09.04.2018

Beschämung

Meine Arbeitsweise kennt ihr ja. Ich habe sie häufig genug geschildert. Im Moment lese ich gar nicht neue Bücher, sondern vor allem meine Aufzeichnungen aus den letzten Monaten, die sich mal strenger, mal lose insbesondere um die Mathematikdidaktik reihen. Die Fächer Deutsch (Sachaufgaben), Informatik (Algorithmen und Datenstrukturen) und Kunst (Modellieren und Visualisieren) fügen sich darin ein.
Begonnen habe ich allerdings auch, Die Maske der Scham von Leon Wurmser endlich mal wieder zu lesen. Fast dreißig Jahre ist es nun her, dass ich dieses Buch durchkommentiert habe, eine viel zu lange Zeit.
In einem anderen Kontext (André Zimpel: Einander helfen. Der Weg zur inklusiven Lernkultur) habe ich, mit Verweis auf Wurmsers Buch, folgenden Kommentar verfasst (das muss im April 2015 gewesen sein):

Beschämung

Offensichtlich hat die Beschämung einen ungünstigen Effekt auf Zielsetzungen, Hoffnungen oder das Wollen. Was aber verursacht hier das Entstehen einer Schwelle oder eines Bruchs, den wir dann Beschämung nennen können?
Zunächst kann man hier auf eine Bewegung in der Bedeutung verweisen: die Beschämung zeigt deutlich auf ein moralisches Gefälle entlang der innen/außen-Differenz. Dies ist natürlich nur ein semantischer Effekt; er muss weitere Wirkungen nach sich ziehen.
Jedenfalls steht bei dieser innen/außen-Differenz eine veränderte Ökonomie entlang der Veräußerlichung des Schaffenden vor Augen. Dies kann sich auch auf Lernziele und die Entwicklung des Willens auswirken. Die Beschämung greift sozusagen von Anfang an in das Mitmachen und Sich-Befehlen-lassen ein und schafft einen eigenen, aber unbewussten, also gespaltenen und schlecht kontrollierbaren „Zweitwillen“.
Mit anderen Worten entwickelt der beschämte Mensch einen hintergründigen Willen, einen anderen Willen zu simulieren. Der simulierte Wille scheint so etwas wie eine Verschleierung zu sein. Aus meiner Erfahrung stammen Schamgefühle häufig aus einer verletzten Körpergrenze, einer Entblößung oder Entstellung. Dieser verborgene, konfliktlos gewordene Zweitwillen arbeitet dann daran, eine Oberfläche aufrechtzuerhalten, die für weitere Verletzungen oder Entblößung „zu glatt“ ist. Der Konflikt, so scheint die Fantasie der Beschenkten zu sein, gleitet an dieser glatten Oberfläche ab, ohne sie zu durchstoßen.
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