19.08.2017

Regeln, die keiner kennt

Г.1. Anti-Ironie-Regel
Г.2. Kinder-machen-so-Probleme-Regel
Ich räume meine Wohnung auf. Unter anderem entsorge ich alle möglichen alten Mitschleppsel. Dabei bin ich auf meine Vorlesungsmitschriften gestoßen, die ich jetzt, nebenbei, rasch einlese. Solche Fragmente wie oben, SoSe 1995, Sprechakttheorie. Ein Skript voller Tupel, Regellisten, seltsamen Gedanken zu dem Satz "Die Tür ist offen!" - Zum Glück war ich nie auf der Hochzeit eines Sprechakttheoretikers.

17.08.2017

Jahrespläne

Seit vier Wochen sitze ich über dem Jahresplan 2017/18. Ziel dieses Jahresplanes ist, zum einen die Themen der verschiedenen Fächer enger zu verknüpfen, zum anderen bestimmte Methoden systematisch über das Jahr hinweg aufzubauen. Ein Beispiel: der Rahmenlehrplan sieht in der dritten Klasse in Sachkunde das Thema ›Bauen und Wohnen‹ vor; hier sollen unter anderem spezifische Berufe betrachtet werden, die für den Hausbau notwendig sind. Dazu eignet sich in der Mathematik parallel mit geometrischen Formen zu arbeiten, in Englisch entsprechende Vokabeln einzuüben, und in Deutsch zum Beispiel das Textmuster Beschreibung und in der Grammatik Lokaladverbien zu behandeln. Zudem lassen sich hier gut einfache Fachwörter einführen, die die Kinder dann im Wörterbuch nachschlagen können. Ein Aspekt betrifft auch ein geschichtliches Thema, nämlich Wohnen in der Steinzeit. Hier hatte ich die Idee, dass man dies etwas ausweiten könnte, und in drei Arbeitsgruppen einmal Wohnen in der Steinzeit, wohnen im alten Rom und Wohnen in einer mittelalterlichen Burg behandeln könnte. Zu allen drei Themen habe ich nämlich schöne Bücher, aus denen sich die Kinder ohne großen Rechercheaufwand informieren können.

Der Berliner Rahmenlehrplan

Besonders begeistert mich im Moment auch die Arbeit mit den Berliner Rahmenlehrplan. Das ist ein durch und durch moderner Rahmenlehrplan, der sich in seinen Schwerpunktsetzungen zwar nicht offiziell an den Ergebnissen der Neurophysiologie orientiert, sich aber gut daran anschließen lässt. Ich kenne nun die ganz alten Rahmenlehrpläne aus Berlin nicht, aber die aus Hamburg, und die waren in den neunziger Jahren längst nicht so kompatibel. Hier hat sich glücklicherweise einiges in der Bildungslandschaft getan. Nach wie vor muss man allerdings den Zustand der Schulen in Berlin bemängeln: hier wäre bei vielen dringend mindestens eine Renovierung nötig, wenn nicht gar ein ganz anderer Gedanke, wie pädagogische Räume auszusehen haben.

Informatikunterricht

Der Medienbegriff

Ein besonderes Augenmerk liegt bei mir auf dem Informatikunterricht. Dieser ist in der Grundschule ein Teilaspekt des Sachkundeunterrichts. Zudem, was mir vorschwebt, habe ich bisher wenig Literatur gefunden. Drei Artikel aus dem Bereich haben mich besonders genervt, weil diese den Fachbereich Informatik vornehmlich von dem der Medienkompetenz abgrenzen wollten. Das ist zum Teil sinnig, aber eben nur dann, wenn man den Bereich Computerwissen auch gut ausgestalten kann.
Ein grundlegendes Problem dabei ist, dass der Begriff Medium je nach Theorie eine andere Bedeutung besitzt, oder sogar innerhalb einer Theorie mit unterschiedlichen, kontrastierenden Bedeutungen belegt wird. Wenn ein Artikel dann versucht, gleichzeitig Abgrenzungen vorzunehmen, aber auch den Medienbegriff möglichst umfassend zu handhaben versucht, können eigentlich nur recht schwammige Aussagen entstehen.

Didaktik des Programmierens

Mir fehlen immer noch Artikel zum Programmieren mit Grundschülern. Dabei wäre dies, beim heutigen Stand der Software und den Angeboten der Software-Hersteller, ein leichtes, dies umfangreicher zu erforschen. Viele Programme dazu gibt es kostenlos, und manche Sachen, wie zum Beispiel HTML und CSS, lassen sich über das Herumexperimentieren leicht in den Unterricht einbauen.

Mögliche Lernziele

Provisorisch habe ich mir also folgende Lernziele gesetzt: bis zum Ende der vierten Klasse können die Schüler in Grundlagen HTML und CSS, und eventuell sogar ein wenig Javascript einbauen, zumindest nach Vorlage. Sie können einfache Programme zur Automatisierung von Rechenoperationen in Python schreiben, arbeiten selbstständig mit einem Textverarbeitungsprogramm und veröffentlichen Sachtexte auf einem klasseneigenen Blog.
Bis zum Ende der sechsten Klasse sollen die Kinder dann einfache Anwendungen mit einer grafischen Oberfläche in Python erstellen können. Zudem sollen sie mithilfe eines Präsentationsprogrammes einen Lehrfilm produzieren und auf YouTube veröffentlichen. Ganz hübsch wäre es natürlich auch, aber das hängt von den finanziellen Mitteln der Schule ab, wenn die Kinder Erfahrungen mit dem Programmieren von Robotern machen könnten. Doch das ist tatsächlich auch viel der Sensationalität von Robotern geschuldet; ein übliches oder alltägliches Berufsfeld für Programmierer ist das nicht.
Ich habe auch noch einige andere Ideen im Kopf, wie etwa, einige unterstützende Grafiken für Arbeitsvorgänge zu erstellen, und diese ganz explizit an der grafischen Beschreibungssprache UML auszurichten, so dass die Kinder explizit, aber implizit ein wichtiges Instrument des Programmierens kennenlernen.
Aber das sind noch alles sehr offene Überlegungen. Hier werde ich mich langsam vortasten müssen. Gerade in der Grundschule scheint das Programmieren noch absolutes Neuland zu sein, obwohl es zahlreiche Kinder gibt, in ihrer Freizeit bereits einiges an Erfahrung gesammelt haben und recht erfolgreich eigene kleine Programme geschrieben haben. Insofern bin ich ganz entspannt, was den Einbau in den allgemeinen Unterricht angeht.

06.08.2017

Ästhetische Erfahrung in fiktionalen Texten

Man kommt gelegentlich auf sehr seltsamen Umwegen zu Themen zurück, mit denen man sich schon lange beschäftigt hat. Und kann daran merken, dass man ein Thema immer noch nicht gründlich genug durchdacht hat. Eigentlich wollte ich noch einmal genauer die Aufgaben betrachten, die Schüler bewältigen müssen, wenn sie Texten Zwischenüberschriften geben oder diese nach ihren wichtigsten Aspekten zusammenfassen. Da bei beiden eine Vorstellung von dem Beschriebenen eine wichtige Rolle spielt, bin ich dann zur ästhetischen Erfahrung gekommen; und habe alte Artikel wieder hervorgekramt, mit denen ich mich bereits intensiv beschäftigt hatte.
Die Überschrift mag pompös daherkommen. Gemeint ist nichts anderes, als dass beim Lesen der Text zu Gunsten der Vorstellung verschwindet: statt einen Text zu lesen, durchlebe ich zusammen mit dem Protagonisten (oder der Protagonistin) ein Abenteuer. Ein anderer Begriff dafür ist Bildlichkeit; allerdings ist dieser Begriff so vielfältig und im Alltag deshalb auch so missverständlich, dass ich ihn gerne vermeiden wollte.

Ästhetische Erfahrung

Sieht man einmal von dem bedeutungslastigen Wort ›Ästhetik‹ ab, so meint dies ursprünglich nichts anderes als Wahrnehmung. Ästhetik ist demnach die Lehre von der Wahrnehmung, nicht zuerst die von der Schönheit. Klassischerweise gehört die Lehre von der Schönheit zur Urteilskraft, während die Wahrnehmung in den Bereich der Vernunft fällt.
So gesehen ist die ästhetische Erfahrung, die man beim Lesen eines Textes macht, diejenige, dass er etwas zu sehen, zu hören, zu fühlen gibt, uns also eine Welt erschafft, die für eine Zeit lang die Realität „ersetzt“. Ganz so einfach ist das übrigens nicht, denn auch die Realität gehört zur ästhetischen Erfahrung dazu, insofern ich sie nämlich wahrnehme.
Was die ästhetische Erfahrung eines Textes nun so besonders macht, ist die Tatsache, dass die Wahrnehmung des Textes und die Vorstellung beim Lesen offensichtlich komplett unterschiedlich sind. Denn ein Text ist zunächst nur eine geregelte Komposition aus Mustern, sprich also Buchstaben. Man sollte meinen, dass er uns weder in den fernen Orient, noch ins Auenland, noch an die Normandie oder in die ferne Zukunft entführen kann. Und doch schaffen Texte all dies.

Semiotik des ästhetischen Gegenstandes

Zur Bildlichkeit gibt es zwei Zugänge, die aber beide gleichberechtigt sind. Wenn ein Leser sich beim Lesen eines Textes etwas vorstellt, und auch auf diese Vorstellung abzielt, so ist ein wichtiges Anliegen, dass er diese Vorstellung intensiviert und den Vorgang des Lesens genauso außer acht lässt wie das Medium, durch das er liest, also die Schrift. Die Vorstellung wird „objektiv“; und dafür wird im Hintergrund seine Subjektivität genauso verdrängt wie das Medium.
Entsprechend diesen beiden verdrängten Aspekten wird in der Philosophie der Literatur auf der einen Seite die Semiotik des ästhetischen Gegenstandes, also das Medium, untersucht; und auf der anderen Seite die Phänomene der ästhetischen Erfahrung, also die Vorstellungsbildung. Dabei sollte klar sein, dass das Medium den ästhetischen Gegenstand fundiert: ohne den Roman Harry Potter und der Stein der Weisen könnte ich mir weder den Protagonisten, noch all die anderen Figuren oder Schauplätze vorstellen. Im Medium selbst muss auf irgendeiner Art und Weise die Vorstellung vorhanden sein; und zumindest muss sie den Rohstoff für diese Vorstellung liefern, wenn schon nicht das fertige Endprodukt.
Bei der Erläuterung, was ein literarischer Text zu leisten hat, spielen Strukturen eine wichtige Rolle; dies gilt insbesondere für die Grammatik, deren Regeln die Sprache ordnen und so einen geordneten Ausdruck ermöglichen. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist die Rhetorik, da mit dieser Ausnahmen von der Regelhaftigkeit beschrieben werden, die selbst aber wieder in gewisser Weise regelhaft sind. Dies ist nun relativ komplex, wenn man es erläutern möchte, und gerade in Büchern zum Schreibhandwerk findet man darum eher erläuternde Beispiele als wissenschaftlich haltbare Definitionen.

Phänomenologie der ästhetischen Erfahrung

Betrifft die Semiotik den „objektiven Pol“ der Bildlichkeit, behandelt die Phänomenologie den „subjektiven Pol“. Dabei steht im Mittelpunkt der Betrachtungen die Reorganisation des Bewusstseinsfeldes. Darunter hat man sich vorzustellen, dass ein lesender Mensch zu Hause sitzt und eigentlich nur dieses Zuhause wahrnehmen dürfte, aber durch bestimmte Fähigkeiten die Vorstellung vollkommen anderer, sogar komplett erfundener Räume erzeugen kann. Die Phänomenologie untersucht also, welche Fähigkeiten ein Mensch besitzen muss, damit er zu solch einer Leistung in der Lage ist (kurz und wurschtig gesagt).
Nun kann man leicht einsehen, dass zur ästhetischen Erfahrung sowohl der subjektive wie der objektive Pol gehören, sowohl das organisierte Material der Zeichen, als auch die angeborenen oder kultivierten Fähigkeiten, sich Vorstellungen zu erzeugen. Die Trennung ist auf der einen Seite eine analytische, auf der anderen Seite eine empirische. Empirisch ist diese Trennung, weil sich Text und Mensch deutlich unterscheiden; analytisch ist sie, weil in der Vorstellung beides zusammen wirkt und beides erfordert, sowohl den Text, als auch den Menschen.

Mimesis und Semiosis

Jeder Text erzeugt in gewisser Weise „Realitätseffekte“, also Vorstellungen, die wir zunächst für etwas Reales halten. Dies bezeichnet der französische Literaturwissenschaftler Michel Riffaterre als Mimesis. Das ist nun nicht der glücklichste Begriff, da Mimesis Nachahmung bedeutet. Dagegen ist bei der Lektüre fiktionaler Texte ein konstruktiver und kreativer Anteil immer mit enthalten. Und vermutlich ist auch die reine Wahrnehmung keine Abbildung etwas Äußerlichen, sondern ebenfalls konstruktiv und kreativ. Wie auch immer: als Realitätseffekt kann man das Phänomen bezeichnen, dass wir während des Lesens eine Vorstellung erzeugen, die wir für real halten, und wenn auch nur für den Moment, in dem wir sie erzeugen.
Doch die Fähigkeiten des Lesers müssen weiter gehen. Zugleich muss er den Text entziffern, den er liest. Er muss verstehen, dass Harry Potter auf den ersten Seiten des Romans denselben Menschen bezeichnet wie auf den letzten Seiten; die Gleichheit der Zeichen muss verstanden werden, damit die Vorstellungen einen Zusammenhang erlangen. Jeder Satz muss in seiner Konstellation verstanden werden, und um die Konstellation eines Satzes zu verstehen, ist grammatisches Wissen notwendig. Schließlich müssen Metaphern entschlüsselt werden, Ironien in ihrer doppelten Bedeutung erfasst, Katachresen mit ihren verschiedenen Verweisungen verstanden werden; mithin muss die ganze Rhetorik eines Textes berücksichtigt und in den Fluss der Vorstellungen integriert werden. So ist beim Lesen das Zeichenmaterial nicht nur auszublenden, sondern regelmäßig zu beachten. Dies nennt Riffaterre die Semiosis.
Beide Aspekte wirken nun zusammen, einmal als Weltwissen, das in Bezug auf die gelesene Geschichte umgestaltet wird, einmal als Zeichenwissen, welches zumindest als Ausdruck in die Geschichte einfließt.

