08.03.2017

Lesen und Schreiben (zu Sartre)

Eine der Spannungslinien, denen ich zur Zeit folge, ist die Verbindung zwischen Sartre und Wittgenstein. Die beiden Philosophen sind nun so unterschiedlich, dass sich zuerst nur flüchtige Berührungspunkte gebildet haben.
Allerdings ist Sartre für sich alleine schon recht faszinierend. Im Folgenden umreiße ich kurz seine Idee vom Lesen und Schreiben. Darauf soll dann eine Darstellung des Begriffes "engagierte Literatur" geben (in einem späteren Artikel). Engagierte Literatur ist oftmals sehr missverstanden worden. Um diesen zu verstehen, muss man zunächst das Verhältnis von Subjekt und Objekt bei Sartre begreifen und welche gesonderte Stellung der Umgang mit dem prosaischen Wort darin einnimmt. Dieses erscheint in den Tätigkeiten des Lesens und Schreibens.

Sekundärer Modus des Handelns

Sartre stützt sich zunächst auf das phänomenologische Bewusstsein bei Husserl und Heidegger, nimmt jedoch eine entscheidende Änderung vor. Kern des phänomenologischen Bewusstseins ist die Einheit einer Dualität: die von Erkenntnisinhalt und Erkenntnisakt. Beides geschieht zusammen, stellt aber zwei unterschiedliche Phänomene dar. Banal formuliert: wenn ich diesen Hund sehe, dann ist der Hund der Erkenntnisinhalt, während in meinem Blick der Erkenntnisakt zu suchen ist.
Die Formulierung Erkenntnisakt weist bereits darauf hin, dass hier eine Aktivität vorliegt. Konform mit der Neurophysiologie begreift Sartre das Wahrnehmen nicht als Passivität, sondern als Handlung.
Indem der Mensch nun handelt, überschreitet er seine momentane Wirklichkeit, enthüllt ein Stück anderer, neuer Wirklichkeit und verändert sie damit insgesamt. Dies ist der primäre Modus des Handelns, den Sartre auch "objektivieren" nennt.
Zugleich damit findet aber auch ein "Subjektivieren" statt: die Handlung wirkt auf das Bewusstsein zurück und verändert es. Dies ist der sekundäre Modus des Handelns. Sekundär ist dies deshalb, weil unser Bewusstsein sich im Erkennen zunächst auf den Erkenntnisinhalt richtet, und im Handeln auf das Objektivieren. Erst nachträglich kann dagegen der sekundäre Modus selbst wieder zum Inhalt der Erkenntnis gemacht werden. Dies nennt Sartre (wie die meisten anderen Menschen auch) Reflexion.
Wie man leicht feststellen kann, entkommt die Reflexion nicht der ursprünglichen Zweiteilung von Inhalt und Akt. Dies führt dazu, dass die Reflexion gerade nicht besonders rational sein muss, weil sie diese Zweiteilung zusammendenkt, sondern im Gegenteil besonders mythisch, weil sie selten ihre eigenen Voraussetzungen mitreflektiert.

Prosaisches Wort

Das prosaische Wort wiederholt in gewisser Weise die Zweiteilung der Erkenntnis. Zwar hat jedes Wort auch eine materielle Seite, doch ist diese bei Sartre dem poetischen Wort vorbehalten.
Prosa dagegen beharrt bei Sartre darauf, wirklich etwas zu benennen und etwas Wirkliches darzustellen. Dafür muss das Wort in seiner Materialität transparent werden und auf die Vorstellung dahinter verweisen.
Nun kehrt Sartre damit aber nicht zu einem Nominalismus zurück: zwar bezeichne ich mit dem Wort etwas Wirkliches, aber nicht die blanke und feste Wirklichkeit einer unabhängigen Welt, sondern die Vorstellung und ihre Wirklichkeit. Nur so kann das prosaische Wort dann wirken und zugleich transparent sein: ich blicke, beim Lesen und Schreiben, durch die materielle Seite hindurch auf die ideelle Seite, von dem Schwarz/Weiß des sinnlich anschaulichen Wortes hin auf das sinnlich Vorgestellte in meiner geistigen Tätigkeit.
Im Prinzip formuliert Sartre damit Coleridges Wort von der "willing suspension of disbelief" in anderen Worten.

Lesen und Schreiben

Nun gilt es diesen Skandal zu verstehen, der dem Wort seinen besonderen Platz innerhalb der Welt der Phänomene zuweist. Nehme ich das Wort materiell wahr, verschwindet meine Vorstellung jenseits des Wortes; und lese ich das Wort auf die Vorstellung hin, die es in mir aufruft, schwindet seine materielle Seite. Das Wort bildet in sich selbst einen Riss, der vom lesenden und schreibenden Menschen zwar beständig übersprungen, aber nicht geheilt werden kann.
Der zweite Skandal des Wortes ist, dass es dadurch, dass ich es als reines, materielles Objekt überschreite, nicht zu einem weiteren Objekt gelangt, sondern nur zu einer Vorstellung, die, wenn ich lese, nicht die des Autors, sondern meine eigene ist. Ich komme, indem ich auf eine Objektivität hinziele, nur bei mir selbst an.
Schreiben nun bezeichnet Sartre als objektivierte Subjektivität, Lesen als subjektivierte Objektivität.
Schreiben objektiviert die Subjektivität deshalb, weil sie die Vorstellung im Wort materialisiert, auch wenn gerade die materielle Seite nicht gemeint ist. In gewisser Weise verfehlt Schreiben also sein eigentliches Ziel und ist auf das Wohlwollen des Lesers angewiesen, das prosaische Wort selbst aufzufüllen und die Wirkungen des Lesens nicht dem Autoren anzulasten.
Im Lesen finden wir eine ähnliche Unmöglichkeit; dieses subjektiviert die Objektivität deshalb, weil sie die materielle Seite des Wortes missachtet und missachten muss, um die Absicht des Autors zu erfüllen, eine Wirklichkeit zu schildern. Aber diese Wirklichkeit, die ich jenseits der Schrift vorstelle, ist eben nicht die des Autors, sondern meine eigene.
Insofern ist das Band zwischen Leser und Autor ein mystisches, welches nur dann wirksam wird, wenn es die besondere Struktur der Sprache verkennt und sich, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, auf den Mythos von der Wahrheit der Zeichen einlässt.
  • Meine Ausführungen sind weitgehend dem 1. Kapitel des Buches Was ist Literatur? von Jean-Paul Sartre entnommen.

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