30.04.2013

Beautiful Creatures - Eine unsterbliche Liebe; Motive

Heute erzählte mir eine Kundin von dem Film „Eine unsterbliche Liebe“. Sie findet ihn sehr einfallsreich. Es ist ein Film mit Hexen. Die Kundin selbst ist 13, etwas zu früh, um einen Vertrag abzuschließen.

Sofern ich das verstanden habe, handelt der Film „Eine unsterbliche Liebe“ von einem Jungen aus einer Kleinstadt, in die ein Mädchen zieht, deren Familie ein düsteres Geheimnis hat. Das Mädchen ist eine Hexe. An ihrem 16. Lebensjahr wird sich entscheiden, ob sie auf die böse oder die gute Seite überwechselt und davor hat sie Angst.

Zur Motivanalyse und den Übungsmöglichkeiten damit hatte ich mich bereits geäußert. Schaut bitte dort nach. Ich mag es nicht wiederholen.

Die entgegengesetzten Figuren
Im Prinzip ist die Figurenkonstellation völlig klischeehaft. Wir haben dasselbe in manchen normalen Liebesromanen: er ist Schäfer (eventuell natürlich noch einer, der zugleich Werwolf ist), sie ist Künstlerin. Er ruht in sich selbst, sie hat ihr Ziel noch nicht gefunden.
So ist es auch in diesem Film: Kleinstadtjunge, umherirrendes Mädchen.

Das heimliche Band
Trotzdem kommen diese Personen oft nicht einfach so daher. Sie treffen sich nicht nur, sondern irgendetwas verbindet sie. Eventuell sind es einfach nur die plötzlichen Gefühle, die auftauchen. In „unsterbliche Liebe“ ist es ein Traum, den der Junge seit Monaten hat, in dem das Mädchen eine wichtige Figur ist.
Dieses Band könnte auch zum Beispiel folgendes sein: eine Frau findet einen alten, von einem unbekannten Verfasser geschriebenen Roman und findet ihn gut. Sie tippt ihn ab und schickt ihn an zahlreiche Verlage. Ein renommierter Verlag ist sehr begeistert und möchte ihn veröffentlichen. Jetzt bekommt die Frau doch Gewissensbisse. Sie sucht den Autor, findet ihn schließlich nach zahlreichen Umwegen und verhilft ihm zu seiner rechtmäßigen Anerkennung. Dass die Beiden sich dabei lieben lernen, versteht sich von selbst.

Außenseiter, Außenseiterin
Von dem Motiv des heimlichen Bandes gibt es eine typische Variation: Außenseiter trifft auf Außenseiterin. Ich weiß nicht, ob das für diesen Film eine Rolle spielt. In den Büchern von Roberts findet sich das Motiv relativ häufig: die engagierte Tierschützerin, die sich mit der ganzen Landbevölkerung angelegt hat, trifft auf den arroganten, erfolgreichen Romanschriftsteller, der sich hier niedergelassen hat und dem die Landbevölkerung zu primitiv ist.

Dualität und Ultimatum
Die junge Frau (im Film) steht vor einer wichtigen Entscheidung (die sie nicht selbst treffen kann). Sie weiß sogar das Datum. Sie weiß, dass sie bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch irgendetwas tun könnte, um zu verhindern, dass sie eine böse Hexe wird. Ein solches Datum nenne ich Ultimatum. Für den Spannungsaufbau ist es extrem wichtig. Wie oft haben Sie schon den Satz gehört: beschaffen Sie das Geld innerhalb von 24 Stunden oder ihre Tochter wird sterben?
Eng verbunden mit einem solchen Ultimatum ist die Dualität, bzw. zwei einander entgegengesetzte Lösungen, die eine katastrophal und die andere akzeptierbar. Soll der Mann das Geld beschaffen (und kann er es) oder soll er seine Tochter sterben lassen? 
In unseren Film dagegen ist die Frage: kann ich noch etwas tun oder muss ich einfach die Entscheidung akzeptieren?
Dualität, aber auch kleine Gruppen, schränken die Auswahl ein. Ein Klassiker ist Nebel des Grauens: es muss sechs Opfer geben, fünf davon sind bereits geschehen. Am Ende des Films kriecht der Nebel auf zwei dieser Opfer zu. Wer wird überleben? Hier genauere Erläuterungen.

Der „Spitzel“
Dies ist eine gewisse Sonderform der Überwachung. In diesem Film gibt es wohl eine Haushaltshilfe in dem Haus des Jungen, die ihre Informationen zumindest teilweise an den Onkel des Mädchens weitergibt. Da davon aber niemand etwas weiß, ist sie eine Art "Spion". Sie ist zugleich Hellseherin, gehört also der Seite der magischen Figuren an.

Schädliche Erzähler

Die schädlichsten Geschichtschreiber für einen jungen Mann sind diejenigen, welche stets ihr eigenes Urteil hinzufügen. Tatsachen, nichts als Tatsachen! Das Urteil bleibe dem Leser selbst überlassen; dadurch eignet er sich Menschenkenntnis an. Lässt er sich unaufhörlich durch das Urteil des Verfassers leiten, so sieht er nur durch das Auge eines anderen, und wenn ihm dies Auge fehlt, so sieht er gar nichts mehr.
Rousseau, irgendwo im Emile
Das ist wohl die frühe Version von Show, don't tell! - Es gibt eine solche Passage auch in Lessings Hamburger Dramaturgie
Ich hatte vor einigen Tagen eine Rezension zu einem Buch namens Das Kellerzimmer geschrieben, das derzeit auf Platz 19 der Kindle-Bestseller-Liste steht. Dort habe ich die psychologischen Ansichten, die Menschen heute verbreiten, mal wieder angegriffen. Heute will jeder psychologisch sein und dabei entsteht dann meist nur Murx. Ich erinnere mich daran, dass ich Thomas Harris' Roter Drache an der Stelle aus der Hand legen musste, als er erklärte, warum sein Serienkiller so geworden ist, wie er geworden ist: selbstverständlich war es die Mutter, und das erklärt Harris mit einer psychopathologischen Theorie, die aus dem tiefsten Mittelalter stammen könnte. Ich habe den Autor nie wieder angefasst. Nicht ganz so schlimm ist meine Reaktion bei Fitzek gewesen: vom Stilistischen ist Fitzek wesentlich schlechter, aber ich lese ihn noch, wenn auch unter höchsten geistigen Qualen. Die fachlichen Entgleisungen, die er sich in Die Therapie erlaubt, sind schon schlimm.

Akteur als Beobachter: Sloterdijks anthropologisches Zwitterwesen

In der anthropologischen Explikation gerät der Mensch in eine moralisch und epistemologisch ekstatische - nach Plessner »exzentrische« - Position gegenüber sich selbst. Deren Präzisierung ergibt das Bild eines ontologischen Zwitterwesens: Es zeigt einen seit jeher zum übenden Selbstbezug verurteilten Spielleiter, der vor der Aufgabe steht, das Skript der eigenen Existenz auf der Bühne umzusetzen und dabei zu beobachten, wie andere ihn beobachten.
Sloterdijk, Peter: Du musst dein Leben ändern. Frankfurt am Main 2009, S. 516
Ex-stase. Ex, das Heraus, das Anderswohin; stase, das Setzen. Exstase: das Sich-aus-sich-selbst-heraus-setzen in eine womöglich unsichere oder sogar unbekannte Position.
Zu beachten: die anthropologische Explikation, also die Darlegung des Menschenwesens, führt den Menschen gerade nicht zur Ruhe, zur Gewissheit seiner selbst, sondern reißt ihn mit sich fort, aus seiner Position heraus. Neulich hatte ich ein Gespräch mit einem Bekannten, der diese ganzen modernen Ratgeber furchtbar fand: man lerne nicht den anderen Menschen auf eigene Weise kennen, sondern zwänge sich und andere in ein vorgefertigtes System, aus dem keiner von ihnen mehr ausbrechen könne.
Anders als bei Nietzsche, dessen Übermensch von dort, wo er (geistig) steht, weg will, muss der sloterdijksche Artist durch seine Selbst- und Fremdbeschreibung (als Mensch) diesen Ort verlassen und hat scheinbar keine andere Wahl.

Tautologie à la Habermas

Habermas hat in Leuwen eine Rede zu Europas Integrität und Deutschlands prekären Status in diesem Prozess gehalten. Ich habe Habermas immer noch nicht gelesen. Deshalb hier nur eine - wohl unfreiwillige - rhetorische Figur, die der Journalist in seinem Artikel Deutsche Hegemonie in der SZ von Habermas zitiert: die Tautologie. Die Tautologie ist eine Zusammensetzung von Wörtern, die dasselbe besagen:
Es sei eine "gefährliche Falle",
Genau so: weißer Schimmel, schlimme Katastrophe, reiche Hochfinanz (von 2007, aus dem Focus, genauen Link habe ich leider nicht zitiert).

Menschenkenntnis à la Nora Roberts

Matthew war Pamela auf Anhieb sympathisch gewesen. Menschenkenntnis und Urteilsvermögen waren Voraussetzungen ihres Berufs und sie wusste, dass Matthew nicht an überlieferten Konventionen hing, sondern sich seine eigenen Regeln schuf. Kreativität und Offenheit, verbunden mit einfühlsamer Empfindsamkeit, mussten ihn sowohl Männern als auch Frauen attraktiv erscheinen lassen. Als Freund wäre er unersetzlich, dachte Pamela, als Liebhaber jedoch ein Problem.
aus Heißer Atem von Nora Roberts
Warum?

Menschenkenntnis, Ludwig Wittgenstein

Kann man Menschenkenntnis lernen? Ja; Mancher kann sie lernen. Aber nicht durch einen Lehrkurs, sondern durch ›Erfahrung‹. - Kann ein Andrer dabei sein Lehrer sein? Gewiss. Er gibt ihm von Zeit zu Zeit den richtigen Wink. - So schaut hier das Lernen und das Lehren aus. - Was man erlernt, ist keine Technik; man lernt richtige Urteile. Es gibt auch Regeln, aber sie bilden kein System, und nur der Erfahrene kann sie richtig anwenden. Unähnlich den Rechenregeln.
Das Schwerste ist hier, die Unbestimmtheit richtig und unverfälscht zum Ausdruck zu bringen.
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, in Band I GW, S. 574f. 
Ich stöbere gerade zu verschiedenen Begriffen in meinem Zettelkasten herum. So, wie ich dort eben den Fontane gefunden habe, finde ich jetzt den Wittgenstein. Wer "meinen" Zettelkasten noch nicht kennt: Zettelkasten von Daniel Lüdecke. Das ist allerdings "nur" das Programm. Auffüllen müsst ihr euch den schon selbst.

An dem Zitat gefällt mir, dass Wittgenstein genau in die Richtung spielt, die Softskills betrifft. Ich nenne die Softskills ja diffuse Kompetenzen. Ich habe mich eine Zeitlang für ihre Definition interessiert. Heute interessiert mich mehr, wie solch ein Begriff soziale Strukturen aufnimmt und zurückgibt, also die ›Macht‹-Frage.

Das ist das Slawische, was in Ihnen nachspukt.

»Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit Ihnen so genau nicht nehmen. Das ist das Slawische, was in Ihnen nachspukt; latente Sinnlichkeit.«
Fontane, Theodor: Der Stechlin.
Ein wenig in Fontane herumgestöbert. Gestern habe ich eine sehr günstige Gesamtausgabe von Storm erworben, für 1 Cent, um genau zu sein. Bis auf Fontane sind mir die Schriftsteller des wilhelminischen Reiches noch so gar nicht bekannt. Von Storm habe ich gerade mal den Schimmelreiter und Pole Poppenspäler gelesen. An beides aber erinnere ich mich nicht mehr genau.