Bildlichkeit

Die Bildlichkeit eines Textes beruht also auf zwei Quellen.
Wenn man mit Kindern verschiedene Formen der Zusammenfassung von Texten erarbeitet, seien es Notizen zu einem Sachtext, seien es Zwischenüberschriften in einem fiktionalen Text, wirken diese beiden Quellen sehr unterschiedlich auf das Ergebnis ein und führen zu nicht immer nach diesen Quellen zu unterscheidenden Fehlern. Als Lehrer muss man hier gut beachten, ob ein Text in seiner materiellen Struktur nicht genügend verstanden wurde, also das Problem auf Seiten der Semiosis zu suchen ist; oder ob das vorhandene Vorwissen beim Kind zu ganz anderen Prozessen des Verbildlichens geführt hat, der Fehler also auf Seiten der Mimesis liegt.
In der Vergangenheit habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen mit diesen Techniken gemacht. Hier hilft zum Beispiel die Aufforderung „Schreib das Wichtigste heraus!“ nicht. Oftmals führt dies zu Ratereien, und wenn der Aufforderung auf glückliche Art und Weise nachgekommen wird, so ist doch keineswegs klar, warum. Präzisere Aufgabenstellungen dagegen führen gelegentlich dazu, dass in der Frage bereits die Antwort vorgegeben ist; und damit wird das Verstehen eines Textes beinahe schon umgangen. Denn pfiffige Schüler verstehen sehr wohl, wie man aus der Frage eine passende Antwort formuliert, die nur noch so tut, als wäre der Text vorher gelesen worden.
Nun kann ich keineswegs eine Empfehlung geben. Seit gestern kommentiere ich zwei Aufsätze durch, die mir zu einem besseren Verständnis helfen sollen. Hier fällt mir dann wieder auf, dass ich früher bestimmte Aspekte bei der Arbeit meiner Schüler vielleicht zu wenig beachtet habe, weshalb jetzt eine Rückkehr in die Praxis und die praktische Arbeit notwendig wäre.
Insgesamt halte ich aber die Diskussion um die ästhetische Erfahrung auch für Schriftsteller und ganz allgemein für eine wichtige Sache, weshalb ich hier die pädagogischen Anteile noch sehr zurückgenommen habe. Die Grundlagen dessen, was wir Lesen nennen, werden derzeit so stark ausgeblendet, dass bei vielen Menschen dieses mehr einer Demiurgie als einem reflektierten, kritisch überwachten Prozess gleicht.

03.08.2017

Pranger. Martenstein

Eben musste ich lachen, und dann doch schlucken. Da beklagt sich ein äußerst rechtslastiger, um nicht zu sagen offen rassistischer FaceBooker darüber, dass Deutschland um 31 Plätze in der Rangliste der sichersten touristischen Länder abgefallen sei. Für ihn und seine fleißigen Kommentatoren steht fest, dass daran die Asylanten schuld sind. Und deshalb die Bundesregierung weg müsse. Kein Wort verliert der Mensch dagegen über die geradezu monströse Zunahme rechtsradikaler Gewalttaten und dass verschiedene westliche Länder, unter anderem Kanada, für bestimmte Teile Deutschlands Reisewarnungen ausgegeben haben. Offensichtlich gibt es Menschen, die für ihr Verhalten, ihr ständiges Geplärre und Gehetze, keine Verantwortung übernehmen wollen. Das genau ist das Problem von diesen „Wirklichkeitserklärern“.

Harald Martenstein

Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben, nämlich zu Harald Martenstein. Der ist auf der Internet-Seite Agent*in als „Journalist, der heteronormative Positionen vertritt“ charakterisiert worden. Und unter anderem hat Dietmar Kanthak vom Generalanzeiger Bonn darauf unwirsch reagiert. Dazu werde ich aber gleich kommen. Martenstein jedenfalls hat in seinem Feuilleton-Artikel Schlecht, schlechter, Geschlecht eine ganze Menge an Belegen aufgefahren, warum sich ihm die Frage nach dem kulturellen Geschlecht (also dem gender) nicht so einfach darlegt; zumindest nicht in der Einfachheit, die er bei den gender-Theoretikern zu lesen meint. Der Artikel ist nicht ganz so schlecht, wie man es sonst von Martenstein gewohnt ist. Seine Glossen sind gelegentlich bedauernswert lapidar, gelegentlich schwülstig; bei politischen Kolumnen vergreift er sich mit seinen Begriffen regelmäßig. Um Plattitüden kommt allerdings Martenstein auch hier nicht herum. Diese griffige Formel „Anatomie ist ein soziales Konstrukt“, angeblich von Judith Butler, und zumindest nicht gänzlich falsch, kann ohne Hintergründe missverstanden werden. Die Hintergründe sind bei Butler auf hohem Niveau. Durch einen Satz, der so herausgerissen auch ein Stammtisch-Spruch sein könnte, sind diese natürlich nicht zu verstehen.

Antiwissenschaft

Auf diesen Artikel antwortet Isabel Collien. Sie greift Martenstein scharf an:
Sein Artikel steht in einer perfiden Tradition, die Erkenntnisse von Frauen als unwissenschaftlich diffamiert. Geschlechterforschung beruht nämlich, so Martenstein, „auf einem unbeweisbaren Glauben“ und ist daher maximal als Antiwissenschaft zu betrachten.
Martenstein leistet sich sogar noch mehr:
Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten.
Man frage sich an dieser Stelle, was die Bibel denn mit Naturwissenschaften zu tun habe und wie man die Kritik an gewissen Ausprägungen des christlichen Glaubens durch gender-Theoretikerinnen in diesem Satz unterzubringen habe.

Verpönte Naturwissenschaft?

Nein, ich möchte nicht der gesamten gender-Theorie das Wort reden. Sicherlich gibt es auch hier einiges Seltsames und Schrilles; aber dies ist wohl in jeder Wissenschaft so.
Was die Naturwissenschaften angeht, so hat Judith Butler in ihrem Buch Körper von Gewicht in dem Unterkapitel »Sind Körper etwas rein aus Diskursives?« und im darauf folgenden Unterkapitel eine recht komplexe Antwort gegeben, die weder die Naturwissenschaften exkommuniziert, noch ihnen einen politischen und ethischen Freibrief ausstellt, auch nicht in Bezug auf die Konstruktion von Anatomie. Die Frage, die sich Martenstein nämlich nicht gestellt hat, ist die Reichweite, die ein solcher Satz wie „Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen.“ im sprachlichen Geflecht besitzt. Natürlich wäre der Satz günstiger gewesen, hätte er gelautet: „Naturwissenschaften reproduzieren auch herrschende Normen.“ – Denn es gibt in dem Geflecht der Sprache und der sich überkreuzenden Kodierungen keine Eindeutigkeiten, sondern nur Mehrdeutigkeiten, die sich systematisch ausarbeiten lassen.
Collien weist in ihrer Entgegnung auf Martenstein sehr richtig auf Donna Haraway hin, einer international renommierten Biologin. Diese hat Martenstein nicht zitiert. Und auch wenn jetzt noch immer die Möglichkeit besteht, dass Haraway nicht recht hat, so müsste man, um sie zu kritisieren, ihrer Profession gründlicher nachgehen als Martenstein getan hat (und wahrscheinlich jemals tun wird).

Verwirrungen

Trotzdem kann ich nicht ganz die scharfe Kritik nachvollziehen, die Collien an Martenstein übt. Denn sein Artikel hat natürlich auf der einen Seite sehr nachlässige, grobe Stellen, und auf der anderen Seite zeigt er ein ganz allgemeines Problem: Hier hat sich jemand auf die Suche gemacht und ist irgendwie (also: „irgendwie“) daran gescheitert. Ja, auf der einen Seite haben gerade Journalisten, aber eigentlich jeder gebildete Bürger (und jede Bürgerin) Pflicht zur Selbstinformation. Aber auf der anderen Seite ist das Feld der Geschlechterforschung so komplex, dass vielleicht nicht einmal mehr Spezialistinnen alle Stimmen zur Kenntnis nehmen können.
Ich jedenfalls hätte gerne Menschen an meiner Seite, die in solchen Fragen bewandert sind und denen ich meine Fragen stellen könnte, auch wenn diese gelegentlich wohl etwas dämlich ausfallen würden (und auch meine Lektüre von Judith Butler wird mich wohl nicht vor Missgriffen schützen, denn dies würde voraussetzen, dass ich sie in ihrer Bedeutung für die Kultur umfänglich verstanden hätte; obwohl ich das nicht beweisen kann, erlaube ich mir doch selbst eine beschränkte Sichtweise zuzusprechen).
Soll heißen: manchmal ist es nicht Heteronormativität, sondern einfach nur Unkenntnis. Auf einige dieser blinden Flecken weist Collien hin.

Imaginäre Anatomie

In einer umfangreichen Diskussion insbesondere Lacans (an oben angegebener Stelle) zeigt Butler, dass die Anatomie in sich selbst gespalten ist. Zwar gibt es diese körperlichen Grundlagen, aber zugleich gibt es eine Zugänglichkeit der Anatomie im Diskurs, und diese Zugänglichkeit wird eben nicht von der Anatomie selbst reguliert, sondern von den Kodierungen, die innerhalb einer Zeit und einer Gesellschaft möglich sind. In gewisser Weise kann man deshalb sagen, dass die Anatomie zwar etwas Biologisches ist, aber die Möglichkeit, darüber zu reden und diese Anatomie wahrnehmbar zu machen, nicht. Insofern wäre es verkürzt, die Anatomie als soziales Konstrukt zu bezeichnen; sie ist selbstverständlich biologisch, aber nur über das soziale Konstrukt erreichbar und damit von diesem verstellt, verschoben und verkannt.
So bleibt am Ende die Frage, warum wir uns nach einem Jahrhundert ständiger Verschiebungen im wissenschaftlichen Bereich mit solchen Menschen abgeben müssen, deren Meinung ist, mit der Hinterfragerei solle doch endlich mal genug sein. Und es ist auch nicht einzusehen, warum gerade Martenstein dieser Debatte einen Schlussstrich setzen sollte. Vermutlich wird er diese Formulierung ablehnen, und vermutlich wird er sich sogar überzeugen lassen, dass auch auf dem Gebiet von Anatomie und Diskurs weitere Forschungen nötig sind. Und trotzdem ist es richtig, ihm seine Automatismen der Interpretation aufzuzeigen und zu hinterfragen.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung

Kehren wird zu dem Artikel von Kanthak im Generalanzeiger Bonn zurück. Das Schlussplädoyer des Journalisten lautet:
Man kann die Emanzipation der Geschlechter, Gleichberechtigung, Antidiskriminierung und Anerkennung aller sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten als zentrale Elemente der Menschenrechte verstehen. Dafür darf man aber nicht leichthin das Recht auf freie Meinungsäußerung zur Disposition stellen.
Und für alle, die hier die feinen Verwerfungen nicht zu lesen verstehen: jenes „man kann“ ließe sich schon als ein „man muss aber nicht“ deuten; und noch schlimmer ist der darauf folgende Satz, denn das Recht auf freie Meinungsäußerung wird Martenstein gerade nicht abgesprochen. Ein Widerspruch ist eben noch kein Verbot. Wenn etwas falsch erscheint, dann muss widersprochen werden. Im Gegenzug überdreht Kanthak seine Kritik am „digitalen Pranger“ in einer Art und Weise, dass die Berechtigung zur Kritik den Autorinnen der Heinrich-Böll-Stiftung (fast schon) abgesprochen wird.
Ganz zum Schluss schreibt er dann noch:
Die Böll-Stiftung hat böse Geister losgelassen. Wer fängt sie wieder ein?
Damit wird die zum Teil recht unerfreuliche Diskussion um den gender-Begriff gerade nicht jenen Hetzern und Lügnern zur Last gelegt, die von einer Frühsexualisierung und Indoktrination mit homosexuellen Lebensweisen schwafeln, und in deren Kielwasser ein Martenstein dahintreibt, wenn auch mit gehörigem Abstand. Diese bösen Geister sind wesentlich früher der Büchse entwichen, in der sie ihre Existenz fristeten; wenn sie denn jemals eingesperrt waren. Was man hier und da gut bezweifeln darf.

31.07.2017

Einige Anmerkungen zur Kompetenz

Kompetenz ist ein zentraler Begriff der neuen Lehrpläne, zumindest der Lehrpläne in Hamburg, Brandenburg und Berlin. Im Alltag wird er häufig alleine genutzt, vorwissenschaftlich, wie man gelegentlich sagt. In der Wissenschaft dagegen werden Theorien benutzt. Ein wichtiger Bestandteil von Theorien sind aufeinander abgestimmte Begriffe. Der Kompetenzbegriff kann also nicht für sich alleine stehen.

Stufen der Beobachtbarkeit

Jede Wissenschaft beruht auf beobachtbaren Tatsachen. In Fällen, in denen diese nicht angegeben werden, etwa bei Spekulationen, muss zumindest der Hinweis vorhanden sein, wie man etwas beobachtbar machen könnte. Selbstverständlich bedeutet Beobachtung in diesem Sinne jegliche Art von Sinnlichkeit, nicht nur die visuelle.
Der Kompetenzbegriff lässt sich nun nach Stufen der Beobachtbarkeit gliedern. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Kompetenz nämlich nicht beobachtbar, sondern nur die Performanz. Als Performanz wird das Ausüben einer Tätigkeit verstanden; kann eine Tätigkeit regelmäßig, unabhängig vom Umfeld oder sogar unter widrigen Umständen durchgeführt werden, kann man auf eine hohe Kompetenz schließen. Die Kompetenz ist dabei nur indirekt beobachtbar.

