14.01.2018

Signalgeber

Eigentlich genieße ich meinen Sonntag. Aber dann lese ich doch Nachrichten.

Sabbern statt lesen

Die rechte Szene, oder, wie sie sich gerne nennt, die Konservativen, verleugnet mittlerweile flächendeckend jede Eigenleistung beim Lesen. Sobald irgendwo das Wort ›Ausländer‹, oder eventuell sogar ›Afghane‹, sobald der Name ›Merkel‹ fällt, spult sich das Geplärre automatisch ab. Und wenn dann erst auf einem Foto eine Frau mit einem Kopftuch auffällt … Wie war noch mal das Äquivalent beim pawlowschen Hund? Sabbern? – Eben.
Rhetorisch gesehen handelt es sich hier um eine Extrapolation, eine ungebührliche Hervorhebung eines einzelnen Merkmales. Und man höre dies: ungebührliche Hervorhebung. Die Merkmal wird damit noch kein Recht auf Wahrheit abgesprochen, wohl aber der Konstellation. Aber solche Feinheiten scheren die neuen Nazis genauso wenig wie die alten.

Obergrenzen und drittes Geschlecht

Die hypothetische GroKo hat eine Obergrenze für Zuwanderung erlassen. 880.000 in den nächsten vier Jahren. Sieht man sich dabei mit an, dass es ein Zuwanderungsgesetz geben soll, welches vor allem auch auf Fachkräfte abzielt, dann dürfte für „Wirtschaftsflüchtlinge“ bei einer solchen Zuwanderung wenig Platz sein. Was machen die Nazis (und ich bedaure hier gelegentlich, dass ich auf Facebook immer noch die Beiträge und Kommentare von Michael Vogel lese)? Sie schreien natürlich. Dass diese Konstellation kaum noch etwas mit den Menschenrechten zu tun hat, fällt ihnen dagegen nicht auf.
Auf Pässen und in Behördenanträgen soll ein drittes Geschlecht eingeführt werden. Mich ärgert das, weil es genau die Schärfe aus der gender-Theorie herausnimmt, die diese so fruchtbar macht. Und es ist auch mal wieder typisch deutsch: aus einer Idee wird ein Verwaltungsakt gemacht. Letztlich aber kann man es drehen und wenden wie man will: auch hier sind die Zeter und Mordio schreienden Rechten nicht mehr in der Lage, zwischen einer sinnvollen Theorie und unsinnigen Dogmen zu unterscheiden.

Biologisiererei als Radikal-Genderismus

Rein logisch gesehen muss man den Unterschied zwischen beliebig (also wahllos) und kontingent (also so, aber auch anders möglich) beachten. Das soziale Geschlecht ist nicht beliebig, vor allem aber ist es auch nicht einem Akt der Selbstwahl in einer Art und Weise zugänglich, dass man von einem freien Willen bei der Geschlechterwahl sprechen könnte. Ein großer Teil des sozialen Geschlechtes entsteht in den vorherrschenden Bildern der umgebenden Kultur. Diese sind strukturell verwurzelt. Und es ist gerade der Zynismus dieser Biologisierer, dass sie sich in ihrer Biologisiererei auf die kulturelle Konstruktion der Geschlechter verlassen können. Denn das Weibchen am Herd ist nichts anderes als ein irrationales Trugbild. Dass es sich gelegentlich materialisiert, besagt noch nichts über seine Notwendigkeit. Es scheint gerade so, dass die soziale Konstruktion des Geschlechtes umso stärker und repressiver ausfällt, je mehr man sich auf die Biologie stützt. (Aber natürlich sage ich Biologisiererei, weil diese sich nur auf sehr ausgesuchte und willkürlich interpretierte Fakten der Biologie stützt.)
Das ganze Elend der Rechten, aber auch zum Teil der „Linken“ (oder das, was die Rechten als Linke bezeichnen – und da gibt es ja durchaus Unterschiede, deutliche Unterschiede!), ist die Behauptung einer Klarheit, wo die Wissenschaft noch immer am Problematisieren und Forschen ist. So ist auch der Zusammenhang zwischen Kultur und Gewalt ein notwendiger. Das liegt alleine schon daran, dass jede Kultur im Unbegründeten endet. Die Frage ist doch eher, wie man das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen gestaltet. Das Gewaltmonopol des Staates ist eine gute Lösung. Sie ist natürlich nicht perfekt.

Horden

Und in Bezug auf die Kulturen sollte man seinen Blick dahingehend schärfen, was als Kultur zu gelten hat. So ist es geradezu unmöglich, von einer deutschen Kultur zu sprechen, ja auch nur von einer Berliner Kultur. Kultur ist immer, so scheint es, die Angelegenheit kleinerer Gruppen. Wie man es dreht und wendet: Staaten sind immer „multikulturell“; und damit erübrigt sich schon fast die Diskussion, ob eine bestimmte Kultur dazu gehört oder nicht.
So. Nun kehre ich wieder in meine eigene, kleine, private Kultur zurück.
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