28.04.2013

Hegel; Bewegung, Kunst; auf der Suche nach einem Fantasy-Roman

Ich hatte schon vor einigen Tagen geschrieben, dass Butler auch und immer wieder auf Hegel zurückgreift. Beim Überfliegen ihrer Antigone-Analyse (Butler: Antigones Verlangen: Verwandtschaft zwischen Leben und Tod. Frankfurt am Main 2001) entdecke ich zahlreiche Bezüge auf ihn. Die Phänomenologie des Geistes habe ich 1993 das letzte Mal gelesen. Seit Freitag arbeite ich es wieder durch. Eigentlich wollte ich nur den Abschnitt über Herrschaft und Knechtschaft genauer lesen. Seit gestern zerpflücke ich aber das erste Kapitel. Obwohl ich damals eine sehr gute Lesegruppe hatte, die mich überhaupt erst in den Stand versetzt hat, heute „philosophisch“ denken zu können, sind mir die Inhalte alle verschwunden. Auch Marx, Sartre und Adorno haben mir da nichts genützt.

Hegel in Bewegung
Gabriele hat mir Anfang April einen Kommentar zu meinem Artikel Machenschaften des Sinns geschrieben. Gabriele ist eine gute Freundin, die in Spanien wohnt. Ich kenne sie als kompetente Journalistin. Sie arbeitet außerdem als Dozentin. (Hier ihr Internet-Auftritt, zusammen mit ihrem Mann: BioRanch, außerdem ihre Seite auf BoD mit Blog.)
Jedenfalls hat Gabriele mir einen Kommentar geschrieben. Ich habe mich verklickt und den Kommentar versehentlich gelöscht. Dafür entschuldige ich mich. Hier ist er nochmal:
Die Überschrift ist schon mal cool! So ganz bin ich nicht zufrieden, gerade wenn Du Husserl und Sartre einbaust. Der Exitenzialismus bzw. die Philosophie des Absurden braucht keinen Sinn. Oder, um es als Quintessenz vielleicht in Kürze-Würze zu sagen: Das, was der bildende Künstler definiert mit "die Kunst liegt im Auge des Betrachters" kann man in der Literatur vielleicht gleichsetzen mit: Der Sinn liegt in der Fantasie des Rezipienten.
Bemerkt am Tag des Buches 2013 Gabriele Hefele ;-) 
Zufrieden bin ich mit diesem Kommentar nicht. Husserl ist zwar einer der geistigen Lehrer von Sartre, aber er ist kein Existentialist, sondern gehört der Phänomenologie an, ja gilt als ihr Begründer.
„Die Kunst liegt im Auge des Betrachters.“; das ist so ein Satz, den ich mittlerweile richtig hasse: er wird häufig dann verwendet, wenn eine Diskussion zu kompliziert, zu intellektuell wird (wobei man mit Gabriele auf einem hohen Niveau diskutieren kann: sie hat viel Philosophie gelesen). Dann ist der Verweis auf die vielen Perspektiven, die Menschen haben, sehr bequem. Natürlich ist es richtig, dass jeder Mensch seine eigene Meinung hat. Aber wir müssen uns darüber unterhalten, so umständlich und so schwierig das ist, denn was nützt es, dass jeder Mensch seine eigene Meinung hat, wenn damit niemand mit einem anderen Menschen zusammenleben kann? Wir brauchen also Methoden, durch die wir das ohne Streit und Mord und Totschlag erreichen können.
Und hier kehren wir zu Hegel zurück. Während Kant relativ statisch argumentiert, beschwört Hegel unermüdlich die Bewegung. Aber seine Vorgehensweise ist verwirrend. Im ersten Kapitel der Phänomenologie zum Beispiel erläutert er die Gewissheit von der sinnlichen Wahrnehmung: ich sehe, dass ein Apfel vor mir liegt und bin mir dessen gewiss, um ein einfaches Beispiel zu nennen. Nun fragt sich Hegel, was das mit der Wahrheit zu tun hat. Und er behauptet, dass diese sinnliche Wahrnehmung die Wahrheit wäre. Als Leser glaubt man das jetzt unbefangen. Doch Hegel argumentiert plötzlich dagegen und stellt fest, dass nur die negierte sinnliche Gewissheit die Wahrheit wäre. Es ist ja nett, dass er hier gleich die Bewegung des Bewusstseins in der Textgestaltung vorführt, aber für den Einsteiger doch sehr verwirrend. Denn die dialektische Bewegung lässt sich durchaus plastischer darstellen. So wäre zum Beispiel eine kurze Zusammenfassung über das folgende Kapitel hilfreich gewesen. Ich jedenfalls kann gut verstehen, warum Hegel als schwierig zu lesen eingestuft wird.
Gabriele stellt ebenfalls ein statisches Modell vor. Abgesehen davon, dass ich das Wort Fantasie nicht mag, weil damit zu viel Schindluder getrieben wird (weil niemand weiß, was es ist, kann man es eben beliebig auf- und zuklappen, wie man lustig ist und lustig ist immer der, der in der Situation mehr Macht hat). Der Sinn, das ist eine meiner wesentlichen Überzeugungen, wird durch Arbeit an den Bedingungen (zum Beispiel eines Kunstwerks) gewonnen. Ich betone hier das Wort Arbeit als eine geistige Tätigkeit des Betrachters. Ich stimme mit Gabriele überein, dass der Sinn im Betrachter selbst entsteht. Aber ohne eine Sinneswahrnehmung des Kunstwerks werde ich dem Kunstwerk keinen Sinn entnehmen können. Dasselbe gilt für die Fantasie in der Literatur: ohne einen Text, der mich, auf welche Weise auch immer, anregt, werde ich diese Fantasien nicht haben.
Und meine Erfahrung ist, dass Leser, die einen Text gründlich lesen, diesen jedes Mal wieder neu entdecken, dass es also Prozesse wie das Lesen gibt, die zwar von Phase zu Phase keine rationale Erklärungen erlauben, aber doch „irgendwie“ eine Einheit bilden.

So scheint mir eine der wesentlichen Lehren von Hegel zu sein, dass die (geistige) Bewegung das wesentliche Moment der Erkenntnis ist und das bedeutet, dass es mindestens einen Anfang und ein Ende hat, also mindestens zwei Phasen. So müsste man sagen: „Die Kunst liegt in der Bewegung des wahrnehmenden Bewusstseins.“ (Das ist allerdings nur eine Hypothese.)

Und was ich sonst noch so gemacht habe …
Natürlich habe ich wieder eine ganze Menge Zeitungsartikel online gelesen. Westerwelle, Gauck, Merkel. Die Journalistenfront ist nach rechts gerutscht. Besonders unangenehm fällt mir dies immer bei der Welt auf. Kritische Töne zu Frau Merkel scheinen dort unbekannt.
Ein Jemand aus dem Netz wünscht sich eine weitere Motivanalyse, diesmal von einem Fantasybuch. Das muss ich mir noch überlegen. Ich habe schon lange keine Fantasy mehr gelesen, sieht man von den Texten ab, die ich als Textcoach berate. Mich reizt diese Literatur kaum noch. Trotzdem wäre es eine gute Gelegenheit, nochmal ein neues Buch zu bearbeiten. Kein Vampirroman, kein stilistischer Analphabet. Peter Brett zum Beispiel, der gerade so viel gelesen wird, hat mich abgeschreckt. George Martin? Für meinen Geschmack zu wenig Orks und Drachen. Heitz? Vielleicht. Jordan, der neu verlegt wird. Könnte etwas sein, obwohl ich über den dritten Band der alten Ausgabe nie heraus gekommen bin. Moorcock? Foster? Vielleicht Richard Schwartz, der wäre immerhin Deutscher und schreibt sehr gut.
Andererseits: Gedichte wären auch nicht schlecht. Aber das hat sicher jener Jemand gerade nicht gewünscht.

27.04.2013

Das Leben wagen (ein Zitat)

Normalerweise mag ich ja solche aus dem Zusammenhang des Textes und meiner Arbeit gerissenen Zitate nicht, aber diesmal muss es sein. Wegen einer Anmerkung Judith Butlers lese ich gerade in der Phänomenologie von Hegel und dort eben:
"Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, kann wohl als Person anerkannt werden; aber es hat die Wahrheit dieses Anerkanntseins als eines selbständigen Selbstbewusstseins nicht erreicht."
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes. Stuttgart 1987, S. 143
Und an dieser Stelle bitte ich, obwohl ich diese esoterische Geste selber vollziehe, mit dem Zitat "sauber" zu bleiben. Es findet sich nämlich mitten in der berühmten Passage über Herrschaft/Knechtschaft und damit in einer nicht nur philosophiegeschichtlich wichtigen Passage, sondern auch einer politischen. Philosophie lässt sich nicht auf die Zitiererei hübscher Sätze reduzieren. Die Zusammenhänge müssen begriffen werden; Philosophie ist immer ein Netzwerk von Begriffen und genau so muss man sich darin einarbeiten. Erwachsenes, systematisches, geduldiges Lesen eben.

25.04.2013

Juristische und faktische Wahrheit

Es ist übrigens egal, ob im Fall von Horst Arnold Heidi K. tatsächlich vergewaltigt wurde oder nicht. Wäre es so gewesen, und Arnold wäre freigesprochen worden, dann hätte man entweder das Urteil in die nächste Instanz bringen müssen oder man hätte die Bestrafung des Täters zu Gunsten demokratischer Rechtsverfahren hinnehmen müssen. Im Falle solcher Unentscheidbarkeiten muss die juristische Wahrheit die faktische Wahrheit beugen.
Deshalb müssen Rechtsverfahren vorher alle Fakten zusammentragen und eine ordentliche Beweisführung durchführen. Das hat im Falle Arnold das Gericht verpasst. Und man sieht, was dabei herauskommt: ebenfalls keine Fakten, sondern wahrscheinlich eine dicke Lügengeschichte, die die juristische Wahrheit schwer beeinflusst hat.

Judith Butler I: deklarativer und performativer Sprechakt

Ankündigung
Hiermit eröffne ich meine Artikelserie zu Judith Butler. Entschlossen habe ich mich eigentlich schon letztes Jahr dazu, als Butler den Adorno-Preis bekommen hat. Die Unbelesenheit und Unkultiviertheit, mit der hier vor allem von gewissen Männern aus argumentiert wurde, hat mich ziemlich entsetzt. Man sollte demjenigen, den man kritisiert, wenigstens in seinen Werken eine gewisse Gerechtigkeit zukommen lassen. Und dazu gehört nun einmal, gerade wenn man mit Philosophie argumentiert, ein qualitativ angemessenes Lesen.
Es ist also auch eine Artikelserie für all diejenigen, denen bisher Butler suspekt war. Bei manchen Menschen fürchte ich bloß, dass ich damit auf taube Ohren stoße. Die Artikelserie wird nach und nach Aspekte aus den Büchern von Butler vorstellen. Da sie sozusagen eigenständig ist, bekommt sie ein eigenes Label namens Butlerserie.

Meine Position zu Butler
Ich kann die Aufregung um Butlers Werk nicht verstehen. Selbstverständlich ist jedes Werk kritisierbar. Zunächst aber sollte man nachzeichnen, mit welchen Schwerpunkten und mit welchen Quellen und Vorbildern ein Mensch argumentiert. Und hier steht für mich bei Butler nicht der Feminismus oder gender im Mittelpunkt (obwohl diese wichtig sind), sondern die Beziehung zwischen einem Sprechakt und den Machtverhältnissen innerhalb einer Gesellschaft.
Das ist nicht nur ein Schwerpunkt, der meinem Interesse geschuldet ist, dass Machtverhältnisse sich vielfältig kreuzen und eben nicht nur aus sexuellen, sondern auch aus ökonomischen, politischen und anderen Machtverhältnissen bestehen.
Ansonsten finde ich, dass Judith Butler kenntnisreich und unaufgeregt argumentiert. Ich kann sie also empfehlen.