Psychologische und neurologische Raster

Die Kompetenz beruht wiederum, so die Spekulation, auf psychologischen Eigenschaften. Die Einteilung dieser psychologischen Eigenschaften ist zum Teil historisch, zum Teil von der Disziplin bestimmt. Merkfähigkeit ist zum Beispiel eine solche Eigenschaft, oder Kreativität, Beobachtungsgenauigkeit und Abstraktionsvermögen. Abgesehen davon, dass die Begriffe für sich selbst strittig sind, gibt es auch sehr unterschiedliche Zusammenstellungen dafür, welche Eigenschaften einen Menschen „definieren“.
Durch die Neurologie und die zunehmend präziser werdende Hirnforschung hat sich unterhalb der psychologischen Eigenschaften ein zweites Raster ausgebildet: dieses orientiert sich nicht mehr an den Kompetenzen, bzw. an zuverlässigen Performanzen, sondern an den funktionellen Teilen des Gehirns. Man kann zum Beispiel das Gehirn durch die unterschiedlichen Gewebearten, zudem durch die unterschiedliche Ansteuerung während einer Handlung aufgliedern. Dadurch kommt man, bei aller Vorsicht, zu einer recht sicheren Kartierung der organischen Basis des Denkens. Zwar ist diese Kartierung seit dem 18. Jahrhundert mehrfach und umfassend überarbeitet worden, aber insgesamt kann man doch sagen, dass bei vielen psychologischen Eigenschaften zahlreiche Hirnregionen zusammenarbeiten.
Bei der weiteren Aufschlüsselung von Kompetenzen in Bezug auf daran beteiligten Hirnregionen werden die psychologischen Kategorien unterlaufen und neurologisch/biologisch unterfüttert.

Lesefähigkeit

Zur Lesefähigkeit gehört zum Beispiel das sinnentnehmende Lesen. Dies bezeichnet eine Kompetenz. Der Lehrer in der Schule überprüft die Performanz, indem er die Kinder Fragen zum Text beantworten lässt, eine Zusammenfassung schreiben lässt, eine sinnvolle Fortführung des Textes schreiben oder die Kinder zum Beispiel über ein Verhalten einer Figur im Text diskutieren lässt.
Aus einer gewissen Differenziertheit der Ergebnisse kann der Lehrer nun auf die Kompetenz schließen. Dabei muss er selbstverständlich beachten, dass nicht jede Aufgabe zu einer gleichen Performanz aufruft. Die Aufgabenstellung wirkt also direkt darauf ein, was dem Schüler zu zeigen ermöglicht wird.
Hinter der Performanz des sinnentnehmenden Lesens findet man zum Beispiel die Vorstellungsbildung. Ein Text wird dann genauer erfasst, wenn der Schüler in der Lage ist, sich dazu passende begleitende Vorstellungen zu machen.
Von der neurologischen Seite aus spielen dabei zahlreiche Komponenten eine Rolle, insbesondere viele Gedächtnisanteile. So ist jedes Objekt, welches bei der Vorstellung eine Rolle spielt, mehr oder weniger streng an ein Bild gebunden. Im Gehirn entwickeln sich Muster, die entweder starr in ein größeres Muster eingebunden, oder locker in diesem verfügbar sind. Je mehr sich jemand mit einem bestimmten Muster beschäftigt hat, umso eher wird er es in andere Vorstellungen einbauen können. Dem Vorstellungsvermögen auf der psychologischen Ebene entspricht die Flexibilität der Muster auf der neurologischen.

Langsame Wertungen

Abgesehen davon, dass die Aufteilung auf den einzelnen Ebenen eher durch Vorlieben und theoretischen Traditionen geprägt ist, lässt sich zudem die Trennung zwischen den Ebenen nur spekulativ vollziehen; so wird das ganze System unsicher. Bedenkt man auf der anderen Seite, wie abhängig eine Performanz von der Situation ist, aber auch davon, ob andere Menschen überhaupt eine Tätigkeit in ihrer Qualität zu würdigen wissen, verliert der Kompetenzbegriff seine heroische Eindeutigkeit.
Als Lehrer hat man nicht nur die Aufgabe, Kompetenzen zu diagnostizieren, sondern dem Schüler auch zu ermöglichen, diese Kompetenzen zu zeigen. Es ist kaum möglich, sämtliche Bedingungen für eine erfolgreiche Performanz und eine hinreichende Kompetenz zu kennen, geschweige denn in einer Lernsituation zu beobachten. Wer sich also an die Diagnose von Kompetenzen macht, tut gut daran, mit seinen Wertungen langsam vorzugehen.

Der Computer als Medium im informatischen Unterricht

Wenn man sich mit Computern im Unterricht beschäftigt, bzw. eigentlich mit dem, was man informationstechnische Grundbildung nennt, stößt man auf eine ganze Menge von Angeboten, wie diese Sichtweise verfeinert und kategorisiert werden kann. Wer nicht vom Fach ist, der sei daran erinnert, dass es im Deutsch-Unterricht ebenfalls mehrere Fächer gibt, so etwa die formelle Seite der Wörter (die Rechtschreibung also) oder die Sprachreflexion (zu der die Grammatik gehört), usw.
Ein hartnäckiges Problem bleibt der Medienbegriff. Mal ist der Apparat das Medium, mal die Art und Weise der Darstellung, mal die Struktur der Darstellung, und auch hier lässt sich unbefangen ein Usw. anhängen.

Vier Aspekte der Nutzung von Computern

Ich habe mich zunächst auf die Benutzung von Computern beschränkt, um hier meinen eigenen Zugang zu finden. Damit bleiben alle Betrachtungen der Hardware außen vor. So wäre es zum Beispiel wichtig, zum Verständnis von Computern diese zu öffnen und so den Kindern einen Einblick zu gewähren. Dies könnte man zum Beispiel im Rahmen einer Reinigung des Computers machen. Doch soweit will ich hier nicht gehen.

Der Computer als virtueller Raum

Eine der häufigsten Forderungen zur Computernutzung betrifft Lernsoftware. Diese stellt zu unterschiedlichsten Themen Programme bereit, mit denen Schüler etwas lernen können. So gut die Lernsoftware auch sein mag, als Inhalt für den informationstechnischen Unterricht bleibt sie zwiespältig. Denn rein inhaltlich kann mit solcher Software sowohl Rechtschreibung, Beeinflussungen und Abhängigkeiten im Ökosystem, und allerlei andere Sachen gelernt werden. Gerade Lernsoftware lebt davon, das Medium unsichtbar zu machen.
Natürlich gelingt dies nicht vollständig. Immer noch müssen die Kinder wissen, was man mit einer Maus anfangen kann, was Buttons (oder Knöpfe) auf einen Bildschirm bedeuten, und wie man eine solche Software startet. Doch das Lernen in Bezug auf den Informatikunterricht ist begrenzt. Er stellt einen indirekten Lernaspekt gegenüber dem thematischen und direkten Lernaspekt dar.

Der Computer als Werkzeug

Einen direkteren Zugang bieten all jene Programme, mit denen man etwas produzieren kann. Dazu gehören Textverarbeitungsprogramme oder Programme zur Bildbearbeitung. Im Unterschied zur Lernsoftware wird hier die enge Führung aufgegeben. Es gibt am Ende kein feststehendes Produkt, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten. Insbesondere muss der Benutzer selbst planen. Und wenn ein solches Programm im Unterricht zum Einsatz kommt, muss der Lehrer das Produkt vorgeben und den Weg dorthin strukturieren (natürlich abhängig von der Selbstständigkeit der Schüler und dem Lernziel des Unterrichts).
Die offenere Nutzung stellt den Werkzeugcharakter eines Programms stärker in den Mittelpunkt und damit die Funktionsweise des Programms.
Wenn man nun fragt, was genau dies mit der informationstechnischen Bildung zu tun hat, dann sei daran erinnert, was ein Programmierer eigentlich macht. Programmierer sind zuallererst keine Programmierer, sondern Menschen, die Arbeitsabläufe mithilfe von Computern automatisieren. Als erster Schritt steht deshalb die Analyse von Arbeitsprozessen im Mittelpunkt. Erst daraus werden dann Modelle entwickelt, die zu einer Software führen. Das war eigentlich schon immer so; aber erst in den letzten 15 Jahren wird dieser Aspekt auch in der Theorie und der Darstellung der Praxis prominent behandelt. Bei größeren Teams kann es allerdings passieren, dass ein Programmierer tatsächlich nicht für die Analyse zuständig ist, sondern während seiner ganzen Arbeitszeit mit dem Schreiben von Code beschäftigt ist.
Wer anhand von Werkzeug-Programmen ein Produkt erstellt, erhält zwar in diese Analyse noch keine Einsicht, aber geht zumindest mit dem sichtbaren Ergebnis dieser Analyse um. Und damit gewinnt er (und sie) zumindest ein gewisses Gefühl dafür, wie sich Arbeitsabläufe vom Programmierer aus einteilen lassen.

Der Computer als Informationsmedium

Programmierer automatisieren nicht nur bestimmte Arbeitsabläufe, sie abstrahieren auch Datensätze. Ein Datensatz ist zunächst, auch wenn dies merkwürdig klingt, jegliches sinnliche Phänomen. Die Abstraktion besteht nun darin, solche Sinnlichkeiten nach wichtig/unwichtig einzuteilen. Diese Einteilung verläuft natürlich nach den Ergebnissen, die man erzielen möchte. Jedenfalls ist es jedem Medium eigen, von Daten zu abstrahieren; so wie ein Foto von der Dreidimensionalität abstrahiert, aber auch von allen sinnlichen Kanälen, ausgenommen dem visuellen.
Informationen werden ebenfalls abstrahiert. Sie sind sowohl Ergebnis als auch Ursache von Abstraktionen. Man kann sich über die Qualität der Information bei Wikipedia, oder, besser noch, auf Facebook und Twitter, trefflich streiten. Tatsache ist, dass kein Medium ohne Abstraktion funktioniert.
Zunächst helfen Informationsmedien bei der Auswahl und der Steuerung von Handlungen. Die Abstraktion gerät immer dann deutlich in den Blick, wenn sie für das Ergebnis hinderlich wird, zum Beispiel bei der Verpixelung von Bildern oder fehlenden Schriftsätzen bei Textverarbeitungsprogrammen – oder beim präzisen Einfügen von Bildern in einen Fließtext, also dann, wenn der Benutzer weiß, dass dies prinzipiell möglich ist, aber die Schrittfolgen nicht kennt.

Der Computer als Programmiermöglichkeit

Am direktesten wird die Arbeitsweise von Software beim Programmieren erfasst. Zwar gibt es Hilfsprogramme, die einem das Programmieren auf zahlreiche Weisen erleichtern. Trotzdem spielen hier alle Aspekte des Programmierens eine prominente Rolle, vom Planen der Automatisierung über die Auswahl der relevanten Daten und deren Veränderung, bis hin zu zentralen Themen des Programmierens, etwa der Bildung von Algorithmen und der Verteilung von Aufgaben in einer Systemarchitektur.

Einteilung des Computereinsatzes

Insgesamt ist es schwierig, aus diesen einzelnen Beispielen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eine wichtige Rolle spielt allerdings die Mittelbarkeit. Bei Lernprogrammen ist das Programm selbst nur ein Mittel für etwas ganz anderes, während beim (Erlernen vom) Programmieren das Programm zum Zweck wird.
Sehr ähnlich gelagert ist die Aufteilung in einen direkten und einen indirekten Lernaspekt. In der Lernsoftware muss der Computer nur soweit beherrscht werden, damit das Programm laufen kann. Das Thema ist ein anderes (zum Beispiel Englisch-Vokabeln). Beim Programmieren ist dieses selbst das Thema. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede: jede höhere Programmiersprache entfernt sich von der ursprünglichen Maschinensprache. Sie ist, in Bezug auf die grundlegende Steuerung, eine Vereinfachung, Zusammenfassung und „Abstraktion“.

Abschließend: Wertneutralität

Diese Betrachtung entfernt sich von der pädagogischen Situation, vor allem aber von den Benutzern. Um einen Computer zu bedienen, müssen die Benutzer bestimmte kognitive Voraussetzungen mitbringen. Auch dies lässt sich bei einer Analyse der Medien herausarbeiten. Er wird allerdings häufig vergessen, manchmal mit dem Argument, dass die Kinder doch sowieso schon zahlreiche Erfahrungen mit Computern hätten. Das ist natürlich richtig, aber nicht der springende Punkt. Denn für den Pädagogen bleibt wichtig, welche Kompetenzen wann und wie genutzt werden.
Dies führt uns auf einen anderen Weg. Und dazu müsste ich wesentlich genauer betrachten, was zum Beispiel beim Programmieren passiert. Vor allem aber müssten wir uns noch einmal um den Kompetenzbegriff bemühen.
Gerade wird im Internet wieder über den Feminismus gestritten, vor allem über die Frage, ob Frauen mit der gleichen Kompetenz benachteiligt werden. Bleibt man innerhalb des Systems, dann kann man diese Frage eindeutig mit Ja beantworten: Ja, Frauen werden benachteiligt. Allerdings, und das ist mein Kritikpunkt, hängt ein solcher Kompetenzbegriff immer an Privilegien. Und ob man nun die Gesellschaft prinzipiell für so veränderbar hält, dass es auch eine Kompetenz ohne Privilegien gibt, oder ob man dies bestreitet: in der Wissenschaft muss man zwischen diesen beiden Aspekten streng scheiden, denn der eine Anteil ist ein neurologischer, der andere ein politischer. Damit ist der eine Begriff „wertfrei“, bzw. von Werten getragen, die den naturwissenschaftlichen Gepflogenheiten gehorchen, der andere dagegen kann gar nicht wertneutral gedacht werden.
Dass diese Einteilung immer noch höchst problematisch bleibt, sieht man schon daran, dass die Wissenschaft selbst ein historisches Phänomen ist. Auf dem Weg zu einer solchen Neutralität hat sie durchaus viel erreicht; dass sie ohne ideologische Kontaminierung existiert, wird man dagegen nicht behaupten können. Das gilt nicht nur für den Feminismus, sondern auch für die Pädagogik.

