17.09.2017

Wirkfähigkeit und Kompetenz

Neben allen möglichen anderen Büchern lese ich seit drei Jahren erneut, und seitdem immer wieder, Dynamik in Gruppen von Eberhard Stahl. So weit ich weiß, ist das ein Klassiker, ein moderner Klassiker allerdings, der Gruppendynamik.
Auch meine Anmerkungen dazu beschäftigen mich seitdem immer wieder.

Kompetenzen

Jeder Begriff lässt sich aufbrechen, spalten, in neue Begriffe aufteilen. Anders als ihn einfach abzulehnen macht das aber Arbeit. Dass ich mich gelegentlich wieder um den Begriff der Kompetenz bemühe, ist nicht unbedingt meine Wahl gewesen, sondern kommt mit der modernen Pädagogik automatisch dazu. Die von den rot-grünen Landesregierungen Änderungen in den Schulgesetzen sind prinzipiell ein Fortschritt. Anders übrigens als die AfD meint und anders als deren Vorschläge für das Schulsystem. Läge mir nur die Schule am Herzen, würde ich sogar die Grünen wählen (was ich aber nicht tue).
Trotzdem hege ich Vorbehalte gegen den Begriff der Kompetenz. Allerdings kann ich dieses Unbehagen nur bedingt auflösen.

Evolutionsfähigkeit

Bei Stahl finde ich einen anderen Begriff wieder, der mich bisher noch wenig beschäftigt hat, der aber gerade für die Willensbildung eine wichtige Komponente bildet. Konkreter merkt Stahl an, dass ...
... [die] Leistungsfähigkeit [einer Gruppe] [,] sich nicht einfach daran bemessen lässt, über welche Fähigkeiten und Mittel zur Zielerreichung ihre einzelnen Mitglieder verfügen (inhaltliche Kompetenz).
(S. 47)
Abgesehen davon, dass neben den inhaltlichen auch die methodischen Kompetenzen für die fachliche Auseinandersetzung relevant sind (was Stahl hier unterschlägt), so zeigt er als ergänzende Bedingung für eine funktionierende Gruppe auf deren "Evolutionsfähigkeit". Gruppen verändern sich; und sie verändern sich in Wechselwirkung zu ihrer Umwelt. Ändert sich die Gruppe nicht, verliert sie den Kontakt nach außen.

Wirkfähigkeit und Wirklichkeit

Dazu habe ich damals, vor etwa zwei Jahren, den Faden wie folgt weitergesponnen:
Ein Problem mit allzu statischen Beschreibungen seiner selbst, mit „ewigen“ Kompetenzen, ist, dass man sich nicht vorstellen kann, hier schwankend und nuanciert arbeiten; und zwar nuanciert auch in dem Sinne, unbewusst, nicht unbedingt greifbar passiert. Dann aber wird jede Reflexion über Gruppenverläufe ebenfalls statisch, man nur noch „ist“.
Darüber wird die eigene Wirkfähigkeit beschnitten, weil die Variation in dieser Wirkfähigkeit nicht mehr bedacht wird, bzw. die Reaktion des Gegenübers nicht hinreichend reflektiert werden kann: der andere erscheint als kompakte Einheit, nicht als dynamisches Wesen. Und damit ist es entweder kaputt oder ganz, funktioniert oder produziert nur Unsinn und Mangel.

Stabilität und Veränderungsbereitschaft

Auch das ist ein mythisch besetzter Begriff: die Stabilität.
Hier eine Reihe von Begriffen, die zu diesem Begriffsfeld gehören: Verlässlichkeit, fachliche Kompetenz (die damit zusammenhängt, Sicherheiten vorhergesagt und abgefedert werden können), Charakterstärke, usw.
Man könnte hier, entlang der vier Kompetenzbereiche, eine ganze lange Liste von Begriffen der Stabilität verfassen.
Und umgekehrt könnte man alle Begriffe auflisten, die Schwankungen beschreiben. Schwankungen verweisen auf einen engen Bezug zur sozialen Evolution. Sie sind damit nichts Schlechtes.
Man müsste solche Begriffe positivieren, zumindest funktionalisieren, und sie so aus dem Dunstkreis negativer Moralität (willensschwach, wankelmütig, opportunistisch) herausholen. (Eine vermutlich langwierige Aufgabe!)

Jetzt muss ich mir nur das ganze Buch durcharbeiten und dann, bei jeder neuen Gelegenheit, auch möglichst ganz durchkommentieren.
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