Ich beginne zunächst mit dem Buch Das Unbehagen der Geschlechter, aus dem ich mit Seitenangabe zitiere. Alle anderen Quellenangaben gebe ich mit Namen an, Seitenzahl und zitiere die Quelle am Ende des Artikels.

Deklarativ und Performativ
Gleich zu Beginn erzählt Butler eine Anekdote aus ihrer Kindheit:
„Im herrschenden Diskurs meiner Kindheit galt »Schwierigkeiten machen« als etwas, das man auf keinen Fall tun durfte, und zwar gerade, weil es einen »in Schwierigkeiten bringen« konnte.“ (Seite 7)
Worauf Butler hier anspielt, ist die Unterscheidung zwischen deklarativen und performativen Sprechakten. Der deklarative Sprechakt trifft eine Aussage, die entweder wahr oder falsch sein kann. Der performative Sprechakt dagegen macht "irgendetwas". Um diese Form des Sprechaktes zu verstehen, nutzt man gerne die Heirat und hier den Satz „Ich erkläre euch zu Mann und Frau!“ Damit wird keine Wahrheit ausgedrückt, sondern ein Zustand geändert. Dieser Sprechakt ist handelnd.
Diese Unterscheidung geht auf den englischen Philosophen John Austin und seine Vorlesungsmitschrift „How to do things with words“ zurück. Allerdings ist diese Unterscheidung rasch und vielfach kritisiert worden. Man kann sich das zum Beispiel an dem Satz „Sie haben schöne Schuhe an.“ deutlich machen. Wenn ich das zum Beispiel zu einem Kollegen während der Arbeitszeit sage, wird dieser den nicht als deklarativen Sprechakt verstehen, also in seinem Bezug zur Wahrheit. Der Kollege weiß, dass er Schuhe trägt. Er wird sich eher fragen, warum ich dies zu ihm sage. Damit aber versteht er diesen Sprechakt, der zunächst rein deklarativ erscheint, als Performativ und als Handlung, auch wenn er nicht weiß, worauf diese Handlung hinauslaufen soll.
Wir treffen also auf ein rein praktisches Phänomen: ob ein Sprechakt performativ ist oder nicht, entscheidet nicht der Sprecher, sondern der Hörer. Zudem sind wir so in die Überzeugung eingebunden, dass Handlungen immer einen Zweck haben, dass ich daran zweifle, ob wir überhaupt in der Lage sind, einen Sprechakt nicht als performativ wahrzunehmen.
Dasselbe Phänomen kann man übrigens an einer Diskussion deutlich machen, die in den letzten zwei Monaten stark in den Medien verbreitet war und diskutiert wurde. Es geht um den Sexismus-Vorwurf gegen Rainer Brüderle. Dieser hatte einer Journalistin gesagt, sie würde gut in ein Dirndl passen. Die Journalistin hat dies aber nicht (nur) als Tatsache gehört; im Gegenteil: das genau scheint sie gar nicht interessiert zu haben. Dagegen hat sie es als eine Anmache verstanden; Anmachen bestehen aus performativen Sprechakten: man möchte jemanden dazu bringen, ihm nachzugeben.
Klar muss allerdings auch sein, dass performative und deklarative Sprechakte gleichzeitig vorkommen: Sie haben immer einen Letztrest an Information oder Handlung.

Es ist diese Unentschiedenheit zwischen den beiden Formen des Sprechaktes, deren Einsätze immer wieder, auch situativ, verschoben werden. Ob ich zu dem Kollegen oder dem Chef sage: „Ich habe meine Arbeit erledigt!“ soll trotz gleicher Information wahrscheinlich etwas verschiedenes bewirken und bewirkt auch etwas Verschiedenes.

Dieses zunächst recht magere Ergebnis wird bei Butler eine große Rolle spielen. Denn nicht nur kritisiert sie hier das Fundament der Unterscheidung zwischen performativem und deklarativem Sprechakt, sondern sie wird auch immer wieder die Situation, in der dieser Sprechakt passiert, untersuchen. Zudem wird sie die fehldeutenden Einsätze der Sprechakte kritisch begutachten, zum Beispiel dort, wo ein Sprechakt als rein deklarativ betrachtet wird oder so getan wird, als gehöre er nur einer bestimmten Handlungsschicht an.
Das wird auch besonders wichtig, wenn es um das Menschenbild, bzw. die Identitätsvorstellungen geht. Zwar transportieren häufig einzelne Sprechakte kein adäquates Bild einer Identitätsvorstellung, im Bündel allerdings schon. So sind juristische Urteile samt der vorhergehenden Urteilsfindung immer auf ein gewisses Menschenbild bezogen. Das bedeutet übrigens nicht, dass sie deshalb homogen sein müssen. Die „romantische“ Idee der Frau war zum Beispiel zugleich eine der Idealisierung und der Unterdrückung.

Wir können zum Schluss festhalten:
  • Jeder Sprechakt ist zugleich deklarativ (informativ) und performativ.
  • Jeder Sprechakt ist situativ.
  • Jeder Sprechakt wird von einem Beobachter interpretiert: er transportiert seine Bedeutung nicht mit sich.
  • Jeder Sprechakt bezieht sich auf ein Menschenbild.
Literaturempfehlung
Wer sich präziser mit der Sprechakttheorie auseinandersetzen möchte, dem sei von Gisela Harras das Buch Handlungssprache und Sprechhandlung, erschienen bei de Gruyter, empfohlen.

Dreimal gender, nein eigentlich zweimal: Michael Kauch, Horst Arnold

Dreimal gender, einmal zu Michael Kauch, schwuler FDP-Abgeordneter, der zusammen mit seinem Freund und einer lesbischen Freundin ein Kind hat. Zu Horst Arnold, der Vergewaltigung angeklagt und verurteilt; die Anklagende steht jetzt wegen Freiheitsberaubung vor Gericht, da die Falschaussage verjährt ist. Schließlich zu Judith Butler, die ich allerdings in einem gesonderten Artikel behandeln werde, da es nicht um feministisches Gedankengut geht, sondern um Unwägbarkeiten im Sprechakt. Da ich ja angekündigt habe, zu Judith Butler eine kleine Serie zu starten, werde ich diese, der Übersicht halber, auch immer gesondert veröffentlichen.

Michael Kauch - schwule Väter

Ich weiß nicht mehr, wer aus der CSU das gesagt hat, aber jener Mensch argumentierte gegen die Adoption von Kindern in eine schwule Familie (und ich sage Familie, nicht Lebensgemeinschaft!), es lägen keine Daten vor, ob das den Kindern gut tue. Nun, ob heterosexuelle Lebensgemeinschaften den Kindern gut tun, dazu liegen Daten vor: teilweise leider gar nicht.
Gerade berichtete mir ein guter Freund, dass er seine Montessori-Ausbildung bei einem schwulen Pädagogen beendet hat. Dieser Freund ist gegenüber der schwulen Bewegung recht indifferent. Weder schätzt er sie besonders, noch lehnt er sie ab. Den Pädagogen jedoch hält er für hervorragend. Es gibt noch mehr Beispiele, in denen homosexuelle Menschen sich für ihre erzieherischen und bildenden Aufgaben verdient machen. Warum also so pseudochristlich plärren, wenn es um die Vaterschaft geht?
Ich halte jedenfalls den Schritt, den Kauch zusammen mit seinem Lebensgefährten und seiner Bekannten gegangen sind, für einen mutigen und richtigen Schritt. Schon immer gab es etwas anderes als Familie, wie die christlichen Fundamentalisten sich das vorstellten, von den prähistorischen Gruppierungen bis hin zu den (teilweise adelig-bäuerlichen) Großgemeinschaften auf barocken Gutshöfen.
(siehe Bild.de: Homo-Ehe und Baby-Glück)

Horst Arnold

Die Klägerin wird die Angeklagte

Eine weitere gute Nachricht: der Fall Horst Arnold wird jetzt gegen die damalige Anklägerin aufgerollt.
Arnold, Lehrer, war 2001 von einer Kollegin der Vergewaltigung angeklagt worden. In einem äußerst schlampigen Urteil wurde er dann zu fünf Jahren Haft verurteilt, verlor all seine Bezüge und seinen Beamtenstatus. 2011 wurde dieses Urteil endlich vom Kasseler Amtsgericht kassiert und Arnold endgültig rehabilitiert.
Er konnte diese kleine Genugtuung nicht lange genießen: Knapp ein Jahr später verstarb er an einem Herzversagen.
Gegen die Kollegin wird jetzt ermittelt. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sie häufiger völlig absurde Geschichten erfindet. Manche Menschen in der Umgebung bezeichnen sie als Märchentante. Nun sollte man natürlich auch mit solchen Urteilen extrem vorsichtig sein. Kritik an dem Gerichtsverfahren kann man aber schon alleine deshalb üben, weil hier Aussage gegen Aussage stand und ein weiterer Nachweis der Vergewaltigung von der Anklagenden nicht erbracht wurde. Sie habe, so die Zeitungsmeldungen, erst Tage später Anzeige erstattet (was noch verständlich wäre), alle Beweisstücke weggeschmissen (was ebenfalls verständlich wäre), und konnte dadurch keine weiteren Beweise für ihre Vergewaltigung liefern. Selbst wenn diese stattgefunden hätte, hätte das Gericht aber die Aussage der Belastungszeugin als falsch werten müssen und Arnold damit als unschuldig.
Das ist übrigens nicht dem „patriarchalen“ System geschuldet, sondern der juristischen Überzeugung in der Demokratie, dass der Staat, bzw. die Staatsanwälte die schwere Straftat beweisen müssen, nicht der Angeklagte sine Unschuld. Wer einige gegenteilige Beweise braucht, dass dieses andere Strafsystem zu schweren Fehlurteilen führt, beschäftige sich mit dem Rechtssystem des wilhelminischen Reiches (dort war es nämlich so) oder lese das äußerst spannende Buch von Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius. (Es gibt den Roman kostenlos als E-Book auf amazon.)

Karriere?

Was mich so frappiert, sind zweierlei Sachen: erstens, dass hier jemand seine eigene Karriere über die Rechtsstaatlichkeit setzt. Die Kollegin, so wurde aus dem Bekanntenkreis berichtet, hatte nämlich Angst, dass Arnold ihr den Aufstieg in der Schulhierarchie verzögern könnte. Zudem wurde in den Nachrichten verbreitet, sie habe, um einen Schulwechsel zu erreichen, eine Pflegschaft erfunden.
Und ich möchte hier eine böse Sache gegen den Feminismus sagen: wenn dieser etwas falsch verbunden hat, dann den Zusammenhang zwischen Karriere und Selbstwertgefühl. Keine Frau muss Karriere machen. Es dürfen ihr bloß keine Hindernisse entgegenstehen, außer natürlich den rechtsstaatlichen und fachlichen, wenn sie Karriere machen will. Eine Karriere aber auf Teufel komm raus kann nie rechtsstaatlich sein, mindestens nie moralisch.