29.07.2017

Liebes Tomcat,

würdest du bitte dann laufen, wenn ich dich dringend brauche? und nicht, wie heute, erst, nachdem der ganze Zauber und die Terminabgabe vorbei ist?

München ist bunt, oder: Inhalt statt Hintergrund, oder: Neuerdings bin ich Spießer; außerdem: Jan Fleischhauer

Man dürfte, man sollte eigentlich, ja, eigentlich ... wenn da nicht ein Jan Fleischhauer wäre, und eine ganze Bande grölender Nazis. Die Sache ist schnell erklärt. Letztes Jahr trafen sich Pegida-Anhänger in einem italienischen Restaurant. Darauf zeigten sich Politiker eifrig, dem Wirt zu erklären, dass er keine Pegida-Anhänger bewirten müsse. Wieder andere Menschen besprühten das Lokal - ich weiß nicht wie oft - mit dem ach so klugen Spruch "Nazis verpisst euch!" Angeblich seien deshalb die Umsätze eingebrochen. So oder so, dem Wirt wurde jetzt gekündigt; der Vermieter, eine Brauerei, sprach von hohen Außenständen als Grund.

Das braune Netz weiß es mal wieder besser

Natürlich gibt es diese ganz unangenehmen Menschen, die die Nazi-Keule herausholen. Da erinnere ich mich doch nur zu gerne, wie ich bei einer Buchdiskussion von einem Teilnehmer mit den Worten unterbrochen wurde, ich müsse doch an Auschwitz denken. Bis heute habe ich nicht verstanden warum dieses Argument an dieser Stelle damals zählte. Es stand völlig aus dem Zusammenhang gerissen da. Zumindest für mich.
Bei der Sachlage in München kann ich nur konstatieren, dass die Berichte kein eindeutiges Bild hergeben. Was seine Bewirtung der Pegida-"Spaziergänger" angeht, nun, so ist der Wirt nicht für die Dummheiten anderer Leute verantwortlich. Dass die Pegida vom Verfassungsschutz überwacht wird, heißt noch nicht, dass Hinz und Kunz sich verfassungswidrig verhalten, wenn sie mit diesen Umgang haben. Das ist die eine Seite. Ob dagegen, andererseits, die Negativwerbung für das Ende des Restaurants verantwortlich ist, lässt sich auch nicht so sagen. Nicht, wie es die Berichte hergeben. Es sei denn, man glaubt den rechten Hetzern von Compact. Es mag also sein, dass der Bezirksamtsmann eine Unbedachtheit begangen hat; einen systematischen Willen kann ich nicht entdecken. Die hetzerische Eindeutigkeit ist wohl die pikante Zutat, die dem Unmut des Wirts den Geschmack der Lächerlichkeit hinzufügt.

Ein Bild sagt mehr (oder weniger) als tausend Worte

Garniert wird in rechten Medien, und so auch bei Jan Fleischhauer, der Artikel mit einem Bild, das wohl nur für Eingeweihte mit der Schließung des Lokals zu tun hat. Es existiert in verschiedenen Varianten, jeweils aber ist der Schriftzug zu lesen: München ist bunt. Bei Fleischhauer findet sich noch darunter die Bildunterschrift: Protest gegen Fremdenfeindlichkeit.
Erklärt wird diese mystische Kombination damit, dass der Wirt wirtschaftlich überlebt hätte, wenn er die Nazis oder Möchtegern-Nazis oder Pegida-"Spaziergänger" weiterhin verköstigt hätte. Weil ihm aber insbesondere von einem Beauftragten des Bezirksamtes Druck gemacht worden wäre, so der Wirt, sei sein Ruf geschädigt worden. Weil also Münchner gegen Fremdenfeindlichkeit protestierten, sei, ja, aber was? Der Bezirksbeauftragte ermutigt worden, oder wie? Man weiß es nicht so ganz genau. Hier klafft eine Lücke.

Fleischhauer auf allerlei Wegen

Nun beschwert Fleischhauer sich nicht darüber, dass den Menschen von Pegida das Missfallen ausgesprochen wird. Er schreibt, dass "der Kampf gegen rechts so weit verselbstständigt" habe, dass "jedes Augenmaß verloren gegangen" sei. Damit hat er dann tatsächlich recht. Es ist ja auch bei den Terroranschlägen mit "islamischem" Hintergrund keineswegs so, dass man kulturelle Faktoren außer Acht lassen sollte. Islamophob wird man erst, wenn man eine solche Kausalität mit schönster Monotonie und ohne echtem Wissen immer wieder wiederholt.
Nun, also doch Fleischhauer? Nein, eigentlich nicht. Denn noch immer erklärt das nicht den Zusammenhang mit dem Bild, welches eine Demonstrantin mit einem Plakat zeigt. Es gibt diesen alten Spruch in Hamburg: immer, wenn man sich eine Zigarette an einer Kerze anzündet, stirbt ein Seemann. Das ist ein knuffiger Spruch. Man hält sich an ihn und lächelt dann über sich. Niemand glaubt, dass er eine echte, überprüfbare Kausalität ausdrücke. Aber scheinbar glaubt auch Fleischhauer, dass immer, wenn einer gegen Rechtsradikalismus demonstriere, ein italienischer Gewerbetreibender schließen müsse. - München hat also die Wahl: entweder es ist bunt und ohne, oder es ist braun und mit Pizza.

Hintergrund adé

Dies gab ich auch in einem facebook-Thread zu bedenken. Also zumindest, dass der Wirt scheinbar aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt worden sei. Dazu schrieb mir dann eine die Dame, es gehe um den Inhalt, nicht um den Hintergrund. Das fand ich nun geradezu phänomenal komisch. Ich musste aber auf den Ernst hinweisen, dass so eine Lüge nicht erkannt werde, und schließlich ist das, was Compact zu dem Vorfall schreibt ("Münchens Bunt-Mafia erzwingt Schließung von Pizzeria") nun eindeutig an den Haaren herbeigezogenes psychotisches Geschwafel - obwohl: Psychotiker sind meist echt noch vernünftiger.
Am besten war aber, dass besagte Dame mich dann einen Spießer nannte. Offensichtlich war sie übermütig, denn das aus einem solchen Munde zu hören, ist, nun ja ... denkt's euch mal selbst.

21.07.2017

Danke, Jens Spahn!

Sehr geehrter Herr Spahn!
Sicherlich wird es Sie freuen zu hören, dass auch ich nicht jede andere Kultur als eine Bereicherung unserer Kultur ansehe. Und wenn ich mich so bei Ihnen umblicke, bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass auch unsere Kultur nicht immer für unsere Kultur bereichernd ist.
Aber sorgen Sie sich nicht: Wer auf dem absteigenden Ast ist, hat bald festen Boden unter den Füßen.
مع فائق الأحترام

17.07.2017

Riothipster und Leitungsausfall

Ein neuer Neologismus ist am Rande des G20-Gipfels aufgetaucht: der Riothipster. Gemeint ist damit jener fesche bärtige Mann, der ein Selfie vor brennenden Autos und der Krawallerie schießt. Riothipster ist übrigens auch (fast) ein Oxymoron, denn der Hipster bedient sich vor allem einer postmodernen Modekultur, die unterschiedliche Stilrichtungen aus unterschiedlichen Zeiten zu einem Outfit zusammenstellt. Politisch gesehen sagt man ihm Oberflächlichkeit nach; manche nennen den Hipster auch Neo-Spießer. Dem steht das Wort Riot nur scheinbar gegenüber. In Wirklichkeit dürfte den Randalierern ebenso eine tiefgründigere politische Einstellung abgehen. Der wesentlichere Unterschied wird wohl sein, dass der Hipster keine Gewalt anwendet, sondern nur bestimmte Weltanschauungen sichtbar delegitimiert.
Krawallerie, das ist eine contaminatio, ein Verschmelzen zweier ähnlich klingender Wörter. Das stammt, glaube ich, von mir.
Bei Anne Will trat letzten Sonntag eine Störung auf, mitten in einer kritischen Frage an Peter Altmeier. Kurz darauf tweetete das ARD, es gebe ein Leitungsproblem. Schöner kann man wohl Kritik am Polizeieinsatz in Hamburg nicht üben. Das Wort Leitungsproblem ist natürlich zweideutig, eine Amphibolie, wenn man es von der Rhetorik aus betrachtet. Zudem erinnert es an eines der Kriegsstrategeme des Sunzi: Die Akazie schelten, dabei aber auf den Maulbeerbaum zeigen.

15.07.2017

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Ich erweise mich bei diesem Buch wohl als ein schlechter Rezensent, zumindest, wenn es um die Werbung geht. Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang ist durchaus ein sehr interessantes, aber keineswegs ein lobenswertes Buch; soll heißen: es ist lesbar und kritisierbar, und wer es nur lesen würde, ohne den Inhalt zu kritisieren, würde sich einer gewissen Schlampigkeit oder Blauäugigkeit schuldig machen. Liest man es allerdings kritisch, wird es wunderbar: sich im begründeten Widerspruch zu üben ist eine ganz wunderbare Haltung für Interpreten.
Dass ich ihn hier übrigens verlinke, und wie jeder Eingeweihte weiß, daran natürlich auch verdienen würde, sofern sich ein Leser über diesen Link zum Kauf des Buches entscheidet, sei vorneweg gesagt. Dazu habe ich lange mit mir gehadert. Tatsächlich aber scheint es so zu sein, dass Menschen die Bücher eher spontan kaufen, wenn sie einen Link präsentiert bekommen, als dass sie in einen Buchladen gehen und dort das Buch bestellen müssten. Mein Verdienst ist übrigens äußerst gering; in diesem Februar habe ich, nach zehn Jahren Bloggerei, die Mindestauszahlungssumme von 70 € erreicht. Lieber wäre es mir allerdings, wenn ihr die kleinen Buchläden weiterhin unterstützt. Sie sind ein Artefakt einer besseren Welt; so jedenfalls mein Gefühl.

Rhetorik und Moral

Natürlich ist jedes Buch auch ein Untersuchungsfeld für Rhetoriker. Für Bücher, deren Inhalt die Moral, Ethik oder Politik behandeln, gilt dies umso mehr, als zwei grundlegende Operationen politischer Teilhabe rhetorischen Ursprungs sind: das Überzeugen und das Überreden. Hier gibt es den interessanten Effekt, dass sich die Form der Darstellung sogar gegen den dargestellten Inhalt wenden kann und damit gelegentlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was der Autor beabsichtigt hat. Man nennt so etwas einen performativen Selbstwiderspruch. Zu diesem neigen Bücher über die Moral weit stärker als zum Beispiel Bücher über die Physik.

Langsame Rhetorik

Doch der Rhetoriker muss, sofern er gewisse wissenschaftliche Standards einhalten möchte, langsam vorgehen und sich weitgehender Urteile enthalten. Bleiben wir also bei einigen, für sich gesehen sehr randständigen Beobachtungen. Diese mögen, mit der Zeit, ein Gesamtbild ergeben, welches sich weder für noch gegen dieses Buch ausspricht, aber der Arbeit mit ihm einen individuellen Wert verleiht.

„Die Welt ist gnadenlos ungerecht.“

Dieser Satz steht zu Beginn des vierten Kapitels, auf Seite 53. Dieses Kapitel ist mit „Darf ich Anderen beim Verhungern zu sehen?“ betitelt. Die Zwischenantwort am Ende lautet (wen wundert es): Nein, das darf ich nicht! Es ist ein Zwischenergebnis, weil die folgenden Kapitel die Argumentation weiter ausführen und auch gelegentlich deutlich relativieren.
Bevor man sich aber auf die weiteren Argumente einlässt, lohnt es sich, die Aussage in seiner ganzen rhetorischen Tiefe auszuloten. Dies möchte ich, als eine Art Vorführung, tun, ohne dies für die weiteren Folgen daraus zu reflektieren. Das mag anrüchig erscheinen, da ich das Lesen nur von seiner technischen Seite aus betreibe. Und natürlich wäre es sinnvoll, die moralischen Implikationen genauer in Augenschein zu nehmen. Da sich aber eine solche moralische Genauigkeit wieder auf eine gründliche Wahrnehmung stützt, erlaube ich mir, hier im Bereich der Sekundärtugenden zu bleiben und dem Leser selbst seinen Schlussfolgerungen zu überlassen.

