13.05.2018

Von beunruhigender Vieldeutigkeit

Eigentlich wollte ich, schon in den Osterferien, ein paar Notizen zu Heine ordnen und veröffentlichen. Daraus wurde nichts. Auch heute noch nicht. Ich habe viel, viel zu viel zu tun. Und das, obwohl mir die Schule gerade eine ganze Menge an Brückentagen beschert, bzw. verlängerten Wochenenden: drei innerhalb von vier Wochen.

Schema Z (oder L)

Tatsächlich habe ich aber auch an Lacan gearbeitet. Jacques Lacan hat in den fünfziger Jahren ein Schema ausgearbeitet, welches bei mir lange Zeit unter Schema Z gelaufen ist, welches ich jetzt aber auch als Schema L identifiziert habe. Und sofern ich mich in meinen Kommentaren nicht trüge, wird es bei jedem Interpreten anders gedeutet. Das ist unschön.
Nun, nicht ganz. Jede Interpretation hat etwas für sich, aber man läuft eben doch in Gefahr, dass man, wenn man sich einfach nur auf eine Interpretation bezieht, bei all jenen, die andere Bücher gelesen haben, Unverständnis hervorruft.

Ein Doppelgänger

Zentral bei meiner damaligen Arbeit war die erste Ballade aus Traumbilder, eines der ganz frühen Werke Heinrich Heines, genauer Traumbilder II. Diese ist aufgebaut wie ein Märchen, mit einer dreimaligen Prüfung und sich wiederholenden Dialogen (mit minimalen Änderungen).
Die ›wunderschöne, süße Maid‹ erinnert durchgehend an einen „schrecklichen Doppelgänger“; ihre Verquickung mit dem Tod wird schon in der „Rahmenerzählung“ angedeutet: „Ein Traum, gar seltsam schauerlich, / Ergötzte und erschreckte mich.“ (Zeilen 1+2)
Erzähltechnisch haben wir es hier aber auch mit einer Ankündigung zu tun, die in der letzten Zeile des Gedichts (Zeile 88) durch das „und bin erwacht“ abgeschlossen wird, also mit einer klassischen Technik des Spannungsaufbaus. Zum Spannungsaufbau gehört auch die dreimalige Prüfung.

Spiegelstadium und Ideal in der Sprache

Aus der lacanschen Psychoanalyse kennen wir die Folgen des Spiegelstadiums. Hier empfängt der Säugling vor dem Spiegel sein eigenes Bild als ein äußerliches. Von Anfang an gehört also das Selbstbild nicht dem Säugling selbst, sondern der Kultur und ihren Apparaturen. Dies führt, entlang dieser kulturellen Matrix, zu einer Wandlung des Selbstbildes in den technologischen Umfeldern.
Nun gibt es eine zweite Art und Weise des Subjekts, nach seiner Vollständigkeit und Einheitlichkeit zu haschen: diese besteht darin, jenes Wort zu finden, das ganz und gar für sich selbst steht und doch „das Richtige“ bedeutet. Damit wendet sich das Subjekt der Sprache zu, bzw. der sprachlichen Ordnung, die es aber nur sprechend durchmessen kann. Die Struktur der Sprache wird in der sprachlichen Handlung erfahren, aber nicht überblickt. So ist die sprachliche Ordnung für das Subjekt fragmentiert. Und sie ist umso mehr fragmentiert, als dem Sprechenden bewusst wird, dass die Sprache ein abstraktes Schema, das Sprechen aber eine konkrete Handlung ist.

Idylle und Schaum

Heine zeichnet nun dieses Erwachen aus einer Idylle („Blumenland“, Zeile 17) in starken Bildern nach. Das Statische und Statuenhafte der einleitenden Verse gerät rasch in Bewegung und wird zweimal durch die Verse „Und als sie dies gesprochen kaum, / Zerfloss das ganze Bild, wie Schaum. –“ (Zeilen 35/36, 59/60) abrupt unterbrochen, um sofort wieder anzusetzen (gleich einem Wiederholungszwang).
Nun mag ich nicht weiter auf all die Bezüge in Heines Gedicht eingehen. Aber schon diese eingeflochtene Formel hat es „in sich“: ist sie doch auf der einen Seite ein Verweis auf eine umgedrehte Geburt der Venus, die hier eben nicht dem Schaum entsteigt, sondern in ihn zurückkehrt. Und auf der anderen Seite greift dieser Vers die damals wohl hervorragend bekannte Mär der Undine auf, die aus Kummer über die unerwiderte Liebe zu Schaum zerfließt.

Eine Beunruhigung

So weit, so gut. Ein wenig hatte ich gehofft, aus meinen ersten Notizen samt Lacan eine festere, klarer strukturierte Interpretation erstellen zu können. Es ist mir nicht gelungen. Ob dies nun nur der stippvisitenartigen Arbeitsweise, meinem nun fast schon tragischen Unverständnis für Lacan oder aber der realen Vieldeutigkeit des Textes geschuldet ist, mag ich gar nicht entscheiden. Jedenfalls ist die Vieldeutigkeit beunruhigend.
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