Feminismus und gender sind immer noch ein heterogenes Forschungsgebiet

Andererseits spreche ich mich jetzt nicht gegen einen Feminismus aus. Der Feminismus an sich ist (für mich) wünschenswert. Besonders dämlich fand ich folgende Aussage auf WikiMANNia:
"Der Fall Arnold zeigt, was real existierender Feminismus ist und immer war: niederträchtig. (...) Was dort zu besichtigen ist, ist nichts anderes als die Instrumentalisierung eines hoch sensiblen Komplexes menschlichen Zusammenlebens zum Zwecke der Installation eines Generalverdachtes, der Zersetzung rechtsstaatlicher Prinzipien, auch der Familie, der Befriedigung weiblicher Rachegelüste, sowie der Schaffung von Voraussetzungen für kleinliche Vorteilnahmen."
Das ist eine pure Behauptung, verquickt mit zahlreichen rhetorischen Figuren. Hier hat eine einzelne Frau, und wohl nicht aus feministischen Motiven, eine Straftat begangen, die gelinde gesagt gruselig ist. Hier hat ein einzelner Richter ein unglaubliches Fehlurteil hingelegt. Das ist aber nicht der Feminismus. Die fehlerhafte logische Figur ist hier die Generalisierung, also der Schluss von einem Einzelfall auf die Gesamtheit einer Idee.
Zudem ist die Anspielung „real existierender Feminismus“ nur zu deutlich (der Fachbegriff für die Anspielung ist Allusion). Es soll den Feminismus mit dem DDR-Regime gleichsetzen. Das ist schon erkenntnistheoretisch eine abzulehnende Verbindung. Der Feminismus existiert in zwei großen Ausprägungen: einmal als wissenschaftlicher und einmal als politischer. Der Zusammenhang zwischen beiden Ausprägungen, genauso wie die Ausprägungen selbst, müssen natürlich diskutiert und zwar kritisch diskutiert werden. Nur kann dies nicht auf der Basis von Generalisierungen oder Anspielungen geschehen.
Schließlich führt dieses Zitat eine Reihe von Begründungen an, die in ihrer Häufung eigentlich nur noch albern klingen. Das ist die Figur der Amplifikation. Sie wird oftmals am Ende einer Gerichtsrede genutzt, um den Richter von der weiter tragenden Bedeutung ins gesellschaftspolitische hinaus zu überzeugen.
Nun möchte ich gar nicht dagegen sprechen, dass manche Frauen (eben nicht die Mehrheit) tatsächlich diese Motive haben und tatsächlich davon geleitet werden (ich kenne sogar eine, der würde ich all diese Vorwürfe machen). Trotzdem würde ich diesem Menschen, den ich oben zitiert habe, immer widersprechen und ihm selbst die Befriedigung von Rachegelüsten vorwerfen. Das Attribut männlich verweigere ich ihm allerdings. Unlogisch und auf purer rhetorischer Basis zu argumentieren ist kein Zeichen von Männlichkeit, sondern doof, unkultiviert und antiaufklärerisch.

Zudem muss man einfach sehen, dass der Feminismus kein einheitliches Phänomen ist, sondern extrem heterogen verläuft. Es gibt also gar nicht den Feminismus, den man kritisieren kann. Das wäre so, als wollte man die Einwohner Berlins alle danach beurteilen, dass sie Türken (oder Rumänen oder Indonesier) sind.
Und was diese Heidi K. angeht: manchmal ist eine Frau einfach psychisch schwer gestört.

Links

24.04.2013

Nietzsche und die Sphinx

Ich habe ein wenig zu der Sphinx bei Nietzsche gestöbert, aber kaum etwas gefunden. Einmal noch setzt er die Sphinx als Titel der Natur (in dem ersten Fragmentbuch, 10[1], schreibt er: „die Sphinx Natur“)
In Jenseits von Gut und Böse, § 1, symbolisiert die Sphinx eine Inversion (Umkehrung) der Ideen. Zunächst wird die Sphinx mit dem Willen zur Wahrheit gleichgesetzt. Dieser stellt uns Fragen. Schließlich aber wenden wir uns um und befragen den Willen zur Wahrheit selbst. Interessant an dieser Stelle ist lediglich, dass die Sphinx sowohl ein Symbol des Willens, als auch eine Allegorie der Inversion ist.
Schließlich schreibt Nietzsche im selben Buch, § 208: „Auch das Ungewisse hat seine Reize, auch die Sphinx ist eine Circe, auch die Circe war eine Philosophin.“ Diese Kette von Ersetzungen ist aber ebenfalls nur mäßig interessant: von der Rätselstellerin, zur Verführerin, zur Denkerin. Von diesem letzten Fragment ist der thematische Schwerpunkt der europäische Skeptiker. Dieser eine Satz scheint mir nur eine polemische Erweiterung zu sein.

Ansonsten wird die Sphinx zwar häufiger erwähnt, aber nur in Erinnerung der ganzen Geschichte bei Ödipus. Als eigenständiges Symbol scheint sie nicht mehr aufzutauchen.

Manchmal also ist ein Wort nur ein Wort und manchmal ist eine zitierte mythische Figur kein Symbol, kein rhetorischer Kniff, keine schwere Bedeutsamkeit, sondern einfach nur die mythische Figur.
Meine Art und Weise, an Literatur heranzugehen, ist zwar grundlegend vorsichtig, aber vor der Überinterpretation (und gerade vor ihr) nicht geschützt. Ihr erlebt das ja nicht mit, aber häufig muss ich zurückrudern und zu umfassende Aussagen revidieren.

23.04.2013

Nachmittage am Schreibtisch und Judith Butler, Dragon NaturallySpeaking

Ich habe den ganzen Nachmittag am Schreibtisch verbracht. Natürlich kann ich weiterhin nicht so gut Sport machen, da mein Blut immer noch nicht genügend Sauerstoff transportiert. Aber wer es genau wissen möchte: als ich vor anderthalb Wochen aus der Klinik kam, habe ich mich noch nicht einmal getraut, aus der Wohnung zu gehen, so fertig war ich. Heute habe ich immerhin meinen Bücherladen besucht, war bei Aldi und dann, weil diese kein Müsli mehr hatten, bei Kaisers. Hinterher habe ich mich immer noch wohl gefühlt. Aber mein Arzt hat mir schon gesagt, dass ich die Medikamente hervorragend annehme.

Ich möchte euch aber nicht mit Krankheitsgeschichten langweilen. Ich habe also am Schreibtisch gesessen, Sekundärliteratur gelesen, den Artikel über die Motivanalyse geschrieben und nebenbei Geschichten entworfen. Vor allem das Geschichten entwerfen hat mir sehr viel Spaß gemacht. Hier verweise ich euch auf die Übungen im vorangegangenen Artikel.

Schließlich werde ich meine Ankündigung, etwas ausführlicher und in mehreren Einträgen zu Judith Butler zu schreiben, wohl wahr machen. Ich habe mir heute ihre restlichen, auf Deutsch verfügbaren Bücher bestellt, außerdem ein Buch über GIMP, das mir freundlicherweise Johannes Flörsch empfohlen hat.

Dann habe ich noch das Bedürfnis gehabt, meiner Motivanalyse ein funktionierendes Inhaltsverzeichnis mitzugeben. Wie häufiger löscht mein Editor die Verlinkung aus dem Inhaltsverzeichnis in den Text und ersetzt sie durch Links in den Autorenbereich des Blogs. Darum werde ich mich nochmal in den nächsten Tagen kümmern, da ich Inhaltsverzeichnisse gerade bei längeren Blogeinträgen sehr angenehm finde.

Mein Spracherkennungsprogramm (Dragon 12.5) beginnt wieder richtig Spaß zu machen. Ich habe in den letzten Monaten wenig geschrieben und das trainiert Dragon nicht. Gut: ich habe immer wieder Wörter eingetragen, vor allem die ungewöhnlichen aus der Philosophie. Am besten trainiert man mit diesem Programm aber, indem man Texte spricht und zwar Texte, die man veröffentlichen möchte. Korrekturen sollte man möglichst mündlich vornehmen und nicht per Tastatur. Hier kann sich Dragon anscheinend die Änderung merken. Zu Beginn ist das nicht so einfach, da man es mit sehr vielen Fehlern zu tun hat (zum Beispiel in der Groß- und Kleinschreibung oder in der Getrennt-/Zusammenschreibung). Es lohnt sich aber, hier am Ball zu bleiben. Schon nach einem Nachmittag merkt man eine deutliche Verbesserung.
Trotzdem gibt es zahlreiche Unsicherheiten, zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Dativ- und Akkusativ-Endung oder bei kurzen Wörtern (hat statt hört). Manchmal, aber das liegt häufig am Straßenlärm, verschluckt mein Mikrofon Wörter oder Satzteile.
Eben habe ich noch einige Fehler aus meinem Motivanalyse-Artikel entfernt. Daran muss ich morgen weiter arbeiten. Ich bitte, alle vorhandenen Fehler zu entschuldigen. Ich habe heute lange gearbeitet, unter anderem auch für euch und meine Aufmerksamkeit ist definitiv vorüber.

Was ist das Harry? - Das ist eine pyroklastische Wolke. (Dantes Peak, eine Motivanalyse)

Familie statt Vulkan? Dantes Peak
Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Wort „Liebling“ am Ende des zweiten Satzes.

Ja, ich habe mich gequält. Welcher Teufel mich geritten hat, den Film Dante's Peak zu analysieren! Es kann nur mit einigen Fragen zu tun haben, die mir auf Facebook und per E-Mail mitgeteilt worden sind.
Das obige Zitat, erster Teil (die Frage) von einer Frau gestellt, der zweite Teil durch einen Mann beantwortet, ist wohl sehr bezeichnend für das Männer-/Frauenbild des Films. Der Mann erklärt, die Frau hört zu. Der Mann erklärt allerdings nicht so, dass man es verstehen könnte, sondern nur so, dass die Frau weiß, ob der Mann weiß, was es ist. Ich möchte allerdings keine gender-Kritik schreiben, sondern vorführen, wie eine Motivanalyse funktionieren könnte.

Was ist eine Motivanalyse?

Die Motivanalyse

Ich benutze das Wort Motiv etwas anders, als sie klassischerweise im literaturwissenschaftlichen Kontext benutzt wird. Das von Elisabeth Frenzel herausgegebene Buch Motive der Weltliteratur beschreibt "archetypische Konstellationen, Rollen und Phantasien des Menschen, die Dichter ganz unterschiedlicher Zeiten und Völker zu literarischer Gestaltung angeregt haben" (Zitat aus dem Klappentext bei Amazon). Solche Motive sind zum Beispiel die verliebte Alte oder der gerechte Räuber (ebenfalls von dort zitiert; ich selber besitze dieses Buch nicht, sondern habe es mir immer aus der Bibliothek ausgeliehen).
In dieser Art der Motive geht es um sehr klassische, „große“ Motive. Ich selber werde aber kleinere, nebensächlichere Motive darstellen, solche, die eben nicht eine Geschichte im Ganzen bestimmen, sondern nur Abschnitte und Teile.

Bezug zur Psychologie

In der Psychologie bezeichnet ein Motiv ein kulturell geprägtes Ziel, von dem man glaubt oder weiß, dass es in der Lage ist, ein Bedürfnis zu befriedigen. Ich langweile mich, also schaue ich mir das Dschungelcamp an oder lese Marcel Proust. Die Langeweile ist das nicht befriedigte Bedürfnis, Dschungelcamp oder Proust die Motive, die man sich vorstellt, wie man diesen Mangel beseitigt (es gibt natürlich tausend andere Motive).
Von der Psychologie übernehme ich zunächst nur diese „Kleinheit“ der Motive und dass sie nicht immer materiell sind.