Der Satz für sich

1. Natürlich ist der Satz eine Floskel, und als Floskel bleibt seine „kommunikative Qualität“ ambivalent. Er sagt etwas, ohne es wirklich so zu meinen; bzw. verlässt man sich beim Aussprechen eines solchen Satzes darauf, dass seine Bedeutung nur begrenzt hinterfragt wird. Floskeln dienen der Verflachung der Kommunikation.
2. Wo die Kommunikation verflacht wird, geht es nicht mehr um Dialog und schon gar nicht um Streitwerte, sondern zumeist um Bequemlichkeit oder Deutungshoheit oder etwas ähnliches. Was genau dieser Satz besagt, lässt sich allerdings ohne den Zusammenhang nicht erklären.
3. Ein deutliches Zeichen, dass dieser Satz eine Abwehr von Kommunikation enthält, sieht man auch daran, dass er sich auf der einen Seite auf eine Tugend bezieht (die Gerechtigkeit), aber auf der anderen Seite konkrete politische Akteure ausblendet. Wer hier ungerecht behandelt wird, und wer Nutznießer dieses Unrechts ist, wird im Satz nicht gesagt. Was ich hier als politische Akteure bezeichnet habe, heißt in der Linguistik auch sozialer Träger eines Zeichens. So ist das Kreuz ein Symbol für den christlichen Glauben, und derjenige, der dies an einem Kettchen um den Hals trägt, ein sozialer Träger, also (so könnte man annehmen) ein Christ. Floskeln nennen solche sozialen Träger oftmals nicht; in der Grammatik nennt man dies einen Subjektschwund.
4. Schließlich ist dieser Satz auch statisch; es handelt sich eher um eine Definition, also einer Gleichsetzung. Zu dem Subjektschwund kommt ein Handlungsschwund. Würde man sich nun damit begnügen, machte der Satz einen hilflos. Er ist nicht nur unpolitisch, sondern entpolitisiert auch.
5. Zu dieser Floskelhaftigkeit trägt auch eine Metonymie bei. Nicht die „Welt“ ist ungerecht, sondern die Menschen, die in dieser Welterleben, haben sich aus unterschiedlichsten Gründen wohl mit einer Ungerechtigkeit abgegeben. Die Welt ist der Behälter, die Menschen sind der Inhalt, bzw. ja eigentlich nur ein Teil des Inhaltes. Insofern haben wir es mit einer doppelten Metonymie zu tun, der von beinhalten/inhaltlich und der von Ganzes/Teil.
6. Solche Metonymien abstrahieren. Nun könnte ich dies weiter ausführen, aber die doppelte Metonymie geschieht gleichzeitig mit dem oben ausgeführten Subjekt- und Handlungsschwund; sie betrachtet den Satz auf eine andere Weise, führt aber zur selben Kritik.
7. Ist die Metonymie eine rhetorische Figur, wie die Floskel eine pragmatische, so ist auf der logischen Ebene zum Beispiel die Gewichtung von Argumenten zu betrachten. Dass etwas in der Welt ist, zum Beispiel die Ungerechtigkeit, ist von solcher Selbstverständlichkeit, dass die Aussage geradezu debil wirkt. Das Argument entdifferenziert in einer solchen Weise, dass die Handlungsunfähigkeit ungebührlich betont wird. Natürlich sagt diese Floskel nichts davon; sie lässt die Extrapolation (also die ungebührliche Hervorhebung eines Merkmals) nur als unausgesprochene Schlussfolgerung zu. Anders gesagt: wer dieser Floskel glaubt, ist selbst dran schuld.
8. Nun hatte ich mit der Extrapolation noch eine andere rhetorische Figur implizit mitgeführt: die Hyperbel oder Übertreibung. Und bisher hatten wir ein Wort aus diesem Satz noch gar nicht betrachtet, nämlich das Wörtchen „gnadenlos“. Insgesamt ist dieses so beziehungsreich, dass wir mindestens noch einmal eine halbe Seite darüber reden könnten. Das möchte ich hier allerdings nicht tun, sondern darauf hinweisen, dass gnadenlos sich auf einen Grenzwert bezieht, nämlich auf der vollkommenen Abwesenheit von Gnade. Noch weniger ist nicht möglich. Dabei ist zu beachten, dass die Ungerechtigkeit nicht direkt, sondern nur mittelbar diesen Grenzwert gekoppelt wird, im Satz aber das Objekt darstellt. Unterschwellig findet damit eine Entkopplung der Grenzwertigkeit und der Ungerechtigkeit statt. Inwiefern diese später zum Tragen kommt und die Argumentation beeinflusst, lässt sich allerdings an dieser Stelle nicht beantworten, denn im Buch wird dieser Satz von einer ganz anderen Argumentation umgeben.
9. Der Autor schreibt diesen Satz nicht ohne Grund an den Anfang eines Kapitels, zudem mit einer Überschrift, die gerade diesen Satz infrage stellt. Und der Rest des Kapitels wird zwar diesem Satz nicht widersprechen, aber zumindest deutlich machen, dass wir eine solche Aussage nicht hinzunehmen haben. Es gibt schon Möglichkeiten, die Welt gerechter zu machen. Für sich gesehen ist der Satz eine unpolitische und entpolitisierende Floskel; im Verlauf der Gesamtargumentation ist er allerdings eine Provokation und eine Antithese. Er verweist mit aller Deutlichkeit auf sein Gegenteil, oder, bei Bernward Gesang, auf eine deutliche Abschwächung.

Schluss: die rhetorischen Vervielfältigungen der Moral

Bleiben wir zunächst bei einer naheliegenden Beobachtung, dann ist eine so akribische Lektüre eines einzelnen Satzes schon allein deshalb verwirrend, weil aus dieser Beschreibung keine bessere Handlungsanleitung entsteht. Es ist eine rein intellektuelle Übung.
Diese zeigt aber, dass die Moral sich nicht notwendig auf eine Transparenz und Klarheit stützt; die rhetorische, logische, semantische, grammatische und pragmatische Betrachtung fördert sehr verschiedene Schichten zutage. In diesem Fall gibt es sogar noch einen sehr auffälligen Gleichklang zwischen diesen Schichten. Viel komplizierter wird es, wenn sich die Schichten anfangen zu widersprechen, wenn die Rhetorik mit der Logik nicht mehr konform geht, wenn die Semantik etwas andeutet, was den Handlungsappell ruiniert, usw.
Ich hoffe, dass euch nicht der Atem gefehlt hat, den verschiedenen Aspekten zu folgen, und dass ich, auch wenn ich an einigen Stellen deutlich gekürzt habe, euch einen Einblick in eine genaue Lektüre vermitteln konnte.
Was ihr damit nun politisch und ethisch zu bewerkstelligen habt, muss euch überlassen bleiben; ich weiß es übrigens selbst nicht so genau.

Inkompetenzkonferenz

Nun, das ist ja auch ein äußerst hübscher Name; wo sich die Kritik nicht mehr auf eine kritische Allgemeinheit stützen kann, greift sie eben zur Satire. Die Inkompetenzkonferenz ist eine interdisziplinäre Tagung, die sich „als kritische Entgegnung auf die radikale Umwälzung“ versteht, „die sich an deutschen Universitäten seit der Bologna-Reform vollzieht.“ (Die Trauer der Universitäten)

Zum Kompetenzbegriff

Der Begriff der Kompetenz hat einen Niedergang erfahren, den man bei der Diskussion von Kompetenzen mitbeachten sollte. Kompetenz ist in seiner ursprünglichen Fassung die Fähigkeit, etwas zu tun, aber nicht dieses Tun selbst. Zeigt man, dass man eine Kompetenz besitzt, spricht man eigentlich von Performanz.
Bei der Performanz wiederum muss man zwischen der Tätigkeit selbst und dem Ergebnis unterscheiden. Und bei dem Ergebnis spielt wieder das direkte Ergebnis und das nur mittelbare Ergebnis eine wichtige Rolle. Zunächst einmal darf man festhalten, dass sich die Kompetenz nicht ständig und andauernd zeigt. Menschen, die der Rechtschreibung hervorragend fähig sind, begehen trotzdem Rechtschreibfehler. Der Unterschied zu Menschen, die der Rechtschreibung inkompetent sind, besteht darin, dass kompetente Menschen ihre Fehler einsehen und korrigieren können.
Ist die Performanz eine Tätigkeit, so ist das Ergebnis dieser Tätigkeit nicht mehr direkt damit vermittelt. So ist das wissenschaftliche Plagiat vielleicht sogar hervorragend wissenschaftlich, zeigt aber nicht mehr auf die Kompetenz oder die Performanz desjenigen, der seinen Namen darunter gesetzt hat. Derjenige, der in solcher Weise plagiiert hat, oder sich schlicht und einfach eine Dienstleistung erkauft hat, kann ganz andere Kompetenzen vorweisen, aber nicht die gewünschten. Umso zweifelhafter wird es dann, wenn von den sozialen Folgen einer solch vermeintlichen Kompetenz aus auf die Kompetenz selbst geschlossen wird. Hier ist die Fähigkeit nur noch eine mittelbare Aussage, die noch nicht einmal mehr auf die Prüfung des Produkts als unmittelbare Aussage über die Kompetenz zurückgreift.

Zur Berechtigung des Kompetenzbegriffes

Aber natürlich hat der Begriff der Kompetenz auch seine Berechtigung. Und dass er als scharfer Angriff auf den Bildungsbegriff gesehen werden muss, diskreditiert ihn noch nicht. Der Begriff der Kompetenz hatte und hat seine Konjunktur durch eine fundierte Kritik am objektiven Wissen. Insbesondere der radikale Konstruktivismus hat sich einem solchen Wissen entgegengestellt. Und hier sind natürlich die Gründe auch gravierend. So verweisen Vertreter des radikalen Konstruktivismus auf die Eigendynamik des Gehirns, und natürlich auf dessen Konstruktionsleistungen. Jede sinnliche Wahrnehmung wird auf dem Weg ins Gehirn in Nervenimpulse aufgelöst, und dass wir die Welt so prall und sinnlich wahrnehmen, ist nicht eine Leistung der Welt selbst, sondern eine Kompetenz (!) unseres Gehirns.
Da das Gehirn operativ arbeitet, gibt es kein fertiges Produkt. Vielmehr ist das Hirn an einer dynamischen Stabilität „interessiert“. Da diese dynamische Stabilität in gewisser Weise wieder von der Umwelt abhängt, verändert sich die Art und Weise dieses „Stabilseins“, und dies ist das, was Pädagogen dann als Lernen bezeichnen. Damit ist aber auch der Begriff der Anpassung ausgeschlossen. Denn hier passt sich das Gehirn eher an sich selbst als an die Umwelt an, und gelegentlich kommt es vor, dass ein Mensch mit sich selbst vollkommen zufrieden ist, aber in die ihn umgebende Gesellschaft überhaupt nicht hineinpasst. Wir kennen solche Menschen, nicht wahr?

Sekundärtugenden

In letzter Zeit habe ich mich, wenn auch nur sehr sporadisch, mit den Sekundärtugenden beschäftigt. Die Sekundärtugenden scheinen mir so etwas wie Kompetenzen zu sein. Tatsächlich ist der Streit um die Sekundärtugenden, der wohl von Jean Améry in die Öffentlichkeit eingebracht wurde, ein Streit um Sinn und Zweck öffentlicher Wirkungen. Neulich formulierte ich, dass Sekundärtugenden in sich moralisch ambivalent seien. Ihr Wert liege darin, dass sie das Erscheinen von Primärtugenden verlässlich machen. Anders gesagt: eine Gerechtigkeit, die sich nicht auf einen gewissen konsequenten Fleiß oder auf eine Ehrlichkeit stützt, bleibt unzuverlässig, sporadisch, zusammenhangslos und ist deshalb keine Gerechtigkeit, weil sie willkürlich auftritt.
Viele der Kompetenzen, Lesekompetenz, Darstellungskompetenz, Durchsetzungs-vermögen, Kritikfähigkeit, usw., sind nun gerade keine Primärtugenden. Aber für eine Tugend wie die Gerechtigkeit erscheinen sie doch als notwendig, wenn es zum Beispiel darum geht, ein gerechtes Ziel durchzusetzen, oder die Wirkungen eines solchen Zieles kritisch zu betrachten und auf den Zusammenhang zwischen der Idee der Gerechtigkeit und einer (angeblich) gerechten Tat zu reflektieren.
Sprich: der Kompetenzbegriff ist nicht falsch, wird aber zum Teil unsinnig verwendet. - Und jedenfalls sind die Einwände der Inkompetenzkonferenz sehr bedenkenswert.

Falsch verstanden

Eigentlich wollte ich mich jetzt wieder den Themen zuwenden, die für mein eigenes Leben wichtig sind (Java zum Beispiel). Aber manchmal geraten die Dinge so durcheinander, dass man dann doch einiges dazu sagen muss. In diesem Fall: Hamburg.
Olaf Scholz bemüßigt sich zu sagen: "Polizeigewalt hat es nicht gegeben, das ist eine Denunziation, die ich entschieden zurückweise." Und wenn wir jetzt mal nicht auf all die Videos eingehen, die im Internet zu sehen sind, könnt ihr mir trotzdem mal helfen: die Polizei gehört doch - irgendwie - zur staatlichen Gewalt; so dass es nicht nur zu ihren Aufgaben gehört, Gewalt auszuüben, sondern sie sogar wesentlich ausmacht. Wenn die Polizei keine Gewalt ausgeübt hat, hat sie ihre Pflichten vernachlässigt. Oder hat sich inzwischen die demokratische Gewaltenteilung in eine Gewaltenabwesenheit verwandelt?
Die Frage ist doch wohl eher, ob die tatsächlich durch die Polizei ausgeübte Gewalt ihrem legitimen Auftrag entspricht. Und wenn nein, wer dafür die Verantwortung zu übernehmen hat. Damit möchte ich auch ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich von Polizisten nicht erwarte, dass sie immer zu 100 % demokratisch korrektes Verhalten zeigen. Das ist ein Ideal, welches natürlich an den Berufsstand angelegt werden sollte, dem man aber eine gewissen Spielraum zubilligen muss, weil kein Polizist und keine Polizistin ideal ist (zumindest nicht im philosophischen Sinne).
Ich halte mich ja mit der Idee zurück, dass Fehlverhalten immer gleich zu einem Rücktritt führen müsse. Der Rücktritt von Scholz wird gefordert, zum Beispiel von Joerges (Stern). Doch auch Politiker machen Fehler oder schätzen die Lage einfach falsch ein, was bei einer Zwei-Millionen-Stadt und einem international beachteten Gipfel zwar ärgerlich ist, aber doch nicht ohne Verständnis bewertet werden sollte. An dieser Stelle aber der Polizei eine Art Freibrief von jeglicher Kritik auszustellen, delegitimiert nicht nur die Polizei als eine demokratische Institution, sondern verweist auf ein sehr zweifelhaftes Demokratieverständnis von Olaf Scholz.
Scholz erntet dafür übrigens Hohn und Spott. - Darüber hinaus schadet er einer sowieso schon schwer angeschlagenen SPD. Schulz erweist er damit einen Bärendienst. Ich bin gespannt, wie sich demnächst die SPD in den Umfragen aufstellt. Es fühlt sich nach einem Niedergang an. Und die Frage ist dann, wer überhaupt noch zu wählen bleibt.

