und so einer Darstellung der Vernunftbegriffe (der intellektuellen Ideen) nahe zu kommen suchen, welches ihnen den Anschein einer objektiven Realität gibt; andrerseits, und zwar hauptsächlich, weil ihnen, als innern Anschauungen, keinen Begriff völlig adäquat sein kann. 
(Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Frankfurt am Main 1974, Seite 250) 
Übrigens habe ich in den letzten Tagen einiges zu dem Begriff des Genies geschrieben, nicht nur wegen Kant, sondern (Achtung!) wegen Ruprecht Frieling. Dieser hat in seinem Buch ›Wie Autoren ihre unbewussten Kräfte aktiv nutzen können‹ der Geschichte des Geniebegriffs eine sehr saloppe Analyse zukommen lassen. Leser von Kant oder Foucault dürften zwar enttäuscht werden, von dem, was Frieling schreibt, aber als Einführung ist es durchaus äußerst brauchbar; es ist eben nicht wahnsinnig ausführlich und deshalb auch ein Stück weit einseitig.