Versuchte Einordnung in die Interpretation

Immer wieder habe ich auf meinem Blog solche Fragmente zur guten Interpretation bearbeitet. Es sollte klar sein, dass es DIE gute Interpretation sowieso nicht gibt. Zuletzt habe ich viel zum Homo Faber geschrieben. Meine vielleicht schönste Darstellung könnte Ilse Aichinger: Kleist, Moos, Fasane sein.
Immer wieder werde ich auch gefragt, wie die konnotative, die symbolische und die rhetorische Ebene zusammenhängen. Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Am besten lässt sich das ganze als eine Vermischung kennzeichnen, einer Vermischung von Funktionen. Die konnotative Ebene enthält generell die Anspielungen, die einen Text jenseits seiner erzählenden (fiktionalen) Eigenschaften verklammert oder seiner darstellenden (wissenschaftlichen). Die symbolische Ebene finde ich besonders schwierig zu definieren, gerade weil das Wort Symbol so vielfältig definiert wird. Zurzeit halte ich mich an Kant fest, bzw. auch Bachtin, der mir Kant sehr zu folgen scheint. Nach Kant ist ein Symbol die Darstellung von etwas Undarstellbarem (Urteilskraft, §59). So lässt sich (möchte ich behaupten) die Liebe nicht direkt schildern. Sie lässt sich nur indirekt beschreiben. So dass man in einem Gedicht oder einer Geschichte eben beispielhaft oder metaphorisch zeigt, was Liebe ist oder Liebe sein könnte.
Das Symbol bezieht sich also immer auf eine Idee, also auf einen Begriff, der nicht für sich selbst sinnlich und konkret ist. Damit aber wird klar, dass die symbolische Ebene ebenfalls durch Anspielungen definierbar ist, sich also in diesem Moment von der konnotativen Ebene gar nicht unterscheidet. Andererseits kann man aber Symbole so benutzen, dass sie keine Anspielungen sind, sondern recht deutlich. Wenn Nietzsche die Helena aus dem ersten Faust für die Darstellung eines philosophischen Gedanken mehrmals erwähnt, dann ist das keine Anspielung, sondern ein direkter Hinweis, dass diese Figur für sich eine Bedeutung in dem Text hat. Man kann also diese beiden Ebenen nur bedingt ineins setzen (siehe auch: Homo Faber und der Lehrer, den Abschnitt "Symbole in Kultur und Natur"; dort zitiere ich eine längere Textstelle von Lotman, in der dieser das Symbol sowohl der Inhalts- als auch der Ausdrucksebene zuordnet; das sind nicht die gleichen Begriffe wie bei mir, doch von ähnlicher Struktur; ich müsste nochmal deutlich machen, warum ich Lotman zwar einerseits zustimme, aber sein Konzept, das Symbol über eine möglichst komplette Ähnlichkeit zu bestimmen, falsch, bzw. theoretisch unsicher bleibt).
Schließlich ist die rhetorische Schicht eine Schicht, die alle rhetorischen Mittel betrifft, also zum Beispiel die verschiedenen rhetorischen Figuren. Diese rhetorischen Figuren (der Schmuck der Rede) sind aber in sich so unterschiedlich, dass man der rhetorischen Schicht sowieso keine Einheit oder Definition zukommen lassen kann. Als Beispiel: die Metapher ist ein Wort, das ein Wort aus einem anderen Sinnbereich ersetzt. Der Satz „der Himmel weinte“ enthält die Metapher „weinte“, weil der Himmel nicht weinen kann. Hier wird ein Gefühlsausdruck auf das Wetter übertragen. Andererseits ist dasselbe „weinte“ in dem Satz „Sabine weinte.“ keine Metapher, zumindest in den meisten Fällen. Wir können also für die Metapher sagen, dass sie nicht für sich selbst gilt, sondern extrem vom Kontext abhängig ist. (Diese Erkenntnis ist vielen Menschen immer noch sehr neu, wird aber eigentlich spätestens seit Blumenberg und Derrida gepflegt.)

Die Motive, so, wie ich sie definiere, halten sich nun irgendwo zwischen der symbolischen, der konnotativen und der narrativen Schicht auf. Die narrative Schicht ist die Schicht, in der die Handlung erzählt und die Situation geschildert wird. So kann man in Twilight die narrative Schicht als die allmähliche Liebe zwischen Edward und Bella bezeichnen. Edward gehört aber auch der symbolischen Schicht an, denn er ist ein Prototyp des tragischen und gefährlichen Liebhabers. Edward muss, als „reales“ Wesen, natürlich mit beiden Ebenen verknüpft sein.
Und ebenso werden sich meine Motive zwischen diesen drei Ebenen bewegen. Das führt dazu, dass Motive zwar einen deutlichen Kern haben (eine Figur, ein Ereignis, eine Situation), mit der sie an die narrative Schicht gebunden sind, aber an den Rändern „ausfransen“ und sich in die anderen Ebenen einmischen. Der unverstandene Wissenschaftler, der in diesem Katastrophenfilm auftaucht, ist zugleich der Wissenschaftler, der für die Frau und den Zuschauer doziert und die Wahrheit spricht.
Es tut mir leid, dass ich euch hier keine bessere Systematisierung anbieten kann. Meine Ausrede (wenn es eine Ausrede ist) bleibt, dass der Text ein Geflecht ist.

Wozu braucht man die Motivanalyse? (1) Kreatives Schreiben

Sie hat, meiner Ansicht nach, zahlreiche Funktionen. Unter anderem deckt sie Klischees auf und wir werden sehen, dass der Film Dantes Peak voller Klischees steckt. Damit werden aber diese Klischees behandelbar. Ich kann sie imitieren (man will selbst ein Katastrophenbuch schreiben und braucht noch Ideen, welche Ereignisse und welche Personen man einbaut), ich kann sie parodieren (wobei es ernsthafte und humoreske Parodien gibt, siehe Genette, Gerard: Palimpseste). Damit wird sie für das kreative Schreiben nutzbar.
Meine Deutschlehrerin hat uns, glaube ich, in der neunten Klasse in die Motivanalyse eingeführt. Wir haben, nach Absprache, einen Groschenroman aus dem Western-Genre gelesen, hier die typischen Figuren (der einsame Cowboy, die kesse Bardame, usw.) und die typischen Ereignisse (das Gespräch mit dem weisen Medizinmann, das Duell) herausgestellt und anschließend in wilde Parodien verquirlt.

Wozu braucht man die Motivanalyse? (2) Kulturwissenschaftliche Analyse

Kulturwissenschaftlich kann man die Motive in seiner Verbreitung analysieren und dadurch mithelfen, eine bestimmte kulturelle Ausprägung verständlich zu machen.
Wenn ich oben kritisiere, dass der Mann der Frau etwas erläutert, dann ist das zunächst eine völlig belanglose Aussage. Wenn ich allerdings nachweise, dass diese Situation mehrmals im Film auftritt und auch in anderen kulturellen Objekten (Bücher, Filme, journalistische Artikel) als Motiv zu finden ist, während die umgekehrte Situation selten oder nie auftritt, kann ich hier eine statistische Aussage machen: der Mann erklärt der Frau häufiger Ereignisse, kümmert sich aber nicht darum, ob sie das versteht. Diese relativ neutrale Aussage kann nur interpretiert werden, wenn man ein Menschenbild hat (wofür die Anthropologie zuständig ist).
Betont man zum Beispiel die Ungleichheit der Geschlechter und die starke Dominanz des emotionalen Denkens bei Frauen bei gleichzeitiger Schwäche der Rationalität, kann man dieses Motiv als weiteren Beweis für sein Menschenbild in Anspruch nehmen. Sagt man dagegen, dass das Denken immer rational ist, wird das Motiv fragwürdig. Es bezeichnet dann eine Schieflage, wie die kognitiven Leistungen von Frauen in der Gesellschaft dargestellt werden. Das ist nun eine sehr plastische Beschreibung (dafür muss ich mich entschuldigen: in der Kürze lässt sich das aber kaum anders darstellen), verdeutlicht aber, dass Motive, wenn man sie kulturwissenschaftlich untersucht, keine rein empirische Basis besitzen. Zudem sollte man vorsichtig sein, wenn man Motive analysiert, ob man nicht dem eigenen Menschen-/Weltbild aufsitzt. Für den Alltag ist das natürlich nicht falsch, für die wissenschaftliche Analyse allerdings unzulässig.

Dantes Peak

Ich werde zunächst den Inhalt des Filmes schildern, dann die Motive.

Darstellung des Inhalts

Der Film erzählt den Ausbruch des Vulkanes Dantes Peak, der oberhalb des gleichnamigen Städtchens liegt. Insgesamt ist er zweigeteilt. Im ersten Teil kommt Harry Dalton, beunruhigt durch Messungen an seinem vulkanologischen Institut, in das Städtchen, um vor Ort nach dem Vulkan zu sehen. Seine Befürchtungen (die sich selbstverständlich bewahrheiten) treffen bei seinem Chef zum Teil auf Vorbehalte, weil dieser nicht die Evakuierung der Stadt ohne Grund anordnen möchte.
In dem Städtchen begegnet Harry auch Rachel Wando, der Bürgermeisterin, die seine Befürchtungen bald teilt. Schließlich bricht, etwa zur Hälfte des Films, der Vulkan aus. Rachel hat zwei Kinder, die sich in diesem Moment, als der Vulkan stark aktiv wird, auf den Weg machen, ihre Großmutter zu holen, die an den Hängen des Vulkans lebt. Harry und Rachel fahren den beiden hinterher und retten sie schließlich.
Der Film lässt sich also zunächst in ein Sozialdrama um einen unverstandenen (und warnenden) Wissenschaftler, dann in einen Actionfilm um eine Rettungsaktion aufteilen.

Die Buße des Helden durch eine erfolgreiche Heldentat

Ganz zu Beginn des Filmes sieht man Harry bei einem anderen Vulkanausbruch. Er arbeitet dort mit einer Frau, die natürlich bildschön ist, von der man aber nicht erfährt, ob sie nur eine Mitarbeiterin, seine Freundin oder vielleicht sogar seine Frau ist. Sie geraten während der Flucht in einen Gesteinshagel. Einer der heißen Gesteinsbrocken schlägt durch das Autodach und tötet die Frau.
Vier Jahre später arbeitet Harry weiterhin als Vulkanologe. Die getötete Frau wird nicht mehr thematisiert.
Funktionell gesehen ist dies ein Prolog. Der Held hat, wenn auch ohne Absicht, eine wichtige Person sterben lassen. Diese Sünde muss er durch eine erfolgreiche Heldentat büßen. Aus dem Filmbereich kennen wir dies zum Beispiel auch von dem James Bond-Film Golden Eye. Bond muss mit ansehen, wie sein geschätzter Partner 006 getötet wird. Er selbst entkommt den Bösewichtern nur knapp. Dieser Prolog führt dann zu der eigentlichen Geschichte, bei der sich allerdings herausstellt, dass 006 der eigentliche Drahtzieher ist und gar nicht getötet wurde. Die Buße, die Bond leistet, besteht darin 006 zu eliminieren.
Wir können also das Motiv bestimmen: die „Sünde“ und die Buße durch eine Heldentat.
Die Heldentat, die Harry in diesem Film begeht, ist die Rettung der Kinder seiner zukünftigen Frau.