10.07.2017

Tief durchatmen, drei Schritte Abstand nehmen

Hamburg, also natürlich das Gipfeltreffen, ist vorüber. Und irgendwie habe ich das Wochenende wie auf Speed erlebt. Für ein solches Ereignis, welches auf engstem Raum politische Spannungen verdichtet und verdichten muss, gibt es wohl kein abschließendes Urteil. Auch zur Polizei nicht. Auf der einen Seite hat diese Wichtiges geleistet. Die Polizei bleibt eine zentrale Institution der modernen Demokratie und eine gute Polizeiarbeit unerlässlich für ihren Erhalt. Das Bild, was sich vom G20-Gipfel bietet, bleibt dagegen durchwachsen. Wir haben auf der einen Seite den schwarzen Block, der mit Zwillen und Stahlgeschossen gegen die Polizei vorgegangen ist; und sieht man einmal davon ab, dass die Gewalt an sich nicht zu rechtfertigen ist, sei daran erinnert, dass es diese Waffen sind, die bereits zum Tod von Polizisten geführt haben. Der Schutz des Rechtsstaates auf der einen Seite, und der Schutz des eigenen Lebens auf der anderen Seite, wer wollte sich da über ein hartes Vorgehen der Polizei beschweren?
Auf der anderen Seite sind genehmigte Protestcamps aufgelöst worden, ohne größere Not. Die Arbeit von Journalisten ist behindert worden, sogar von Angriffen auf Journalisten wird berichtet. Man darf sich auch fragen, warum eine Demonstration, die sich „Welcome to Hell“ nennt, so genehmigt worden ist. Hier hätte die Stadt Hamburg im Vorhinein deutlich machen sollen, dass ein solcher Titel als Provokation und als Aufforderung zur Gewalt missverstanden werden kann und den Anmeldern unmissverständlich deutlich machen sollen, dass ein friedlicheres Motto zu wünschen wäre. Diese Demonstration ist aber, wie man hört, bis auf ein paar Vermummte, die natürlich randaliert haben, friedlich verlaufen. Von der Polizei ist sie gestoppt und schließlich aufgelöst worden. Ob dies rechtens war, hängt wohl davon ab, wie sehr man das Recht auf Demonstration, ein Grundrecht übrigens, gegen die Maßnahmen der Polizei abwägt.
Eines der größten Probleme in der Aufarbeitung dürfte jetzt allerdings sein, inwiefern man politische Parteien konstruiert und diese in Kausalzusammenhänge einbindet. Es gibt durchaus Stimmen im Internet, die die Grünen und die Linken als politischen Arm der Gewalttäter sehen. Und es gibt sehr deutliche Ansagen von den Grünen und den Linken, dass sie diese Gewalt, die von den Randalierern ausging, ächten. Manche Menschen behaupten, die Polizei habe im Vorfeld die Ereignisse vom Freitagabend provoziert.
Andere wiederum wollen, obwohl sie kritisch gegenüber der polizeilichen Arbeit sind und diese teilweise auch als rechtswidrig bezeichnen, den Randalierern kein Stück von der Verantwortung nehmen und sie als alleinige Verursacher die Verwüstungen im Schanzenviertel und in anderen Stadtteilen Hamburgs zur Verantwortung ziehen.

Es gibt auch noch einen ganz anderen Schaden, den die Öffentlichkeit davongetragen hat: die Gespräche und Ergebnisse des Gipfeltreffens verschwinden unter diesen eindrücklichen Bildern der Gewalt. Es sollte aber klar sein, dass diese Gewalt, so schlimm sie ist, ein nebensächliches Phänomen in der Politik ist. Viel wichtiger wäre es doch jetzt, dass man in der Öffentlichkeit die Ergebnisse dieser Gespräche diskutiert. Denn hier werden langfristig Weichen gestellt. Und genau dadurch haben solche Gespräche auch ein wesentlich größeres politisches Gewicht als diese besinnungslose Bambule.
Ich vermute aber, dass das manchem auch recht ist. Zu den Ergebnissen des Gipfeltreffens lässt sich nur mit wesentlich höheren intellektuellen Aufwand etwas Intelligentes sagen (weshalb ich mich auch nicht in der Lage fühle, dazu Stellung zu nehmen). Und sie bieten natürlich auch nicht solche hollywoodreifen Bilder. Dann passiert es schon mal, dass die online-Ausgabe der Zeitschrift Brigitte einen Skandal wittert, wenn die Tochter von Donald Trump, Ivanka Trump, während des Gipfels so sehr im Mittelpunkt steht. Und irgend ein Reporter bemüßigt sich aufzuzählen, welche Speisen Frau Trump und Begleiter zu sich genommen hätten, und dass man während des Essens fröhlich gewesen sei. Diese furchtbare Gewalt im Schanzenviertel ist die eine Form der Dekadenz; eine solche Berichterstattung eine andere. –
Und statt das Publikum mit auf ein hohes Niveau der Reflexion zu ziehen, scheinen zu viele Medien dies auf ein noch dümmlicheres und niedrigeres Niveau bringen zu wollen, als es derzeit sowieso schon üblich ist.

08.07.2017

Wille und Moral

Zu einer der aufregenderen Entdeckungen während meiner Lektüren gehörte in den letzten Jahren der Zusammenhang einer Willensphilosophie mit den Gottesbeweisen. Gottesbeweise positionieren sich immer zu dem Schicksal von Menschen, inwiefern dieses Schicksal göttlich gewollt ist, und wie sich der Mensch dazu zu positionieren hat: mit seinem Glauben und mit seiner Nächstenliebe.
Für mich hat die Genese des Willens lange Zeit nur in der Entwicklungspsychologie einen prominenten Platz gehabt. Die Frage, wie sich aus einem von Bedürfnissen gelenkten Säugling ein Mensch mit einer Moral entwickelt, war mir damit zunächst ein eher technisches Anliegen. Dass eine weiter gehende Betrachtung notwendig in die politische Philosophie führt, dürfte klar sein. Dort ist der Wille eine zentrale Kategorie.
Nun haben mich meine Lektüren nicht nur weiter in die Entwicklungspsychologie geführt, sondern auch zu historischen Vorläufern. Ein Restbestand meiner früheren Foucault-Lektüren besteht darin, Begriffe auch historisch zu betrachten und so nicht nur den aktuellen Stand der Dinge zu erfassen, sondern auch ihre Entwicklung.
Ein sehr modernes Buch ist Darf ich das oder muss ich sogar? von Bernward Gesang. Von den 21 Kapiteln habe ich erst drei gelesen. Ich werde mich also eines abschließenden Urteils enthalten.
Trotzdem kann ich zu dem Buch schon einiges sagen: es ist sehr verständlich formuliert. Die Argumentation verläuft zwar gelegentlich deutlich plakativ, aber insgesamt doch abwägend. Es ist eben ein populärwissenschaftliches Buch. Wenn man sich einige Jahre mit der politischen Philosophie beschäftigt hat, ist man dankbar dafür, dass der Autor politisch-moralische Positionen auf griffige Formeln bringt, die natürlich nicht die ganzen Feinheiten abdecken, aber hinreichend genau sind.
Ein Zeichen dafür, dass der Autor nicht einfach nur zu aktuellen Problemen Stellung nehmen möchte, sondern dem Leser eine gute erste Karthographie des Gebietes liefern möchte, ist eben jenes einführende Kapitel, welches auf die Geschichte des freien Willens und damit auf die Gottesbeweise eingeht. Dafür sind nun die 15 Seiten, die das Buch dafür reserviert, geradezu gruselig kurz. Bedenkt man aber, dass den meisten Menschen nicht einmal der grobe Zusammenhang klar ist, und bedenkt man weiter, dass die Darstellung eine erste, sachliche Orientierung bietet, kann man ihm auch wieder dankbar sein.
Eine weitere, äußerst hilfreiche Sache sind die eingeschobenen kurzen Definitionen zu bestimmten Argumentationsgängen. Diese stellen knapp und objektivierend Tendenzen und Diskussionszusammenhänge dar, so etwa, um hier einige exemplarisch herauszugreifen, zum Freiheitsproblem, zur Vertragstheorie, zum ethischen Relativismus, zur Naturethik, zur Demütigungstheorie der Menschenwürde, usw.
Am Ende einer Rezension erwartet man mittlerweile eine Kaufempfehlung. Glücklicherweise ist dies keine Rezension, sondern eher eine Impression. Ich würde euch aber keinesfalls schief ansehen, solltet ihr euch das Buch zulegen. Falls euch das weiterhilft.

05.07.2017

Sei doch kein Muselmann

Ich stelle mir vor, dass es derzeit nicht leicht ist, Türke oder Türkin zu sein. Das kommt daher:

Erdoganistan

In der Türkei wird demonstriert. Gegen Erdogan. Der Tagesspiegel berichtet davon. Die Lage scheint bedrückend.
Nach dem Putschversuch sind sogar Menschen verhaftet worden, die ihr Bankkonto bei einer nicht genehmen Bank besaßen. Oftmals ist der konkrete Schuldvorwurf nicht einzusehen. Wer aber ein Familienmitglied besitzt, welches sich in Haft befindet, fällt in bestimmten Regionen unter eine Art Sippenhaft: man wird gemieden und zurückgewiesen. Das nur in aller Kürze gesagt.
Und um noch einmal deutlich zu machen, dass ein Erdogan gerade dabei ist, die gesamte Rechtsstaatlichkeit in der Türkei auszuhebeln, sofern ihm dies noch nicht gelungen ist. Ein solcher Mensch gehört nicht nach Deutschland.
Für die Türkinnen und Türken wünsche ich mir, dass sie diesen Prozess rückgängig machen können.

Man kann auch geistig falsch parken

In Bruckhausen, einem Stadtteil von Duisburg, ist am Sonntag ein Polizeieinsatz eskaliert. Auslöser war ein falsch abgestelltes Fahrzeug.
Auf dem Video, welches ein Passant aufgenommen hat, ist zu sehen, wie ein schon eher älterer Herr mit Polizisten debattiert, und schließlich ein Gerät in ein Haus transportieren möchte. Vorher hat er den Polizisten seinen Ausweis gegeben und zu ihnen gesagt, sie könnten doch mitkommen. Offensichtlich war der Mann in Eile. Unfreundlich war er jedenfalls nicht, nur leicht genervt.
Wie dann der Polizist dazu gekommen ist, den Mann von hinten zu packen und in den Schwitzkasten zu nehmen, ist nicht ganz deutlich zu sehen. Es erscheint angesichts dessen, dass er seinen Pass bereits bei der Polizei abgegeben hat, als nicht sonderlich angemessen.
Bedenkt man nun noch, dass dies der erste Tag des Zuckerfestes war, der Betreffende wahrscheinlich Muslim und, wie sich vermuten lässt, in irgendeiner Weise mit einer Gerätschaft unterwegs, die für dieses Fest wichtig ist, wird das unfreundliche Verhalten der Polizisten komplett unverständlich. Man denke sich nur, ein deutscher Mann hätte einen Ofen für die Weihnachtsgans ins Haus transportieren wollen, dafür seinen Wagen wegen des schweren Geräts kurz im Halteverbot geparkt, und wäre deswegen zunächst aufgehalten und kontrolliert, schließlich überwältigt und verhaftet worden.

Muslimische Feste

Nein, ich bin keineswegs dafür, dass ein muslimischer Feiertag in Deutschland eingeführt wird. Ich bin nun überhaupt kein strenger Christ, und wahrscheinlich trifft die Bezeichnung Christ sogar gar nicht auf mich zu. Diese Feiertage gehören für mich einfach zu einer Tradition, die keinen anderen Sinn hat als den der Gewohnheit und gelegentlich auch des Glaubens halber das Jahr in Deutschland zu strukturieren. Meinetwegen könnte aber der eine oder andere Feiertag durchaus wegfallen, zumindest in der Schule. Da gibt es eben schon zu viele Tage, die ausfallen. Jeder Gläubige einer anderen Religion hat aber das Recht, sich an diesen Tagen, an denen für seine Religion ein hoher Feiertag ist, beim Arbeitgeber frei zu nehmen. Und da auch manche gläubigen Christen am Sonntag arbeiten, einfach, weil ihr Beruf das erfordert, sehe ich nicht das große Problem, dass durch einen fehlenden muslimischen Feiertag für die gesamte Republik den muslimischen Mitbürgern ein wesentlicher Schaden zugefügt wird.
In Berlin feiert man zum Beispiel nicht unbedingt datumsgerecht das Fest der Farben, ein hinduistisches Fest, aber nicht, weil es so viele Hindus in Berlin gäbe, sondern einfach, weil es in den letzten Jahren Berlin populär geworden ist. Ob das so richtig ist, dazu darf man dann einfach auch mal keine Meinung haben.

Kultursensibler werden

Ich mag den Rechtspopulisten ja nun nicht das Wort reden. Aber was ich mit dem Wort „kultursensibler“ anfangen soll, weiß ich auch nicht so recht. Geäußert hat dieses Wort Ercan Idik, Sprecher der SPD-Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt. Dies war eine Reaktion auf die Vorfälle in Bruckhausen.
Ist diese Aussage gerechtfertigt?
Nun, zunächst kann man von den üblichen Verdächtigen im Internet das übliche Geschrei hören: es ginge hier um eine Bevorzugung der Muslime, und damit um die übliche, also die vermeintlich übliche Zurücksetzung der „Biodeutschen“ (übrigens ein voll geiles Wort; und eine andere Charakterisierung als durch den Jugendjargon fällt mir dazu dann auch nicht mehr ein).
Tatsächlich aber ist dieses kleine Adjektiv nicht nur nicht bevorzugend, sondern eigentlich sogar benachteiligend, wenn nicht gar rassistisch. Denn es impliziert in diesem Fall, dass der betreffende türkische Mann nur dann mit einem gewissen Augenmaß behandelt hätte werden können, wenn man ihn als Türken anerkennt. Doch genau darum geht es in der Szene gar nicht. Der anfängliche Kooperationsbereitschaft hätte man, so lässt sich jedenfalls vermuten, durch eine kurze Frist und einen Verweis auf einen Bußgeldbescheid, wesentlich menschlicher begegnen können. Und da es sich um ein Delikt mit einem Auto gehandelt hat, einem geringfügigen übrigens, hätte man mit dem Aufschreiben des Nummernschildes eine direkte Konfrontation vermieden. So ist es auch, wenn ich mich nicht irre, in den meisten Teilen Deutschlands üblich.
Warum also muss man hier eine besondere Rücksicht auf die Kultur fordern, wenn einfach ein gewisses Verständnis für die menschliche Bequemlichkeit, vielleicht auch nur für die menschliche Schwäche gereicht hätte?
Nach meinem derzeitigen Eindruck stimme ich zwar mit Idik in den Punkten überein, dass das Verhalten der Polizei übertrieben, wenn nicht gar unklug oder sogar falsch gewesen ist; und in gewisser Weise müssen wir uns natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen, welche Sündenböcke wir uns konstruieren. Man muss schon blind und taub sein, um die rassistischen und faschistischen Tendenzen zu überhören, mit denen Menschen mit Migrationshintergrund begegnet wird. Wo aber ein allgemeiner Respekt vor der Menschlichkeit und auch den grundlegenden Rechten reicht, muss man eben nicht mit einer gesonderten Kultur argumentieren.
Genau das aber scheint Idik zu fordern: eine Sonderbehandlung, wo eine Gleichbehandlung hätte gefordert werden müssen und zu fordern genügt hätte.