Die störrische Alte

Dieses Motiv der Buße und der Heldentat wird dramatisch, aber wesentlich kürzer, wiederholt. Als die Kinder ihre Großmutter holen, um sie vor dem Vulkan zu retten, werden sie schließlich von Harry und Rachel gefunden. Da der Rückweg ins Tal versperrt ist, versuchen sie mithilfe eines Bootes über den See zu kommen, der vor dem Haus der Großmutter liegt. Durch die vulkanischen Aktivitäten hat sich der See aber mittlerweile in ein pures Säurebad verwandelt. Der Motor und die Bootswände werden zerfressen und die fünf Menschen drohen, in den See hinab zu sinken und selbst zu sterben. In diesem Moment springt die Großmutter ins Wasser und schiebt das Boot die letzten Meter bis zum Ufer. Danach stirbt sie.
Das Motiv ist der Heldenbuße ähnlich, doch ergänzt: zunächst baut die Figur ein Hindernis auf (die Großmutter will ihr Haus nicht verlassen), dann sieht sie ihren Fehler ein (das Leben der Enkel ist wichtiger) und in einer Situation der Not opfert sie sich schließlich, um ihren Fehler rückgängig zu machen.

Das abgeschlossene Territorium

Katastrophenfilme bauen fast immer auf einen Ort, der deutlich begrenzt ist: ein Flugzeug, ein Hochhaus und in diesem Fall eben ein Tal, das so geschickt wie ungünstig zwischen einer Reihe von niedrigen Bergen liegt, selbstverständlich unterhalb eines Staudammes.
Ich hatte in einer Anmerkung zu Lost World (dem zweiten Dinosaurierbuch von Michael Crichton) geschrieben, dass es zwei Arten der "Bewegung" in Actionthrillern gibt, einmal den Kampf und einmal die Flucht. Lost World ist eindeutig auf die Flucht angelegt. Die Wissenschaftler wollen nicht gegen die Dinosaurier kämpfen, sondern möglichst rasch die Insel verlassen. Genau dasselbe passiert in dem Katastrophenfilm Flammendes Inferno. Andere Filme dagegen, wie zum Beispiel Stirb langsam, sind, trotz einer ähnlichen Situation, auf den Kampf fokussiert.
Als Prototyp der Flucht hatte ich dann die Geschichte um das Geisterhaus vorgeschlagen. Hier geraten die Protagonisten in ein unheimliches Haus, das nach und nach alle Mitglieder der Gruppe umbringt. Sie suchen verzweifelt nach einem Ausweg.
So kann man sagen, dass das Motiv aus einem abgeschlossenen Territorium mit einem äußerst unfreundlichen Bewohner besteht.

Man kann hier die Brücke zu dem Motiv des Kerkers/Gefängnisses schlagen. Auch der Kerker kann nur durch Flucht verlassen werden. Beispielhaft wäre hier, wie Seppel beim Räuber Hotzenplotz in der Räuberhöhle eingesperrt ist und Kasperl in der Burg von Petrosilius Zwackelmann (siehe der erste Band von Räuber Hotzenplotz).

Der Verlust der Idylle

Dieses Motiv geht häufig mit dem abgeschlossenen Territorium Hand in Hand. Dantes Peak ist ein idyllisches Dörfchen, mit sehr gewöhnlichen Einwohnern, hübschen Häusern, praktischen Autos und den üblichen, amerikanischen Festakten. Es liegt malerisch zwischen den Bergen.
Und natürlich ist klar, dass diese beschauliche Situation bedroht werden muss.
Nicht immer jedoch ist es die Idylle, die verloren geht. Ein gutes Beispiel sind die Filme über den Untergang der Menschheit. Die Menschen sind nicht unbedingt glücklich, teilweise haben sie sogar schwere Konflikte miteinander. Hier aber bricht die Katastrophe in einer Form ein, dass diese Konflikte überwunden werden müssen, um überleben zu können. Auf diese Form setzen zum Teil die Zombiefilme.
Eine recht ungewöhnliche Auskleidung dieses Motivs zeigt die Neufassung von Dawn of the dead (Regie: Zack Snyder) zunächst die Fahrt einer Ärztin zurück zu ihrer Familie. Das Kind ist gehorsam, aber eigenständig; der Mann erfolgreich und rücksichtsvoll. Diese Idylle wird jäh durchbrochen, als am folgenden Tag in aller Frühe das Kind im elterlichen Schlafzimmer auftaucht und als der Mann nach ihren Bedürfnissen fragt, beißt das Kind den Vater, dieser verwandelt sich in einen Zombie und die Mutter flüchtet durch das Badezimmerfenster nach draußen auf die Straße. Ich habe selten einen Film gesehen, in der die Idylle so kurz nach Filmbeginn (ich erinnere mich etwa an 5-6 Minuten) zum Teufel geht. Es gibt keinerlei Anzeichen für die Katastrophe. Lediglich kurz vor dem Kippen der Geschichte nutzt der Film einige rhetorische Mittel des konventionellen Horrorfilms (langsame Kamerafahrt aus der Froschperspektive auf das Schlafzimmer zu; das Kind ist zunächst als dunkle Gestalt im Türrahmen zu sehen und benimmt sich offensichtlich seltsam).

Zeichen der Katastrophe

Bevor die eigentliche Katastrophe beginnt, gibt es Anzeichen dafür. In Dantes Peak ist dies zunächst eine ungewöhnliche seismische Aktivität, dann abgestorbene Bäume, eine Thermalquelle, deren Wasser plötzlich kocht, schließlich mit Schwefelsäure versetztes Leitungswasser, und so fort. Geisterhäuser haben zwar andere Anzeichen, aber das Prinzip funktioniert genauso: das Haus hat seine unheimliche Geschichte, strahlt eine unheimliche Aura aus, Dinge bewegen sich plötzlich, Menschen tauchen auf, die gar nicht da sein dürften, usw. Inhaltlich sind diese Zeichen natürlich unterschiedlich; formell aber funktionieren sie genau gleich: Sie warnen Protagonist und Leser, schieben aber das eigentliche Ereignis auf.

Menschen auf Abwegen

Einer der einfachsten, allerdings auch dümmsten Tricks ist die Erweiterung der Geschichte durch Menschen (alternativ gibt es häufig auch Tiere), die genau das, was sinnvoll wäre oder was man von ihnen erwartet, nicht tun. In diesem Fall bleiben die Kinder der Bürgermeisterin Rachel nicht in der gemeinsamen Wohnung, sondern schnappen sich ein Auto, um ihre Großmutter zu holen. Da der Vulkan mittlerweile hochaktiv ist, wird deutlich, dass der zweite Teil des Filmes sich vor allem um eine dramatische Rettungsaktion dreht. Später wird es noch einmal der Hund der Großmutter sein, der einen Teil der Gruppe (wiederum die Kinder) mit sich führt, so die Gruppe aufteilt und eine besondere Rettung erzwingt.

Die Reihe der Katastrophen

Eine der typischsten Formen, einen Teil der Geschichte zu gestalten, ist die narrative Klimax. Die Klimax ist eigentlich die rhetorische Figur der Steigerung. Man kann sie aber gut auf Erzählungen anwenden. In Dantes Peak ist dies zum Beispiel, dass zunächst nur Anzeichen und einige kleine Gefährdungen der Menschen zu sehen sind, dann allerdings (und zwar recht rasant) bricht der Vulkan aus. Das ist eine zweigliedrige Klimax. Häufiger sind diese dreigliedrig: Zuerst kommen die Wissenschaftler auf die Insel mit den Dinosauriern (Lost World), dann müssen sie mit den Tyrannosauriern „kämpfen“, schließlich aber geraten sie den wesentlich gefährlicheren Velociraptoren (einer Dinosaurierart, die in Gruppen jagt und sehr schnell ist) in die Quere.
Andere Steigerungen sind stark qualitativ: beim Räuber Hotzenplotz wird erst die Kaffeemühle der Großmutter gestohlen (schlimm, aber nicht bedrohlich), dann werden Kasperl und Seppel vom Räuber Hotzenplotz gefangen (bedrohlich) und schließlich muss Kasperl vor dem Zauberer Zwackelmann flüchten und trotzdem wieder ins Schloss zurückkommen, um die Fee zu befreien (äußerst bedrohlich).
Bekannt ist diese Dreigliederung an Aufgaben oder Ereignissen auch aus Märchen (prototypisch: Der Fischer und seine Frau, in Rumpelstilzchen zum Beispiel als das Spinnen von Stroh in Gold).

Der Ersatzvater

Protagonisten partizipieren häufig an zahlreichen Motiven. Nicht nur büßt der Held seine „Sünde“, sondern er findet auch einen Platz in der Welt, indem er einen anderen Mann, den Vater der beiden Kinder, ersetzt. Solche Ersetzungen findet man ebenfalls relativ häufig: Sie sind zugleich der Lohn für den Helden nach dem Sieg.
Übrigens ist die Funktion der Ersetzung der der Täuschung recht ähnlich. Die Täuschung ist oftmals eine unrechtmäßige Ersetzung, so zum Beispiel in all den Liebesromanen, in denen die Frau sich nach einer kurzen Episode mit dem eigentlichen Helden zuerst auf einen „schlechten“ Mann einlässt, der sie hintergeht. Aus der Erfahrung klug geworden akzeptiert sie dann den rechtmäßigen Helden. (Die Funktion solcher Liebesromane ist klar: es lohnt sich nicht für die Frauen, Umwege zu gehen, da sexuellere, unsicherere Alternativen immer scheitern.)

Noch einige Anmerkungen

Das Motiv der Frau, die einen Mangel hat, ist ein sehr übliches Motiv in den konventionellen Filmen. In diesem Fall kann man deutlich sehen, dass Harry zwar einen Verlust erlitten hat, diesen aber ganz selbstverständlich ersetzt und offensichtlich auch vorher keine Probleme damit hat, seinem Lieblingsspielzeug, den Vulkanen, nachzuforschen. Rachel dagegen wird mehrfach gezeigt, dass sie als allein erziehende Mutter zwar keine großen, aber immerhin Probleme hat.
Harry übernimmt ohne großes Zögern seine Rolle. Als die Kinder zur Großmutter abhauen, diskutiert er nicht und denkt auch nicht an sein Leben, sondern schreitet sofort zur Rettungsaktion. Er positioniert sich gegenüber der Frau ohne zu fragen. Man kann also sagen: die Naturkatastrophe wird durch die bürgerliche, wenn auch etwas geflickte Ehe ersetzt.
Rachel jedenfalls rettet nicht. Das ist wohl nicht die Aufgabe der Frau.

Praxis des Schreibens

Am Ende möchte ich einige praktische Verwendungsweisen von Motiven darstellen.

Übung 1

Ihr könnt mit jedem Motiv herumspielen. Sucht euch zum Beispiel einen Helden, entwerft für ihn eine Sünde und welche Heldentat er begeht, um diese Sünde wiedergutzumachen.
Beispiel a: der Vampirkönig Adrian hat seine Königin durch Leichtsinn dem Tod durch einen mächtigen Dämon ausgesetzt; jetzt erfährt er, dass dieser Dämon hinter einer anderen Frau her ist, weiß aber nicht warum; Adrian setzt alle Hebel in Bewegung, um dies in Erfahrung zu bringen und als er es herausfindet, sieht er sich genötigt, gegen den Dämon zu kämpfen und ihn zu töten.
Beispiel b: Petra traut sich seit ihrer letzten Beziehung, die sehr gewalttätig war, nicht mehr so richtig an Männer heran, außer durch One-Night-Stands. Dann allerdings lernt sie über das Internet einen netten, aber furchtbar schüchternen Mann kennen. Im Tanz um eine zukünftige und langfristige Beziehung lernen sie sich besser kennen und schließlich einander zu vertrauen.

Übung 2

Statt einfach irgendeine Geschichte zu nehmen, könnt ihr auch ein Motiv für jeweils einen Meisterplot (eine englische Version findet ihr hier: Tobias 20' Plots, eine gute deutsche Übersetzung in dem Buch Gesing, Fritz: Kreativ schreiben. Köln 2004. Ab Seite 103). Diese etwas eingeschränktere Übung ist zugleich einfacher und schwieriger. Einfacher ist sie, weil sie mehr Halt gibt, schwieriger, weil sie vieles nicht zulässt.

Übung 3

Analysiert selbst Motive aus einem Buch (bitte eins, das nicht Hobbyliteratur ist: das soll nicht gegen die Hobbyliteratur gehen, aber häufig sind hier die Motive so durcheinander und unglücklich gewählt, dass sie kaum einen Gewinn für den Schreibprozess sind).
Bei dieser Analyse der Motive müsst ihr darauf achten, dass sich Motive überschneiden oder größere Motive, wie zum Beispiel der büßende Held, sich in kleinere Motive aufteilen lassen: der Held, der missverstanden wird, der Held, der mit seinen letzten Kräften einen Menschen (eine Familie) rettet und dann selbst gerettet werden muss, oder sich eigenständig aus der Gefahrenzone bringt.
Solche „Teilmotive“ lassen sich dann in Form eines Baumes darstellen. Beachtet bitte auch, was ich oben zu den Motiven geschrieben habe: Sie haben zwar einen klaren Kern, verflechten sich aber an den Rändern immer mehr und lösen sich dort in die symbolische Ebene und die Geschichte auf. Wenn ihr also bei der Analyse unsicher werdet, ist das völlig normal. Macht einfach weiter und seid mutig.

Abschluss

Die Motivanalyse ist mit Sicherheit nicht die aufregendste und schwierigste der Analysen, die man an einem Text durchführen kann. Ich habe sie hier auch nur in einer reduzierten Form vorgestellt, so dass sie für das praktische Schreiben tauglich ist. Oben hatte ich unter anderem auch die vergleichende Analyse mit anderen kulturellen Objekten (anderen Texten, Bildern, der ganze Bereich der Massenmedien und Gebrauchsobjekte) angesprochen. Diese habe ich hier komplett weggelassen.
Motive sind außerdem auf der Ebene des Erzählers immer an eine Funktion gebunden. In gekonnten Fällen erfüllt diese Funktion eine nachvollziehbare Funktion im Fortgang der Geschichte. Wenn ich weiter oben die „Rettung“ der Großmutter durch die Kinder als Trick bezeichne, dann deshalb, weil hier das Motiv sehr deutlich dazu eingesetzt wird, um die Geschichte auf Spielfilmbreite und die Handlung auf Action zu bringen. Ehrlich gesagt habe ich den zweiten Teil so überflüssig gefunden, dass ich den ersten Teil gar nicht mehr ernst nehmen konnte. Damit soll allerdings nicht meine Motivanalyse schlecht gemacht werden, denn sie kann gute erzählerische Keime liefern.

Zu den Übungen: es ist wichtig, viel zu üben. Dialoge, Beschreibungen, Szenen. Ich hatte vor einigen Tagen beklagt, dass Ratgeber-Literatur selten als Arbeitsgrundlage genutzt wird, sondern viel zu häufig wie ein Unterhaltungsroman gelesen wird. Dann aber nützt einem der Ratgeber herzlich wenig. Damit ein Ratgeber hilfreich ist, muss man die angebotenen gedanklichen Muster in seinem eigenen Denken aufbauen und der einzige Weg dorthin ist eben die Übung; nicht im Singular, sondern im Plural. Es gibt Übungen die sollte man immer wieder und immer wieder neu anfangen. Die Konstruktion von Geschichten aus Motiven gehört meiner Ansicht nach nicht dazu (obwohl man sich damit durchaus immer wieder beschäftigen kann), aber zum Beispiel das Schreiben von Dialogen. Trotzdem: findet so viele Beispiele zu bestimmten Motiven wie möglich.

Multi-Kulti (eigentlich wollte ich nur über Bushido lesen)

Heute habe ich den ganzen Tag online-Artikel gelesen. Die Aufregung über Bushido habe ich in den letzten Tagen gar nicht mitbekommen. Mich stört an den Argumentationen, dass sie immer wieder über die Rasse gehen, bzw. über die Nationalität. Kann hier jemand mal rechtsstaatlich argumentieren? Wenn Bushido sich tatsächlich verkauft hat, geht das unbedingt gegen das Grundgesetz und das Gewaltmonopol des Staates. Mit dem ich übrigens nicht einverstanden bin (mit dem Staat), auch nicht mit der Wirtschaftsform.

Was die Kommentare zu Bushido im Internet angehen, kann ich nur den Kopf schütteln. Hier geben sich Angreifer und Verteidiger des Multi-Kulti die Klinke in die Hand, ohne ein einziges mal darüber nachzudenken, ob dieser Begriff überhaupt sinnvoll ist. Denn was soll das sein, Multi-Kulti? Das hört sich für mich schwer nach Zoo an: der Türke in dem einen Gehege, der Deutsche in dem anderen und dazwischen der Eisverkäufer. Auf der anderen Seite: ein Zoo mit nur einer Tierart ist relativ langweilig.
Ich hatte das mal 2007 in einem Artikel thematisiert: Multi-Kulti oder Nationalgesellschaft? Beides funktioniert nicht. Wie Luhmann in dem Zitat treffend sagt, kann der Pluralismus nur dadurch funktionieren, dass er sich selber negiert, während der Nationalismus beschreibungsunfähig bleibt.
Es scheint mir, als könne man beide Konzepte nur pragmatisch unterlaufen, womöglich, indem man beide missachtet.

22.04.2013

was ist sonst noch gemacht habe

Nach meinem Krankenhausaufenthalt geht es mir wieder besser. Und so langsam gewinne ich meine Kräfte zurück. Nun, es wird noch einige Wochen dauern, bis ich meinen alten Zustand erreicht habe. Aber zumindest eine frohe Botschaft gibt es: der Arzt meint, ich könne immer noch hundert Jahre alt werden. Das zeigt, dass er langsam dement (oder zynisch) wird. Wer will in dieser Gesellschaft noch hundert werden?

Ich lese wieder den Göttert. Einführung in die Rhetorik, München 1991 (es gibt mittlerweile eine dritte Auflage). Außerdem habe ich ein wenig im eindimensionalen Mensch von Marcuse herumgestöbert. Anlass waren einige Bemerkungen über Merkel und Steinbrück von Hans Hütt. Ich hatte dann die Assoziation zu Marcuse, allerdings habe ich die Stelle, die ich gesucht habe, nicht gefunden und ich bin mir auch gar nicht zu sicher, ob sie im eindimensionalen Mensch zu finden ist.

Sachen weggeschmissen.

Ach ja, das Gehirn der Frauen, und ein wenig Nietzsche vorneweg

Helena und die Sphinx
Zunächst darf ich gestehen, dass ich mit großer Lust ein Fragment von Nietzsche aus seinem Nachlass auseinander pflücke. Es handelt sich um ein Fragment aus dem ersten Buch der nachgelassenen Fragmente (1869-1874) und ist mit 7[27] betitelt, also aus dem siebten Notizbuch Fragment 27.
Das Fragment behandelt die Frage, was das Schöne sei. Um diese Frage zu beantworten, setzt Nietzsche jetzt allerlei rhetorische Tricks in Gang. Er unterscheidet zum Beispiel zwischen objektiv, subjektiv und negativ, wobei objektiv und subjektiv gar keine Unterscheidung bilden. Dadurch geraten das Subjektive und das Negative in eine Differenz. Es ist allerdings eine komplementäre Differenz: indem das Negative die Not verneint und verleugnet, kann das namenlose Subjekt (Nietzsche benennt hier keine spezifische Figur, wie man dies bei ihm häufiger findet) das Schöne empfinden.
Faszinierend aber ist auch, dass das Subjekt (vermutlich männlich) nicht benannt ist, während es mindestens zwei Frauenfiguren gibt, die für das Schöne stehen: Helena und die Sphinx. Die Helena ist die Helena des Fausts, deshalb muss man hier fast notwendig noch eine dritte Frauenfigur dazu nehmen: das Gretchen.
Die Sphinx selbst gehört zu einer Reihe von Geschwistern, die allesamt Mischwesen sind und wurde von zwei Eltern gezeugt, die ebenfalls Mischwesen sind (siehe Wikipedia: Sphinx (griechisch)). Hier muss man zum Beispiel daran denken, dass die ideale Frau eine reine, keine gemischte Frau ist. Zum Beispiel die Helena, die gerade deshalb ideal ist, weil weder etwas fehlt, noch etwas zu viel ist. Zudem bedeutet Sphinx aber auch (im griechischen) einmal erwürgen und einmal (durch einen Zauber) festbinden (siehe Wikipedia: Sphinx (ägyptisch)).
Die letzte Anmerkung ist deshalb spannend, weil sich Nietzsche nicht auf die Helena im zweiten Teil des Faust bezieht, sondern aus der Hexenküche, Vers 2003-2004: „Du siehst, mit diesen Trank im Leibe, / bald Helenen in jedem Weibe.“ So erscheint im Zaubertrank die Sphinx verdoppelt, die ebenfalls festbindet.

Das sind so die kleinen Vergnügen, die ich mir in den letzten Tagen geleistet habe. Ich habe es auch lange nicht mehr gemacht, die möglichen kulturellen Schichten in einem Text aufzulesen. Zu der Technik muss ich nochmal etwas schreiben, denn vielen Menschen ist immer noch nicht auf der praktischen Ebene bewusst, dass das Lesen eines Textes etwas Produktives ist.

Das Gehirn der Frauen, und warum gender mit der Biologie möglich ist
Natürlich ist das Gehirn der Frauen anders als das Gehirn der Männer. Es ist bloß nicht komplett anders, wie dies häufig suggeriert wird, sondern nur in ganz wenigen Teilen. Deren Einwirkung auf das Denken erscheint mir zwar nicht unwichtig, aber erstmal im Großen und Ganzen nebensächlich.
Die Kategorie des gender funktioniert nun alleine deshalb, weil das Gehirn eine so genannte Neuroplastizität aufweist. Diese besagt nichts anderes, als dass sich ein Gehirn von den Reizen der Umwelt anregen lässt, ein eigenes (individuelles) Gedächtnis aufzubauen. Reize sind weder männlich noch weiblich. Sie können aber sowohl auf männliche wie weibliche Gehirne einwirken. Auch weibliche Gehirne ändern sich also durch die Reizverarbeitung ihrer Umgebung. Die Frage ist jetzt, inwieweit die Umgebung für eine spezifisch weibliche oder spezifisch männliche Reizverarbeitung (und in weiterem Sinne Sozialisation) strukturiert wird und ob dies nicht auch anders möglich wäre. Diese Frage nach dem Anders-Möglich-Sein ist die Frage nach dem kulturellen Geschlecht.
Im übrigen, lieber (auch diesmal wieder selbstverständlich anonymer) Beschimpfer, frage ich mich, ob das Denken der Frauen tatsächlich so monoton verläuft, wie Sie das unterstellen. Würde eine Frau tatsächlich so funktionieren, müsste sie praktisch ihren ersten Gedanken, den sie im Leben hat, unendlich und ohne Abweichung wiederholen. Ich verweise hier, als Gegenbeispiel, auf das reale Leben. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.