Ergrimmte Winde brechen los

Solches findet sich in einer Fabel, die Heinrich von Kleist dem Lafontaine nachgedichtet. Und dort steht weiters:
der Tauber
Kreucht untern ersten Strauch, der sich ihm beut.
Und während er, von stiller Oed' umrauscht,
Die Flut von den durchweichten Federn schüttelt,
Die strömende, und seufzend um sich blickt,
Denkt er, nach Wandrerart, sich zu zerstreun,
Des blonden Täubchens heim, das er verließ ...
Nur mal so, als symbolischer Kommentar.

04.07.2017

Wider den Terrorismus

Was von diesem Buch zu halten ist, kann ich in einer Rezension schlecht beantworten. Wer mich länger kennt, weiß, dass ich mit Büchern eher arbeite (was auch immer das dann konkret heißt), als dass ich sie "bewerte". Mithin haben meine Kommentare einen Hang zu wuchern und nach und nach das Buch zu überwuchern. Das aber nur nebenbei und gleichsam als Warnung vorneweg.
Konkreter gesagt beschäftigt mich die Verbindung zwischen Terror und Medien. Denn über die Medien vollzieht sich eine Trennung, die, wenn sie nicht beachtet wird, zu einem unpragmatischen und unpolitischen Verhältnis zwischen Tätern, Opfern und (medialer) Öffentlichkeit führt. Gerade aber diese Entpragmatisierung erweist sich als politisches Instrument einer Radikalisierung.
Nebenbei taucht ein anderes Reizwort auf, welches ihr eher aus meinen Schriften zum kreativen Schreiben kennen dürftet: die Psychologisierung. Insofern politische Darstellungen immer auch Narrationen sind, oder zumindest Aspekte einer Erzählung bedienen, ist das gute erzählerische Handwerk auch auf die politische Analyse übertragbar.

Wider den Terrorismus

Beginnen wir mit einigen Formalitäten und dem Rahmen, in dem diese Schrift zu verorten ist.
Arno Grün erklärt, so ist dem Klappentext zu entnehmen, die psychologischen Ursachen des Terrors. Er gewährt, so kann man vermuten, einen Einblick in die Seele von Terroristen. Dies vollbringt er, zieht man Einleitung, Danksagung und Literaturverzeichnis ab, auf siebzig Seiten. Der theoretische Hintergrund Grüns ist die Psychoanalyse.

Leere und Erlösung

Epiphanien

In einem ersten Umriss skizziert Grün das Auftauchen des terroristischen Aktes als plötzlich, als ein schreckhaftes In-Erscheinung-Treten, als eine Epiphanie des Bösen. Dieser Einstieg ist deshalb so wichtig, weil er (mich zumindest) an jenen Tag zurückerinnert, als die Terroranschläge auf die Twin Towers den alltäglichen Trott komplett aushebelten. Er setzt zwei Akzente, die im Folgenden missachtet werden: die Punktualität der Tat; die Unterbrechung der Alltagskommunikation. - Ich komme später darauf zurück.

Vorstellungsmassen

Gleich darauf folgt eine wichtige Beobachtung:
Dramatisch ist jedoch, dass die Terroranschläge in New York, Washington, Boston, Madrid, London und Paris schlagartig die Hemmschwelle für Gewalt gesenkt haben. Jetzt ist alles möglich. […] Erschreckend ist vor allem, dass die Selbstinszenierung der Gewalt ein so gigantisches Ausmaß angenommen hat.
S. 16
Streichen wir das Selbst aus der Selbstinszenierung, wird daraus ein brauchbarer Satz. Die Social Media ermöglichen eine Bilderflut, die den Riss sofort mit einem Geflecht aus Impressionen schließt. Dies allerdings ist nicht dem Terrorismus selbst anzulasten; die technische Revolution wirkt auf diesen zurück und verleiht ihm sein neuzeitliches Aussehen. "Soziales" Medium und asoziale Tat verschmelzen zu einem unheiligen Spektakel.

Faktischer Schein

Ebendies bezeichnet, als ob er dies 1967 vorausgeahnt hätte, Guy Debord als Spektakel:
Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, durch sein Monopol des Scheins faktisch erwirkt hat.
Debord, Guy: Die Gesellschaft des Spektakels. Berlin 1996, S. 17
Der faktische Schein ist ein Oxymoron, ein "scharfer Widerspruch", wie etwa auch hübschhässlich oder Einsamkeitsgesellschaft. Debord bietet uns unter einem anderen Begriff eine Theorie der postfaktischen Gesellschaft an. - Halten wir bei dieser einen Moment inne, da uns auch Grün auf eine solche Theorie verweist, freilich nicht aber auf die von Debord.

Politisches Spektakel

Schon Walter Benjamin
so schreibt Grün
wies darauf hin, dass Hitler sich und seinen Größenwahn dem deutschen Volk als Theaterspektakel verkaufte. Benjamin erkannte, dass der Faschismus die Ideologie nur benutzte, tatsächlich aber keine Ideologie war.
S. 16
Und Debord:
Die revolutionäre Ideologie, d. h. die Kohärenz des Getrennten, deren größte voluntaristische Anstrengung der Leninismus ist, hat die Verwaltung einer sie zurückweisenden Realität inne und gelangt mit dem Stalinismus wieder zu ihrer Wahrheit in der Inkohärenz. In diesem Augenblick ist die Ideologie keine Waffe mehr, sondern ein Zweck. Die nunmehr widerspruchslose Lüge wird zum Wahnsinn.
S. 90
Was Grün mit Benjamin über Hitler sagt, ist zumindest mit Debords Urteil über den Leninismus/Stalinismus gleichartig, als sich hier ein Riss zwischen dem ideologischen Spektakel und dem Voluntarismus der inszenierenden Klasse auftut.

Leere Hinterbühnen

Die Ideologie ist also nur Theater. Dahinter, wenn man die Bühne über den Ausgang der Schauspieler verlässt, trifft man auf ein ganz anderes Klientel: nicht mehr den "kommunistischen" Soldaten der Roten Armee, nicht den "nationalsozialistischen" der Wehrmacht, nicht den "islamistischen" Selbstmordattentäter und auch nicht den AfD-Pöbler; dahinter ist nur, wie Debord behauptet, die Tautologie der Inszenierung: "seine [die des Spektakels] Mittel [sind] zugleich sein Zweck" (S. 17).
Grün sieht eine ähnliche Tendenz, in der die ideologisierten Bilder vor allem die Menschen gefügig machen sollen:
Vielmehr ging es [Hitler, d. i. der Nationalsozialismus] darum, dem Volk durch eine Inszenierung von Posen, die Herrschaft oder Pflicht und Gehorsam ausdrückten, eine Identität zu geben. Menschen, die über keine wirkliche Identität verfügen, brauchen das politische Spektakel, um sich vollständig und intakt zu fühlen. Den eigentlichen Kern jeglichen Terrorismus bildet die Pose eines Herrenvolkes.
S. 16

Ein total besiegtes Volk

Ab hier trennen sich die Wege der beiden Herren auch wieder. Wo Debord in einem komplexen, scharfzüngigen Gedankengang die Einheit in der Spaltung des ideologischen Spektakels und der tautologischen Herrschaft ausführt, kehrt Grün zu seiner eigentlichen Profession zurück, der Psychoanalyse. Er schreibt:
Wenn ein solches Fundament [einer Identität durch Mitgefühl] fehlt, entsteht eine Identifikationsstruktur, die nur auf Identifikation mit Autoritäten und auf Gehorsam beruht und die Entwicklung einer wirklich eigenen Identität verhindert. […] Die Leere, die solche Menschen empfinden, macht sie mehr als andere empfänglich für die Inszenierung von Spektakeln, weil diese ihnen das Gefühl geben, mit Stärke und Macht vereint zu sein.
S. 16f.
Diese Passage hat mich nun nicht an die islamistischen Terroristen erinnert, von denen ich herzlich wenig weiß, aber an den Ausspruch von Höcke, die Deutsche hätten eine "Geistesverfassung und Gemütszustand … eines total besiegten Volkes" (in der Dresdner Rede Januar 2017). Vielleicht hat Höcke hier, wenn schon keine politische Wahrheit über die Deutschen, so doch zumindest eine psychologische über sich und seine Gefolgsleute formuliert; besiegt durch die eigene, pathologische "Identitätsstruktur".

Du Opfer!

Die Leser mögen mir verzeihen, wenn ich jetzt schneller durch das Buch hindurchgehe und nur einen weiteren, wichtigen Gedanken erwähne.
Zu den Terroristen schreibt Grün:
Solche Menschen stehen häufig nicht unter dem Druck materieller Not. Ihr Druck kommt woanders her: Sie fühlen sich als Opfer - was sie ja auch sind; sie erkennen jedoch nicht ihr inneres Opfer, sondern glauben, es in dem Fremden außerhalb ihrer selbst zu finden, um dann diesen und sich selbst zu töten.
S. 25
Wenn man sich diesen Satz genauer durchliest, wird man erkennen, dass er recht wirr geschrieben ist. Zunächst drückt er einen der grundlegenden Abwehrmechanismen der Psychoanalyse aus: die Projektion; "nicht ich bin der Böswillige, sondern du", "nicht ich habe das Opfer zu sein, sondern du". Doch Grün verkennt die wesentlich komplexere Strategie: "bevor ich zum Opfer deiner Idiotien werde, wirst du zum Opfer meiner". Mit anderen Worten ist der Terrorist nicht paranoid (dies behauptet Grün bei einer oberflächlichen Lektüre), sondern hysterisch (wenn man den Satz tiefergehend liest).

Die Privatisierung des Terrors

Fernanalyse

Was bringt uns nun dieses Buch?
Merkwürdigerweise wenig zum Thema Terror, und schon gar nichts zum Thema islamistischer Terror. Liest man es auf diesen hin und was man selbst damit zu tun hat, so hinterlässt es den ekligen Geschmack der Hilflosigkeit. Was sollte man denn auch schon tun können, wenn was weiß ich wo ein Kind unter solchen Bedingungen aufwächst, dass ihm nicht genügend Respekt und Aufmerksamkeit entgegengebracht wird? Und was hilft uns das, wenn dann tatsächlich ein Terroranschlag geschehen ist? Muss ich in einem solchen Fall an das misshandelte Kind im Terroristen denken? Nein, das muss ich nicht.
Die Psychoanalyse ist, wie Lacan dies sehr richtig formuliert hat, eine Unterstellungswissenschaft. Da für Lacan Kommunikation nur durch Unterstellung funktioniert - dem anderen wird ein Wissen unterstellt, welches man selbst nicht hat -, ist die Psychoanalyse nicht nur die Lehre von der Unterstellung selbst, sondern von den Techniken der richtigen, also hilfreichen Unterstellung.
Halten wir uns an diesem Gedanken fest, dann funktioniert Psychoanalyse nur in Interaktion, nicht über die Ferne hinweg. Denn das Wesentliche der Unterstellung ist, dass sie bei dem Menschen wirkt, dem man etwas unterstellt (was auch immer das sein mag). In der Fernanalyse ist eine solche Wirkung zwar auch gegeben, lässt aber keinen (heilsamen) Dialog zu.

Unpragmatisch

Tatsächlich bekommt man beim Lesen des Buches den Eindruck, dass mit der (vermeintlichen) Analyse des Seelenzustandes alles gesagt sei. Man habe nun die Terroristen "begriffen" und "beherrsche" sie jetzt. Aber eine solche Haltung ist nicht nur arrogant, sondern auch zynisch. Arrogant ist eine solche Haltung, weil sie jedes pragmatische Verhältnis zu dem Terroristen, vor allem aber zu seinen Opfern, ausschließt. Richtig ist natürlich, dass man vom Zustand eines Selbstmord-Attentäters sagen kann: Gesund ist das nicht! Aber klein- und wegintellektualisieren kann man dies weder mit einer psychoanalytischen noch mit einer anderswie gearteten Analyse.
Zynisch ist eine solche Haltung gegenüber den Opfern. Natürlich ist eine simple Einteilung in Täter und Opfer, wie sie von Konservativen gerne vorgenommen wird, heillos naiv; trotzdem kann bei einer akuten Bedrohung auf Befindlichkeiten eines Täters keine Rücksicht genommen werden. Als Opfer verdient er unser Mitgefühl, zweifellos, aber nicht als Täter. Auch einem Opfer muss man die Konsequenzen seiner Taten zumuten dürfen.