17.04.2013

Ratgeber-Bücher

Ratgeber sind etwas Feines. Wer wollte das bestreiten?
Trotzdem eine Bitte: Ratgeber liest man nicht einfach, man arbeitet mit ihnen. Ein einfaches Durchlesen reicht nicht. 
Warum ich das schreibe? Weil eine Kundin den Fritz Gesing (Kreatives Schreiben, erschienen bei DuMont) gelesen hat und behauptet hat (wahrscheinlich aus ihrer Perspektive zurecht), das Buch sei zu nichts nütze. Sie habe nicht besser schreiben gelernt. Ich habe sie daraufhin gefragt, ob sie Übungen dazu gemacht hat. Die seien nämlich wichtig. Nein, hat sie relativ erstaunt beantwortet. Warum denn? Ein Autor muss doch so verständlich schreiben können, dass man das sofort versteht.
Aber diese Auffassung wäre genauso, als wollte ich mir vom Anschauen eines Klavierlehrerbuches das Klavierspielen beibringen. Wer sich also einen Schreib-Ratgeber kauft, sollte sich auf eine gewisse Mühe einlassen.

Ein anderes Problem sind die Übungen selbst. Viele Menschen scheinen sich selbst nicht mehr Aufgaben stellen zu können. Sieht man sich den Gesing an, dann bietet dieser keinerlei Übungen an, nur Listen mit entsprechenden Fragen. Der Leser muss sich selbst seine Übungen entwerfen. Wie entwirft man eine Übung? So konkret wie möglich. Gesing zum Beispiel beschreibt verschiedene Plotstrukturen, nach denen bestimmte Geschichten aufgebaut sind. 
Ein Beispiel für eine solche Geschichte mit einer solchen Plotstruktur ist die innere Wandlung (siehe Gesing, Seite 108). Der Protagonist gerät in eine Selbstfindungskrise, sucht, scheitert und hat Erfolg und ändert sich schließlich innerlich. Der Konflikt ist ein innerlicher. Was ist nun einfacher, als sich solche innerlichen Konflikte aus zu denken und darum herum Geschichten zu basteln? Sie üben damit die Struktur eines bestimmten Plotmuster.

Es ist ein Fehler, von einem Ratgeber zu erwarten, er würde einem sofort helfen. Es ist ein Fehler zu glauben, einen Ratgeber ohne Übungen für die Praxis nutzen zu können.
Den Gesing habe ich zum Beispiel durchkommentiert. Ich habe Beispiele gesucht und verglichen. Das hat mich relativ viel Zeit gekostet. Letzten Endes aber konnte ich hinterher wesentlich besser Ratschläge geben und meinen Kunden konkrete Tipps geben.

Perspektivwechsel: darf man in einer Szene von einer Person zur anderen springen?

[Nachtrag 30.10.2015: wer zufällig über diesen Artikel stolpert, sollte sich besser Einige grundlegende Einteilungen der Erzählperspektive und Erzählsituation ansehen. Dieser ist präziser und differenzierter.]

Nein, darf man nicht. Obwohl: das Ganze ist eine Sache der Definition. Dort, wo eine andere Perspektive eingeführt wird, beginnt eigentlich per Definition auch eine neue Szene. Trotzdem: ein Perspektivwechsel in einer Szene ist erzähltechnisch zwar nicht verboten, aber doch eher eine Technik des experimentellen Schreibens.

Der Perspektivwechsel
In einer Geschichte, zumindest in den klassischen, gibt es immer eine Erzählperspektive. Üblicherweise sind dies die auktoriale und die personale Erzählperspektive. Es gibt noch die Ich-Perspektive. Diese gilt für Geschichten, die aus der Ich-Position verfasst worden sind.
Die auktoriale Erzählperspektive hat es mit einem „allwissenden“ Erzähler zu tun. Dieser Erzähler kann jederzeit fehlende Informationen nachtragen, das Geschehen kommentieren und von einem Erzählstrang zum nächsten springen, ohne selbst als Erzähler anders zu werden.
Die personale Erzählperspektive erzählt aus der Sicht einer der Romanpersonen. Wenn Peter der Protagonist des Romans ist, kann der Autor dies aus seiner Perspektive machen, d.h. der Autor gibt nicht die eigenen Gedanken wieder, sondern die von Peter. Ist Peter zum Beispiel unglücklich mit seinem Beruf, dann wird er dies aus seiner Sicht schildern. Er kann dies völlig ungerecht tun und völlig falsch. Das ist in diesem Fall aber erlaubt, weil es eben seine Perspektive ist.
Wenn man nun die Geschichte aus einer Perspektive darstellen kann, kann man sie auch aus mehreren Perspektiven schreiben. Eine Geschichte wird dann aus der Sicht von Peter, Sabine, Toby und wem auch immer geschrieben. Der Autor wechselt also die Perspektive.

Probleme mit dem Perspektivwechsel
Geschichten brauchen Strukturen. In Abenteuergeschichten sind dies normalerweise die Szenen (mit Abenteuergeschichten meine ich alle Geschichten, die auf Spannung aufbauen, also viele Krimis und Fantasy, aber auch Liebesromane und zahlreiche historische Erzählungen). Eine gut strukturierte Geschichte ist also eine Geschichte mit gut abgegrenzten Szenen. Eine Szene hat immer eine Funktion: Sie führt zum Beispiel eine neue Figur ein, eine wichtige Information oder eine für die Geschichte relevante Handlung. (Eine ausführlichere Darstellung habe ich unter Szenisches Schreiben veröffentlicht.)
Funktionen in Szenen sind stark auf die Handlung bezogen. Sie brauchen einen Handlungsträger, also einen Protagonisten. Die Betonung liegt hier auf „einen“. Will man also die Perspektive wechseln, muss man eine neue Szene anfangen. Dass sich diese Szenen dann ineinander verschränken können, klar. Peter sitzt am Küchentisch und überlegt, wie er seiner Freundin beibringen kann, dass er mit den Kumpels jetzt doch Fußball schauen geht. Sabine kommt in der nächsten Szene in die Küche und  ahnt, was Peter denkt.
Teilt man Szene nicht auf, sondern führt sie nahtlos aus der Perspektive von Peter in die Perspektive von Sabine, kann sich zwar der Leser denken, dass die Perspektive gewechselt wurde. Doch der Autor orientiert ihn nicht und dann kann es zu Missverständnissen kommen. Um also solche Missverständnisse zu vermeiden: Szenen mit unterschiedlichen Perspektiven trennen.
Ein weiterer Vorteil klar abgegrenzter Szenen und klar abgegrenzter Perspektiven ist die psychologische Darstellung der Personen, die dadurch wesentlich schärfer wird. Gut abgegrenzte Szenen bedeuten gut dargestellte Charaktere. Natürlich kann man nicht alleine dadurch seine Protagonisten lebendig machen. Man braucht auch ein gutes psychologisches Gefühl und Menschenkenntnis. Wer Probleme mit seinen Personen hat, zum Beispiel, weil sie plötzlich nicht mehr das machen, was sie in der Geschichte machen sollen, sollte sich ein wenig mit Psychologie beschäftigen, vor allem mit der Persönlichkeitspsychologie.

Ein Beispiel
Ich danke Christiane für das folgende Beispiel. Sie ist eine meiner wenigen Kundinnen, die mich als Text-Coach im fiktiven Bereich gefordert hat (normalerweise arbeite ich im wissenschaftlichen Bereich, biete aber ein Schreib-Coaching für Erzählungen und Romane an). Christiane hat folgenden Text geschrieben (ich habe den Personen andere Namen gegeben):
Peter schnaubte vor Wut.
Warum regt er sich jetzt so auf, empörte sie sich innerlich. Er ist doch selbst dran schuld.
Und sie steht da, als sei nichts. Wenigstens eine Erklärung könnte sie abliefern. Er verstand Mona sowieso nicht mehr. Erst war sie ganz Feuer und Flamme für ihn, jetzt ließ sie ihn so hängen.
Ich glaube, dazu muss man wenig sagen. Hatten Sie Probleme, die Sätze zu trennen, sich klar zu werden, was Peter denkt und was Mona denkt? Das ist das erste Problem, wenn man die Perspektiven nicht trennt. Sie hemmen den Lesefluss.
Das zweite Problem: findet ihr den Konflikt spannend? Das ist natürlich bei einer so kurzen Textstelle schwer zu sagen. Aber wenn wir schon, wie hier, einen dramatischen Liebesroman haben, dann möchten wir doch wissen, wie einer der Protagonisten seine Probleme und Konflikte dem anderen löst. Dann ist ein Perspektivwechsel sowieso nicht angebracht. Gerade weil ich nicht weiß, was diese Figur denkt, wird sie spannend. Diese Szene vergibt sich zum Beispiel die Chance, den Leser in Unsicherheit zu lassen. Wüsste der Leser nicht, wie Peter denkt, wäre die Szene spannender. Man kann dies zum Beispiel dadurch erreichen, dass man aus Monas Perspektive Peter beschreibt, aber seine Innenperspektive weglässt.

14.04.2013

Edgar Wallace: Feuer im Schloss

Der Roman Feuer im Schloss erschien 1931 und wurde 1960 übersetzt. Damit gehört er zu den späten Krimis von Edgar Wallace.

Rezension (ohne Spoiler)
Aus einer Nervenheilanstalt bricht ein alter Mann aus, erschlägt seinen Wärter und verschwindet in den Wäldern. Dieser Mann hat sein Leben lang in der Nervenheilanstalt verbracht. Warum er gerade jetzt ausbricht, weiß niemand. Kurze Zeit darauf werden mehrere Einbrüche verübt, bei denen teure Schmuckstücke gestohlen werden. Seltsamerweise aber werden diese fast ein Jahr später wieder zurückgebracht und zwar erneut durch Einbrüche.
Ein Bewohner des Landstriches ist Lord Arranway. Dieser etwas verschrobene Mensch mit einem großen Hang zur Eifersucht hat eine junge Frau geheiratet und da seine erste Frau ihn betrogen hat, gibt es zwischen den beiden reichlich Konflikte. Der Bruder der jungen Frau hat zur Versöhnung eine Europareise vorgeschlagen. Auf dieser Europareise lernen sie einen Mister Keller kennen, mit dem sich der Lord sehr gut versteht. Keller gibt vor, ein reicher Australier zu sein. In Wirklichkeit ist er ein Frauenheld, Dieb und Erpresser. Er hängt sich an den Lord und seine junge Frau und fährt mit ihnen auf ihr Schloss. Bereits einige Tage später bricht im Schloss ein Feuer aus und es brennt nieder. Die Bewohner des Schlosses siedeln in einen Gasthof über, der einem gewissen John Lorney gehört. Hier betreibt Keller weiterhin seine kleinen Erpressungen, deren Opfer vor allem Mary, die junge Frau des Lords ist. Dann taucht ein weiterer Mensch auf, dessen Tochter durch Kellers Missverhalten erst verrückt geworden ist, dann starb. Die Situation zwischen diesen Menschen spitzt sich immer weiter zu. Schließlich kommt es zum Mord an Keller.

Wallace führt nach und nach in eine Situation ein, die höchst spannend ist und geradezu nach einem Mord schreit. Dabei ist faszinierend, dass man erstens nicht an Keller denkt und zweitens, dass die Auflösung der ganzen Geschichte sehr nachvollziehbar ist, aber bis kurz vor der Auflösung eigentlich nicht denkbar. Der Krimi ist also hervorragend konstruiert.
Stilistisch bleibt Wallace sehr knapp. Seine Sätze sind kurz und ohne größere poetische Wortwahl. Nein, ein literarisches Meisterwerk, wie man dies bei Chandler erwarten kann, ist dieser Krimi nicht. Spannend und kurzweilig dagegen ist er und wegen der schlichten Sprache rasch zu lesen.
Man kann den Roman also ohne Bauchschmerzen empfehlen. Für einen Nachmittag ohne großes Philosophieren und mit viel Regen ist er auf jeden Fall äußerst ideal.