Unpolitisch

Jenseits der ethischen Haltung existiert eine politische Dimension, die Grün ebenfalls missachtet. Man könnte gar, in Umkehrung von Žižeks Buch, von einer ethischen Suspension des Politischen sprechen. Zum Politischen gehören vor allem die Institutionalisierungen von Aspekten des menschlichen Zusammenlebens. So ist die Schule, obwohl sie einen ganz anderen Auftrag hat, durch und durch politisch. Allerdings darf man nicht den Fehler begehen, von einer generalisierten Politisierung auszugehen, oder gar davon, dass die Schule alleine durch Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft determiniert wird.
Ein anderer Aspekt dieser (durchaus heimlichen) Politisierung findet sich in der (Re-) Inszenierung imaginärer und ikonischer Topoi. Die Rechtspopulisten / Faschisten besetzen die Social Media weniger wegen ihrer Aussagen als wegen der Bilder, die sie dort leichtfertig verbreiten können. Auch wenn diese Bilder zunächst wenig aussagekräftig sind, machen sie aus Polizeifahrzeugen, Rettungskräften und meist recht undeutlichen Aufnahmen von Verhaftungen nicht-identifizierbarer Personen einen Topos; geschieht dies zusammen mit Reizwörtern, findet eine systematische Assoziation zwischen Reizwörtern und Bildern und damit eine (Re-)Emotionalisierung statt. Widersteht man dem nicht, wird auf Dauer der Ersteindruck eines ausschließlich islamistischen Terrors verstärkt und damit die Blindheit gegenüber allen möglichen anderen Facetten der Politik und des Terrors.
Diesen Aspekt missachtet Grün. Kein Mensch ist so gesund, dass seine Identität nicht irgendwann gebrochen werden könnte. Und so ist auch das Bombardement mit ständigen Gefährdungslagen und die komplette Einseitigkeit, mit der Rechtspopulisten berichten, weniger eine Warnung vor dem Islamismus, als eine schleichende Auflösung einer gefestigten Individualität. Mehr und mehr werden die Menschen, die solche Bilder konsumieren, in einen permanenten Zustand der Selbstverteidigung gedrängt. Gegen wen man sich dann zu verteidigen hat, liefern die Bilder gleich mit.

Realer und halluzinierter Islamismus

Eine längere Zwischenbemerkung sei mir gestattet. Keinesfalls möchte ich die Gefahren des Islamismus kleinreden. Es gibt diesen Terror; er hat sich nicht nur in den großen Terrororganisationen und in den Köpfen mehr oder weniger irrsinniger Einzeltäter festgesetzt, sondern dürfte insgesamt auch ein Problem in und mit der muslimischen Welt sein. Selbstverständlich ist er damit auch ein kulturelles Phänomen. Allerdings darf man hier nicht vergessen, dass ein soziales, bzw. auch politisches Problem von einzelnen Menschen sehr unterschiedlich übernommen und nicht übernommen wird. Als kulturelles Phänomen ist der Islamismus in Bezug auf Individuen zu wenig aussagekräftig.
Wenn man den Vergleich zum Nationalsozialismus zieht, so haben sich in der Nachkriegszeit sehr unterschiedliche Spielarten der Verleugnung und Verdrängung, der Erinnerung und Aufarbeitung, der Bejubelung und des Widerstands gezeigt. Als kulturelles Phänomen insistiert natürlich der islamistische Terror, sei es bei Muslimen, sei es bei Nicht-Muslimen. Aber er determiniert sie nicht, nicht notwendigerweise.
Deshalb ist ein wesentliches Problem der Rechtspopulisten, dass sie den Islamismus psychologisieren und damit gleichsam privatisieren.

Idealisierte Identität

In diese Auffassung, die die Kultur als eine Art abstrakt generalisierte Psychologie erfasst, wirkt ein moderner Topos hinein, den wir der Aufklärung verdanken: den des heroischen (Selbst-) Managements und der damit verbundenen idealisierten Identität.
Der Mensch allerdings ist wesentlich durch die Dialoge geprägt, die er führt, und durch die Arbeit, die er in seiner Umwelt verrichtet. Da kein Mensch jemals alle Dialoge geführt hat, die er führen könnte, und da kein Mensch jemals alle Arbeiten verrichtet hat, die er hätte verrichten können, ist diese Identität eine offene und pragmatische; deshalb ist die Idee einer gesunden und ganzheitlichen Identität irreführend:
Der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb solche Menschen als krank und unreif, da ihre Identifikation mit strafenden Autoritäten die Selbstentdeckung, also eine eigene Identität, verhindert. Es gibt keine Selbstbestimmung, sondern nur eine Vermassungstendenz, die sich gegen Individualität richtet. Es fehlt ihnen an Ganzheitlichkeit.
S. 17
Eine solche Auffassung trägt selbst eine gewisse Paranoia in sich, auch wenn diese in ein stark rationales und empathisches Gewand gekleidet ist. Die Gewalt wird pathologisiert; doch das erste Problem dieser Pathologisierung ist nicht, welches Ergebnis aus dieser Behauptung hervorgeht, sondern in welcher Art und Weise Methoden legitimiert werden.
Ähnlich den Strategien der Rechtspopulisten wird ein soziales Phänomen psychologisiert, und aus der Handlung nur ein Objekt herausdestilliert, in diesem Fall eben das Subjekt als eine objektivierte Seele. Dagegen steckt hinter der Idee, dass die Methode das Wesentliche ist, die Auffassung, dass der Mensch sich durch sein Handeln seine Umgebung erschafft, also eben auch durch die Methoden, die er anwendet. Die Frage ist dann nicht, ob das Produkt oder das Handeln ethisch legitim ist, sondern ob diese Art und Weise der Trennung von Subjekt und Objekten in der Handlung ethisch gerechtfertigt werden kann.
Aber was heißt das?

Die Zumutung von Individualität

Zunächst ist ein weiterer Hinweis nötig, ein zunächst recht grammatischer. Ganz zuletzt habe ich von einer Trennung von Subjekt und Objekten in der Handlung geschrieben, und nicht, wie dies gewisse Hegelianer traditionell tun, von einer Trennung von Subjekt und Objekt (also als Einzahl). Die Vervielfältigung der Objekte beruht auf der schlichten Überzeugung, dass die grammatische Struktur eines Satzes eine hinreichend gute, wenn auch nicht vollständige Parallelität zur Handlung besitzt. Und da wir in einem Satz oftmals mehrere Objekte finden, (re-)konstruiert eine Handlung immer auch mehrere Objekte. Backe ich einen Kuchen, so ist nicht nur der Kuchen ein Objekt, sondern auch das Mehl, die Butter, die Backform, der Ofen, die Küche, aber auch der Mensch, den ich diesen Kuchen zu schenken gedenke, und die Menschen, von denen ich glaube, dass sie ihn essen werden.
So erschafft sich der Mensch durch sein Handeln in einer vielfältigen, lebendigen und komplexen Umgebung. Und in gewisser Weise ist dabei das Ziel, einen Menschen zu erfreuen, nur ein Mittel dazu, sich auf dem Weg dorthin selbst in seiner Umwelt zu erschaffen, in einem offenen Prozess weiterer, daran anschließender Ziele.

Lokalisierte Ideologie

Aber was hat das alles mit einem Terroristen zu tun? Zunächst wenig. Denn der erste Weg, den wir zu gehen haben, ist nicht der, aus einem Terroristen wieder ein Objekt zu machen, sondern zu reflektieren, wie wir uns selbst als Subjekte und Objekte in der Welt verhalten.
Eine andere Folgerung ist die, dass ein Zusammenhang zwischen einem einzelnen Terroristen und dem Islamischen Staat oder gar sämtlichen Muslimen rigoros geleugnet werden muss. Diese Leugnung ist deshalb gerechtfertigt, weil jeder Mensch, der glaubt, ein Verhältnis zu einer Unzahl von anderen Menschen zu haben, lediglich einem Bild aufsitzt. So wenig, wie es im Deutschen eine Leitkultur gibt, so wenig gibt es in der islamischen Welt eine Leitkultur.
Gleichwohl gibt es natürlich Verbindungen. Nicht jeder Terrorist ist ein einsamer Wahnsinniger; und eine Radikalisierung findet häufig in kleinen Gruppen statt. Doch genau hier muss man sowohl den Islamisten als auch den muslimfeindlichen Faschisten die Individualität dieser Beziehungen zumuten. Kein Islamist handelt für die gesamte Gemeinschaft der Muslime, ebenso wie kein Deutschnationaler für sämtliche Deutsche handelt. Jede Ideologie und jede despotische Gesinnung ist zuallererst eines: lokal und marginal, konkret und begrenzt.

Vorstellungsmassen

Wer mich nun eines gewissen Widerspruchs schuldig findet, darf sich getrost zurücklehnen. Er stößt bei mir offene Türen auf. Denn oben habe ich gesagt, dass der radikale Islam durchaus ein kulturelles Phänomen ist, und hier wiederum scheine ich das Gegenteil zu sagen, nämlich dass er der individuellen Verantwortung unterliegt.
Die Lösung dieses Gegensatzes findet sich in den Bildern, die sozial verbreitet aber individuell konsumiert werden. Deshalb muss man natürlich in gewisser Weise Grün zustimmen, die Terroranschläge der letzten Jahre mit der sinkenden Hemmschwelle in Verbindung zu bringen.
Vergessen wird hier aber nicht ein wichtiges Bindeglied: diese Terroranschläge kommen als Bilder zu uns, und wir verhalten uns nicht zu den Terroranschlägen, sondern zu ihrer medialen Vermittlung. Und natürlich lebt der radikalisierte Islamismus von ebensolchen Bildern. Wir kennen sie: den stilisierten amerikanischen Feind, den missgestalteten und hämischen Juden, die obszöne, da blanke Haut zeigende Frau. All dies sind Vektoren, die einen sozialen Missstand auf ein präsentierbares Bild umfälschen und damit individuelle Handlungen aufdrängen.
Letzten Endes aber sind es solche Bilder, die eben jenes Bindeglied schaffen. Und auch wenn in gewissen Fällen der Schutz unschuldiger Menschen vordringlicher ist als das Verständnis für Radikale, so muss doch ein wesentliches Ziel die Destruktion all jener Vorstellungsmassen sein, die radikales oder gar terroristisches Handeln befördern.

Die Rückeroberung der Bilder

Vom politischen Standpunkt aus gilt es, sich die vielfältigen Bilderwelten zurückzuerobern. Wir müssen uns und anderen Menschen deutlich machen, dass alle Bilder, und ihre Verbreitung, von Menschen ermöglicht werden. Dies ist die oder zumindest eine der politischen Dimensionen gegen die Radikalisierung. Sigrid Weigel legt in ihrem Buch Grammatologie der Bilder einen ähnlichen Gedanken nahe:
Wo man meinte, dass die Reproduzierbarkeit von Bildern zu deren vollständiger Säkularisierung – oder Entzauberung – geführt habe, brechen aus den Nachrichtenbildern die religiöse Gewalt vergangener Bildwelten und der Kultwert von Bildern wieder hervor, die der Geschichte der Religions- und Bilderkriege entstammen.
S. 292
Dabei gilt die Verwunderung sowohl „archaisch anmutende[n] Bildpraktiken“, als auch der „Synthese von avanciertestem Mediengebrauch und religiös-fundamentalistischer Rhetorik in den Verlautbarungen der al-Qaida“. Und man könnte hier parallel zu der „an schwarze Magie erinnernde[n] Verbrennung von Flaggen und Puppen“ die brennenden Polizeiautos am Rande linksradikaler Krawalle oder die von Neonazis vor Moscheen aufgesteckten Schweineköpfe, die sich als strafende Dämonen inszenierenden islamistischen Mörder westlicher Journalisten oder die sich in ihrer väterlich-familiären Generosität einem milden und doch rachsüchtigen Gott angleichenden Rechtspopulisten (zumindest einiger Rechtspopulisten) hinzufügen.
Gäbe es also eine Strategie, die aus dieser Argumentation folgt, dann jene, mit Bildern anders und anderes darzustellen, als all die Wiederholungen immer gleicher Ausschnitte. Wir müssten den Bildern des Terrors und der Demütigung, der Folter und des Besserwissens ihren Kultcharakter nehmen. Wir müssten dem Europa eines zentralisierten Brüssels und einer wenig zu fassenden Verwaltung ein Europa der Begegnungen und Freundschaften entgegensetzen, einem Europa der Ideologien und Nationalismen ein Europa der Alltäglichkeiten und des Handwerks, einer globalisierten Bilderflut eine lokale Produktivität.

Schluss: Wider das Verstehen

Nicht Verständnis, und schon gar nicht Akzeptanz kann also die Grundlage für einen erfolgreichen Kampf gegen terroristische Ideologien sein, sondern das Bewusstsein, dass Verständnis und Akzeptanz aus der konkreten und sinnlichen Handlung entspringen. Und dass wir, wenn wir schon nicht die Terrorursachen anderswo sofort bekämpfen können, uns nicht selbst in den Terror hinein ideologisieren müssen.
So bleibt das Buch von Grün trotz vieler bedenkenswerter Aussagen ein schwaches Buch. Wer Ohren hat zu hören, der lese diese Kritik in seiner tieferen Bedeutung: denn die Schwäche eines Buches kann natürlich zu einem gründlichen Widerspruch provozieren, und so gerade zu einer Stärke werden. Es drängt den Leser, die Grenzlinien der Begriffe neu und auf jeden Fall anders als mit dieser Spielart der Psychoanalyse zu begreifen.
Richtig ist nämlich, sich aus den Verstrickungen zu befreien, die uns der Terror aufdrängt; falsch aber ist es, die Wege der Vermittlung und ihre je eigene Ideologie außer Acht zu lassen. Terror entsteht nur mit Strukturen um ihn herum, die ihn aufrecht erhalten, und die, wenn man sie isoliert, nur wenig oder gar nicht an Terrorismus erinnern. Nicht zuletzt ist Aufklärung die Darstellung sämtlicher Bildwelten in Bezug auf einen Sachverhalt, und nicht nur die ausgewählter. Und hier kann Grün nichts Nennenswertes sagen: zu abstrakt, zu unpragmatisch, zu unpolitisch ist sein Buch.
Gegen den Terrorismus zählt deshalb zu einem jener Bücher, die ich zugleich gerne und mit einem gewissen Ekel gelesen habe.